Auf Dauer gemietet
Autor: Tilman Wörtz
“Nicht schon wieder die Häkeldecke auf dem Fernseher”, schreit Hausherrin Li Yang* und schiebt den Laufstuhl ihres Töchterchens ins Eck zu Puppen, Plastikgeschirr und Bällen. Aber die Kleine namens Si Si interessiert sich nur für die Häkeldecke. “Kannst Du nicht besser auf sie aufpassen?” schimpft Li Yang in Richtung Küche, wo die Kinderfrau gerade Essen macht.
Ihre Stimme gellt durch die winzige Wohnung, wo zwischen Fernseher und Sofa nicht mal mehr ein Couchtisch passt. Nach ihrer Schwangerschaft hat ihr Gesicht etwas Fülle um die spitze Nase und den scharf geschnittenen Mund bekommen. “Wir müssen mit ihr spazieren gehen”, seufzt sie schließlich auch mit sanfterer Stimme.
Die Kinderfrau Xue Bing packt Nuckelflasche, Ersatzwindel und ein Strickjäckchen in eine Babytasche und setzt das Mädchen in den Kinderwagen. Das Sträßchen verläuft zwischen eng an eng gebauten, siebenstöckigen Wohnblocks, deren Fassaden aus weißen und braunen Kacheln bestehen, schlängelt sich in einem langen, von Hecken und Palmen gesäumten S einen Hügel bis zu einem großen Platz mit Springbrunnen und Teich hinunter.
Auf den ersten Blick ist kaum zu erkennen, dass Huang Gang keine gewöhnliche Siedlung in der südchinesischen Metropole Shenzhen ist, sondern eines von über einem Dutzend “Konkubinen-Dörfern”. Rund vierhundert der Wohnblocks gruppieren sich um den Platz, ein wenig mehr junge Frauen schlendern durch die Gassen als in anderen Stadtteilen. Aber sie sind nicht aufgemotzt, sondern diskret in Jeans und Bluse gekleidet, vielleicht mal in einen Rock.
Nur wer mit den Verhältnissen vertraut ist, errät die Rolle der “Familienväter”, die auf dem Spielplatz ihre Kleinen schaukeln, echte Markenklamotten tragen, anstatt Imitate wie die einheimischen Männer, ihre Haare sind länger und modischer frisiert und wenn sie in den Restaurants am Nordrand der Siedlung essen gehen, rauchen sie Marlboro Lights anstatt der chinesischen Chonghwa. Auf einem ungeteerten Parkplatz stehen drei Dutzend Lkws – alle mit Hong Konger Nummernschild. Das Geld der Fahrer ist in China viel wert, sie können sich dafür sogar Familien kaufen.
Huang Gang liegt am Stadtrand Shenzhens, kurz vor dem Kontrollposten auf dem Weg zur Inselstadt Hong Kong, die am südlichen Bauch Chinas im Pazifik hängt. Ihre Lastwagenfahrer, Geschäftsleute, Techniker, Lehrer oder Architekten haben in Huang Gang Liebesnester fürs Wochenende eingerichtet, eine Parallelwelt zu ihrem Leben in der ehemaligen britischen Kronkolonie, die heute zwar wieder zur Volksrepublik China gehört, aber immer noch eigene Gesetze und einen viel höheren Lebensstandard bietet.
Die Schauspielerin
An einer Video überwachten Häuserzeile schickt Li Yang die Kinderfrau mit Si Si nach Hause. “Ich geh´ noch im Club spielen und komm dann nach”, sagt sie und ist schon im Erdgeschoss verschwunden, das zu einer kleinen Spielhölle ausgebaut ist. Zu viert sitzen die Frauen an einem Tisch. Mit der Geschicklichkeit eines Groupiers lassen sie Elfenbein farbene Spielsteine über den grünen Filz schnellen. Sie treffen sich jeden Tag für viele Stunden, um sich die Warterei auf den Mann aus Hong Kong zu verkürzen. Damit in ihrem eintönigen Leben nicht auch noch Mah Jong langweilig wird, spielen sie um Geld. Gegen Abend wird Li Yang Hundert Euro verspielt haben – den Gegenwert ihrer Monatsmiete.
“Es wird Zeit, dass wir nach Hong Kong ziehen, mein Mann vermisst Si Si zu sehr”, wirft Li Yang wie schon so oft in dieser Runde ein. Wie üblich fragt niemand nach, warum sie es nicht endlich tut. Alle respektieren Li Yangs Theater, allein schon um nicht selbst gefragt zu werden. Warum leben sie hier? Haben sie ihren Mann in einem Restaurant kennen gelernt? Oder etwa im Rotlichtviertel Sazhui, in dem Tausende von Mädchen in den Gassen sitzen, sich mit Wachsmasken Backenhäarchen entreißen, falsche Augenbrauen und Fingernägel anbringen lassen, während sie auf einen Freier warten, der sie zur Konkubine macht?
Nein, zu diesen Fragen kriegt hier niemand Antwort. Die Frauen suchen Normalität um jeden Preis, alle tun so, als gehörten sie zu den Einwohnerinnen von Huang Gang, die tatsächlich die einzige Frau ihres Mannes sind und nur der billigen Mieten wegen hier leben. Immerhin sind das knapp über die Hälfte der Einwohnerinnen. Doch hier am Tisch hat jede beobachtet, dass Li Yangs “Gatte“ Jie Liang nur an zwei Wochenenden im Monat aus Hong Kong kommt – eine typische Frequenz für den „Mann“ einer Konkubine. “Er Nai” – zweite Milch – heißt dieses Arrangement auf Chinesisch.
Li Yang hat ihren Mitspielerinnen schon viel von Si Si erzählt: dass sie mit drei Jahren in die Ballettschule soll und später einmal Anwältin oder Ärztin werden wird. Kein Wort aber darüber, dass ihr Mann mit einer Hong Kong-Chinesin verheiratet ist, zwei Töchter hat und sie nur seine Er Nai ist, der er Wohnung und Unterhalt zahlt.
Die Schamvolle
Das Kindermädchen Xue Bing sinkt am nächsten Tag im Kindermodeladen “Raupe” auf einen Plastikschemel und stöhnt. “Endlich mal raus aus der Siedlung”, klagt sie ihrer Cousine, Sheng Hong, der Besitzerin des Ladens. „Die Frau meckert ständig an mir rum, halst mir Si Si auf, damit sie Mah Jong spielen kann!” Ein Gedanke verscheucht die Falten auf ihrer ebenmäßigen Stirn, verwandelt ihren Regenbogenmund in ein Lächeln. Sie ist schön, Ende dreißig. “Manchmal will ich zurück gehen”, seufzt sie.
Zurück, das ist die Stadt Huangshi, in der Provinz Hubei. Nachdem ihr Mann die Kasse seiner Firma veruntreut hatte und ins Gefängnis kam, schämte sie sich so sehr, dass sie nur noch fort wollte. Wo sollte sie hin, wenn nicht nach Shenzhen, dem “Fenster Chinas”, einer Stadt ohne Vergangenheit? 1980 erklärte die Regierung das Fischerdorf zur ersten Freihandelszone der Volksrepublik, um Firmen aus Hong Kong anzulocken. Menschen aus allen Teilen Chinas strömten auf der Suche nach Arbeit in den Ort. Die meisten waren jung. Und weiblich.
Xue Bing fand keine Arbeit, aber wurde über eine Freundin einem Lastwagenfahrer aus Hong Kong vorgestellt. Selbst mit seinem Beruf verdient er genug, um einer Frau aus der Provinz die Miete zahlen und sie damit an sich binden zu können. Die Wohnung vermittelte einer seiner Freunde, bei dessen Konkubine Xue Bing auch ein Zubrot als Kindermädchen fand. Sie gehörte nun zum “Konkubinen-Dorf”, war Teil eines informellen Netzwerks, in dem sich gegenseitig mit Wohnung und Arbeit ausgeholfen wird, was letztlich dazu führt, dass in bestimmten Stadtteilen besonders viele Konkubinen leben.
“Am Anfang wollte er nur Sex, mittlerweile liebt er mich und wird mich nicht verlassen”, murmelt Xue Bing und hat wieder ihren starren, traurigen Blick. Auf die Frage, ob auch sie ihn liebe, sagt sie: “Er ist angenehm”. „Zurück in die Provinz“ würde für sie bedeuten, ihren Eltern zur Last zu fallen und jeden Tag an die Fehltritte ihres wirklichen Ehemannes erinnert zu werden. Dafür schämt sie sich mehr als für ihr Konkubinen-Leben, in dem sie zwei oder drei Mal den Monat etwas Zärtlichkeit gegen Geld eintauscht. Kein Geld zu haben kann in China für manch einen schlimmer sein, als dafür Liebe geben zu müssen. Schließlich heißt selbst ein Stein des Mah Jong-Spiels „Geld machen“ – „Fa Cai“. Einen für „lieben“ gibt es nicht.
Der Frau ihres Hong Konger Geliebten ist Xue Bing noch nie begegnet, “wir wollen uns nicht verletzen”. Ihren Platz einnehmen wird sie auch nie. “Sie hat sich mit der Situation abgefunden, um eine Scheidung zu verhindern”, steht ihre Cousine Sheng Hong bei.
Die Möchtegern-Konkubine
„Ich wäre gerne Er Nai“, sagt Sheng Hong mit einem viel sagenden Blick auf ihren elfjähriger Sohn Xiao Xiao, der gelangweilt vor dem Computer hampelt, aufspringt, um die Kleiderständer rennt, seine Mutter knufft. „Dann könnte ich mich um Xiao Xiao und den Haushalt kümmern, wie es sich gehört.“ Im Trainingsanzug und Badeschlappen schlurft sie hin und her, um Jäckchen und Höschen aufzuhängen und fixiert mit vor Müdigkeit wässrigen Augen einen Kunden beim Betreten ihres Laden.
Zwölf Stunden bedient sie jeden Tag. Ihr Laden wirft einfach nicht genug ab. „In der Kaiserzeit hat das Konkubinat doch auch Tausende von Jahren lang funktioniert!“ sagt sie. Da sei China ein mächtiges Land gewesen. Nicht nur die Herrscher unterhielten Harems mit Dutzenden von Frauen. Nein, selbst hohe Beamte hatten ausreichend Gespielinnen. “Ein reicher Mann versorgt mehrere Frauen, sie geben ihm dafür Zärtlichkeit und stärken ihm den Rücken, um seine Aufgabe in der Welt zu meistern. Das ist allemal besser, als diese Einsamkeit heutzutage, die alle überfordert.“
Ihren Mann hat sie verlassen, nachdem seine Geliebte ihr mit einem Messer das Gesicht zerschneiden wollte. “Wäre ich nur toleranter gegenüber seinen Seitensprüngen gewesen!“ wirft sie sich heute vor. „Jetzt bin ich ganz auf mich allein gestellt.“ Wenn sie für Xiao Xiao einen Babysitter findet, versucht sie ihr Glück in Kupplerbars wie dem „Yes“ oder „Circle“, doch meistens fühlt sie sich dort noch einsamer als allein zu Hause. „Gäbe es doch nur Gesetze, die das Konkubinat regelten“, sagt sie, „dann wäre vieles einfacher.“
Laut Gesetz droht einem Mann, der eine Konkubine unterhält, zwar Gefängnis. Doch die Behörden greifen erst ein, wenn die Verhältnisse zu offenkundig werden. Als die Journalistin Tu Qiao das Buch “Bittere Braut” veröffentlichte, ließ die Stadtregierung Shenzhen die Siedlung, die darin beschrieben wird, abreißen – eine Beruhigungspille für die immer noch sehr prüde chinesische Öffentlichkeit, denn die anderen Konkubinen-Dörfer blieben unberührt. Auch sonst überall im Land feiert die uralte Institution des Konkubinats ihre Renaissance, die durch den Reichtum und die Freiheiten vieler Geschäftsleute aus der Stadt und die weiter bestehende Armut auf dem Land möglich geworden ist.
Gleichzeitig sind in vielen Teilen Chinas arrangierte Ehen weiterhin üblich und Scheidungen schlecht geduldet, dürfen im Fernsehen und Kino keine Sexszenen vorkommen und werden selbst in Shenzhen Singles über 25 Jahren unablässig von ihren Familien gedrängt, endlich zu heiraten. In diesem Wirrwarr aus Tradition und Moderne bietet sich das Konkubinat als Kompromiss an, durch den so manch ein frühzeitiger Ehemann zur wirklichen Liebe seines Lebens gefunden hat.
Die verwirrte Siegerin
Neun Uhr abends am Eingang der Karaoke-Bar “Oriental Pearl”. “Husch, Husch, in einer Linie gestanden!”, faucht eine hochgewachsene Dame im Blazeranzug ein halbes Dutzend bildhübscher Mädchen an, die meisten kaum älter als achtzehn Jahre und uniformiert in engen, goldbestickten Kleidern mit Seitenschlitz, die erst knapp unter der Hüfte enden. Die Mädchen stehen vor dem Abmarsch zu ihrem nächsten Einsatz still, stelzen dann auf hohen Hacken durch eine Halle mit Plastikkassetten unter der Decke und Falschgold-Ornamenten an den Wänden, treffen dort auf andere Mädchentrupps und landen schließlich in Séparées, in denen je eine Sofagarnitur auf einen großen Bildschirm ausgerichtet ist. Ein Kellner, ebenfalls im goldbestickten Kostüm, mixt schon mal Wodka und Lemon in Karaffen als Einstimmung auf das, was nun kommen wird.
Su Yuqing, genannt Diana, betritt – nein, sie erobert – den Raum, gefolgt von drei Geschäftsleuten und ebenso vielen Mädchen, die sich in bunter und zunächst noch gesitteter Reihe aufs Sofa setzen. Mit ihrer Reibeisen-Stimme fordert die 29-jährige Diana zum Trinken auf, kippt ihr Glas auf Ex. Sie grölt zu den Schnulzen auf dem Bildschirm, verzerrt ihr Gesicht, wirbelt ihr gewelltes Haar. Sie wird die Gesellschaft schon noch locker kriegen.
Ihr liegt die Rolle der Stimmungskanone, deshalb kommen die Männer mit ihr in die Bar. „Marketing“ nennt Diana ihre Arbeit, die sie sich mit einer Provision vom Honorar der Mädchen bezahlen lässt. Auch die Mädchen hat sie in den Oriental Pearl-Club eingeführt, vor dessen Türen jeden Tag Dutzende von Schönheiten um Arbeit betteln.
Die drei schmiegen sich an die Herren, die Herren fummeln ein wenig am Knie ihrer Begleiterinnen. Sie saufen weiter. Necken sich. Saufen. Ein Paar liegt plötzlich aufeinander. Ein Mädchen versucht, ihren Fang in die Toilette des Séparées zu ziehen. Diana wirft der dritten einen zornigen Blick zu, weil sie den Mann nach seiner Visitenkarte gefragt hat. Das bedroht ihr Geschäft. Wenn ein Mädchen den Kunden privat treffen kann – vielleicht sogar von ihm als Konkubine ausgehalten wird – ist sie raus aus dem Verwertungskreislauf der Bar und Diana verliert ihre Provision.
Bis vor wenigen Jahren führte der Weg von Provinzschönheiten über die Fabriken Shenzhens ins Konkubinat. Sie hofften am Wochenende bei Zufallsbegegnungen in Bars und Restaurants den Richtigen zu finden. Mit den Karaoke-Bars ist mittlerweile eine Amüsierindustrie entstanden, die das Tor zum Konkubinat öffnet. In den Séparées haben die Mädchen ein Stell-dich-ein mit der Prostitution, um ihr Ziel zu erreichen, das nur knapp darüber liegt: Die bezahlte Ehe. Nicht mal einen Trauschein können sie erwarten.
Die Männer, die es sich leisten können, nutzen die Chance: Eine Er Nai zu unterhalten, erhöht ihren sozialen Status. Wenn ihnen eine Amüsierdame zusagt und sie nicht wollen, dass sie auch mit anderen Männern singt, trinkt und schläft, mieten sie ihr eine Wohnung und zahlen Unterhalt. Diana kennt sie übergenug, die Prahlerei reicher Kunden, die nicht nur eine, sondern gleich mehrere Konkubinen unterhalten, um sie in Karaoke-Bars oder Abendessen im großen Kreis den Freunden zu präsentieren – freilich ohne zu wissen, dass auch so manche Er Nai mehreren Herren gleichzeitig dient, um Miete nebst Unterhalt mehrfach zu kassieren.
Einige ihrer hohen Herren ahnen auch nicht, dass sich ihre rechtmäßig angetrauten Gattinnen ähnlich generös versorgen lassen wie sie. Durch die Gänge des Oriental Pearl-Clubs flanieren Jünglinge im weißen Anzug. Ihre Hände sind gepflegt und die Haare zum modischen Wuschellook gesprayt. “Ya Zi”, Ente, heißen sie im Fachjargon und verschwinden in Séparées, auf deren Sofas Damen warten, die für die Untreue ihrer Gatten die adäquate Antwort gefunden haben.
Am nächsten Nachmittag, kurz nach dem Aufstehen, sitzt Diana in ihrem eigenen Restaurant, „Kenjoy Diner´s“, und telefoniert – mit jedem Gesprächspartner nur kurz, insgesamt aber Stunden lang. “Hast Du meine neuen Kleinen schon gesehen?” fragt sie einen Kunden, der kürzlich zu Gast im Kenjoys Diner war und sich anschließend in eine Karaoke-Bar vermitteln ließ. Sie kennt den Wunsch der Mädchen nach Normalität, einem Auskommen und Geborgenheit. Sie hat das Programm selbst mitgemacht. “Es gibt für uns zwei Wege: Entweder der Typ heiratet einen tatsächlich oder man eröffnet ein Business, um finanziell auf eigenen Füßen zu stehen.”
Sie hat Option Zwei gewählt. „Kenjoys Diner’s“ führt sie gemeinsam mit drei ehemaligen Konkubinen. Das Geld für die Investition sparte sie während ihrer eigenen fünf Jahre als Er Nai. “Sechstausend Euro hat er mir im Monat gezahlt”, brummt Diana mit noch versoffener Stimme, “ein Bauunternehmer aus Hong Kong, zehn Jahre älter als ich.” Er kam fast jedes Wochenende. “Ich habe mich nie als Zweitfrau gefühlt.” Sie hat auch lange nicht gewusst, dass sie eine war.
„Ich dachte, Typen, die am Wochenende Zeit für Ausflüge nach Shenzhen haben, können doch nicht verheiratet sein“, erzählt sie. „War damals noch ziemlich naiv.“ Verständlich, denn sie war erst kurz zuvor aus der Provinz Guangxi gekommen, wo sie als Kind eines Räucherstäbchenverkäufers aufgewachsen war. Was hätte sie nach der Schule tun sollen? Ihrem Vater im Laden helfen? Sie wollte mehr. Mehr Geld vor allem, der Rest des Lebensglücks würde dann schon folgen.
Sie ging nach Shenzhen und kellnerte in einem Restaurant. Ein Mann im Rasierwasser umwehten Anzug, zehn Jahre älter als sie, war in steigender Frequenz zu Gast. Er gefiel ihr gut, führte sie in teure Restaurants und Bars aus, schwor ihr seine Liebe. Diana war im Märchenland angekommen.
Erst nach eineinhalb Jahren erzählte er ihr von seiner Ehefrau vierzig Zugminuten im “Konkubinen-Express” entfernt. “Ich liebte ihn und konnte mich nicht von ihm trennen”, sagt sie und dreht einen Goldring mit Achatbesatz, der viel zu zierlich für ihre kräftigen Finger ist. Erst nach fünf Jahren kam er mit ihrer energischen Art nicht mehr zurecht. Sie trennten sich, aber Diana hatte schon genug gespart, um eine selbständige Existenz aufzubauen.
Vor dem Restaurant wartet ihr Chauffeur in einem schwarzen Toyota und bringt sie zum Tempel Xian Hu. Ihre Schwester starb vor einem Jahr nach langem Krebsleiden, und Diana will für ihre Seele opfern. Dass sie als Er Nai ihr Geld verdient hat und heute in Karaoke-Bars Männer unterhält, hat ihre Familie nie erfahren. Zu Hause war sie Kellnerin, Marketing Managerin, dann Restaurant-Besitzerin. Alle sind stolz auf Diana, weil sie die krebskranke Schwester jahrelang aufnehmen und Medikamente zahlen konnte. Sogar die Tochter von Freunden, die bei einem Autounfall tödlich verunglückten, ist bei ihr untergekommen.
Der Tempel liegt auf einer Anhöhe, hat aber eine Niederlassung im 15. Stock eines Hochhauses am Fuße des Hügels, damit die Besucher keine Treppen steigen müssen, sondern mit dem Aufzug hingelangen. Im Wohnzimmer des Appartments hat der Abt einen Altar aufgebaut mit Buddha-Statuen, Opferschalen und Räucherstäbchen. Angehörige von Verstorbenen knien auf Schemeln, drei Mönche schlagen Gongs und murmeln Gebete, Vöglein zwitschern – das Anrufsignal von Dianas Handy. Sie schlüpft ins Nebenzimmer und nimmt ab. “Meine neuen Kleinen? Ja, die kannst du kennen lernen…”
Während der Zeremonie muss sie noch vier weitere Male telefonieren. Der Blick des Abts verfinstert sich von Mal zu Mal. Diana wird nicht verlegen. “Abt, die Banane in Deiner Handtasche stinkt”, neckt sie ihn und verabschiedet sich in den Hof des Gebäudes, um Papiergeld zu verbrennen, auf dass ihre Schwester im Jenseits reicher und zufriedener weiterlebe als in ihrem bisherigen Leben.
Powerfrau Diana hat nun ein unabhängiges Leben und viel Geld, aber immer noch keinen Lebenspartner außerhalb des Karaoke-Milieus gefunden. „Chinesische Männer kommen mit meiner energischen Art nicht zurecht“, sagt sie. Gleich wird sie sich mit ihrem Toyota in ihre zweihundert Quadratmeter große Wohnung fahren lassen und sich für die nächste durchzechte Nacht im Oriental Pearl frisch machen. Vielleicht wird sie vorher noch schnell in eins der drei Fotoalben schauen, die von vorne bis hinten mit Selbstporträts gefüllt sind, weichgezeichnet und ohne jeden Karaoke-Schmuddel. Sie wird auf jeden Fall das Selbstporträt in Plakatgröße über ihrem Bett sehen, das dort wie ein “Wer bin ich?”-Mandala zur täglichen Meditation hängt.
Und noch ein Akt
Huang Gang, im Séparée des Restaurants „Goldstrand“ feiert Si Si ihren ersten Geburtstag. Der war eigentlich schon vor zwei Tagen, aber feiern kann sie erst heute, am Wochenende, wenn Papa aus Hong Kong kommt. Yang Jings Freundinnen sind gekommen und spielen Mah Jong, heute mit etwas moderateren Wetteinsätzen. Auch Sheng Hong spielt mit. Ihr Sohn Xiao Xiao schaut sich gemeinsam mit der Tochter einer Mah Jong-Kameradin Zeichentrickfilme im Fernsehen an. Ihre Mutter hat “keine Zeit” zum Feiern, was in Huang Gang soviel heißt wie “ihr Typ aus Hong Kong ist da”.
“Um fünf Uhr kommt mein Mann”, kündigt Yang Jing an. Das freut alle, vor allem weil es dann Essen gibt. Jie Liang kommt aber eine Stunde zu spät. “War heute viel Verkehr, von Hong Kong hier her”, entschuldigt er sich. Er nimmt Si Si auf den Arm und gibt ihr einen Kuss. Jie Liang hat ein schmales Gesicht, große Augen und volle Lippen. Er ist nur wenig älter als Yang Jing. Die beiden setzen sich nebeneinander an den runden Tisch und eröffnen die Tafel. Sie passen gut zueinander – wie ein glückliches Ehepaar.“Schwiegermama hat sich sehr gefreut, dass wir bald einen Sohn bekommen werden”, verkündet Yang Jing die Neuigkeit des Tages und genießt die Glückwünsche. Niemand fragt, warum die Schwiegermama denn nicht erschienen ist. Der Sohn wird Jie Liangs Linie sichern und außerdem Li Yangs Position als Zweitfrau. Es gibt überbackene Schrimps, scharfen Tofu, Gürtelfisch in Sojasauce und Eierpastete. Nach nur eineinhalb Stunden ist das Festmahl zu Ende. “Morgen muss Jie Liang wieder zurück nach Hong Kong zur Arbeit”, entschuldigt Yang Jing. Niemand fragt, warum ein Goldschmied auch am Sonntag arbeiten muss.
*Name geändert