Vom Dazugehören

6. Oktober 2009

Der Besitz einer Stihl-Motorsäge gilt bei den Schwaben als eine Art Mitgliedsausweis.

Vor drei Tagen fragte mich die Frau des Bürgermeisters, ob ich die Firma Stihl kenne, bei der ihr Sohn gerade ein Studienpraktikum absolviere. In meinem Dorf sitzt man hin und wieder zusammen, und manchmal sitzen da auch der Bürgermeister und seine Frau. Ich habe ihr die Frage nicht übel genommen, da ich weiß, sie kommt nicht von hier. Sie zog erst vor kurzem in unser Dorf. Einen Mann „von hier“ zu fragen, ob er die Firma Stihl kenne, ist ungefähr so beleidigend, wie einen Ostfriesen zu fragen, ob er wisse, was eine Angelrute ist. Wir sind eine Waldgegend. Hier hat man Stihl, wenn man etwas auf sich hält. Stihl, für alle auswärtigen Bürgermeisterfrauen und Bewohner von Sumpfgrasebenen, ist eine Marke für Motorsägen, aber was sage ich: Es ist DIE Marke.

Als ich vor Jahren aufs Dorf zog, war mir lange nicht klar, warum die Bewohner mich nicht wirklich ernst nahmen. Ich sprach ihre Sprache, ich sang ihre Lieder, ich beteiligte mich am Dorffest. Doch irgendetwas war zwischen mir und ihnen. Ich gehörte einfach nicht dazu. Man grüßte mich wie einen Fremden. Ich fragte sie, was mir fehle, aber sie sagten mir nichts.

Zunächst dachte ich, es läge an der Anhängerkupplung. Fast jeder bei uns im Dorf hat eine Anhängerkupplung an seinem Auto und fährt samt Hänger am Samstag herum. Er zeigt dadurch, dass er auch an seinem freien Arbeitstag etwas zu Schaffen hat. Äpfel auflesen, Bauschutt zur Deponie bringen, Gartenabfall zur Häckselanlage karren. Es gibt immer etwas zu transportieren. Also kaufte ich mir auch einen Anhänger und fuhr samstags damit zweimal über den Dorfplatz, selbst wenn er meist leer war. Das hatte Erfolg, obwohl es noch nicht der Durchbruch war. Die Temperatur, die mir von da an von meinen Mitbewohnern entgegenschlug, war deutlich um einige Grade wärmer.

Erst seit sich herum gesprochen hat, dass ich drei Motorsägen besitze, kann ich behaupten: Ich bin angekommen. Ich gehöre jetzt dazu. Ich bin satisfaktionsfähig. Zwei sind von Stihl, eine vom Baumarkt aber die zählt nicht wirklich. Stihl, wie gesagt, ist bei den Schwaben eine Art Mitgliedsausweis.

Am vergangenen Wochenende begann bei uns die Heizsaison. Ich holte drei Anhänger voll mit trockenem, abgelagertem Eichenholz aus dem Wald und fuhr, auch wenn es ein Umweg war, über den Dorfplatz und legte die Stihl-Motorsäge dabei für alle sichtbar ins Auto. Im Rückspiegel konnte ich erkennen, wie der Feuerwehr-Häuptling mit dem Musikvereinsvorstand die Köpfe zusammen steckte und beide beifällig nickten.

Ganz abgesehen vom sozialen Wert einer solchen Säge: Es gibt wenige Tätigkeiten, die mehr Befriedigung erzeugen, als wenn sich der geschärfte Stahl einer Sägekette durch das Holz frisst wie ein Messer durch Butter. Mir klingt das heulende Geräusch einer Kettensäge wie Musik. Dann, wenn der Stamm fast durchgesägt ist, herrscht einen kurzen Moment lang absolute Stille, ehe der Baum krachend zu Boden geht.

Am letzten Septembersonntag lief ich mit einer Gruppe von Greenpeace-Aktivisten aus Marburg für ein paar Stunden durch den Steigerwald. Ich begleitete die Umweltschützer eine kurze Strecke auf ihrem Weg von Konstanz nach Kopenhagen, wo im Dezember der Klimagipfel stattfindet. 2 000 Kilometer gehen sie zu Fuß, um gegen das Abholzen der letzten Urwälder zu demonstrieren. (www.urwaldpostamt.de) Ich bewundere ihren Einsatz.

Von meiner Säge schwieg ich.