Pecnik - ein Dorf im Feindesland
Autor: Petra Reski
Fotograf: Paolo Pellegrin
GEO 2/2002
Schöne Natur hier, sagt die alte Frau, die neben dem Schutthaufen steht. Und wenn man die Häuser ignoriert, die man gebrandschatzt hat, wenn man sich die pockennarbigen Mauerreste, die verkohlten Fundamente und das Get ready Tschetnik! auf den Trümmern wegdenkt, wenn man es schafft, von den zerschossenen Apfelbäumen, den faustgroßen Einschusslöchern in der Kirche und von der unter Granatsplittern zerborstenen Linde auf dem Kirchhof abzusehen, dann muss man ihr zustimmen.
Es ist eine Landschaft, die so sanft gewölbt ist, dass sie das Auge des Betrachters weder langweilt noch strapaziert, eine Landschaft mit Wiesen und Walnussbäumen, Buchenhainen und flaumengärten. Ein Idyll, durchsetzt von hohläugigen Ruinen, die zur Landschaft passen, weil sie sich mit wildem Wein umhüllen und aus ihrem Inneren Bäume in den Himmel wachsen lassen. Pec´nik heißt der Ort – und tatsächlich: schöne Natur hier.
Die alte Frau trägt einen schwarzen Faltenrock, ein schwarzes Kopftuch und eine Taucheruhr. Ihr Rock ist nach Art der kroatischen Trachten mit schwarzer Spitze eingefasst, das Kopftuch so geknotet, dass die beiden Zipfel im Nacken wie schwarze Flügel abstehen, und ihre Uhr ist bis 100 Meter Tiefe wasserdicht, mindestens. Zeit zur Sonntagsmesse. Langsam füllt
sich der Kirchhof. Niemand aus Pec´nik wird fehlen.
Nicht einer von den 160 kroatischen Bosniern, die nun in ihr Heimatdorf zurückgekehrt sind, aus dem die Serben sie vor neun Jahren vertrieben hatten. 160 alte Leute, die in feuchten Fundamenten und alten Ställen leben. Oder, wenn sie Pech haben und nicht mal die Ruinen ihrer Häuser mehr da sind, in Containern und Holzhäusern, die eine österreichische Hilfsorganisation gespendet hat.
Pec´nik ist ein kroatisches Dorf in der bosnischen Serbenrepublik – also etwas, was es nach all den Vertreibungen und Säuberungen des Krieges eigentlich nicht geben sollte. Vor dem Bosnien-Krieg lebten hier 2300 Einwohner: bosnische Kroaten, die im Sommer 1991 von ihren serbischen Nachbarn in der Umgebung plötzlich zu Feinden erklärt wurden. Im Mai 1992
wurde das Dorf von Serben unter Beschuss genommen. Am 9. August 1992 flohen die letzten Bewohner vor den Angreifern ins nahe Kroatien – einige blieben dort, andere zogen weiter nach Deutschland oder in die Schweiz.
Am Ende des Krieges wurden 33 Serben aus Mittelbosnien in das von Kroaten gesäuberte Pec´nik umgesiedelt, um auf diese Weise das Dorf in Besitz zu nehmen. Bosnien-Herzegowina wurde in zwei Teile gegliedert: in die kroatisch-muslimische Föderation Bosnien-Herzegowina und die Serbische Republik in Bosnien. Das immer schon kroatische Pec´nik liegt seither auf dem Gebiet der Serbenrepublik – in Feindesland also.
Dennoch sind inzwischen einige der ehemaligen Bewohner wieder in die Heimat zurückgekehrt. Alt, arm und trotzig. Heute, am heiligen Sonntag, macht sich die Gemeinde frisch gebügelt auf den Weg zur Kirche. Da kommt Anka Miskovic´, deren gestärkte Blusenkragen bedeutsam wippen. Eine drahtige Achtzigjährige mit hohen Wangenknochen. Zu Titos Zeiten war sie die größte
Pries-terfresserin im Dorf, Kommunistin reins-ten Blutes: “Anka Partisanka”. Damals hatte sie den Pfarrer wegen staatsfeindlicher Predigten angezeigt. Aber als sie nach dem Krieg wieder ins Dorf zurückkehrte, fiel sie auf die Knie und küsste dem Priester die Hand. Ein Wunder? Ein Wink des Herrn? Vielleicht eher das Alter. Jetzt, da sie Gott näher gerückt ist, zischt Frau Katusic´, die Frau mit der Taucheruhr, sei die Anka fromm geworden! Der Pfarrer hat Anka Miskovic´s mirakulöse Bekehrung als Zeichen gedeutet
und ihr die Schlüssel zur Kirche übertragen, was sie kleine, würdevolle Schritte machen lässt, Schritte ohne Hast, voller Wichtigkeit. Bevor sie die Kirchentür aufschließt, blickt sie um sich, misstrauisch, als wollte sie sich vergewissern, ob die anderen es überhaupt wert sind, eingelassen zu werden.
Dann schlendert Josip Kljajic´ über den Kirchhof, wie immer elegant in blauem Jackett und verblichener Nadelstreifenhose; er trägt ein weißes Hemd und eine Krawatte, die nach oben zu entkommen versucht, nach rechts und links zerstäubt er Komplimente und ruft: Ich küsse immer die schönsten Frauen! Seine Frau Janja bringt er damit auch nach 50 Jahren Ehe noch zum Lachen. Vor dem Kirchenportal begrüßen sich alle, als hätten sie sich nicht vor fünf Minuten, sondern vor Jahren zuletzt gesehen.
Die Gemeinde steht nach Geschlechtern getrennt. Die Frauen dicht gedrängt in ihren bauschigen, schwarzen Röcken, die Männer eingehüllt in eine leichte Slibovitzfahne und in zu enge, abgewetzte Jacketts, die sie immer wieder verstohlen glatt ziehen, als wollten sie ihnen eine verlorene Vornehmheit wiedergeben. Die Frauen halten kleine Kelims unter den Armen, auf denen sie sich später niederknien werden. Hinter den Rücken der Männer steigt dünner Rauch auf. Wie Kinder verbergen sie die Zigarette in der hohlen Hand, nehmen verstohlen einen hastigen Zug und warten darauf, dass sie von ihren Frauen erwischt und in die Kirche gezogen werden.
Als Josip und Janja und alle anderen schon auf den Bänken sitzen, überquert noch ein Nachzügler mit großen Schritten den Kirchhof. Die Hosen flattern um seine dünnen Beine. Das ist Slavko. Mit Nachnamen heißt er wie Josip – Kljajic´ –, ist aber mit diesem nicht verwandt. In Slavkos ausgemergeltem Gesicht funkeln schwarze Augen. Ein noch junger Mann, 46 Jahre alt, jünger als die meisten Dorfbewohner. Seine Frau Anna kann kaum mit ihm Schritt halten. Nur weil Sonntag ist, hat sie Slavko dazu überreden können, sich von seiner karierten, wattierten Weste zu trennen und das gute Jackett anzuziehen, in dem er sich seit seiner Magenoperation etwas verliert. Slavko hat es im Dorf zu einem gewissen Ansehen gebracht, weil er drei Monate lang unter seinem Pflaumenbaum lebte. Er kehrte im Frühsommer 2000 als einer der Ersten in das Dorf zurück, im Gepäck etwas Werkzeug und ein Schlafsack. Von seinem Haus war nicht einmal eine Ruine geblieben; Efeu, Brom-beersträucher und Brennnesseln hatten die letzten Mauerreste verschluckt. Der Nachbar bot ihm an, bei sich im Keller zu übernachten. Aber
Slavko lehnte ab. Warum soll ich in der Fremde leben, wenn ich bei mir zu Hause sein kann? Von Juni bis August häufte er jeden Abend Brennnesseln um seinen Schlafsack, um die Sandvipern fern zu halten, dann schlief er unter dem wilden Pflaumenbaum ein. Nach drei Monaten bekam er endlich einen Container zugeteilt und konnte seine Frau aus Kroatien kommen lassen.
Die Frauen sitzen links vom Altar, die Männer rechts. Füße scharren, eine Mutter zischt ihren kleinen Sohn zur Ordnung. Alle blicken gespannt auf den Altarplatz, wie auf ein Bühnenbild. Die Priestersitze sind deutsche Esszimmerstühle, wie aus dem Katalog vom Möbelhaus Möcking 1974. Hinter dem Altar thront ein senffarbener, altdeutscher Brokatsessel, der Jahrzehnte an der Seite einer altdeutschen Schrankwand mit beleuchtbarem Barfach verbracht hat und nun in dieser Kirche zu einer späten spirituellen Karriere gekommen ist.
Dann ertönt endlich die Sakristeiglocke, und Pfarrer Marijan Orkic betritt die Bühne. Der Pfarrer sieht blass und verschlafen aus, wie ein Junge, der sich am Samstagabend in die Nacht geworfen hat. Er ist 31 Jahre alt, er kann die Entfernung von Granaten an ihrem Geräusch einschätzen, er hat die Heckenschützen von Sarajevo überlebt, und er ist vor den angreifenden Serben durch die Sava nach Kroatien geschwommen, aber das hat in seinem glatten
Jungengesicht keine Spuren hinterlassen. Das Messgewand scheint zum Reinwachsen gemacht und schleift über den Boden, genau wie seine Jeans, die sich an den Knöcheln stauen.
Der Pfarrer ist klein, die Beine sind zu kurz, auch die Arme, selbst die Finger – die beiden Ministranten überragen ihn wie einen kleinen Bruder. Es gibt eine Straße, die in den Himmel führt, ruft Pfarrer Marijan, und das ist die Straße des Friedens und der Liebe! Und dann streicht seine Predigt wie ein Sommerwind über die ergeben gesenkten Köpfe der Gemeinde. Es riecht nach Schutt und alten Sofas. Bis vor kurzem wurden in der Kirche
die gespendeten Möbel der Caritas gelagert, ihr Geruch hängt immer noch in der Luft, dagegen kann auch der Weihrauch nichts ausrichten. Jetzt steht in der Seitenkapelle nur noch eine Bügelmaschine, mit der keiner etwas anfangen konnte. Auch aus einem Tropfen kann ein Meer werden!, predigt Pfarrer Marijan. Die schwarzen Haare hat er mit Gel zurückgekämmt, was angesichts des rohen Mauerwerks der Kirche, der Mörtelplacken und der Glühbirnen, die nackt von der Decke baumeln, wie eine kühne Geste wirkt.
Als der Pfarrer im Januar 2000 nach Pec´nik kam, um die Gemeinde wieder aufzubauen, lag der Schutt in der Kirche kniehoch. Da, wo der Altar steht, wuchs eine Erle. Jetzt schmücken der Heilige Georg und der Heilige Markus die Mörtelplacken, beide sehr bunt und kokett; und links neben dem Altar steht, in marzipanfarbener Frömmigkeit, eine Statue des Aloisius von Gonzaga, jenes Schutzpatrons, dem die Kirche geweiht ist – zuständig für Berufswahl, Augenleiden und Pest.
Die Kopfstimmen der alten Frauen schrauben sich dünn und zittrig in höchste Tonlagen. Du bist der Leib Christi, ruft Pfarrer Marijan und hält die Hostie gen Himmel. Die beiden hoch gewachsenen Ministranten schwenken gähnend die Altarschellen.
Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus!, sagt Pfarrer Marijan. Das ist die Losung des Tages. Jeden Tag beschäftigt er sich im Gottesdienst mit einem anderen Gebot, einer Todsünde, einer Einsicht aus der Bergpredigt. Damit will er den Leuten die Bibel näher bringen. Wer kennt denn heutzutage noch das Wort Gottes? Nur das “Du sollst nicht ehebrechen” lässt Marijan
Orkic´ weg und das “Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib”, weil er glaubt, dass seine betagte Gemeinde für solche Sündenfälle nicht mehr anfällig ist.
Wenn ihn der Bischof von Sarajevo nicht eines Abends im Dezember 1999 angerufen hätte, wäre Pec´nik wohl heute noch jener verlassene Ort, den Marijan im Januar 2000 vorfand. Damals war er noch Vikar in Sarajevo. Marijan, du solltest mal wieder packen, sagte der Bischof. Ich brauche Priesterarbeiter! Da verstaute der junge Pfarrer demütig seine paar Habseligkeiten in dem alten Variant und fuhr durch den Schnee nach Pec´nik. Er fand die ersten Rückkehrer im Dorf, die alte Anka Partisanka und den Maurermeister Kajinic´, und zog zu ihnen in ein halbwegs intaktes Haus. Dann kamen Josip und Janja und richteten sich in einem Verschlag ein. Drei Monate später, an Ostern, waren bereits 25 Personen nach Pec´nik zurückgekehrt. Es war, als wäre ein Bann gebrochen. Inzwischen schlief Slavko unter seinem Pflaumenbaum. Zum Patronatsfest des heiligen Aloisius im Juni 2000 hatte die Kirche bereits wieder ein Dach. Über 60 Rückkehrer waren nun wieder in der
Heimat, Weihnachten waren es über 100, weitere 60 der alten Dorfbewohner kamen, nachdem im August 2001 der Strom wieder angeschlossen worden war. Viele hatten in der Fremde passable Wohnungen zurückgelassen und lebten dann in Pec´nik unter schlechtesten Bedingungen. Kaum Schutz vor Hitze und Kälte in den Containern, Klos auf dem Feld, deren Gestank in die Kleider kriecht. Kein Arzt, keine Schule. Aber: Heimat. Duft von verflüssigten Pflaumen. Nebel in den Tälern. Geruch von geräucherten Schweinehälften und eingelegtem Sauerkohl.
Zahllos sind die Berichte über Wunderheilungen, die den Rückkehrern widerfuhren: Wie der Krüppel seine Krücken, so warf Frau Katusic´ ihre Tabletten gegen Bluthochdruck weg. Auch die Insuffizienz des Herzens, an der Josip in der Fremde litt, ist hier wie weggeblasen. Und Slavko erholte sich unter seinem Pflaumenbaum schnell von den Folgen seiner Magenoperation. Nach der Messe stehen die Gläubigen noch eine Weile auf dem Kirchplatz. Dann gehen alle heim – in ihre Ruinen, Verschläge, Container, Kuhställe. Und manche denken noch lange über die Losung des Tages nach. Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus! Aber wer ein eigenes will, ist auf Baumaterialspenden angewiesen. Und wie die verteilt werden, ist ein Problem für sich.
Die Spende! Die Spende! Das ganze Denken kreist darum, schnürt die Luft ab, und macht sogar die Vergangenheit vergessen. Die Zeit ist kurz, und die Zukunft liegt in Kieshaufen und Ziegelsteinen, in Dämmmatten und Dachziegeln, Fenstern und Türen – in dem Baumaterial, das auf einem leeren Grundstück am Ortseingang lagert und von der Caritas, dem Ministerium für Flüchtlingshilfe und anderen Organisationen gespendet worden ist. Fünf Männer aus dem Dorf entscheiden, wer was bekommt. Sie wurden weder gewählt noch ausgesucht, sondern waren einfach da und jünger als der Rest.
Aber sie können nicht allen gerecht werden. Man kann nicht alles haben, Zement und Demokratie und Gerechtigkeit und neue Fenster! Die einen bekommen Material für ein Dach, die anderen für ein Fundament. Scheiß auf die Caritas!, sagt die Frau mit der Taucheruhr. Ja, wenn ich die Nerven hätte, mit dem Priester schön zu reden, dann ginge es vielleicht. Aber so? Da kann man sein ganzes Leben verwarten, und es geschieht nichts. Die Spenden gehen an die Falschen. An diejenigen, die gar nicht hier, sondern gemütlich in der Schweiz wohnen und sich in Pec´nik ein Ferienhaus halten wollen. Gott? Der ist taub und blind!
Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus! Wenn der alte Josip das hört,denkt er daran, wie ungerecht es war, dass Ankas Sohn als einer der Ersten Baumaterial bekam, obwohl er gar nicht in Pec´nik wohnt, sondern jenseits der Grenze im kroatischen Osijek, wohin er im Krieg geflüchtet ist. Und jetzt ist sein Haus wieder aufgebaut und steht leer. Dann ziehen sich Josips schöne blauen Augen vor Wut zu schmalen Schlitzen zusammen. Nicht, dass er neidisch sei, aber ungerecht ist es doch. Und wir haben hier gehaust wie die Kämpfer von bin Laden in ihren Löchern, sagt er. Bis vor kurzem hat er im Stall gelebt, im Dunst von Speiseresten zwischen feuchten Mauern, in einer schwarzen Höhle, die mit Lumpen verhängt war gegen die Blicke der anderen. Erst seit einem Monat wohnt er mit seiner Frau Janja in der einstigen Sommerküche, mit deutschem Ehebett und einer deutschen Esszimmerecke mit Eichenfurnier.
Da, wo jetzt der Sandhaufen liegt, wurde ich geboren und meine Frau nur ein paar Schritte weiter. Josip ist immer noch ein schöner Mann, ein alter Herr mit Haltung und scharf geschnittenem Profil. Nie würde er das Haus ohne Hut verlassen. Er trägt eine goldene Armbanduhr. Ihr Glas ist gesprungen. Seine sechs Kinder leben im Ausland, in Kroatien, in der Schweiz und in Deutschland, und sie schicken Geld für die Bauarbeiter, die die letzten Mauerreste seines alten Hauses einreißen. Es war das einzige, das von Granaten zerstört wurde, alle anderen sind von den Serben angesteckt worden. Vor dem Krieg war Josip Bauer, wie die meisten im Dorf, er verkaufte Fleisch und Slibovitz, schwarz natürlich, hatte 80 Pflaumenbäume, acht Schweine und einen Traktor. Und er war glücklich.
Allein der Zaun! Der Zaun, der war so teuer, dass er davon drei Monate am Meer hätte verbringen können! Ich bin gestorben, als hier alles zerstört wurde, sagt er donnernd. Dann schweigt er, blickt in die Ferne über die verkrüppelten Pflaumenbäume hinweg, und schenkt einen Slibovitz ein. Man träumt doch immer von der Liebe, sagt er dann unvermittelt und lacht so laut, wie es nur einer kann, der alles verloren hat.
Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus! Der dünne verhärmte Slavko sitzt neben seinem Container und einem Zementhaufen unter dem wilden Pflaumenbaum und fragt sich, ob er alles richtig gemacht hat. Ob es nicht besser gewesen wäre, ins Ausland zu flüchten, nach Deutschland oder in die Schweiz, wo viele Dorfbewohner die Kriegsjahre in Wohlstand und Gesundheit verbracht haben, anstatt so wie er an der Front zu kämpfen, um jetzt mit einem Pflaumenbaum, einem Zementhaufen und einer Narbe über dem Bauch dazustehen.
Am Pflaumenbaum hängt ein Plastik-Jesus. Der war vor mir da, sagt Slavko. Er hat ihn in der Ruine seines Hauses gefunden, keine Ahnung, wie er dorthin gekommen war. Aus der Ferne klingt das Glockengeläut von Slavkos Schafen. Heute sind es wieder 18, vor dem Krieg hatte er mehr als 100. Seine beiden Töchter leben in Kroatien, die eine ist verheiratet, die andere arbeitet als Telefonistin und studiert Jura. Die Töchter waren es auch, die ihm das Mobiltelefon geschenkt haben, das nun in einer Art Vogelhäuschen ebenfalls am Pflaumenbaum hängt – der einzigen Stelle auf dem ganzen Grundstück, auf der das Gerät Empfang hat.
Unter dem Pflaumenbaum streckt sich ein langer Tisch mit zwei Bänken. Slavko hat sie für die Arbeiter gezimmert, die das Fundament seines Hauses wieder aufbauen. In seinem Container stehen ein Tisch, ein Ofen und ein Bett mit rosafarbenen Volants. Das Bett ist zu klein für seine Albträume. Er sagt, dass er schwitzt, wenn er von den entgegenkommenden Serben träumt. Er hatte damals auf sie geschossen, aber sie rannten weiter, sie kamen näher und näher, unzerstörbar wie Maschinen. Dann hatte der Oberst ihm klar gemacht, dass er auf ihre Beine zielen sollte, weil die Serben kugelsichere Wes-ten trugen – aber in Slavkos Träumen rennen sie bis zum heutigen Tag. Auch der Nachbar taucht in den Nächten im Container immer wieder auf – der Moment, in dem ihm eine Granate den halben Kopf weggeschossen hat. Und dann sind da noch die zwölf jungen Soldaten, die sie morgens auf der Waldlichtung überrumpelt hatten und die im Tod noch mal zuckten. Ihre Mütter verfolgen Slavko jede Nacht, wie auch der Hauptmann, der ihm plötzlich im Maisfeld gegenüberstand und der sein Sohn hätte sein können. Er hatte einen Zettel bei sich, auf dem stand: Meine Frau ist schwer krank und liegt im Krankenhaus von Sarajevo, ruft sie an, wenn ich tot bin. Und von dem Mercedes mit den vier Männern und der Puppe, die keine Puppe war, sondern ein vier Monate altes Mädchen mit Fingernägeln wie Perlmutt – auch davon träumt er jede Nacht. Aber seiner Frau erzählt er nichts davon. Er sagt immer nur: Ich schwitze eben nachts. Und seine Frau sagt: Geh doch mal zum Arzt, das ist doch nicht normal, so viel zu schwitzen.
In seinem Zufluchtsort in Kroatien konnte er nicht atmen, sagt Slavko. Hier sind die Luft und die Menschen anders – hier atme ich Freiheit, sagt er. Und dann zimmert er weiter an dem Unterstand für seine Schafe. Den ganzen Tag hämmert er unermüdlich, er sägt und schraubt, gräbt das Kohlbeet um, pflückt Walnüsse und ist glücklich. Aber dass Anka Partisanka die Schlüssel für die Kirche hat, das bringt mich um den Verstand! Jetzt, wo die Kirche voller Ex-Kommunisten steckt, ist Gott auch nicht mehr das, was er mal war. Und Ankas Sohn bekam drei oder vier Spenden, obwohl er nur am Wochenende nach Pec´nik kommt! Zufall oder Beziehungen?
Gerade erst ging ein warmer Regen auf Pec´nik nieder, nachdem Pfarrer Marijan den Bischof von Sarajevo zur Taufe des kleinen Gabriel eingeladen hatte, des ersten Kindes, das in Pec´nik seit der Rückkehr der Einwohner zur Welt gekommen ist. Nach der Messe bat Pfarrer Marijan den hohen Herrn zum Essen. Slavko hatte zur Feier des Tages ein Lamm geschlachtet, und die Gesellschaft speiste an Pfarrer Marijans Tischtennistisch.
Nach dem Essen hob Slavko sein Hemd hoch und zeigte dem Bischof die dachförmige Narbe von seiner Magenoperation, weil er darin ein Zeichen für den baldigen Wiederaufbau seines Hauses sieht. Ob es am Lamm lag, an der Messe oder an Slavkos Narbe – auf jeden Fall wurde danach Material für 21 Häuser nach Pec´nik geliefert, gestiftet vom Flüchtlingsministerium der kroatisch-muslimischen Föderation, ausgezahlt vom Flüchtlingsminis-terium der bosnischen Serbenrepublik. Dass Pec´nik nun in der bosnischen Serbenrepublik liegt, obwohl ringsherum fast alles zur kroatisch-muslimischen Föderation gehört, versuchen alle zu verdrängen. Was nicht schwer ist. Die Bosnier wissen oft selber nicht, in welchem der beiden Staatengebilde sie sich gerade befinden.
Die neue ethnische Geographie ist viel zu verwirrend. Die nächstgrößere Stadt Odzak gehört zur Föderation der Kroaten und Muslime, wohingegen das ebenso weit entfernte Modrica, das früher vor allem von Muslimen bewohnt wurde, nun zur bosnischen Serbenrepublik gehört. Pec´niks Nachbardorf Jakes ist muslimisch geblieben, obwohl es eigentlich serbisch sein sollte. Und in der Schule von Jakes wird muslimischen Kindern serbische Geschichte nach Schulbüchern in kyrillischer Schrift unterrichtet. Das ist der bosnische Eintopf, sagt Pfarrer Marijan, keiner weiß, was drin ist. Marijan trägt ein sehr diesseitig anmutendes, tomatenrotes Hemd und sitzt auf einer fliederfarbenen Sitzlandschaft – inmitten von Rohputz und mühsam verdecktem Estrich, einer elektrischen Herdplatte, verstaubten Musikkassetten, Obstsäften und einem Rauchglascouchtisch, auf dem ein Tischläufer für Wohnlichkeit sorgen soll. Daneben macht sich eine Kiefernholzschrankwand breit, mit Glasvitrine für Cocktailgläser und Fächern für mehrbändige Lexika.
Viel mehr als die Frage der ethnischen Zugehörigkeit bedrückt den Pfarrer die Hilfsbereitschaft des Westens. Wenn ich noch mal eine Lieferung von der Caritas bekomme, sagt er, kriege ich einen Nervenzusammenbruch. Sechzig Lastwagen seien insgesamt nach Pec´nik gekommen. Ein ganzes Haus habe voller Hosen, Jacken und Mäntel gesteckt, und das, obwohl damals erst zehn Menschen im Dorf lebten. Pfarrer Marijan musste die Papiere für den Zoll regeln, nach Lagermöglichkeiten und Unterkunft für die Begleiter des Transports suchen – und die Überbringer auch noch anständig bewirten – was manchmal teurer war als die Spende selbst. Und am Ende beschwerten sich die Beschenkten auch noch, jeder fühlte sich übergangen, und Pfarrer Marijan sagt: Ich halte das nervlich nicht mehr aus!
Er sagt es beschwörend und steckt sich eine weitere Walter-Wolf-Zigarette an, deren deutscher Name klingt, als lebte er in einem Ärzteroman und nicht in der bosnischen Wirklichkeit, in der das Glück ein Zementhaufen ist. Anstatt sich zu beschweren, könnten sie ja auch mal zurückblicken und sich an dem freuen, was bereits erreicht worden ist, sagt der Pfarrer unwirsch. Wie schnell die Leute vergessen, wie das Dorf aussah, als sie es im September 1999 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder besichtigen konnten. Die ehemaligen Dorfbewohner hatten sich im kroatischen Osijek getroffen und waren in zwei Bussen, begleitet von Polizei und Sfor-Soldaten, nach Pec´nik gefahren. Ganz offiziell. Denn der Friedensvertrag von Dayton garantiert den Vertriebenen das Recht auf Rückkehr in ihre Heimat. Und dann saßen sie in dem Bus und heulten. Denn von Pec´nik war kaum mehr etwas zu sehen. Außer der Natur. Und die hatte das Dorf aufgefressen. Nichts erinnerte an dessen Vorkriegsschönheit, von der alle noch heute schwärmen: Telefon! Asphaltierte Straßen! Wasserleitungen! Schweineställe nicht vor, sondern hinter dem Haus! Drei Kneipen! Und nur drei Kommunisten!
Jetzt waren die Straßen zugewachsen, die wenigen unzerstörten Häuser von Serben bewohnt. Der Bus fuhr bis zur Ruine der Kirche. Dort stiegen die Dorfbewohner aus und versuchten, zu ihren Häusern zu gelangen, kämpften sich durch Vogelmiere und hüfthohe Brennnesseln und standen schließlich vor Ruinen, vor Fundamenten, die aussahen wie Familiengruften. Schweigend fuhren sie wieder zurück nach Kroatien. Vier Monate lang geschah nichts. Bis der Bischof Pfarrer Marijan nach Pec´nik schickte. Sie kommen zurück, weil dieses Land sie hervorgebracht hat, sagt Pfarrer Marijan. Sie kommen zurück, weil ihre Großeltern hier begraben sind und weil auch sie hier begraben werden wollen.
Sie kommen zurück, weil sie trotzige Statthalter in der Heimat sind: für ihre Kinder, die nicht erst der Krieg aus Pec´nik vertrieben hat, sondern die Armut. Schon lange vor dem Angriff der Serben suchten die Jungen ihr Glück im Ausland, fanden Arbeit in deutschen Metallfabriken oder als Krankenschwes-tern in der Schweiz. Sie gingen weg und schicken jetzt Geld an ihre Eltern. Erst hatten sie die Hoffnung, wieder zurückzukehren. Aber es wird auch in Zukunft keine Arbeit in dieser Gegend geben – und so werden die Alten im Dorf allein bleiben.
Die Jungen kommen zu Ostern und Weihnachten, zu Allerheiligen und Mariä Himmelfahrt nach Pec´nik. Für ein paar Tage fühlt sich das Dorf dann wieder jung. Lacht laut, schlägt Autotüren zu, brüllt die Kinder an. Und jedes Mal gehen alle auf den Friedhof, der sich wie ein riesiger Grabhügel neben dem Ortseingang wölbt, und legen Blumen ab, Stoffblumen mit Plastiktautropfen. Vor Grabsteine, in die die Gesichter der Toten eingraviert sind. Ehrfürchtige Bauerngesichter, Männer, die den Hut in den Nacken geschoben haben, als wären sie leicht angetrunken, junge Mädchen in ihren Trachten: Hier ruht die Blume der Jugend, Janja Karlovic´, so schnell verblüht, der Tod ist unerbittlich. Oder verdiente Genossen wie Pero Matijevic´, der seine dekorierte Ordensbrust mit in den Himmel nahm.
Eine alte Frau spricht mit ihm, während sie das Unkraut aus dem Grab zupft. Selbstvergessen flüstert sie, vorwurfsvoll und zärtlich zugleich, inständig und unermüdlich, ohne je eine Antwort zu erwarten – wie es eine Frau nach 50 Ehejahren noch gewohnt ist. Und dann blickt sie auf und sagt: Meine Heimat hat mich gerufen. Wenn ich das Grab nicht pflegen könnte, würde ich sterben. Am Ortsrand unweit des Friedhofs leben noch immer 20 von den 33 hier angesiedelten Serben aus Mittelbosnien. Milorad Ponjavic´ und seine Mutter Gospava kamen 1995 nach Pec´nik – und zogen in ein großes, verklinkertes Haus, in dem sie noch heute wohnen: mit wenigen Möbeln, einem Aufkleber vom Norwegian Refugee Council am Fenster und einem Pin-up-Kalender. Milorad Ponjavic´ diente in der serbischen Armee. Als Koch. Er ist so dick, dass man aus ihm glatt zwei machen könnte, seine Mutter sieht aus wie der Sohn. Ihr rechtes Auge macht sich ab und zu selbstständig, es rollt in seiner Augenhöhle herum, als wollte es geheime Zeichen geben.
Ich weiß nicht, wer die anderen Häuser im Dorf zerstört hat, sagt, als genierte sie sich, die Mutter, und ihr rechtes Auge guckt an die Decke. Vor kurzem haben die kroatischen Besitzer ein Recht auf das Haus geltend gemacht, aber solange Milorad und sie nicht woanders eine Bleibe gefunden hätten, werde daraus nichts – sagt die Mutter bedauernd, und ihr Auge schießt wie toll von rechts nach links. Nur ein Irrer geht nicht dorthin zurück, wo er geboren ist!, ruft Ponjavic´ aus – was nach einem Krieg, der das Ziel hatte, die Menschen aus ihrer Heimat zu vertreiben, eine einigermaßen verblüffende Ansicht ist. Nein, nein, mit den zurückgekehrten bosnischen Kroaten verstünden sie sich ganz ausgezeichnet. Unter Tito haben wir in Jugoslawien gut zusammengelebt, findet Milorad Ponjavic´, und wir leben auch jetzt wieder gut zusammen! Dann holt er zu einem größeren ideologischen Schlag aus, der im wesentlichen in einer Verteufelung der so genannten Supermächte besteht: Wenn die Krieg wollten, dann stifteten sie zum Krieg an, und wenn nicht, dann hörten sie mit dem Krieg wieder auf.
Sichtlich betroffen von so viel Schlichtheit starrt das Auge seiner Mutter auf den Boden, aber Milorad Ponjavic´ hat sich gerade erst in Fahrt geredet. Seine Worte prasseln, rattern, krachen gegen die weiß getünchten Wände dieser fremden Wohnung. Die Supermächte! Die Supermächte! Sie hätten Angst vor Groß-Jugoslawien gehabt, vor seiner Armee, der drittgrößten der Welt: In zwei Tagen hätten wir Bulgarien und Albanien besiegt!, sagt Ponjavic´. Und dann fügt er hinzu: Uns wurde doch nur befohlen, wir haben doch nur gehorcht.
Das Dorf und seine Serben. Wir haben nur noch solche Serben, die keiner mehr zurückhaben will, sagt Pfarrer Marijan mitleidig. Zum Beispiel den, der im vorigen Jahr am Silvesterabend den Wagen seines Cousins mit einer Maschinenpistole durchlöchert hat. Oder den, der immer in Uniform und mit verkehrt aufgesetztem Helm durch das Dorf marschierte und in die Luft schoss.
Pfarrer Marijan sagt: Für die kleinen Leute ist das Zusammenleben mit den Serben kein Problem. Nur für die Politiker. Anka Partisanka sagt: Die Serben haben auch nichts, wir sind doch alle arm! Slavko sagt: Mir sind sie nicht fremd. Und Josip sagt: Die Serben? Wir sterben hier doch alle in der gleichen Scheiße.
Die Einzige im Dorf, die nicht mit den Serben spricht, ist Frau Matijevic´. Sie ist selber Serbin, was aber keine Rolle spielt, weil sie schon ein halbes Leben lang mit dem kroatischen Herrn Matijevic´ verheiratet ist. Ihr Sohn Jure ist von Serben getötet worden, einer von den 17 im Krieg gefallenen Dorfbewohnern. Er war erst 22 Jahre alt. Wenn man niemanden im Krieg verloren hat, dann redet man vielleicht mit den Serben, sagt sie. Ich kann es nicht.
Und dann ist da noch die Geschichte von Ruzica, der Schwiegertochter von Frau Zeba. Sie war eine Verrückte, heißt es, sie flüchtete nicht, weil sie das Grab ihres Kindes nicht im Stich lassen wollte. Als die Menschen das Dorf am 9. August 1992 endgültig verlassen mussten, war sie in letzter Minute vom Wagen gesprungen. Slavko hatte noch versucht, sie an ihrem Kleid festzuhalten. Das Letzte, was man von ihr sah, war ihr flatterndes, kariertes Kleid. Als Frau Zeba und ihr Sohn wieder nach Pec´nik zurückkehrten, suchten sie nach ihrer Leiche. Erst im Brunnen. Dann ließ der Sohn das Feld hinter seinem Haus umpflügen. Dort fand man Ruzicas kariertes Kleid. Und ihre Knochen.
Frau Zebas Sohn begrub die Knochen seiner Frau neben seinem Kind. Und kehrte wieder nach Kroatien zurück. In Pec´nik wollte er nicht bleiben. Und eine neue Frau will er auch nicht. Frau Zeba wohnt allein in einem Holzhaus der Caritas. Sie ist eine magere Frau mit melancholischen Augen. Über ihre Schwiegertochter spricht sie selten. Frau Zeba holt das Foto ihres Sohnes heraus, der als Busfahrer im kroatischen Osijek arbeitet. Und sagt: Nicht weil er mein Sohn ist – aber sieht er nicht gut aus? Er könnte doch wohl noch eine Frau finden, oder?
Vor kurzem hat ihre jüngste Tochter geheiratet, es war die erste Hochzeit in Pec´nik nach dem Krieg. Ein Foto zeigt die Braut vor der Kirche, in einem weißen Kleid mit Pelzkragen. Neben ihr steht Pfarrer Marijan mit Besitzerstolz vor seinem Kirchenportal. Die Braut ist 23 Jahre alt, der Bräutigam 13 Jahre älter, es gibt eben wenig Auswahl an jungen Männern in Pec´nik. Die serbischen Nachbarn waren auch zur Hochzeit eingeladen, sagt Frau Zeba. Sie sagt es gleichmütig, als handele es sich um entfernte Verwandte, mit denen man zwar nicht viel gemein hat, aber die man dennoch nicht ausschließen kann.
Pfarrer Marijan feierte auch mit. Er feierte so sehr mit, dass er am Ende gar nicht mehr wusste, was er sagte und sich sogar dazu verstieg, der Braut zu prophezeien, dass sie sehr jung Witwe werden würde, angesichts des großen Altersunterschieds zu ihrem Bräutigam. Frau Zeba sieht dem Pfarrer die Entgleisung nach. Verständnisvoll sagt sie: Es ist ja auch nicht normal, wenn ein junger Mann wie er nicht heiraten darf.
Pfarrer Marijan trinkt seither nur noch Obstsaft. Orange, Apfel und Aprikose. Und ein bisschen Messwein. Mit der Hostie zusammen schmeckt das wie ein Nachtisch, sagt er. Er bereitet noch schnell die Predigt für den nächsten Tag vor. Die Losung wird lauten: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Aber für das Sakrale bleibt ihm nur wenig Zeit. Mehr als um Seelen muss er sich um Dachgerüste, Rheumatabletten, Traktoren oder Stromaggregate kümmern. Die Nächte verbringt er damit, Bittbriefe an mögliche Spender zu schreiben. An eine Gemeinde in Bologna, an Freunde in der Nähe von Paderborn.
Wenn Pfarrer Marijan nicht gerade den Ofen von Frau Zeba repariert oder die Klagen von Frau Klasic´ anhört, die bei der letzten Spendenwelle wieder leer ausgegangen ist, trifft er sich mit den jungen Priestern aus der Umgebung, die unter noch schwierigeren Bedingungen versuchen, neue Gemeinden aufzubauen. Fast ist es ihm ein Trost.
Sein Freund Miroslav hat die Gemeinde von Modrica übernommen, von deren Kirche nicht mal das Fundament geblieben ist. Jeden Sonntag feiert Miroslav, der aussieht wie ein Zehnkämpfer, die Messe vor einem Schutthaufen, die Altarkerze steckt in einem Mauerstein. Der serbische Bauarbeiter, der ihm das Pfarrhaus wieder instand setzt, gestand ihm, dass er mithalf, die Kirche zu zerstören. Miroslav zuckte nur mit den Schultern. Auch er muss leben, sagt er. Keiner kann so viel sündigen, dass ihm nicht verziehen würde! Pfarrer Ilija von der Nachbargemeinde Carevac trägt einen grauen Zimmererkittel und kennt sich aus in Kehlbalkendächern, einfachen Zapfen und Scherzapfen, als wäre es die Passionsgeschichte. Seit ein paar Wochen steht das Dach seiner Kirche wieder: Endlich ist sie keine Cabriolet-Kirche mehr!, sagt er. Und das Gott ist Serbe, das auf den Ruinen seiner Kirche stand, ist übertüncht worden. Von den einstigen 3500 Bewohnern sind allerdings erst 21 zurückgekehrt.
Gebetsmühlenartig wirbt der Pfarrer mit bunten Prospekten von seiner Kirche bei den bosnischen Kroaten im Ausland um Spenden. Denn anders als die Orthodoxen, die von der Regierung der bosnischen Serbenrepublik Geld zum Aufbau ihrer Kirchen bekamen, finanziert sich der Wiederaufbau der katholischen Kirchen in Bosnien ausschließlich aus den Spenden der Gläubigen.
Manchmal essen die Priester zusammen im Hotel “Euro” in Odzak. Und streiten sich darüber, wem es am besten geht: Marijan natürlich, denn er hat nicht nur eine fast intakte Kirche und eine leibhaftige Gemeinde, sondern inzwischen auch eine funktionierende Dusche im Pfarrhaus. Du bist doch eine alte Katze, sagt Ilija dann zu ihm, du fällst doch immer wieder auf die Füße.
Es ist allerdings nicht nur so, dass Marijan das Dorf umsorgt. Das Dorf kümmert sich auch um ihn. Slavko hat ein Lamm geschlachtet und den Pfarrer zum Sonntagsessen eingeladen. Die Gäste sitzen an einer weißen, porzellangedeckten Tafel unter dem Pflaumenbaum. Slavkos Frau Anna huscht zwischen Container und Tafel hin und her, trägt Schüsseln mit gelber Paprika auf. Neben ihr sitzt ihre Tochter Elena, blond und engelsgleich, sie ist aus Osijek gekommen, wo sie studiert, und Slavko läuft das Herz über, wenn er sie ansieht. Neben Elena sitzt Slavkos Schwester, die heute Geburtstag hat. Ihr Mann, der einzige Muslim im Dorf, hat ihr ein dickes, goldenes Herz um den Hals gehängt.
Ihr gegenüber erzählt Josip, dass er früher drei, vier Frauen auf einmal gehabt habe, aber seine Janja sei die Schönste gewesen, weshalb die anderen so nach und nach abgefallen seien. Und dann ist da noch der Nachbar, der seit morgens um sieben, als der Spieß über das Feuer gehängt worden ist, das Lamm gedreht, mit Öl betupft und dabei eine kleine Flasche Slibovitz ausgetrunken hat. Weshalb er sich jetzt wie in Zeitlupe bewegt. Ab und zu weht es vom Plumpsklo herüber, aber keiner verzieht eine Miene. Als der Pfarrer kommt, wird das Lamm gerade mit einer Axt zerteilt. Marijan legt sein Telefon in Slavkos Kästchen ab. Setz dich neben mich, sagt Slavkos Schwester zu ihm und prostet ihm mit Weißwein zu, ich wollte schon immer mal neben einem Heiligen sitzen! Und warum hast du dann mich ausgesucht?, entgegnet Marijan. Slavko schiebt dem Pfarrer einen kleinen Plastikkanister unter die Füße, damit dessen Beine nicht in der Luft baumeln. Genüsslich beugt sich Pfarrer Marijan über seinen Teller mit der Lammkeule. Er trägt zur Feier des Tages ein schwarzes Priesterhemd mit weißer Priesterbinde, die auf Kroatisch “der Ruf” heißt und ab und zu verrutscht. Mein Ruf! Mein Ruf!, jammert er dann mit fettverschmierten Fingern, bis er sich wieder über der Lammkeule vergisst.
Auch bei Tisch verpasst er keine Gelegenheit, Religionsunterricht zu erteilen. Er erklärt den Sinn der Fastenzeit, diskutiert mit den Frauen, wann es möglich ist, sich scheiden zu lassen und ob es bereits als “Nicht-Vollzug” der Ehe gilt, wenn der Bräutigam die Hochzeitsnacht mit den Kellnerinnen verbracht hat. Ich weiß viel, aber ich darf nicht alles sagen!, raunt Pfarrer Marijan und fällt vor Lachen fast unter den Tisch. Dann klingelt es im Telefonkästchen. Es ist für den Pfarrer. Das Blut weicht ihm aus dem Gesicht. Am anderen Ende ist die Caritas. Sie hätten da noch ein paar Möbel.