Eigener Herd ist Goldes wert
Autor: Bernd Hauser
„Hier wollten die Deutschen ihr Paradies aufbauen! “, sagt Simon Mmakasa, 55, und eilt weiter zwischen den Bäumen hindurch. Vor einem Jahrhundert ließen sich deutsche Kolonialbeamte im Shengena-Wald nieder. Das Wehr aus Zement und Steinen, mit dem sie das Flüsschen Saseni aufstauten, um Fische zu züchten, zeugt von ihrem Traum eines Gutsherrenlebens in Afrika. Das Klima auf 2000 Metern Höhe ist angenehm. In dem Dach aus Baumkronen schreien Affen und Vögel. Lianen, die sich zu schenkeldicken Trossen winden, hängen von Urwaldriesen: Das ist der geschützte Nationalwald in den Pare-Bergen in der Region Kilimanjaro im Nordosten von Tansania, dem einstigen Deutsch-Ostafrika.
Aber nur ein paar Steinwürfe weiter ist die Idylle zu Ende, klaffen riesige Wunden im Wald. Plötzlich geht Mmakasa über helle Asche, durch ein Gewirr aus verkohlten Sträuchern und schwarz stakenden Baumstämmen, die Hosen sind bald voller Ruß. Dann ist Rauch zu sehen: Der Waldboden brennt!
Es ist kein spektakuläres Feuer. Als hätte die Glut alle Zeit der Welt, frisst sie sich langsam durch den Teppich aus verrottenden Blättern und Zweigen. Manchmal züngeln Flämmchen auf, nicht höher als die aus einem Feuerzeug. Vielleicht ist der Tau des nächsten Morgens stark genug, die Glut zu löschen. Aber vielleicht überlebt das Feuer auch glimmend und schwelend – bis der Wind es wieder anfacht, so dass die Flammen erneut über Sträucher und Bäume hinweg brausen und zu Tausenden vernichten. „Gott hat uns dieses Paradies gegeben“, ruft Simon Mmakasa. „Aber wir machen es kaputt! Aus Ignoranz, aus Gier, aus Not.“
Mmakasa, ein kleiner Mann mit großem Zorn, kämpft gegen die Zerstörung seiner Heimat und gleichzeitig für die Zukunft der einfachen Landbevölkerung. Der Physiker und ehemalige Gymnasiallehrer stammt aus den Pare-Bergen, die sich als langgestreckter Gebirgszug aus dem Tiefland erheben, das die deutschen Kolonialherren Massai-Steppe tauften und in den Karten immer noch so genannt wird. Eine Sekretärin, ein Mitarbeiter, Mmakasa: Das ist die Organisation SMECAO, die den Bauern beim Aufforsten hilft. Vor allem fördert sie aber die Verbreitung von Holz sparenden Herden aus Steinen und Lehm, um einer ökologischen Katastrophe entgegen zu wirken: Im Nationalwald, einem der letzten Waldrefugien, setzt sich derzeit fort, was im Tiefland und an den Hängen der Pare-Berge seit vielen Jahren geschieht: Das Abholzen von Bäumen, das Verschwinden ganzer Wälder.
Im Nationalwald brennen Schmuggler den Wald ab, um an besonders wertvolle Baumstämme heranzukommen. Daneben verursachen Kräutersammler und Hirten, die ihre Tiere illegal im geschützten Wald grasen lassen, Brände aus Unachtsamkeit: Mmakasa zeigt auf eine verlassene Feuerstelle direkt bei zundertrockenen Büschen. Es gebe auch Einheimische, die nicht verstehen wollten, warum der Wald schützenswert sei, während sie darben müssten – und den Wald aus Trotz gegen die Behörden anzünden. Der Hauptteil der Entwaldung in der Region Kilimanjaro gehe aber direkt auf das Konto der Armut, erklärt Mmakasa.
Aus Mangel an anderen Einkommensquellen brennen viele Familienväter Lehmziegel in selbst aufgeschichteten Meilern. Zur Befeuerung wird solides Rundholz benötigt: Vielen Akazien, die einst das Tiefland beherrschten, sind von ihren weit ausladenden Ästen nur Stümpfe geblieben. Manchmal klettern Männer bis in zwölf Meter Höhe, um einen der mächtigen Äste abzuschlagen und die Bäume wie amputiert zurückzulassen. Das grundlegende Problem hinter dem Raubbau in Savanne und Bergwald ist die Überbevölkerung. Laut Statistik bringt jede Frau im Durchschnitt fast sechs Kinder zur Welt. Junge Familien besetzen Brachland, brennen den Wald nieder, um Mais und Bohnen anbauen zu können.
Wie seit Jahrhunderten kochen die Frauen den täglichen Maisbrei über offenen Feuerstellen. Der Topf wird einfach auf drei große Steine gestellt, zwischen denen das Feuer brennt; der Rauch ist mörderisch, viele Frauen leiden an Atemwegs- und Augeninfektionen. Das tägliche Brennholz heranzuschaffen ist Aufgabe der Frauen – immer weiter wird der Radius um die Dörfer, in dem die Landschaft noch nicht völlig ausgeräumt ist und sie Brennholz finden. Im Tiefland sind sie mehrere Stunden unterwegs, um mit einem Bündel Dornbusch-Zweigen zurückzukommen.
Kankokoro ist so ein Dorf am Fuße der Pare-Berge, das von einem nackten, grauen Boden umgeben ist. Der Saseni fließt hindurch, das Flüsschen, das die Kolonialherren oben in den Bergen für ihre Fischzucht nutzten. Nur entlang des Flüsschens, wo die Felder künstlich bewässert werden können, ist die Landschaft grün. Dorfbewohnerin Leni Mbue, 43, hat in ihrem alten Fernseher erfahren, wie Besorgnis erregend die weltweite Veränderung des Klimas sei. „Aber wir haben drängendere Probleme“, sagt Mbue: „Hochwasser, Dürren, die Angst vor Hunger.“
Dabei sind diese Probleme mit Abholzung und Klimaveränderung eng verbunden, wie Mbue weiß: Seit flussaufwärts in den Bergen die Wälder schütter werden und damit nicht mehr so viel Wasser zurückhalten, kann der Saseni bei Regengüssen zu einem Strom werden, der Mensch, Vieh und die Reisernte auf den bewässerten Feldern bedroht. An den entwaldeten Hängen reißen die Regengüsse wertvollen Mutterboden mit sich, und die Erträge sinken. „Vor allem werden die Regenzeiten unregelmäßiger und kürzer, sie dauern statt drei Monaten teils nur noch zwei Monate“, sagt Simon Mmakasa: „Die Ernten werden schlechter.“ Trotzdem geht Leni Mbue immer wieder hinauf in die Hänge, um Holz zu sammeln. „Es gibt keine Alternative“, sagt die Mutter von vier Kindern – ohne Feuerholz kein Essen.
„Also muss es darum gehen, Feuerholz zumindest einzusparen“, argumentiert Simon Mmakasa. Deshalb zeigen von SMECAO beauftragte Maurer den Bäuerinnen, wie sie einen Herd errichten können, dessen Bau und Betrieb denkbar einfach ist. Aufgemauert wird er aus lokal vorhandenen Steinen und Lehm – Materialkosten fallen keine an. Befeuert wird der Herd über zwei Öffnungen am Boden. Ein Schornstein sorgt dafür, dass die Köchinnen nicht mehr unter dem Rauch leiden. Ein Metallschieber im Schornstein regelt den Durchzug der Luft und damit die Stärke des Feuers. Der Herd ist eine echte Innovation. Auf den offenen Feuern kann nur ein Topf stehen – der Herd besitzt zwei Kochstellen. Vor allem aber verbraucht er fünfzig Prozent weniger Feuerholz – eine fünfköpfige Familie spart so pro Woche 20 bis 35 Kilogramm, also bis zu 1,5 Tonnen im Jahr. Statt Holz zu sammeln, haben die Mädchen und Frauen Energie und Zeit für andere Tätigkeiten. Ein Nebeneffekt: Durch jeden Herd wird der Atmosphäre pro Jahr eine Tonne Kohlendioxid erspart. Das entspricht dem Kohlendioxid-Ausstoß einer 3000 Kilometer langen Autofahrt.
Leni Mbue ist eine der ersten Frauen in Kankokoro, die sich einen Lehmherd in die Küche holten. Jetzt versucht sie Nachbarinnen davon zu überzeugen: „Es bringt nichts für die Umwelt, wenn nur wenige Familien den Herd benutzen.“ Die Dorfbewohner seien konservativ und abwartend – bis sie die Vorteile mit eigenen Augen sähen: „Allein in dieser Woche haben sich vier Frauen einen neuen Ofen gebaut.“ Außerdem verteilt SMECAO Samen und Folie, damit die Dorfbewohner kleine Baumschulen anlegen können. Insgesamt hat Simon Mmakasas Organisation in der Region 40.000 Lehmöfen und das Pflanzen von 800.000 Bäumen initiiert. Die Schösslinge werden zum Aufforsten nach Waldbränden benutzt, zum Stabilisieren steiler Hänge, aber auch nahe der Häuser gepflanzt, als Schattenspender und als Brennholzlieferanten.
Dass die Lehmöfen und die Baumschulen allein die Umwelt retten, daran glaubt Simon Mmakasa nicht. „Aber unsere Arbeit wirkt tiefer“, glaubt er: „Wir machen den Menschen ökologische Zusammenhänge bewusst.“ Seit einigen Jahren setze er verstärkt auf politische Lobby-Arbeit: „Wir brauchen eine neue, angepasste Landwirtschaft.“ Zum Beispiel dürfe das Buschland nicht mehr mit frei laufenden Herden überweidet werden, deren Tiere alle Baumschösslinge abfressen. Bei Bauern, Bürgermeistern und Behörden setzt sich Mmakasa dafür ein, dass keine neuen Waldstücke der Brandrodung zum Opfer fallen.
Auf der Rückfahrt zu Mmakasas Büro in der Kleinstadt Same wachsen die Pare-Berge wie eine steile Wand aus dem Tiefland. „Schauen Sie, dort oben ist der Mwala-Wald“, sagt Mmakasa und deutet auf einen Abschnitt des Gebirges. „Dieser Wald ist unberührt.“ Aus spirituellen Gründen ließen die Bauern ihn seit Menschengedenken in Frieden. Über dem Wald stehen mächtige Wolken: Aus den Baumblättern verdunstet Wasser in die Luft. Hoffentlich bringen die Wolken dem grauen, nackten Boden im Tiefland Regen. Überall sonst ist der Himmel blau und leer.