Keine Chance, nirgendwo
Ich weiß nichts, und jetzt bin ich auch noch durch den Aufnahmetest der Henri-Nannen-Schule gefallen. Gebt mir eine Pistole.
Gerade schreiben sie wieder im ganzen Land das Abitur. Das zumindest kann mir keiner mehr nehmen. Ich habe es, ich besitze es. Ich machte es vor 31 Jahren. Ich bin nicht dumm.
Manchmal sage ich den Satz leise vor mich hin – „ich bin nicht dumm, ich bin nicht dumm“ – wenn ich am Esstisch hinter meinem 11jährigen Sohn vorbeigehe an dem er seine Lateinhausaufgaben macht. Keine Ahnung was er da genau schreibt, „Akkusativ von auxillium“ , ich hoffe nur, er schreibt es richtig. Die Zeiten, wo ich ihm helfen konnte sind vorbei, es muss im Kindergarten gewesen sein, als wir gemeinsam dreieckige Holzklötzchen von runden Holzklötzchen unterschieden haben.
Von einem vierzehn Semester dauernden Geografie-Studium weiß ich noch das: „Abendrot – schlecht Wetter droht.“ Nicht gerade viel, aber mehr als nichts, sage ich mir zur Beruhigung und frage mich doch: Wo ist das alles hin? Sieben Jahre Studium und nur das Abendrot ist noch da. Was hat man nicht an Wissen in sich hineingestopft und dann ist es doch alles weg, verschwunden, auf Nimmerwiederseh’n davon. Manchmal schimmert noch etwas durch, wenn ich mich stark konzentriere. Morgenrot – Schön-Wetter-Bot’.
Es ist wohl dieses verzweifelte Nicht-Wissen, was mich auf jeden Wissenstest wie gebannt reagieren lässt. Ich kann es einfach nicht fassen, Abitur zu haben und nichts zu wissen. Ich liebe deshalb das Kreuzworträtsel in „Bunte“, das in „Zeit-Leben“ hasse ich. Hilferuf, drei Buchstaben senkrecht.
Kürzlich haben sie die Prüfungsfragen zur Aufnahme an die Henri-Nannen-Schule im Internet veröffentlicht. Endlich, dachte ich, da hast du eine Chance. Du bist seit 20 Jahren Journalist. Das machst du mit links. Aber dann verwechselte ich schon gleich zu Beginn bei der Frage nach der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt die Stadt Halle mit Magdeburg und das Desaster nahm seinen Lauf. „Wieviel Co2 entsteht bei der Verbrennung von einem Liter Benzin?“ 2,3 Kg oder 0,7 Kg oder nur 0,025 Kg? Ich versuchte mir vorzustellen, wie viel das Gas wiegt, das aus dem Auspuff meines Wagens auf der Strecke zwischen Kirchentellinsfurt und Wannweil in die Luft entweicht. Viel kann das nicht wiegen. Höchstens 0,025 Kilo. Falsch!!! Ganz falsch. Setzen, sechs! Es wiegt 2,3 Kilo, also mehr wie die zwei Packungen Mehl, aus denen ich Spätzle für eine ganze Hochzeitsgesellschaft machen kann. Unglaublich, aber wahr.
Wer hat noch mal das Buch „Moppel-ich“ geschrieben? Da ich weder den Autor oder die Autorin kenne, noch weiß, worum es sich handelt, kann ich nur vermuten, dass es ein wichtiges Buch für Nachwuchs-Journalisten ist. Auch sollten zukünftige Reporter und Reporterinnen wissen, wie die Vornamen der letzten fünf US-Präsidentengattinnen lauten. Ich weiß nicht einmal den Vornamen von Frau Obama, geschweige denn von Frau Jimmy Carter. Als ich dann auch noch wie ein Wallach vor dem Tor stehe und weder den Namen der Kinder von Angelina Jolie und Brat Pitt kenne, geschweige denn beantworten kann, was im Jahre 1054 auf der Welt geschah, gebe ich auf. Journalismus ist wohl nichts für mich.
Es gibt ja Wort-Menschen und Bilder-Menschen. Vielleicht bin ich ein Bilder-Mensch. Und zum Glück hat die Henri-Nannen-Schule auch für die Bilder-Menschen einen Test. Hätte ich ihn nur nicht angeklickt! Auf den 40 Fotos von Menschen erkannte ich gerade einmal drei, darunter immerhin Henri Nannen. Die Generalsekretärin der CSU hielt ich für Frau Maischberger, deren Vorname mir entfallen ist und den Bürgermeister von Bremen sah ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal auf einem Foto. Er hießt übrigens Böhmsen oder so ähnlich.
Durchgefallen. Nicht bestanden. Der nächste, bitte. Mehr als Regaleinsortierer bei Real ist da wohl nicht drin. Und selbst dort wird man mich wahrscheinlich nicht ohne einen Eingangstest nehmen: Wie viele Nutella-Gläser passen auf einen Regalmeter, wenn ein Glas 10 Zentimeter misst? Mist misst Mist!