„Hinschmeißen ist keine Lösung“
Autor: Bernd Hauser
Interview: Bernd Hauser
Foto: Uli Reinhardt
Simon Mmakasa, wie kamen Sie dazu, Ihre Organisation ins Leben zu rufen?
Die Idee habe ich einem deutschen Pastor zu verdanken.
Erzählen Sie!
Nun, ich hatte Physik studiert und mich später auf Ökologie spezialisiert. Ich arbeitete in Daressalam als Experte für ländliche Entwicklung für die Regierung, bis ich in meine Heimat zurückkehrte, weil mein alter Vater Hilfe brauchte und ich Gymnasiallehrer wurde. Wir bekamen Besuch aus Deutschland. Eine Gruppe evangelischer Christen absolvierte bei uns ein Workcamp. Dem begleitenden Geistlichen erzählte ich von dem Problem der Waldvernichtung – und welche Lösungen ich sah.
Was schlugen Sie vor?
Eines der Hauptprobleme ist der große Feuerholzbedarf der Bevölkerung. Ich wusste, dass man mit Lehmherden sehr viel Holz einsparen kann im Vergleich zu den traditionellen offenen Feuerstellen. Außerdem war mir klar, dass die Bauern Hilfestellung beim Aufforsten brauchen: Samen, Pflanzhilfen, Training. Der deutsche Pastor sagte: „Schreiben Sie einen Projektantrag!“ Das tat ich, ich schickte ihn an „Brot für die Welt“. Seither sind wir Partner. Das war vor 15 Jahren.
Was haben Sie bislang erreicht?
Es ist uns gelungen, viele Familien von den Lehmherden zu überzeugen, insgesamt wurden 40.000 gebaut. Das bedeutet, dass jedes Jahr viele Tausend Bäume weniger verfeuert werden. Außerdem wurden mit unserer Hilfe 800.000 Baumschösslinge gepflanzt. Leider ist die Bevölkerung stark gewachsen und damit auch der Druck auf den Wald.
In einem Land, in dem Familien häufig sechs und mehr Kinder haben: Ist nicht Familienplanung mindestens genauso wichtig wie das Propagieren von Lehmherden?
Ich bin sehr vorsichtig, den Menschen hineinzureden, wie viele Kinder sie haben sollen. Ich glaube, die kleineren Familien kommen nun von selbst ¬¬– aufgrund des wirtschaftlichen Drucks. Bäuerinnen sagen mir jetzt häufig: „Vier Kinder sind genug.“
Was ist Ihre Motivation?
Ich war Lehrer und so verstehe ich mich immer noch: Ich habe den Menschen etwas mitzuteilen, das ihnen in ihrem Leben weiterhilft.
Warum, glauben Sie, sollten Europäer Ihr Projekt unterstützen?
Es geht nicht nur um humanitäre Hilfe, sondern die Europäer haben auch selbst etwas davon: Wenn in Tansania die Wälder erhalten bleiben, hilft das auch dem Klima in Europa.
Welche Folgen hat der Klimawandel für Ihre Heimat?
Nur negative. Die Regen kommen unregelmäßiger: Die Bauern wissen nicht mehr, wann sie pflanzen sollen. Und die Regenzeit wird kürzer, statt drei Monaten wie früher dauert sie teils nur zwei Monate. Das kann einen totalen Ernteverlust bedeuten.
Sie sehen schwarz für die Zukunft?
Noch haben wir eine Chance, die ökologische Vernichtung aufzuhalten. Falls uns das nicht gelingt, erwarte ich das Schlimmste.
Nämlich?
Hunger könnte für die Region charakteristisch werden. Eine Folge, an die noch kaum jemand denkt: Bei höheren Temperaturen fühlen sich Bakterien wohl. Gleichzeitig wird bei fortschreitender Entwaldung das Wasserangebot geringer und Hygiene noch schwieriger: Die Menschen werden viel häufiger krank werden.
Trotz der fortschreitenden Waldzerstörung resignieren Sie nicht?
Sie kennen die Geschichte aus der Bibel, als Moses vom Berg heruntersteigt und sieht, dass seine Leute um das goldene Kalb tanzen und sich von Gott abgewendet haben. Er ist so zornig, dass er die Schrifttafeln zerschlägt. Aber Gott verzeiht dem Volk schließlich auf Moses Bitten. Ich lerne daraus: Aus Wut alles hinzuschmeißen, ist keine Lösung. Ich muss meine Gefühle beherrschen – und weitermachen. Außerdem sehe ich auch positive Entwicklungen.
Welche sind das?
In manchen Dörfern der besonders baumarmen Ebene im Westen der Pare-Berge sind unsere Lehmherde praktisch in allen Häusern zu finden. An den Hängen der Berge, besonders in den Tälern der zur Regenzeit fließenden Bäche und Flüsse, wird aufgeforstet – und damit weniger Mutterboden abgeschwemmt. Auf den Bergen tun sich Bäuerinnen und Bauern zu Umweltschutzgruppen zusammen: Die Menschen wissen jetzt, wie wichtig die Wälder sind. Manche Flüsse führen schon wieder mehr Wasser. Man sieht: Wir haben die Entwicklung selbst in der Hand.
Ende