Kassenpatient aus der Bahnhofstraße
Gerade komme ich vom Arzt, der mir „ausgeprägte Marisken“ bescheinigte. Die Details möchte ich ersparen, nur soviel: Es ist nichts Appetitliches. Trotz der Diagnose löste allein der Name Marisken bei mir ein Wohlgefühl aus. Marisken – klingt fast so schön wie Levkojen oder Amaryllis. Jedenfalls sah ich vor meinem inneren Auge nicht meinen wunden After, sondern einen Blumenstrauß. Die Mediziner scheinen einen ähnliche Neigung zu besitzen, wie Politiker: Gib dem hässlichen Ding nur einen schönen Namen und schon ist der Wähler/Patient dein Freund. Gürtelrose: Früher habe ich wirklich gedacht, dass es sich um einen Hautauschlag in der Gürtelregion handelt, der in seiner Form einer Rose gleicht.
Im Sekretariat des Medizinprofessors musste ich zuvor meine Adresse angeben. Auch Adressen lösen Bilder aus. Wer würde nicht gerne in der Panoramastraße, der Schlossallee oder meinetwegen auch in der Elbchaussee wohnen? Sage mir, wie deine Straße heißt und ich sage dir, was du bist.
„Bahnhofstraße“, sagte ich und die Sekretärin kreuzte wie automatisch das Kästchen „Kassenpatient“ an. „Nein, nein, ich bin privat versichert“, wehrte ich mich, „ich wohne eben nur in der Bahnhofstraße.“ Die Bahnhofstraße ist der Lada unter den Straßen. So wie man einen Lada auch nur dann fährt, wenn man sich nicht einmal einen Daccia leisten kann, so wohnt man in der Bahnhofstraße auch nur, weil die Miete in der Poststraße schon um ein paar Euro teuer ist. Wie ich einen Blumenstrauß zu sehen glaubte, so sah die Sekretärin im Krankenhaus bei meiner Adresse plötzlich graue Hausfassaden vor sich und hörte im Geist den nächtlichen Lärm von Güterzügen.
Die Bahnhofstraße in Duisburg zum Beispiel führt nicht nur parallel zu den Schienen sondern auch noch zur Autobahn A 59, und in Saarbrücken sollte man sich besser die Augen verbinden, wenn man die Bahnhofstasse betritt. Sie ist die hässlichste aller hässlichen Bahnhofstraßen. „Reichtum für alle“ – wirbt die Lafontaine-Partei. Sie könnte auch fordern: „Bahnhofstraße für niemand.“ Es wäre das gleiche. Dass bei „Monopoly“ ausgerechnet die Bahnhofstraße als die dritt teuerste Straße gleich nach der Schlossallee und der Parkstraße genannt ist, kann ich mir nur damit erklären, dass die Geschäftsmieten in den Bahnhofstraßen relativ hoch sind. Freiwillig wohnen will hier jedenfalls keiner, der nicht aus dem Asylbewerberheim kommt. „Du Bahnhofsträßler!“ ist ein böses Schimpfwort. Tiefer kann ein Mieter nicht sinken.
Wie alle Bahnhofstraßen dieser Welt hat auch meine Bahnhofstraße zwei unterschiedliche Seiten: vorne und hinten. Vorne liegt die Straße, hinten liegen die Schienen. Tags überdeckt der Lärm der Straße den der Schienen und umgedreht, weshalb Bahnhofsträßler ihre Fenster nach vorne tagsüber geschlossen und nachts geöffnet halten. Und umgedreht. Selbst wenn mein Wohnort nur Kirchentellinsfurt heißt – akustisch ist es mindestens Duisburg. Nach elf Jahren kenne ich den Zugfahrplan auswendig. Einmal wachte ich auf, weil der Spätzug Stuttgart-Tübingen mehr als eine viertel Stunde Verspätung hatte. Etwas stimmte nicht, sagte mir mein Unterbewusstsein und ich konnte erst wieder einschlafen, als es kurz darauf wie üblich ratterte und die Fensterscheibe sachte dröhnte.
Im Namen aller Bahnhofsträßler: Wir hätten nichts dagegen, wenn die Bahn noch ein paar Strecken still legen würde. Dann würde ich auf der Gemeindeverwaltung sofort eine Namensänderung beantragen: „Am stillgelegten Bahndamm“. Das klingt fast so schön wie Park Avenue. Dann wüssten alle Krankenhaussekretärinnen sofort: Der Mann muss Privatpatient sein!