Mach’ s dir selbst

26. April 2009

Selbstbedienung war einmal das Versprechen auf schnelles und bezahlbares Glück. Heute ist es eine Drohung.

Der Mann, der mir seinen Ausweis mit einer schwungvollen Armbewegung unter die Nase hielt, musste mich wohl schon eine ganze Weile beobachtet haben. Ich hatte gerade an der Kasse des Baumarktes mein Fliegengitter bezahlt, das ich mir selbst von der Rolle abgeschnitten hatte und wollte zum Auto gehen. Ich wohne nahe am Neckar und wollte mir einen Schutz gegen die Stechmücken basteln. Ich mache mir vieles selber. Es macht mir Freude. Auf dem Ausweis stand irgendetwas von Detektiv. „Darf ich bitte nachmessen, ob es auch wirklich vier Meter sind?“ fragte er mich.

Ich mag Baumärkte. Und noch mehr mag ich ihre Werbesprüche. „Hage-Baumarkt: „Mach dein Ding!“ Hornbach: „Es gibt immer was zu tun.“ Praktiker: „Alles zwanzig Prozent Rabatt außer auf Tiernahrung.“ Obi: „Wie, wo, was – weiß Obi“. Ich stand mit meinem Fliegengitter nun vor einem Menschen, der offenbar der Meinung war: Es gibt immer was zu kontrollieren. Er nahm einen Zollstock aus seiner Tasche und fing an zu messen.

Mir wurde heiß. Hatte ich wirklich vier Meter abgeschnitten oder waren es doch etwas mehr? Es war ja kein Mensch und schon gar kein Mitarbeiter in der Nähe gewesen. Erst war ich mir nicht sicher, ob man das Fliegengitter alleine überhaupt abschneiden darf, aber ich hatte in den Regalschluchten nirgendwo einen „Kann-ich-Ihnen-helfen?-Menschen“ getroffen. Also machte ich mein Ding, zumal an den Fliegengitterrollen eine Schere lag und ein Stück Holz, von dem ich annahm, dass es einen Meter lang war.

Was, wenn dieses Holz zu lang gewesen war? „Was wäre“, fragte ich den Detektiv, der gerade dabei war, den zweiten Meter abzumessen, „wenn es mehr als vier Meter sind?“ „Es wäre Ladendiebstahl“, sagte der Mann.

In großen italienischen Supermärkten gibt es jetzt neben den normalen Kassen auch Selbstbedienungskassen. Der Kunde zieht seine Waren über einen Scanner, dann fragt eine Computerstimme: Wie viele Plastiktüten man wünsche, und man drückt auf eine Zahl zwischen 0 und 5. Anschließend steckt man die Geldscheine in den dafür vorgesehenen Schlitz und geht. Entweder haben die dortigen Supermarkt-Ketten ein uneingeschränktes Vertrauen in ihre Landsleute, oder aber, was wahrscheinlicher ist, wollen sie in Zukunft auch noch die Kassiererinnen einsparen. Nur eine Frage der Zeit bis Lidl-Deutschland das merkt.

Es fing mit den Tankstellen an und hört mit dem Blumenpflücken auf dem Feld noch längst nicht auf. Jede Blume 50 Cent – die Box für das Münzgeld ist in Beton verankert. Der Bauer sitzt derweil Zuhause und schaut Fernsehen. Bald werden Schilder am Kartoffelacker stehen: „Kartoffeln zum selber ernten. Das Kilo ein Euro und fünfzig Cent.“ Am Flughafen muss man inzwischen ja auch selbst einchecken. In den Restaurants werden die Gäste aufgefordert, ihre selbst gepflückten Kartoffeln zu einem leckeren Gratin zu verarbeiten: In der Küche liegen Rezepte aus, aber kein Koch ist mehr zu sehen. Der hat zum Kochen keine Zeit mehr, weil er dem Bauern im Fernsehen erklärt, wie man Kartoffelgratin selbst zubereitet.

Jahre lang hieß eines meiner Lieblingsbücher: „Jetzt mach ich mir’ s selbst“, war 1976 im „Das Beste“-Verlag erschienen und es versprach auf 568 Seiten, dass man sein Leben auch ohne Servicepersonal organisieren kann. Von der Reparatur des Küchemmixers bis zum Besohlen der Schuhe („die Ledersohle mit einer Raspel aufrauen“) war darin das Ende der Dienstleistungsgesellschaft schon vorgezeichnet.
„Drei Meter und achtzig Zentimeter“, sagte der Detektiv und machte ein etwas enttäuschtes Gesicht. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich hatte zwanzig Zentimeter zu wenig abgeschnitten und etwa 1 Euro und achtzig Cent zuviel bezahlt. „Die schenk’ ich der Firma Hornbach“, sagte ich und wusste im selben Augenblick: Die werden mich nicht mehr sehen. Kontrollieren kann ich mich schließlich auch selbst.