Zeitenspiegel Reportagen

Angling for cocaine

Appeared in "mare", No. 78, Februar/März 2010

Von Autor Carsten Stormer

In the Caribbean village of Tasbapauni, cocaine has turned simple fishermen into prosperous merchants. They call it “white lobster” or “white happiness.” A few skeptics doubt that cocaine brings a net benefit to the community.

Wenn Alfredo Carlos Garcia in sein Boot steigt, nimmt er die Träume der Nacht mit. Es ist fünf Uhr morgens, die Luft hängt schwer und feucht über der Perlenlagune. Moskitos stechen. Kein Wind. Es riecht nach Meer, Schrimps und fauligem Holz. Mangroven rascheln. Ein Kormoran beobachtet neugierig das kleine Boot. Gleich beginnt der Tag. Hoffentlich ist er besser als die vergangenen. Es ist Schrimpsaison, aber seit Tagen verbuddeln sich die Krabben im Schlick der Lagune. Keine Shrimps bedeutet: Nichts zu essen, nichts zu verkaufen. Alfredos Leben ist wie das Meer. Der Pegel des Glücks hebt sich und senkt sich, die Gezeiten seines Lebens. Alfredo steckt sich eine Zigarette in den Mund, lässt sie von einem Winkel in den anderen wandern. Dann lässt er den Motor an.

Alfredo ist nicht allein. Im aufkommenden Tag schnattern Dutzende von Booten, ein halbnackter Paddler im Bug, ein anderer im Heck. Freunde, Bekannte, Familie, alles Fischer wie er selbst. Alfredo Carlos Garcia ist 48 Jahre alt, hat fünf Kinder von drei verschiedenen Frauen und den Händedruck eines Kirmesboxers. An seinen schwieligen Pranken klebt der Geruch von Schrimps und Atlantik. Wie alle hier träumt er nur einen Traum. Er handelt von Reichtum und Sorglosigkeit, angeschwemmt in weißen Plastiktüten und innen drin, gut verschweißt in Portionen von jeweils einem Kilo: Kokain. Sie nennen die Droge den “weißen Hummer“ das “weiße Glück“ oder einfach nur das „weiße Zeug“. Der Stoff ist ihr Ticket in ein Leben, in dem sie nicht mehr fischen müssen, um zu überleben. Es ist ein Traum mit Fernsehapparaten, Kühlschränken, Steinhäusern oder Motorrollern. Da draußen auf dem Meer schwimmt ein Versprechen.

Alfredo Carlos Garcia ist Präsident der Fischerkooperative von Tasbapauni, einem kleinen Dorf im toten Winkel von Nicaraguas Atlantikküste, achtzig Kilometer oder zwei Stunden in einem Schnellboot von der Zivilisation entfernt. Auf dem Weg dorthin lugt nur hin und wieder ein Wellblech aus der Üppigkeit, Farbtupfer im endlosen grün der Mangroven, Palmen, Gräser. Zweitausend Menschen sollen hier leben, so genau weiß das niemand. Das Dorf hat acht Kirchen, eine Schule, einen Arzt, einen Baseballplatz und ein Telefon. Es ist eingeklemmt zwischen der Perlenlagune und der Karibik, auf einem Landstreifen, nicht breiter als 150 Meter. Die Menschen hier leben vom Meer – und so sieht es im Dorf auch aus: Netze, zum Flicken zwischen Palmen aufgespannt, Schildkrötenpanzer und Schrimps auf Bastmatten trocknen in der Sonne. Bretterbuden, vom Wind krumm geweht. Hier gibt es keine Straßen und kein fließendes Wasser; Strom ist erst vor fünf Jahren angekommen – und das auch nur für zehn Stunden am Tag, von zwölf bis zweiundzwanzig Uhr. Die drei kleinen Krämerläden öffnen und schließen nach Bedarf. Auf den ersten Blick ist Tasbapauni ein Dorf wie andere an der Karibikküste. Und doch ist da etwas auffällig: viele Dorfbewohner haben vergoldete Schneidezähne und tragen ihr „bling“ spazieren – schwere Ringe und Uhren aus purem Gold. Die meisten leben in schönen Steinhäusern, deren Fassaden in Pastelltönen gestrichen sind. Auf den Dächern klemmen Satellitenschüsseln. Das war nicht immer so.

Nicaraguas Karibikküste ist das dünnbesiedelste und ärmste Gebiet des an sich schon bitterarmen mittelamerikanischen Landes; hier siedeln Miskito-Indianer und die Nachfahren von Sklaven und Meuterern. Die Menschen erwarten nicht viel vom Leben und schon gar nichts von der Regierung in Managua auf der pazifischen Seite des Landes. Sie hoffen auf den Allmächtigen und der hat sie – glauben sie - erhört. Seit Menschen gedenken ist es so, dass das, was das Meer an den Stand spuckt, demjenigen gehört, der es findet. Ob es sich dabei um eine Rumflasche, um Konservenbüchsen, um Holzplanken oder um Kokain handelt. Der Treibmüll der Zivilisation ist für jedermann. Die nicaraguanische Regierung sieht das ein bisschen anders. Aber das „stört niemanden wirklich in Tasbapauni“, sagt Alfredo. Die Hauptstadt Managua ist von der Atlantikküste so weit weg wie die dunkle Seite des Mondes und so beliebt wie Ratten in der Speisekammer.

Vor drei Jahren sah Alfredo Garcia seine Zukunft im Meer schwimmen. Er wirft sein Netz ins seichte Wasser der Perlenlagune und beginnt zu erzählen. Wie üblich fuhr er jeden Morgen mit sieben anderen hinaus aufs Meer, um Schildkröten und Hummer zu fischen. „Ich war bettelarm, lebte bei meinen Eltern und hatte nicht einmal ein eigenes Boot. Niemand nahm mich ernst“, sagt er, blickt zum Himmel und schickt rasch ein Gottseibeiuns hinterher. Das sollte sich an jenem Morgen ändern, denn was da draußen in der Ferne wie der Panzer einer Schildkröte schimmerte, entpuppte sich ein als Sack voller Kokain. 45 Kilo. Die Fischer jubelten, lagen sich in den Armen. Und Alfredo wusste, dass er sich bald ein eigenes Haus werde bauen können. Im Dorf warteten schon die Mittelsmänner der Drogenkartelle und Carlos verkaufte ihnen den Fang für 150.000 Dollar. Die Fischer teilten die Beute, Alfredo blieben 20.000 Dollar. Von dem Geld kaufte er sich ein Boot und einen Motor und baute sich ein kleines Haus am Strand. „Das weiße Zeug ist der einzige Weg, um uns aus der Armut zu befreien“, sagt Alfredo. Ohne den „weißen Hummer“ wäre er kein angesehener Bürger im Dorf, hätte kein Boot und kein Haus. Tasbapauni hätte keinen Strom, keinen Baseballplatz, keinen Arzt und telefonieren könnte man auch nicht. „Die Regierung tut nichts für uns“ und auf die Gringos, die US-Amerikaner, die mit ihren Hubschraubern und Fregatten vor der Küste patrouillieren, ist er ohnehin nicht gut zu sprechen. Nur noch selten treiben Kokainpakete im Meer. Immer häufiger nehmen die Schmuggler wegen der Kontrollen auf dem Meer neue Routen im Landesinneren.

Nicht alles, was im Lauf der Jahrhunderte an die Atlantikküste Nicaraguas gespült wurde, war gut für die Menschen, die dort lebten. Die Zeit ist nur mühsam vorangekommen. Die Geschichte liest sich wie ein Raubritterroman. Erst Christoph Kolumbus, dann die Spanier. Ihre Schiffe spuckten goldgierige Eroberer und katholische Priester aus. Später folgten moravische Missionare, Piraten, Sklavenschiffe, schließlich Bürgerkriege. Heute ist die Küste Schauplatz in dem anderen großen Krieg, den die US-Amerikaner führen: Den gegen die Drogen. Tasbapauni liegt an der so genannten Narco-Route, auf der kolumbianische, venezolanische und mexikanische Drogenkartelle Kokain in Schnellbooten mit achthundert Pferdestärken in die USA schmuggeln, auf den größten Drogenmarkt der Welt.

Das wollen die Amerikaner unterbinden und pumpen Millionen Dollar in die Regierungen Zentralamerikas, damit diese den Schmuggel unterbinden. US-amerikanische Fregatten kreuzen in nicaraguanischen Gewässern, am Himmel fliegen Hubschrauber, Aufklärungsflugzeuge und unbemannte Drohnen, die nach verdächtigen Booten spähen. geraten die Schmuggler ins Fadenkreuz der Patrouillenboote oder wenn ihnen einfach nur der Sprit ausgeht, werfen sie ihre Fracht über Bord. Der Verlust ist nur übergangsweise und leicht zu verschmerzen. Die Strömung treibt die Päckchen recht flott an die Küste, wo sie einheimische Fischer in Empfang nehmen und den Stoff an Mittelsleute der Drogenkartelle verhökern. Bis zu viertausend Dollar zahlen die Schmuggler pro Kilo, um ihre Ware zurückzukaufen. Ein Spottpreis im Vergleich zu dem, was reines Kokain auf dem Weltmarkt einbringt. Für die Fischer aber sind ein paar tausend Dollar unvorstellbarer Reichtum. Ein Handschlag mit dem Teufel. Manch einer in Tasbapauni glaubt, das Dorf hätte seine Seele verkauft.

Einer dieser Zweifler ist Pater Abel Dessler, 53, Pastor pentakostalischer Konfession in Tasbapauni. Der Prediger ist ein kleiner, melancholischer Mann, der so leise spricht, als wollte er sich der Welt entziehen. Das ändert sich nur in seinen Gottesdiensten, die er zweimal täglich für seine kleine Gemeinde abhält. Als Kirche dient ein morsches Gebäude aus Holzplanken. „Gott hat uns nicht gerufen, um wohlhabend, sondern reich an Glauben zu sein“, brüllt er auf die Gläubigen ein, die Augen scharf wie Mündungsfeuer. Zwölf Mädchen und Frauen tanzen sich in Trance, singen mit heiserer Stimme, starren mit weit aufgerissenen Augen ins Leere. Wie Ertrinkende strecken sie ihre Arme in die Höhe. „Seid stark!“, ruft der Pastor. „Amen!“ „Widersteht der Versuchung!“ „Gloria Dios!“ „Jesus wird kommen! Vergeudet nicht eure Zeit, reich zu werden, sondern hofft auf die Reichtümer im Himmel! „Gloria Dios! Amen! „Das weiße Zeug zerstört unseren Glauben! „Amen! Amen! Amen!“ Es klingt wie ein Schlachtruf. Nein, er lasse es nicht zu, dass die Menschen Gott bestechen. „Ich nehme keine Spenden von Leuten an, die durch das weiße Zeug reich geworden sind. Die Wurzel des Bösen ist die Gier nach Geld.“, sagt Pater Dessler nach dem Gottesdienst. Er sitzt auf einem Schemel auf der Terrasse seiner Hütte, die ärmlichste in Tasbapauni. Wenn er spricht, ist er aufgeregt wie das Meer bei Sturm.

Wann genau der Kokainrausch losging, daran kann sich in Tasbapauni keiner mehr genau erinnern. Es muss Anfang der neunziger Jahre gewesen sein. In Kolumbien regierte Pablo Escobar sein Drogenimperium und in Nicaragua trieben die ersten Kokainpakete an die Küste – in Puerto Cabezas, Sandy Bay, den Corn Inseln oder eben Tasbapauni. Zuerst hielten die Menschen das weiße Zeug für Backpulver, warfen es weg oder beachteten erst gar nicht. Was wusste man hier schon von Kokain und dessen Wirkung. Erst als die ersten Fremden auftauchten, Fragen stellten und bereit waren, unermesslich viel Geld für diese Säcke zu bezahlen, änderte sich alles.

Vor zehn Jahren gab es in Tasbapauni nur drei Kirchen. Mit den Drogen aber kamen immer mehr Vertreter Gottes, um Sünder und vor allem Spenden zu fischen. Inzwischen können sich die Kokainfischer ihre Seelen in acht Gotteshäusern reinwaschen. Alle spenden fleißig und lachen ihrem Herrgott ins Gesicht. Sie beten, dass er die Kranken heile und das ganze Jahr volle Netze garantiere. „Heuchler! Gott will diese Spenden nicht. Das ist unehrlich verdientes Geld“, sagt Pater Dassler. Der Teufel kam nach Tasbapauni, da ist er sich sicher – und die Menschen haben ihn mit offenen Armen empfangen. Er gab ihnen die Dinge, die sie sich wünschten und sie schenkten ihm dafür ihre Seelen. Pater Abdel Dessler befürchtet, dass daran die Gemeinschaft des Dorfes zerbricht, dass Sünde und Müßiggang Einzug halten ins Paradies. „Keiner will mehr hart arbeiten. Statt ehrlich zu fischen, hoffen alle nur auf einen Sack mit Kokain. Die Männer trinken, spielen, huren und verlassen ihre Familien.“

Dabei sind Familie und Dorfgemeinschaft das soziale Netz von Tasbapauni. Sie sorgen für die Schwachen, die Alten, die Kranken, die Schutzbedürftigen. Die ersten, die aus diesem Netz herauszufallen drohen, sind die Alten. Loisa Marita Forbes ist 73 Jahre alt und erholt sich von ihrem dritten Schlaganfall. Ihre linke Seite ist gelähmt, graue Haarbüschel kriechen aus ihren Ohren, und wenn sie Atem holt, raschelt es in ihrer Brust. Im Radio wird das Baseballspiel Bluefields gegen Puerto Cabeza übertragen, von der Wand blickt der junge Elvis Presley auf sie herab und auf dem Nachttisch liegen das neue Testament und Röhrchen mit Pillen gegen die Schmerzen. „Das weiße Zeug zerstört die Dorfgemeinschaft“, sagt sie. Loisas Mann fuhr einst in einem Sturm aufs Meer und kehrte nicht zurück. Kinder hat sie keine – und somit niemanden, der ihr hilft. Hin und wieder schaut jemand von der anglikanischen Kirche vorbei, wäscht sie, leert die Bettpfanne und bringt eine Mahlzeit. Ansonsten ist sie alleine. An der Wand tickt eine Uhr, aber die Zeit will nicht vergehen.

Ein paar Schritte weiter wohnt die 92-jährige Anita Willis. Mit den Jahrzehnten ist sie krumm geworden und fast taub. Ihre Stirn ist ein Faltenmeer, ihre dürren Arme hängen schlaff in ihrem Schoß. Früher, sagt sie, habe sich die Gemeinschaft um sie gekümmert, eine Art Altersversicherung. „Heute haben die Menschen keine Zeit mehr. Sie wollen nur noch schnell reich werden.“ Das weiße Zeug hat viele wohlhabend gemacht – aber darüber seien die Werte und Traditionen verloren gegangen, sagt sie. Wer kümmert sich noch um die Kranken, die Alten? Wie oft gehen die Menschen noch gemeinsam zum Gottesdienst? Wenn früher einer nichts zu essen hatte, sprangen die Nachbarn ein und brachten Schrimps, Hummer oder Schildkrötenfleisch. So war das, damals. Das Elend schweißte zusammen, in eine Solidaritätsgemeinschaft der Armut. „Vorbei! Jeder ist sich selbst nur noch am nächsten.“ Miss Loisa hebt den Finger und senkt die Stimme: „Im vergangenen Jahr wurde hier ein Mädchen vergewaltigt.“ Zwei Morde gab es auch.

Obwohl Tasbapauni von Kokain sprichwörtlich überschwemmt wurde, hat das Dorf kein wirkliches Drogenproblem. Die Jugend trifft sich nach Sonnenuntergang am Strand, rappt oder singt Reggae-Songs von Bob Marley oder Lucky Dube, kifft dabei ein bisschen. Samstags sitzt das Dorf zusammen, redet und trinkt sich in ein Glücksgefühl, das bis zum Morgengrauen nicht abreißen darf. Sucht oder Beschaffungskriminalität? Beides gibt es kaum. Nur wenige sind abgerutscht. So wie Michael Gill, einer der Crackheads in Tasbapauni. Ein ausgemergelter junger Mannvon 22 Jahre, mit Rastalocken und Augen wie wässrige Milch. Crack ist Ursache und Lösung seiner Probleme – er gehört zu den wenigen Pechvögeln, die keinen „Weißen Hummer“ gefischt haben. Stattdessen Schrimps oder Hummer aus dem Meer zu holen, ist ihm zu anstrengend. In der Küche seiner Mutter saugt er an seiner Glaspfeife, zieht den Rauch tief in seine Lungen, hält in fest, täglich. Wenn er Geld braucht, verkauft er Kokosnüsse. 25 Cordobas kostet der schnelle Kick, umgerechnet 1,20 Euro. Der Vater, ausgezehrt von Jahrzehnten auf dem Meer und geplagt von Alzheimer, sitzt stumm im Hinterzimmer und hütet einen Welpen und zwei Hühner.

Es müssen hunderte Tonnen Kokain gewesen sein, die in den vergangen zehn Jahren an die Ostküste Nicaraguas gespült wurden. Die meisten Pakete kamen stets zur Weihnachtszeit, wenn sich die Einsamen in Europa und den USA die Trübsal von der Seele schnupfen und die Nachfrage besonders hoch ist. Weiße Weihnacht in der Karibik. In Tasbapauni gibt es jede Menge Geschichten von Männern, die morgens hinaus aufs Meer fuhren und am Nachmittag steinreich zurückkamen. Da ist zum Beispiel Oswaldo Lewan, genannt Bambi. Er sitzt mit Kumpel Errol in einer Bretterbude und raucht jamaikanisches Marihuana, das sie hier „Alaska“ nennen. Errol, ein fröhlicher Junge mit Rastalocken, dreht einen Joint nach dem anderen, grinst goldene Schneidezähne frei und singt dabei laut „By the Rivers of Babylon“.

Oswaldo der Glückliche, Bambi der Pechvogel. 25 Jahre ist er alt und bisher lief in seinem Leben nichts nach Plan. Vor sieben Jahren verlor er seinen rechten Arm bei einem Unfall. Er wollte damals illegal geschlagenes Mahagoni aus dem Dschungel holen. Ein Ärmel seiner Jacke verfing sich im Schiffsmotor, erzählt er, wackelt mit seinem Stumpf und lächelt dabei ein bisschen unglücklich. Seine Sehnsucht beschränkte sich fortan sich auf das Bisschen, was er hat – zwei Mahlzeiten am Tag, sein kleines Transistorradio, das ihn mit der Welt da draußen verbindet und Freunde, die mit ihm Domino spielen. Und Gefühle von Glück während stundenlanger Spaziergänge am Strand. Nur einmal lächelte ihm das Leben zu – aber leider nur flüchtig.

Bei einem seiner Spaziergänge fand er zwei Säcke mit Kokain, insgesamt siebzig Kilo. Jackpot! Er dachte, dass ab jetzt alles besser werde. Denkste! Einen Sack versteckte er vor neidischen Blicken und flinken Fingern in den Mangroven, den anderen schleppte er nach Hause. Als er zurückkam, um den zweiten zu holen, war dieser verschwunden. „Jemand hatte ihn geklaut, Mann, verdammt“, sagt er in gedehntem Kreol. Aber selbst die Hälfte der Beute würde ihm mehr Geld einbringen, als er je in seinem Leben ausgeben könnte, dachte und irrte sich. „Zuerst ließ ich mir die Schneidezähne vergolden.“ Dann kaufte er seiner Mutter ein „richtiges Haus aus Stein, mit Kühlschrank, Fernseher und allem drum und dran.“ Und anschließend beging er den größten Fehler seines Lebens: er fuhr nach Bluefields mit seinen Casinos, Hurenhäusern und Bars. Drei Monate lang ließ er die Sau raus; Nutten, Rum, Glücksspiel und einmal charterte er im Übermut sogar ein Flugzeug und flog nach Managua. Anschließend war er pleite.

Bambi hat sich arrangiert mit seinem Schicksal. Keine Gedanken an die Zukunft, keine Reue über die misslungene Vergangenheit. „Ich hatte richtig Spaß, das kann mir keiner nehmen.“ Jetzt trödelt er durch den Tag, arbeit als Steuermann eines Krabbenfischers und wird dafür mit Shrimps entlohnt. Eine Freundin hätte er gerne, doch nichts bringt einen Mann schneller um seine Chancen als das Image eines Losers, der zudem nur einen Arm hat. Aber noch immer geht er jeden Abend am Strand spazieren und sucht die Wasseroberfläche ab.

Andere haben es klüger angestellt. „ Allen geht es heute besser“, sagt Barbara Rodriguez Waggon, eine schwere Frau von 46 Jahren. Sie sitzt in einem Korbsessel auf der ausladenden Veranda ihrer Villa, blaue Lockenwickler im Haar und Goldklunker im Ohr. An ihrem Ringfinger blinkt ein riesiger Goldring in Hufeisenform. Es sei ja nicht so, dass man Kokain produziere oder deale, darauf legt sie großen Wert. „Wir erhalten nur eine Art Finderlohn. Dafür können unsere Kinder heute auf Universitäten gehen und Strom haben wir auch. Den Generator hat der weiße Hummer bezahlt“, sagt sie. „Inzwischen kommen sogar Ingenieure, Ärzte und Anwälte aus Tasbapauni.“

Waggon ist eine von vier Mittelsleuten in Tasbapauni. Sie hat die Kontakte zu den Schmugglern, erledigt für die Fischer das Geschäftliche. Wenn jemand ein Paket findet, kommt er zuerst zu ihr. Für ihre Mühe erhält sie von den Schmugglern eine Art Provision, in der Regel dreihundert bis fünfhundert Dollar pro Kilo. Das hat sie ziemlich wohlhabend gemacht und sie zeigt das auch: eine Monsterkühltruhe, ein Fernseher und Johnny Walker Blue Label in der Glasvitrine. Details ihres Geschäfts möchte sie nicht verraten. Nur so viel: Vor acht Jahren fand ihr Mann vier Pakete am Strand, zwei Tage später verschwand er mit einer anderen Frau und ließ sie mit zwei heranwachsenden Jungen alleine zurück. Sie fand nur noch einen Zettel mit den Telefonnummern der Drogenbosse. Die brachten mehr als Unterhaltszahlungen. Ihr ältester Sohn studiert inzwischen in Bluefields Hotelfach und will später auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern.

Ein paar Hütten weiter wohnt Barabras Freundin Yamileth McDonalds. Auch ihr Mann verschwand, nachdem er statt Hummer eine Ladung Kokain nach Hause gebracht hatte. Heute ist Yamileth Vizebürgermeistern von Tasbapauni und die erste Politikerin des Dorfes. Sie betreibt ein kleines Hotel für Gäste, die nicht kommen wollen, und besitzt das einzige Telefon des Dorfes. Das Idol des Dorfes aber ist Ted Heyman, der erfolgreichste Kokainfischer von Tasbapauni. Er ließ den Baseballplatz für die Jugend bauen, betreibt einen Gemischtwarenhandel, wohnt in einem zweistöckigen Palast aus Mahagoni und Marmorimitat und manchmal spendiert er Tasbapauni eine Schiffsladung Rum und Bier. Wie Yamileth und Ted zu ihrem Reichtum gekommen sind, wollen sie nicht verraten. Fragt man die Nachbarn, erhält man als Antwort nur ein vielsagendes Grinsen.

Der natürliche Feind der Dorfgemeinschaft ist Peter Mayorga, Leutnant im Dienste der nicaraguanischen Armee und seit sechs Monaten oberster Drogenbekämpfer in Tasbapauni. Mit seinen vier Soldaten und zwei Polizisten könne er nicht viel ausrichten, sagt er. Morgens und abends sieht man seine Männer am Strand patrouillieren. Und wenn zwei Mal die Woche ein Motorboot von Tasbapauni nach Bluefields brettert, dann durchsuchen die Soldaten das Gepäck der Reisenden. Mehr als Schildkrötenfleisch haben sie bisher nicht sichergestellt. Manchmal erhält Mayorga einen Tipp von neidischen Nachbarn oder von einem Spitzel. Dann durchsucht er mit seinen Leuten ein Haus. Auf Drogenbesitz und Handel steht zwar Gefängnis. Doch in Tasbapauni scheitert der Vollzug meist am Widerstand der Dörfler. Will der Polizeichef jemanden verhaften, muss er es mit allen Dorfbewohnern aufnehmen, vom Kleinkind bis zum Greis. Sein Posten wird so lange belagert, bis der Verdächtige freigelassen wird. Mayorga schmunzelt. Mal ehrlich, „die Menschen hier sind ja eigentlich keine Kriminellen.“

Nur keine unnötigen Aufregungen. Nichts eilt in Tasbapauni. Das Heute ist alles, und morgen wird es ähnlich sein wie heute. Während Alfredo seine Netze auswirft, Bambi am dritten Joint saugt, Errol auf der Gitarre klampft und die alte Anita auf ihrer Terrasse über die guten alten Zeiten sinniert, kreisen unvermittelt Aufklärungshubschrauber über Tasbapauni. Das Leben macht eine Pause. Hälse recken sich zum Himmel, die Baseballmannschaft unterbricht das Training, allgemeines Palaver. Ist das möglich…? Das kann nur bedeuten… Hat nicht jemand erzählt, dass die Polizei gestern in Laguna de Perlas zwei Jugendliche mit sieben Kilo Kokain und siebzigtausend Dollar in der Unterhose festgenommen hat, nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt? Nachgucken kann nicht schaden. Und so schlendert das halbe Dorf am Strand entlang, kontrolliert Büsche und Mangroven, ob da nicht ein Sack liegt. Man lacht und scherzt als ginge es auf den Rummel. Um sechs Uhr wird es dunkel. Vier Stunden später schläft Tasbapauni – dann schaltet der 72-jährige Orlando Brown den Generator ab.