Zeitenspiegel Reportagen

Bury my heart under the hat rack

Von Autor Erdmann Wingert

When old bars die, something precious goes with them.

Eben noch hatte Gerd, der Seemann aus Schwaben, einen Wodka Lemmon zuviel getrunken und mal wieder sehr laut La Polama gesungen. Neben ihm Harry, der Amerikaner, der mit seiner Farm und den Ölquellen in Texas prahlte, und dann wieder Günter, der mit schwerer Zunge allen die’s nicht wissen wollten, die Feinheiten des Konjunktivs erklärte. Am Tresen klapperten Würfel, im Stübchen nebenan schwirrten Dartpfeile, während Bruno, der arbeitslose Jurist aus dem Schwarzwald mit Hartwig, dem Ethnologiestudenten im 38. Semester, die Aufstiegschancen des FC Freiburgs diskutierte.

Manche waren einst von weit hergekommen, fast alle wohnten gleich um die Ecke, jeder kannte jeden, oft seit Jahrzehnten verbunden in Jubel, Trubel und Trunkenheit, Streit und Verbrüderung. Der Schankraum war eng, ein Wohnstübchen, in guten Zeiten randvoll mit Gästen, die sich Schulter an Schulter rund um den Tresen drängten, zu später Stunde ebenfalls randvoll und von einem Rauchpilz überwölbt, der die Decke teerbraun gebeizt hatte.

Einige der treuesten Gäste hatten im Lauf der Zeit Haare und Zähne gelassen und Boden unter den Füßen verloren, Arbeit, Familie, und Gesundheit in Alkohol ertränkt. Aber über allen schien ein Schutzengel zu schweben, dessen Name am Eingang leuchtete. Tante Frieda, legendäre, längst verschollene Namensgeberin, Gründungs- und Galionsfigur der winzigen Kneipe, Ecke Bundesstraße und Durchschnitt, die seit Generationen als Treffpunkt, Zuflucht und Familienersatz diente.

Und nicht zuletzt als Bühne, auf der jeder sein Stück spielen durfte, besonders eigenwillige Charakterdarsteller sogar unter Künstlernamen. Holger, der aussah wie Ole von Beust, der jeden Schnurzel nannte und folglich so hieß, beherrschte nach dem zehnten Asbach perfekt und penetrant die Rolle des Rechthabers. Nicht zu verwechseln mit Holger, dem Stauereifachmann einer Reederei, der Container gerufen wurde. Ein erzkonservativer Hanseat, der nach seiner Pensionierung begann, Soziologie zu studieren. Sein Referat über das kommunistische Manifest kam gut an, nur das Zitat von den Proletariern aller Länder, die sich vereinigen sollten, verhallte ungehört. Statt zu Karl Marx tendierte das Volk damals eher zu Roland Schill, auch unterm Dach von Tante Frieda.

Nun ist sie tot. Nicht nur die historische Gründerin des Kleinkosmos, sondern die komplette Kneipe, inklusive der Koggen, die unter der Decke baumelten. Verschwunden der lachende Vagabund aus Gips neben dem Eingang, im Sperrmüll die verstaubten Ölschinken und halbblinden Spiegel, verramscht Dattelautomat und Dartscheibe, in alle Winde verweht die Gäste, die zuletzt immer seltener zu Tante Frieda gefunden hatten. Zuweilen hockte nur noch ein einsamer Zecher am Tresen. Wenn Hanne Dienst hatte, die fürsorgliche und energische Mutter aller alten Schluckspechte, dann kamen ein paar mehr.

Aber es reichte nicht, der Laden war in die Miesen gerutscht und kam nicht wieder raus, auch wenn man sich am Bierhahn noch sechs Minuten nahm, um eine klassische Schaumkrönung im Tulpenglas aufzubauen - doch welcher durstige Hartzvier-Habenichts leistet sich sowas, wenn er fürs selbe Geld bei Aldi einen Sechserpack kriegt? Eine Frage der Zeit, wann die Wirtsleute Jutta und Harry den Babel hinschmeißen würden.

Sie machten kurzen Prozess, fast über Nacht war eine Institution spurlos verschwunden, die nahezu ein Jahrhundert lang für viele ein Stück Heimat gebildet hatte. Wie man sich in der Nachbarschaft erzählt, soll an ihrer Stelle eine Altentagesstätte entstehen. Auch das hat Fragen unter den Heimatvertriebenen aufgeworfen. War Tante Frieda mit all ihren ausgedienten Kampftrinkern denn nicht schon seit langem so etwas wie ein Altenteil? Ein Fossil auf der Liste aussterbender Arten?

Die Kneipe stirbt, auffällig oft rund um die Uni herum. Nur noch ein paar bemooste Häupter dürften sich an die verrauchten und zum Teil verruchten Kultstätten des Reviers erinnern wie das Cosinus oder den Hinkelstein, an Teddy oder die Bierstube Ganz, an Schröder oder die Wolke, allesamt Läden, wo der Bär bis in die Puppen tanzte, studentische Jugend kurzlebige Revolten anzettelte, Beziehungskisten zimmerte und die Haschräusche mit Bier streckte. Verrauscht, vorbei. Bis auf eine Ausnahme, die einen nostalgischen Rückblick erlaubt, von ihm lebt und deshalb vielleicht sogar überleben wird: Das Dieze Köpi, das vor einem halben Jahrhundert in der Rappstraße eröffnet und schon bald darauf als Uralt-Szenekneipe gerühmt wurde.

„Kahlköpfige Pädagogen, bärtige Computerspezialisten, glitzrig bunte Teenies, dichtende Taxifahrer, schwere und leichte Trinker, Lyrik-Freaks und Erst-Semester“, so schilderte die Journalistin Petra Oelker in der Hamburger Rundschau die Klientel, der sie als Köpi-Kellnerin zwei Jahre lang gedient hatte, dieser „gemütlichen Schmuddelkneipe“, in der an manchen Abenden ein ganzes Pädagogikseminar bis zum Morgengrauen durchmachte. Mit „Bier und Bismarck“, eine gängige Kombination, die gewisse Ähnlichkeit zum Koma-Saufen der Gegenwart besaß. Nur dass sich damals Studenten um den Verstand soffen und heute Schüler.

„Früher wurde sowieso viel mehr Schnaps getrunken “, knurrt Wirt Jens Hoenig und blinzelt über seine Halbbrille auf das dünn besetzte Flaschenregal hinterm Tresen. Sonst jedoch hat sich in den vergangenen dreißig Jahren um ihn herum so gut wie nichts verändert. Das Inventar aus braunem Holzgestühl, die Sitzecken in den Buchten unter Fenstern, die bis zur Decke reichen, ein halbes Dutzend Spiegel an den Wänden, auch das Angebot der Küche, auf einer Tafel notiert, wirkt zeitlos: Rundstück warm, Königsberger Klopse mit Bratkartoffeln und ein mysteriöses Gericht namens Oldenburger Gerümpel. Darüber steht eine runde Wanduhr wahrscheinlich seit Ewigkeiten auf halb zehn - morgens nicht zu früh, um aufzustehen, abends die beste Zeit, um ins Köpi zu gehen.

Tatsächlich füllt sich um diese Zeit das Lokal, dem Konkret-Kolumnist Horst Tomayer ein paar Holperverse ins Poesiealbum geschrieben hat: „Eine bessere gute Stube, man findet sie nicht oder kaum / Auf sieben mal sieben Metern, mit unendlich viel Zwischenraum.” Auch er einer, der zum Inventar gehört, wie viele ehemalige Studenten, heute angegraut und als Rechtsanwalt, Redakteur, Arzt und Professor arriviert. Auffallend viele wohnen in Sichtweite der Kneipe, die mit ihrem Vorgarten hinter mannshohen Hecken wie ein Ausflugslokal wirkt. „Schön und bequem, hier zu versacken“, sagt einer am Nebentisch. „Dreimal hinfallen und ich bin zuhaus.“

Aber wo versacken und wie oft nach hause fallen, wenn’s dem Köpi so ergehen würde wie Tante Frieda? Vor zwei Jahren schien es so weit, drohte die Hausbesitzerin den Mietvertrag zu kündigen. Da erwies es sich als Gottesgeschenk, dass es unter den Stammgästen soviel Prominenz gab: Hans Werner Kilz, heute Chefredakteur der “Süddeutschen Zeitung”, damals Ressortleiter beim “Spiegel” kloppte im Köpi Skat mit Politikchef Hans-Joachim Noack und Sportchef Kurt Röttgen. Anette Mayhöfer lud ihre Hochzeitsgesellschaft nach dem Festmahl ins Köpi, darunter Sternreporter Kai Hermann, Autor des Bestsellers “Die Kinder vom Bahnhof Zoo”. Sogar Boris Becker hing dann und wann am Tresen rum.

Große Namen! Ob sie das Urteil des Gerichts beeinflusst haben, steht dahin. Es zählt allein, dass der Mietvertrag bis zum Jahr 2012 gilt. Aber auch das letzte Wort des Stammgastes am Nebentisch: „Kneipe, das ist doch nur ein andres Wort für Nachbarschaft.“