Der Feind im Mohnfeld
Autor: Carsten Stormer
Über der Front steht ein himmelhoher Feuerball. Robert Dawson duckt sich in den Schatten eines Bunkers und putzt die 5.56 Millimeter Patronen seines Sturmgewehrs mit baby wipes, feuchten Taschentüchern, damit sie „im Gefecht mein Gewehr nicht blockieren.“ Anschließend zerlegt er die Waffe und schrubbt mit einer Zahnbürste die letzten Stäubchen aus allen Winklen. Schon in der Ausbildung wurde ihm eingetrichtert, dass er sein Gewehr lieben solle wie seine Frau – nur, dass ihn nicht die Waffe betrügen wird, wenn er sie gut behandelt. Wüstensand kriecht in jede Pore, setzt sich in den Haaren fest, Staub verklebt die Augen. Dazu diese verdammte Hitze! Schweiß mischt sich mit Staub, wird zu Schlamm, trocknet auf der Haut und macht die Menschen grau.
Sergeant Dawson ist ein kräftiger Mann mit kurz geschorenem , blondem Haar und sonneverbranntem Gesicht, der älter als seine 24 Jahre aussieht. Eigentlich sollten er und der Rest der Kompanie auf einer Fregatte durchs Mittelmeer kreuzen. Das hatten ihm seine Vorgesetzten versprochen, als er nach seinem letzten Einsatz aus Falludscha und Ramadi zurückgekehrt war, den Terrorhochburgen im Irak. Kreuzfahrt gestrichen! Statt nach Griechenland, Israel, Spanien und Zypern hat man seine Einheit nach Afghanistan geschickt, in das Städtchen Garmsir, tief in den Süden der Provinz Helmand, wo die Gotteskrieger Dorf um Dorf besetzt haben und hunderte Kämpfer aus Pakistan eingesickert sind.
In diesem Paralleluniversum zur zivilisierten Welt, kämpfen amerikanische, britische und afghanische Soldaten für Freiheit, Frieden, Pluralismus; diese großen Wörter die so wenig bedeuten, an Orten, an denen sich menschliche Bomben per Express zu ihrem Gott sprengen. Ende April setzten US-Hubschrauber Robert Dawson mit einem Bataillon hinter den feindlichen Linien ab. Der Auftrag lautete, die Taliban zu verjagen und die ausgelaugten britischen Truppen zu unterstützen, die fast täglich in blutige Gefechte verwickelt wurden. „Fünfzehn Tage ballerten „diese Turbantypen aus allen Rohren auf uns, mit Kalaschnikows, Raketen, Mörsern, Panzerfäusten.“ Er und seine Kameraden schliefen in ausgetrockneten Flussbetten in Lehmhütten, aus denen sie die Bewohner vertrieben hatten, oder verkrochen sich in einem der unzähligen Schlafmohn- und Marihuanafelder. „Wir haben sie überrannt“, mit allem, was das Marine Corps zu bieten hat – Artillerie, Kampfhubschrauber, Harrier-Kampfjets. Die Einwohner flohen in die Wüste und warteten darauf, dass die Kämpfe abflauten. Als sie wieder auftauchten, hatten sie die Drohungen der Taliban so eingeschüchtert, dass sie sich nicht trauten, Nahrungsmittel und Geschenke der Amerikaner anzunehmen.
Die Taliban wissen, dass die Marines ihren Stützpunkt Garmsir im September verlassen. Briten und ein paar Dutzend afghanische Soldaten werden nach ihnen die Außenposten besetzen . Inzwischen beschränken sich die Extremisten auf ihre erfolgreiche Guerillataktik; verscharren Minen auf Wegen, auf denen Amerikaner patrouillieren, verstecken Sprengfallen am Straßenrand oder schicken ein paar Selbstmordattentäter los.
Sind die Marines erst mal fort, fällt Garmsir wieder in die Hände der Taliban, glaubt Dawson. Weil die Briten nicht genug Leute haben, um die Stellung zu halten. „Motherfuckers!“, schimpft Dawson. „Wahrscheinlich schickt man uns nächstes Jahr wieder hierher zurück, um gegen die gleichen Bastarde zu kämpfen.“
Seit vier Monaten haben sich die Amerikaner am Rande der Wüste festgebissen; hausen in einer kleinen Festung aus Stacheldraht, Bunkern und Sandsäcken. „Wir essen aus Tüten, wir kacken in Tüten“, sagt ein Soldat. „Ich würde gerne mal wieder richtig duschen! Ist schon ein paar Monate her.“ Dies ist der Punkt, an dem es brenzlig wird; weil man in Gedanken schon zu Hause in North Carolina oder Tennesse ist „und nicht bei dem Kerl, der mit seiner Panzerfaust hinter einer Mauer lauert“, sagt Robert Dawson. Zeit wird zur Gefahr weil sie so langsam vergeht – zwischen Aufwachen im Morgengrauen, Tütenfutter um acht, Gewehr zerlegen, reinigen, zusammenbauen, Kartenspielen, Patrouille gehen, Kopf ausschalten. Mit jeder Sekunde, die man näher an die Heimat rückt, lässt die Konzentration ein Stückchen nach. In Garmsir kann das tödlich enden.
Die Hitze lähmt. Marines dösen auf ihren Feldbetten, starren auf die Unterseite ihres Ponchos, den sie zum Schutz gegen die Sonne aufgespannt haben, die Waffe immer griffbereit: „Ich bin zwanzig Jahre alt, sitze in der Scheiße und schwitze mir die Eier ab. What the fuck!“ sagt ein Soldat. Halbe Kinder, die von der Welt nicht viel mehr kennen, als ihr behütetes Elternhaus – und Krieg. Manche hatten noch nie eine feste Freundin, erleben aber schon ihren zweiten oder dritten Kriegseinsatz. Nachts spielen sie Poker oder erzählen immer dieselben Heldentaten, jedes Mal mit ein bisschen mehr Dramatik gepfeffert; in dem sinnlosen Versuch, Einsamkeit und Langeweile auszutricksen. Alle paar Wochen schaut ein Reporter vorbei und möchte wissen, wie viele Feinde und Zivilisten man schon getötet habe. Und ob die Soldaten für oder gegen den Krieg seien.
Einige drehen durch, wenn an ihrer Seite ein Freund getötet oder verstümmelt wird. Man erkennt sie am Tunnelblick. Manchmal reden sie tagelang kein Wort – in dieser Zeit lässt man sie besser in Ruhe; weil sie sich für ein paar Stunden in eine bessere Welt beamen, an Orte ohne miesen Fraß, Sand und Fanatikern im Vorgarten, die meinen, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie Ungläubige töten. Jeder macht diese Phase durch, sagt Dawson, das gibt sich wieder. Ein Mann müsse das aushalten. Immerhin sei man im Marine Corps, 1775 gegründet und somit ein Jahr älter als die Vereinigten Staaten. Das Corps hat in jedem Krieg gekämpft, den die USA geführt hat und ist so etwas wie Amerikas Pitbull: zum Töten abgerichtet. Nur Kameraden, die sich den Gewehrlauf in den Rachen schieben, schickt man besser nach Hause, bevor sie abdrücken.
Routinepatrouille am frühen Abend. Die Soldaten hören auf Nintendo und Poker zu spielen, schalten um auf Autopilot, prüfen ihre Waffen – und sind ab jetzt bereit, zu töten oder zu sterben. Eine Generation, die mit Videospielen wie World of Warcraft aufgewachsen ist, darf nun auf echte Ziele schießen. Die vergangenen Wochen seien relativ ruhig gewesen, doch seit einigen Tagen testen die Taliban mal wieder, wie weit sie gehen können. Je näher der Termin rückt, an dem die Marines abziehen, desto mutiger wird der Feind. Ein paar Kilometer von Bravo Company entfernt, greifen sie Alpha Company an; eine Viertelstunde lang rattern Maschinengewehre und explodieren Granaten; Raketen und Granaten fliegen über das Lager hinweg, eine Klangwolke, die kilometerweit zu hören ist. Ständig treffen Patrouillen auf Sprengfallen, bald darauf fährt ein Humvee, ein gepanzerter Geländewagen, der Weapons Company auf eine Mine und brennt aus.
Im Westen versinkt die Sonne und taucht die Dünen in rosafarbenes Licht: Nur noch 42 Grad. Zehn Mann marschieren über Melonenfelder und Schotterstraßen, durchsuchen Fahrzeuge nach Sprengstoff oder Waffen, die Insassen müssen ihre Shalwar Kameez lüften, das traditionelle Gewand aus Oberhemd und Pluderhose, für den Fall, dass sich darunter ein Sprengstoffgürtel befindet.
Die Taliban operieren meistens nachts, aus Respekt vor der Feuerkraft der Amerikaner, erklärt Dawson. „Wenn sie uns mit Granaten beschießen, werfen wir ihnen eine 500 Pfund Bombe auf den Kopf oder pflastern sie mit Artillerie zu.“ Dass die Marines den Feind nicht besiegt haben, ist ihm klar. Sie verstecken sich und warten ab, „bis wir wieder abziehen.“ Bis dahin vergraben sie ihre Kalaschnikows in irgendwelchen Erdlöchern und bearbeiten in Ruhe ihre Felder. Irgendwann werden die gottlosen Besatzer schon verschwinden – so war’s schon mit den Russen.
Der Juni dieses Jahres war der verlustreichste Monat für amerikanische- und Koalitionstruppen seit Beginn des Krieges, 45 Soldaten starben – erstmals mehr als im Irak. Mindestens 25.000 Soldaten fordert General David McKiernan, Oberbefehlshaber der Nato-Truppen in Afghanistan, um in der Provinz Helmand für ein Mindestmaß an Sicherheit zu sorgen – fast ein Drittel aller in Afghanistan stationierten Truppen. „Das wäre nicht schlecht. Sonst wird es nie gelingen die Taliban zu besiegen“, fürchtet Robert Dawson – und mit ihnen die Drogenbarone, die den sogenannten Gotteskrieg finanzieren.
Mit ihren schusssicheren Westen, Helmen, Splitterschutzbrillen, den klobigen Funkgeräten auf dem Rücken und den Hightech Waffen über den Schultern, wirken sie in dieser Sandwelt wie Sturmtruppen aus einem Science-Fiction Film. Dennoch laufen barfüßige Kinder lachend auf sie zu und zupfen an den Uniformen. Ein Mädchen will Corporal Christopher Rios sogar einen winzigen Welpen andrehen. „Ein gutes Zeichen“, sagt der Corporal, „die Eltern verstecken ihre Kleinen nicht mehr aus Furcht vor uns.“ Aber Misstrauen gibt es weiterhin auf beiden Seiten. Warum schaut der Ziegenhirte dort drüben so grimmig? Hat er vielleicht eine Kalaschnikow oder ein Satellitentelefon unter seiner Shalwar Kamiz versteckt? Alte Männer fahren sich durch ihre langen weißen Bärte und blicken verwundert den schwerbewaffneten Ausländern hinterher, die ihnen zuwinken und sogar Grüße auf Paschtu zurufen.
An einem verwaisten Bazar stellt Dawson drei Männer zur Rede, die an einem weißen Toyota herumfummeln und versuchen, auffällig unauffällig zu wirken.
„Hey, Salamaleikum, der Bazar ist geschlossen. Was treibt ihr hier?“
„Wollen nur einen Reifen wechseln“, sagt einer der Männer ein großer, hagerer Mann, dessen Augen mit Kajal geschminkt sind. Er zündet sich eine Zigarette an und bläst Sergeant Dawson den Rauch ins Gesicht. Sein Mud lächelt, die Augen nicht.
Die Männer duften nach süßem, schwerem Parfum, tragen frischgestutzte Bärte und Haare, die Hände von Henna gefärbt. Ungewöhnlich in dieser Gegend, ein Indiz, dass man es mit potenziellen Selbstmordattentätern zu tun haben könnte. „Sie machen sich zurecht, bevor sie vor Allah treten“, sagt Dawson. Er gibt ein Handzeichen und zehn Männer gehen in Gefechtsstellung; drei Marines richten ihre Maschinengewehre auf die Verdächtigen, Finger streicheln Abzüge. Die anderen suchen mit ihren Zielfernrohren die Gegend ab; einer trommelt mit dem Zeigefinger auf den Lauf seiner Waffe und murmelt, dass die Kerle Dreck am Stecken haben, „ich kann das riechen.“ Ein Junge und ein Mädchen kommen auf einem Esel angetrabt, lassen sich von dem Spektakel nicht beeindrucken. und reiten ohne Eile weiter. Einige Soldaten blicken den Kindern kopfschüttelnd nach.
„Hey Rios, durchsuch die Karre“, ruft Robert Dawson dem Corporal zu. Der kriecht unter den Wagen, öffnet die Motorhaube, leuchtet mit einer Taschenlampe den Motorblock ab. Der Bazar ist wie leergefegt, vor den Auslagen hängen rostige Rollläden und Vorhängeschlösser. Kein Mensch weit und breit. Rios öffnet den Kofferraum. „Sarge, die haben das Reserverad nicht angerührt und einen Wagenheber gibt es auch nicht.“ „Wieso lügt ihr? Wie heißt ihr?“ zischt Sergeant Dawson die Männer an. Eingeschüchtert nennen die Drei ihre Namen: Abdul Walhi, Azmet Ahmed und Noor Mohammed. Dawson funkt die Namen ins Hauptquartier. „Vielleicht stehen die Typen auf unserer Fahndungsliste.“
Eine Stunde und unzählige Moskitostiche später krächzt eine Stimme aus dem Funkgerät: Die Männer werden tatsächlich gesucht. „Motherfuckers“, sagt Dawson. Die Afghanen atmen schwer und der Hagere spuckt verächtlich in den Staub, als ihm ein Soldat einen Schubser gibt. „Los, Mann, streck die Arme aus!“ Seine beiden Kumpane schweigen; kein Maulen oder Jammern, versteinerte Gesichter; zitternde Hände als einzige Gefühlsregung während ihnen Plastikfesseln angelegt werden. Eine halbe Stunde später kommen vier Humvees aus dem Lager angerollt. Die Gefangenen werden hineingestoßen. „Ein paar Schwanzlutscher weniger, die Ärger machen“, ruft jemand in die Nacht. Rückzug, Feierabend!
Am nächsten Morgen geht Sergeant Dawson ein bisschen aufrechter als sonst durch das Lager. Die Gefangenen wurden die ganze Nacht verhört. Vor ein paar Minuten kam die Bestätigung. Kein Zweifel; bei den Dreien handelt es sich um Taliban. Der Eine ist ein bekannter Bombenbastler. Der andere schmuggelt Selbstmordattentäter und Sprengstoff aus Pakistan nach Helmand, und der Dritte ist der Assistent eines örtlichen Talibankommandeurs. Unter ihren Kaftanen hatten sie Dollars, pakistanische Rupien und Afghanis versteckt; im Wert von mehreren tausend Euro. Zudem Briefe und Befehle ihrer Kommandeure. Und auf einer vor Tagen entschärften Mine fand man den Fingerabdruck eines der drei Gefangenen. Volltreffer! „Auch eine Art, die Kerle loszuwerden“, sagt Dawson, setzt sich in den Schatten des Bunkers und beginnt die Kugeln seines Gewehres zu schrubben.