Zeitenspiegel Reportagen

Operation Gold

Erschienen in "Focus", Nr. 3/2007

Von Autor Tilman Wörtz

Dumbstruck with amazement, humanity will honor the “rebirth of a nation”: The 2008 Olympic Games in Peking are meant to be China’s triumphant cakewalk.

“Sag’s nicht!” fällt ein junger Kerl der Hürdenläuferin Xiao Xiao Huang ins Wort. Gerade wollte sie erzählen, welche Prämie ihr für den Gewinn einer Olympiamedaille winkt. Diese Information soll aber nicht an die Öffentlichkeit, dafür sorgt der Aufpasser vom Leichtathletik-Verband.

Er hat gut daran getan, fürs Vorzeigetraining eine Medaillenhoffnung für die Olympiade auszuwählen, die sich 2008 in Peking abspielen wird. Die 23-jährige ist außerdem hübsch: Die hohen Wangenknochen stehen ihr gut, den modischen Wuschelkopf wirft sie gerne in den Nacken, wenn sie lacht. Und das tut sie oft.

An diesem Morgen federt sie wieder einmal neben der frisch verlegten Tartanbahn des chinesischen Leichtathletikzentrums in Peking von einem Gazellenbein aufs andere, lockert Sehnen und Muskeln, während Trainer Zhang mit Hilfe einer Skizze erklärt, wie sie die paar Hundertstel Sekunden rausholen kann, um aufs Siegertreppchen zu gelangen.

“Zwischen Hürde sechs und neun musst du den Schrittrhythmus ändern”, gibt er seine Analyse von Videos mit Rennszenen der weltbesten Läuferinnen weiter. Die Videos hat ihm der Technische Dienst der Generalverwaltung für Sport besorgt, der nur ein paar Schritte entfernt in einem fünfstöckigen, silbergrauen Quader residiert. Die Generalverwaltung bestimmt, welche Geräte und Prämien die Sportler für die Vorbereitung auf Olympia bekommen, legt die Zahl von Trainern und Athleten fest. 3600 Sportler trainieren für die Sommerspiele 2008, dreimal so viele wie für Athen 2004. Mehr als 20 Milliarden Euro gibt China dafür aus. Alles im Rahmen des “Strategischen Plans zum Gewinnen von Olympischen Medaillen 2008”, kurz Goldplan genannt.

Eine Generalmobilmachung hat die Regierung für die Spiele in zwei Jahren angeordnet: Die Hauptstadt ist eine Baustelle, auf der Olympiastadion, Cyklodrom, vierspurige Straßen und U-Bahn-Linien in Rekordzeit aus dem Boden gestampft werden. Das Vorbereitungskomitee der Spiele, das ebenfalls in dem Quader residiert, gibt Dutzende Werbefilme in Auftrag, die all das zeigen, was schön in China ist: Große Mauer und Teehäuser, Wolkenkratzer und fröhliche Teenager mit Handys. Die Welt soll endgültig die Bilder von Mao-Uniformen und erschossenen Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens vergessen, wenn Athletinnen wie Xiao Xiao Huang der Welt die Größe Chinas im olympischen Wettkampf beweisen.

Wer verstehen will, weshalb China auch als Sportnation in so kurzer Zeit eine internationale Spitzenposition erreicht hat, wer also den “Goldplan” entziffern will, muss eine lange Reise durch das Land auf sich nehmen.

Heilongjiang, Nordchina. Das Wassersportzentrum San Dao Zhen liegt im Nirgendwo an der Grenze zu Sibirien. Zum nächsten Städtchen sind´s zwei Stunden Autofahrt. Im Winter erstarren Seen, Hügel und Wälder bei vierzig Grad unter Null zu einer bizarren Eiswüste. Im Sommer zaubert die Sonne Lichtreflexe auf den See.

“Hallo Mädels”, grüßt auf deutsch eine gut gelaunte Stimme die zehn Kanutinnen der chinesischen Olympia-Mannschaft, die auf dem Bootssteg wartet. Die Stimme gehört Josef Capousek, einem großen Mann mit rundem Gesicht und weiß umlocktem Haupt. Ein Onkeltyp. “Guten Morgen”, gibt der Übersetzer den Gruß versteift weiter.

Die Frauen stützen sich auf die Paddel und beobachten den Ausländer mit lauernden Blicken, die sagen sollen: Was willst du heute schon wieder von uns? “Fahrt mit einer mittleren Frequenz von neunzig Schlägen pro Minute”, sagt Capousek und rudert den Rhythmus in der Luft vor. “Nicht allein die Kraft ist entscheidend, sondern wie ihr sie in Antrieb umsetzt. Aus der Hüfte raus müsst ihr rudern, nicht nur mit den Armen!” Die Athletinnen lassen zwei Viererkajaks zu Wasser und bringen ihre muskulösen Rücken in den schlanken Booten in Stellung, bereit, den See umzugraben. Capousek begleitet sie im Motorboot neben der Strecke, die Bojen markieren.

Vor einem Jahr hat der chinesische Kanuverband den gebürtigen Tschechen für die Olympiamannschaft unter Vertrag genommen. “Wie viele Medaillen können Sie für uns holen?” lautete damals eine der Einstellungsfragen. Capousek hat sie nicht beantwortet, aber auch keinen Zweifel daran gelassen, dass er nach der Trennung von seiner Lebensgefährtin Birgit Fischer die Aufgabe annehmen wollte. Fischer war mit acht Gold- und vier Silbermedaillen die erfolgreichste deutsche Olympionikin aller Zeiten und Capousek ihr Trainer. Nun soll er aus den Chinesinnen lauter Birgit Fischers machen.

Für einen Laien ist auf den ersten Blick kaum auszumachen, was ihn dabei zunehmend seufzen lässt: Einige Athletinnen ziehen ihr Paddel schon aus dem Wasser, bevor sie es bis zur Hüfte durchgedrückt haben. “Euch geht die Gleitphase verloren!” schreit Capousek, nun nicht mehr netter Onkel, sondern wütender Trainer. Die Zeit bis zur Olympiade ist knapp, um aus einer bisher vernachlässigten Sportart eine Medaillen-Presse zu machen.

“Zwölf mal Edelmetall ist für Kanu drin”, sagt Capousek, “das macht diese Disziplin zu einem wichtigen Teil des Plans 119.” Der Plan 119, das ist ein Unterplan des Goldplans. Die meisten Medaillen bei Olympia sind mit Leichtathletik, Schwimmen und Wassersport zu holen: 119 mal Gold, Silber und Bronze. Ausgerechnet in diesen Disziplinen aber waren die Leistungen der Chinesen bisher kaum der Rede wert. Es hieß sogar, sie wären der Konkurrenz aus den USA, Russland und Europa körperlich nicht gewachsen. Deshalb konzentrierte man sich im Reich der Mitte auf Erfolg versperchende Disziplinen wie Tischtennis, Turnen oder Badminton. Doch dann weckten die Goldmedaillen in Athen über 110-Meter Hürden der Männer und im Zweier-Kanu den Ehrgeiz der Planer in Peking.

Trainer-Importe wie Capousek sollen den Rückstand wettmachen. Das Prinzip ist das gleiche wie in der Wirtschaft: Joint-venture mit ausländischen Unternehmen haben dort für den raschen Transfer von Know-how nach China gesorgt und ein Wirtschaftswunder ermöglicht. Ausländisches Know-how soll nun auch im Sport das “Wunder von Peking” schaffen. Um die Spitzentrainer anzulocken, bietet man ihnen Konditionen wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Hinter der Böschung erhebt sich ein fünfstöckiger, weißer Klinkerbau, in dem zweihundert Athleten, Physiotherapeuten, Trainer und Köche wohnen können. Das Treppenhaus glänzt in geschliffenem Marmor. Im Nebengebäude trainieren Athleten in einem sechshundert Quadratmeter großen Kraftraum. “Nach einer Stippvisite an den See habe ich erwähnt, dass man hier im Sommer besser trainieren könne als im Süden. Da haben die Chinesen den Bau innerhalb von vier Monaten hingestellt”, erzählt Capousek, immer noch verdutzt von der Bereitschaft, Millionen in eine Sportart zu investieren, die keine Tradition in diesem Land hat.

Nicht einmal Pulsmesser benutzten die Kanuten bei seiner Ankunft. Capousek bestellte ein Dutzend und bekam Messgeräte geliefert, mit denen sich über Satellit sogar die Position jedes Kanus auf der Strecke bestimmen lässt. Auch abgewinkelte Paddel, die weniger Widerstand im Wasser erzeugen, waren den Chinesen neu. Capousek durfte das beste Modell von einem Hersteller aus Deutschland importieren.

“Denen kann nichts schnell genug gehen”, sagt er und schüttelt das weiße Haupt, “das ist nicht immer gut.” Als erste Amtshandlung schaffte er den zwölf Kilometer langen Morgenlauf ab, ebenso den anschließenden Fahnenappell im Hof. “So ein täglicher Härtetest bringt zwar schnell ein paar Muskeln, verhindert aber einen kontinuierlichen Leistungsaufbau bis auf Spitzenniveau.”

Am Bootshaus fängt er eine große Athletin im hautengen Trainingsanzug ab, Yali Yan, seine große Hoffnung: “Wen würdest du vorne in den Vierer setzen?” Die Frage verwirrt die 24-jährige, noch nie hat sie ein Trainer um ihre Meinung gebeten. Sie zögert. “Ich überleg mal”, weicht sie aus und verabschiedet sich aufs Zimmer, das sie mit einer Kameradin teilt.

Ein paar T-Shirts und Socken hängen auf Bügeln im Fensterrahmen. Die Wände des Raums sind kahl. Ihr Leben passt in einen Koffer, den sie von Wettkampf zu Wettkampf, Trainingscamp zu Trainingscamp schleppt. Punkt zehn Uhr schreibt die Hausordnung Bettruhe vor. Ausgang: verboten, außer Sonntags. Familie besuchen: verboten, außer einmal im Jahr zum Frühlingsfest. Fernsehen: verboten, außer im Gemeinschaftsraum. Sex mit den gut gebauten Kollegen ein Stockwert drunter: nicht ausdrücklich verboten, aber verpönt.

“Wir sollen uns ganz aufs Training konzentrieren”, sagt Yali Yan. Ihre Antworten sind kurz, auch in den Gesprächspausen bleibt ein schüchternes Lächeln in ihrem Gesicht hängen. Macht ihr das Training Spaß? Sie zuckt mit den Schultern. “Es ist mein Job.” Der Staat hat sie zur Kanutin gemacht, bevor sie überhaupt wusste, was das ist.

Reisbauern in den Bergen Sichuans, einer Provinz im Süden Chinas, fahren nun mal kein Kanu. In ihrem Dorf Sheng Li gibt es nicht mal fließend Wasser. Fernsehen erreichte das Dorf erst vor ein paar Jahren. Das staatliche Sportsystem aber war schon viel früher da. Als sie dreizehn Jahre alt war, kamen Talentsucher in ihre Grundschule. Sie vermaßen Yali Yans Arme, Schultern und Lungenvolumen und rekrutierten sie als Sprinterin für die Provinzschule. Bis dahin hatte sie noch nie Sport betrieben.

Die Tests wiederholten sich, bis Yali Yan zwei Jahre später in ein Kajak gesetzt wurde, einen einzigen Paddelschlag machte und die zurückgelegte Distanz als außerordentlich befunden wurde. Die genauen Ergebnisse erfuhr sie nie. Sie wusste auch nicht, dass der Goldplan vorsah, den Nachwuchs der Olympiamannschaften im Wassersport zu stärken, vor allem den der weiblichen Teams. Chinesische Frauen, so das Argument der Generalverwaltung für Sport, hätten einen geringeren Nachteil im Körperbau gegenüber der internationalen Konkurrenz als chinesische Männer und folglich größere Medaillenchancen.

Seither ist sie staatlich angestellte Kajakfahrerin mit freier Kost und Logis und einem Monatseinkommen von achtzig Euro. Das ist ein tolles Leben im Vergleich zu ihren Eltern, die vom Reis und Kohl ihrer Felder leben müssen. “Wenn ich eine Medaille gewinne”, sagt sie nun, ohne einem Blickkontakt auszuweichen, “lässt der Parteisekretär in meinem Dorf die Straße zum Haus meiner Eltern asphaltieren. Und zum Studieren reicht´s auch.”

Shanghai, Büro einer Talentsucherin. Zögernd betritt ein neunjähriger Junge in Shorts und mit nacktem Oberkörper den Raum der Talentsucherin Haoming Jin, deren Wand die olympischen Ringe zieren. Die gelernte Krankenschwester stellt ihn auf eine Waage, vermisst Beine, Schultern und Arme. Dann dunkelt sie den Raum ab. Sowie ein Lämpchen aufleuchtet, muss der Probant einen Handgriff drücken – je prompter er zugreift, desto besser seine Reaktionsschnelligkeit. “Wichtig vor allem für Ballspiele”, sagt Haoming Jin.

Jedem Messergebnissen teilt sie eine Kennzahl zu, die sie aus Tabellen des Handbuchs “Standards bei der Sportlerauswahl” heraussucht. Sie vermisst Schulterbreite, Beinlänge und Hüftumfang des Neunjährigen. „Exzellent,“ schwärmt sie. Zum Schluss verrechnet sie alle Kennzahlen miteinander und ermittelt die Leistungsstufe “II”. Drei gibt es. Stufe eins ist ein Fall für die Sportakademie Shanghai, ein Vollzeit-Trainingsinternat am Rande der Stadt, in dem Kinder für den Profisport getrimmt werden. Stufe II und III trainieren an den Distriktschulen weiter, immer auf Abruf bis zur nächsten Talentauswahl.

Baoming Jin testet pro Jahr sechshundert Grundschüler des Jing An-Bezirks. Ihr Büro liegt auf derselben Etage eines Hochhauses wie die Sportschule des Bezirks. Eine Taekwando-Klasse trainiert in einem fensterlosen Raum unter surrenden Ventilatoren, in anderen Räumen bietet die Schule Disziplinen wie Tischtennis, Badminton und Fechten an. Wer sich jedoch im Bezirk umschaut, wird nicht einen öffentlichen Bolzplatz oder ein Basketballfeld finden. Vereine gibt es in China so gut wie nicht. Wer Leistungssport treiben will, muss sich ins staatliche Fördersystem begeben.

In Shanghai hat jeder Stadtbezirk einen Talentsucher. “Nicht überall funktioniert die Auswahl so gut wie bei uns”, räumt Baoming Jin ein. Aber zumindest in jeder Provinzhauptstadt arbeitet einer ihrer Kollegen. Sie alle haben die 3.000 Sportinternate in China mit 400.000 Athleten versorgt, die Vollzeit trainiert werden. Zwei Drittel davon sind Kinder. Aus diesem Riesenheer rekrutieren sich die Olympiamannschaften Chinas.

Sportschule Changsha, Provinz Hunan. Staub von Magnesiumkreide schwebt in der Luft, Stufenbarren, Schwebebalken und Recks formen einen bizarren Wald, an dem in geisterhafter Ruhe sechzig Mädchen und Jungen turnen. Die jüngsten sind sechs, die älteren an die zwanzig Jahre alt. Nur das Scheppern eines Recks nach dem Abgang, kurz darauf die Landung des Körpers auf der Matte sind hin und wieder zu hören. Nie ein Kommandoruf.

Die Kinder kennen ihre Übungen in und auswendig. Vor der Fensterfront wiederholt eine Gruppe siebenjähriger Mädchen eine Stunde lang Handstandüberschlag mit anschließendem Salto. Muskulöse Beine kontrastieren mit zierlichen Oberkörpern, Blutergüsse an Armen und Beinen zeugen von missglückten Figuren am Stufenbarren. Die Trainerin hockt schweigend auf einer Kiste daneben. Ein Nicken genügt, und die Mädchen gehen auf die andere Hallenseite zum Schwebebalken. Auch hier üben sie ein Stunde lang Rückwärtsüberschlag um Rückwärtsüberschlag. Erst am Ende des Tages setzen sie die einzelnen Figuren zu einer Kür zusammen, der nichts mehr von den Mühen des Trainings anzumerken ist: Wunderbar leichte Pirouetten, Überschläge auf exakt die vorgegebene Stelle des Balkes und dann ein Abgang mit Doppelsalti in den festen Stand.

In der monotonen Wiederholung liegt der Grund für den Erfolg der Sportschule Changsha, aus der die besten Turner des Landes und damit der Welt kommen. Sie trainieren die Bewegungsabläufe vom sechsten Lebensjahr an, sechs Tage die Woche, vier bis acht Stunden am Tag – ein Pensum, das man in Deutschland keinem Kind abverlangen dürfte. Hier propagiert dagegen ein Transparent an der Hallenwand: “Kein Druck, keine Motivation!”

Kinder, die in diesem Internat leben, sehen ihre Eltern nur am Wochenende. Schule haben sie nur an drei Nachmittagen. Zu wenig für einen reellen Schulabschluss. Die Prioritäten ihres Lebens listet eine Tafel mit den Erfolgen ehemaliger und derzeitiger Schüler am Halleneingang auf: chinesische Meisterschaften, Olympische Goldmedaillen, Weltmeistertitel.

“Ich will die Goldmedaille”, sagt ohne Zögern der siebzehnjährige Peng Wang. Seine Oberlippe bedeckt noch ein zarter Flaum, aber die Muskeln schwellen auf Handball-Größe, als er sich ein zehn Kilogramm schweres Gewicht auf den Rücken bindet und am Reck Klimmzüge macht. Unter Ledermanschetten sind seine Hände geschwollen. Acht Stunden Training jeden Tag hinterlassen Spuren.

Bekommt er Medikamente vom Mannschaftsarzt, damit das Training besser klappt? Peng Wang schüttelt energisch den Kopf. Offizielle Linie der Generalverwaltung in Peking sind „saubere und drogenfreie Spiele“ und „die größte Antidoping-Kampagne der Welt“. In Peking soll ein fünf Millionen Euro teures Labor eingerichtet werden, das während der Spiele 5000 Proben untersuchen kann, deutlich mehr als in Sydney oder Athen. Auch in Sachen Doping soll die Welt ein neues China sehen und die Skandale vergessen, die seit 1990 allein etwa 30 Schwimmer die Karriere gekostet haben, darunter Weltmeister und Olympiasieger. In der nordchinesischen Stadt Harbin wurden acht junge Leichtathleten erwischt, als sie sich Infusionen mit Aufputschhormonen legten. Der Kühlschrank ihres Trainers war mit 450 verbotenen Fläschchen gefüllt. Richard Pound, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), mahnte daraufhin: „China ist noch weit entfernt von einem perfekten Zustand.“ Internationale Fahnder können sich nicht frei im Land bewegen und nur schwer die entscheidenden unangemeldeten Trainingskontrollen durchführen.

Turner Peng Wang hat eine Methode entwickelt, um immer noch ein paar Klimmzüge und Übungen an das Tagespensum dranhängen zu können, selbst wenn der Schmerz in Bizeps und Schulterblättern nahezu unerträglich wird: Er stellt sich vor, wie sein Vater mit Gästen vor dem Fernseher in seinem kleinen Restaurant sitzt und stolz seiner Olympia-Kür zusieht. Ein großes Ziel, das allerdings noch fern liegt. Denn Peng Wang gehört nur zur Jugendmannschaft, einer Art zweiter Reserve. Alle paar Wochen pendelt er zwischen dem Trainingszentrum der Nationalmannschaft in Peking und seiner Provinzmannschaft in Changsha hin und her, schwankt zwischen Glück und Frustration. Mit siebzehn ist er im besten Alter eines Turners. Wenn er´s zur Olympiade in Peking nicht schafft, hat er seine Chance auf Ruhm und Reichtum verpasst. Und so quält er sich immer noch einen Klimmzug zur Stärkung des Muskels ab. Weiß er denn, wie hoch die Prämie für eine Goldmedaille sein wird? Changsha liegt weit von Peking entfernt und einen Aufpasser hat Peng Wang nicht zur Seite. Ohne Zögern schießt es aus ihm heraus: “Hunderttausend Euro und ein Auto.”