Besteck zu spät bestellt

10. Februar 2009

Anleitung zum Besuch von katholischen Kirchen. Und bitte nicht das Falschgeld vergessen.

Ich kann fehlerfrei, schnell und mehrfach hintereinander den Satz auf Schwäbisch aussprechen: Der Pabst hat das Besteck zu spät bestellt. (D’r Pabscht hat s’B’steck z’spät b’stellt). Mit diesem Satz erschöpfen sich allerdings auch schon meine intimen Kenntnisse über den Vatikan. Und das, obwohl ich seit einigen Jahren mit einer katholischen Religionslehrerin unter einem Dach wohne. Das kann man mir als Ignoranz auslegen, ich weiß. Aber mehr muss man wirklich auch nicht wissen, um das ganze katholische System erklären zu können. Ich bin nämlich tief davon überzeugt, dass sie in Rom nicht nur das Besteck zu spät bestellt haben. Sie haben auch beim Kauf des Kaffeegeschirrs Fehler gemacht. Jedenfalls hat der Pabst, wie man jetzt wieder erfahren musste, nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Ich hätte damals auch russisch-orthodox geheiratet oder nach dem Ritus der Huzulen. Ich wollte halt diese Frau und die war nun mal katholisch. Das bisschen Brimborium, sagte ich mir, kann man dafür schon ertragen, und nickte dann auch beiläufig mit dem Kopf, als der Pfarrer mir im Vorgespräch zur Hochzeit das Versprechen abnahm, alle Kinder aus dieser Ehe im katholischen Glauben zu erziehen. Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen. Nur wenn es die Mutter nicht hört, sage ich zu meinem Sohn: „Wir Maußhardts sind und bleiben evangelisch auch wenn wir katholisch sind“. Unser Stammbaum geht zurück auf einen Reformator zu Luthers Zeit.

Als angeheirateter Schein-Katholik fühle ich mich in meiner Spion-Rolle bestens getarnt.
Bis heute kann ich mir zwar den Unterschied zwischen Sakrament, Sakristei, Sakrileg und Sarkophag nicht merken. Betrete ich eine katholisch Kirche, so fasse ich mir immer erst an die Stirn („habe ich auch nichts vergessen?“), überprüfe anschließend ob mein Hosentürchen geschlossen ist, greife dann an die linke Brusttasche („den Führerschein eingesteckt?“), an die rechte Brusttasche („den Hausschlüssel dabei?“). So sieht es sehr katholisch aus, wenn ich die Kirche betrete und niemand schöpft Verdacht.

Einmal habe ich in einer katholischen Kirche nur die herum stehenden Kassen gezählt. Ich kam auf 36. Vor jedem Heiligenbildchen, an jedem Kerzenständer schrie mich dieser aufdringliche Schlitz an: Geld her! Seither nehme ich zum Besuch von katholischen Kirchen immer ein paar wertlose Münzen aus dem Ausland mit. Meinem Sohn stecke ich vorher ebenfalls ein paar Indische Rupien oder Ukrainische Griwna in die Tasche. Es klimpert dann herrlich und die Freude ist gleich doppelt groß: Die umstehenden Katholiken denken sich: „Schaut mal diesen frommen Vater mit seinem Sohn“, und Vater mit Sohn denken sich: „Haben wir euch wieder schön herein gelegt.“

Vor zwei Wochen besuchte ich einen katholischen Pfarrer im Kosovo. Don Lorenzo, ein feiner Mann, wirklich. Raucht nicht, hat aber dafür schon am Vormittag einen wunderbaren Pflaumenschnaps zur Hand. Dieser wunderbare Pflaumenschnaps ist in dem ansonsten muslimisch geprägten Kosovo ein durchaus schlagendes Argument für einen Religionswechsel, und natürlich hatte Don Lorenzo die Gläser rechtzeitig bestellt. Wir tranken also auf eine bessere Zukunft und dann zeigte er mir seine gerade auf einem Hügel vor der kleinen Stadt Klina neu gebaute Kirche. Sie hatte Ausmaße, na ja, nicht ganz wie der Kölner Dom, aber offenbar hat der Vatikan im Kosovo etwas ganz Großes vor. Und als wäre ich nicht schon allein von der Dimension dieses Bauwerks beeindruckt, zog Don Lorenzo plötzlich eine Fernbedienung aus der Tasche, richtete sie gegen die beiden Kirchtürme – und ein entsetzliches Quietschen und Knarren setzte ein. Don Lorenzo machte ein enttäuschtes Gesicht. Eigentlich sollten jetzt die Kirchenglocken läuten. „Hat eine slowenische Firma geliefert“, entschuldigte sich der Pfarrer – und ich dachte heimlich an das Falschgeld und lächelte.