Zeitenspiegel Reportagen

The genes for happiness

Appeared in "stern" no. 47 2010

Von Autorin Ingrid Eißele

Pre-implantation diagnostic tests after in vitro fertilization have Germany worried. Is the fertility industry on a slippery slope to eugenics?

Text von Bernd Volland, Michael Streck und Ingrid Eissele

Wartezimmer licht, die Fenster Richtung Kürfürstendamm, die Gedächtniskirche ums Eck, der Straßenlärm bleibt gedämpft. Ein Pärchen sitzt darin, beide Anfang 30, sie schweigen.

Die junge Frau blättert in der “Gala”, der Mann stiert auf einen Kaffeeautomaten an der Wand.

Hinter der Rezeption ein Kunstwerk, dunkelblaue Spermien drauf. Sie sehen irgendwie fröhlich aus, wie Kinder, die Fangen spielen. “Kinderwunsch” heißt die Praxis. Doktor Matthias Bloechle trägt schwarze Jeans, er hat einen festen Händedruck und eine ruhige, klare Stimme. Er bittet in einen kleinen Behandlungsraum, eine Liege, ein Schwarz-Weiß-Foto von einem Säugling an der Wand. Wer Bloechle gegenübersitzt, kann sich kaum vorstellen, dass dieser zurückhaltende Mann, Vater von fünf Kindern, eine bundesweite Debatte entfacht hat, die Politik, Wissenschaft und Gesellschaft spaltet. Dieser Bloechle hat vor fünf Jahren als erster Mediziner in Deutschland die sogenannte Präimplantations- Diagnostik durchgeführt.

Das heißt: Er hat gesunde von kranken Embryonen getrennt, die ohne Erbdefekt in die Gebärmutter eingepflanzt und die übrigen absterben lassen. Das war ein Tabubruch.

Drei Paare hatten sich an ihn gewandt, alle drei mit schwierigen genetischen Dispositionen.

Die Chance, ein gesundes Kind zu bekommen, bei allen dreien minimal. So begann das alles.

Bloechle kannte viele solcher Paare; er kannte die Frauen, zermürbt von Fehlgeburten, immer wieder. Sie kamen in seine Praxis, er hörte sich ihre Geschichte an und konnte nicht helfen, weil man die PID in Deutschland nicht durfte, also schickte er sie ins Ausland, nach Belgien oder in die Niederlande.

Er sah, “dass Welten für diese Menschen zusammenbrechen”.

Er sah das immer wieder, und irgendwann ging ihm dieser Widerspruch nicht aus dem Sinn, “dass jemand schwanger werden soll, um dann ganz legal abzubrechen, wenn er doch die Möglichkeit hat, vorher die Diagnostik zu machen, damit dieses traumatisierende Ereignis gar nicht erst eintritt”. Denn so sah die paradoxe Situation in diesem Land aus:

Es war verboten zu prüfen, ob ein Embryo überhaupt eine Überlebenschance hat, bevor er in den Mutterleib eingesetzt wird. Es war und ist aber nicht verboten, bis kurz vor der Geburt ein schon fast ausgewachsenes Baby mit einer Injektion ins Herz zu töten und abzutreiben, falls eine schwere Behinderung droht.

Bloechle schrieb zunächst ein Protokoll, ließ das von einer Strafrechtsprofessorin begutachten, führte dann die Embryonen-Untersuchung bei jenen drei Paaren durch - und zeigte sich danach an.

Von den dreien bekam ein Paar ein gesundes Kind.

Vier Jahre später, im Sommer 2010, gab ihm der Bundesgerichtshof recht und sprach ihn frei. Seitdem ist Bloechle ein Medienstar wider Willen. Seitdem streiten die Politiker und die Gelehrten. Bisher ging man davon aus, dass die PID in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz geregelt und verboten sei. Nun aber muss ein neues Gesetz erlassen werden, das klarstellt, ob die Embryonentests erlaubt bleiben, und falls ja, in welcher Form. Die Kanzlerin will die PID verbieten, obschon von Haus aus Naturwissenschaftlerin und vor Jahren noch Befürworterin.

Die FDP will die PID erlauben, der Ethikrat arbeitet noch an einer abschließenden Stellungnahme bis zum Sommer 2011, die katholische Kirche ist strikt dagegen.

Kardinal Meisner sieht den Menschen sogar schon “in Teufels Küche”.

Philosophen äußern sich, Juristen und Historiker. Erstaunlich viele Männer und erstaunlich wenig Frauen. Und mittendrin in diesem Streit sitzt Bloechle und wundert sich, weil so getan wird, als hätte er die Büchse der Pandora geöffnet.

Er hockt ruhig in diesem kleinen Behandlungszimmer, schüttelt gelegentlich den Kopf. Büchse der Pandora? Er sagt: “Bei jeder technischen Methode gibt es den sinnvollen Gebrauch und den Missbrauch.

Das fängt beim Brotmesser an. Sie können damit Brot schneiden oder jemandem die Gurgel durchschneiden.

Kein Mensch käme auf die Idee, das Brotmesser zu verbieten. Wir müssen den rechtmäßigen Gebrauch vom unrechtmäßigen gesetzlich trennen.” Vielleicht hat der Berliner Frauenarzt die Wucht der Debatte unterschätzt. Vielleicht hat er sie deshalb unterschätzt, weil es in Wahrheit nicht allein um die PID und Embryonentests und konkrete Hilfe für kinderlose Paare geht.

Es geht auch, oder vor allem, um die ewige Frage: Wie weit dürfen wir gehen? Wo überschreitet der Mensch seine Grenzen? Darf er eingreifen in das, was man landläufig Schicksal nennt? Ist er womöglich gerade dabei, das Schicksal abzuschaffen, wie das der Freiburger Medizinethik-Professor Giovanni Maio postuliert, und es zu ersetzen durch, wie er das nennt, die “Totalität der Machbarkeit”?

Maio sagt: “Das, was gestern schicksalhaft war, ist es heute nicht mehr.” Das, was gestern krankhaft war, muss morgen nicht mehr krankhaft sein. Der moderne Mensch unterwerfe sich zusehends dem Diktat der Gerätemedizin.

“Der Mensch”, sagt er, “nimmt sich nicht mehr an, wie er ist, sondern strebt nach einer vermeintlichen Perfektion, die ihn dann in die Tretmühle des Sichstetig- verbessern-Müssens treibt.” Nun ist Maio kein Fundamentalist.

Er ist ein kluger Denker, Geisteswissenschaftler heute, früher aber auch praktizierender Internist in einem Krankenhaus in Donaueschingen und mithin permanent konfrontiert mit der Frage von Leben und Tod. Im Laufe der Jahre, geprägt durch seine Zeit als Praktiker, konvertierte er zum Mahner wider eine “Überdiagnostik”.

Er sagt: “Früher waren die Frauen guter Hoffnung, wenn sie schwanger waren. Wo ist dieser schöne Begriff geblieben?

Heute werden die Mütter zugeschüttet mit Tests. Die Befunde sind nicht immer klar, und bei unklaren Befunden werden die Kinder vorsorglich abgetrieben.” Er fordert nicht die Rückkehr zum Fatalismus, zur absoluten Schicksalsergebenheit, aber er fordert die Rückkehr zu mehr Bewusstsein, zu mehr Gespräch, zu mehr Aufklärung. Wer ihm lauscht, ist einerseits gefangen von seinen Gedankenkonstruktionen, abstrakt und schön, und fragt sich andererseits, wie viel Theorie die Praxis verträgt. Man fragt sich, ob seine Worte den Reality-Check überstehen würden, träfe er etwa auf Sonja und Michael Werner aus dem fränkischen Redwitz.

Die Werners gehörten zu jenen drei Paaren, denen Matthias Bloechle half. Sie bekamen eine Tochter, Maxima heißt sie, geboren am 17. Januar 2007. Blond, hübsch, blaue Augen. Sonja Werner, 29, gelernte Industriekauffrau, hatte zwei Fehlgeburten hinter sich, sechste und achte Woche, als ihr die Frauenärztin empfahl, eine Humangenetikerin zu konsultieren.

In deren Diagnose steht:

“Familiäre Translokation zwischen den Chromosomen 2 und 22. Heterozygotie für die MTHFRMutationen C677T und A1298C.” Die behandelnde Ärztin übersetzte ihr, dass die Wahrscheinlichkeit, ein schwerstbehindertes Kind zu gebären, in ihrem Fall bei 80 Prozent liege. Maximale Lebenserwartung: ein Jahr.

Sonja Werner recherchierte im Netz, sie fand Matthias Bloechle in Berlin. Er riet zur künstlichen Befruchtung nach Polkörperdiagnostik, das heißt: Er untersuchte die Eizelle, ehe er sie befruchtete.

Bloechle ging nur so weit, wie man nach damaliger Rechtsprechung gehen durfte, obwohl er wusste, dass mehr möglich gewesen wäre.

Sonja Werner wird abermals schwanger, abermals ist die Freude riesig, und abermals verliert sie das Kind, bei dem Trisomie 22 festgestellt wird. Drei Fehlgeburten in eineinhalb Jahren.

Familie, Freunde und Bekannte haben Bedenken, “wenns nicht klappt, dann klappts eben nicht”.

Sie leben auf dem Dorf, es ist ein konservativer Sprengel. Hier bekommen Frauen Kinder nach Geschlechtsverkehr und nicht durch die Petrischale. Solche Sachen hören die Werners häufiger. Und auch, dass aus diesen Kindern, künstlich irgendwie, nichts werde im späteren Leben. Andere würden aufgeben, aber bei Sonja und Michael Werner ist der Kinderwunsch stärker, “wie eine stete Stimme”. Sie kontaktiert Matthias Bloechle, und der geht nun diesen einen Schritt weiter und führt die PID durch. Das Verfahren ist noch verboten. Das Resultat ist Maxima, gesund, geliebt, kregel.

Die Eltern sitzen in der Wohnstube.

Sie verstehen die Aufregung nicht um die PID, “man geht doch auch zur Krebsvorsorge”. Er fragt: “Warum soll man das nicht machen? Warum soll man leiden, wenn man nicht leiden muss?” Sie sind eine glückliche Familie.

Wer den Werners zuhört, fragt sich, warum nicht zugelassen wird, was sinnvoll erscheint und in anderen Ländern, selbst katholisch geprägten wie Spanien, auch als sinnvoll erachtet wird.

Man sieht in diesem Moment nur die Vorteile, man sieht in diesem Moment nur nach vorn und nicht zurück. Aber wer die Debatte hierzulande verstehen will, muss zurückblicken auf eine andere, eine dunkle Zeit. Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin ist spezialisiert auf die Geschichte der Wissenschaft, auf die Geschichte der Medizin. Er sagt:

“Deutschland ist extrem sensibel, wenn es um den biopolitischen Zugriff auf das Leben geht.” Sensibel?

Oder übersensibel? In England dürfen Ärzte mittels der PID Krebsgene ausschließen lassen. In den USA dürfen sie das Geschlecht der Kinder bestimmen. Und Deutschland ziert sich bei Tests auf gesunde Embryonen. Ist das Land hysterisch? “Nein”, sagt der Züricher Professor, “denn wir erleben gerade, dass das medizinisch machbar wird, wovon die Begründer der nationalsozialistischen Rassenlehre träumten.” Die Vision einer “künstlichen Auslese der Keimzellen”hatte bereits Alfred Ploetz vor Augen, als er vor mehr als 100 Jahren den Begriff der “Rassenhygiene” einführte. Die von ihm diskutierte Variante, missgebildete oder schwächliche Neugeborene “durch eine kleine Dose Morphium” zu entsorgen, stand dann doch zu sehr im Widerspruch zu “den Motiven des Mitleids und der Humanität”. Aber was, wenn es gar nicht mehr nötig wäre, frisch geborene Babys mit pochendem Herzen “auszumerzen”?

Wenn es einen sanfteren Weg gäbe? Das “Verschieben der Auslese und Ausjäte von den Menschen auf die Zellen, aus denen sie hervorgehen”, wäre die “Lösung des Conflicts der nonselectorischen mit den rassenhygienischen Forderungen”, fantasierte Ploetz 1895 in seinem Buch “Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen”, das ihn zum Vordenker nationalsozialistischer Eugenik machte.

Aber so weit war die Wissenschaft auch gut 40 Jahre später nicht. In der “Aktion Gnadentod” wurden ab 1940 mehr als 100 000 Behinderte und psychisch Kranke in Deutschland vor allem durch Vergasung oder per Giftspritze umgebracht. Die Nazis hatten zuvor schon das “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” erlassen, das die Zwangssterilisierung von mehr als 300 000 Menschen mit vermeintlichen Erbkrankheiten legalisierte, um die Vermehrung “lebensunwerten Lebens” zu verhindern. Und heute werden in PID-Labors unterm Mikroskop Embryonen mit Genen für genau diese Krankheiten aussortiert: etwa Chorea Huntington oder erbliche Blindheit.

“Es handelt sich natürlich nicht um angewandte Rassenhygiene, wenn ein Paar verhindert, dass sein Kind mit einer Erbkrankheit geboren wird”, sagt Sarasin.

“Aber: Auch hier wird gezielt Genmaterial verbessert.” Er nennt das die “weiße Eugenik”, weil nicht das düstere Ideal des “gesunden Volkskörpers” Triebfeder ist, sondern die Hoffnung auf “Elternglück”.

Und diese sanfte Variante der Eugenik wurde schon lange vor der Entwicklung der PID praktiziert, nur später, im Mutterleib, dank Ultraschall und anderer pränataler Diagnosemethoden.

Nur wo verläuft die Linie zwischen Schwarz und Weiß? “Mir persönlich wird es unheimlich, wenn es nicht mehr um die Entscheidung von Eltern geht, sondern das Kollektiv ins Spiel kommt”, sagt Sarasin. Es müsse ja nicht gleich um das Schaffen einer Herrenrasse gehen. “Aber was ist, wenn Krankenkassen sagen: Es ist medizinisch vermeidbar, dass Menschen mit Downsyndrom geboren werden, für diese Kinder zahlen wir nicht mehr?” Selbst wenn es nicht von oben herab verordnet wird, kann der Druck auch durch kulturelle Werteverschiebung entstehen.

Eine Studie der Universität Würzburg ergab: Mehr als einem Viertel der Eltern von Kindern mit Downsyndrom wurde schon mal vorgehalten, dass sie ihr Kind doch nicht in die Welt hätten setzen müssen. Schließlich ist heute ja vorhersehbar und vermeidbar, was herauskommt. Viele Frauen berichten, dass sie von ihren Ärzten regelrecht zu Untersuchungen gedrängt werden. 96 Prozent aller Frauen, die bei der Vorsorgeuntersuchung erfahren:

“Ihr Kind hat das Downsyndrom”, treiben ab.

Diagnosen ermöglichen nicht nur Entscheidungen, sie zwingen Eltern auch dazu, sie zu fällen.

Wie sie damit leben können, ob sie damit womöglich überfordert sind, wird nicht gefragt. Und so kommt es vor, dass Frauen vor eine Wahl gestellt werden, die sie am liebsten gar nicht hätten. Melanie Behr* wollte das Schicksal akzeptieren. Aus dem ersten gemeinsamen Urlaub mit ihrem Mann kam die Verlagsangestellte guter Hoffnung zurück. Eine Bilderbuchschwangerschaft.

Kein Unwohlsein, kaum Übelkeit. Heute grübelt sie zuweilen, wann er wohl geschah, dieser winzige Fehlgriff der Natur, jener Fehler bei der Zellteilung.

Melanie Behr war eben keine dieser übervorsichtigen Schwangeren, keine, die noch jeden Test machte, nur weil die Ärzte das für wichtig hielten. Gewiss, sie ließ sich auf Toxoplasmose testen, aber auf Untersuchungen der Nackenfalte oder des Fruchtwassers, die auf Fehlbildungen hinweisen können, verzichtete sie. Sie und ihr Mann waren sich einig.

Sie wollten das Kind, selbst wenn es behindert sein sollte.

In der 26. Woche erklärte ihr die Frauenärztin besorgt, dass etwas nicht stimme mit dem Kind, es wachse nicht altersgerecht. Sie riet zu weiteren Untersuchungen in der Klinik, “ich wollte nicht in diese Maschinerie geraten, aber mir wurde von den Ärzten richtig Druck gemacht”.

Melanie Behr geriet in die Maschinerie. Tests, Untersuchungen, Ultraschall, schließlich doch eine Fruchtwasseruntersuchung, “die Ärzte standen um mein Bett und wurden immer schweigsamer”. Einen Tag später, an Gründonnerstag, die Diagnose: Das Kind hat Trisomie 18, das Edwards-Syndrom. Die Krankheit, erklärten die Ärzte, sei “mit dem Leben nicht vereinbar”.

Ein Schock, sie stand neben sich, tagelang. Das Kind hatte schon einen Namen, Luna. Ihr Mann, ein pragmatisch denkender Mensch, sagte: “Es ist Schicksal, dass Luna nicht leben kann.” Ihre Eltern sagten das Gleiche. Die Ärzte sagten das Gleiche: Abbruch.

Aber Melanie Behr fühlte in sich diesen Widerstand gegen Lunas beschlossenen Tod. Sie fragte sich: “Was ist richtig?” Oder:

“Was ist weniger falsch?” So oder so - es gab nur die Alternative: das Baby austragen mit dem Risiko, dass es schon im Mutterleib stirbt oder spätestens ein paar Monate nach der Geburt. Oder Spätabbruch. Sie sagt: “Es gab nur eine falsche Entscheidung.” Kurz nach Ostern, dem Fest des Lebens, fährt Melanie Behr mit ihrem Mann in die Klinik. Zuvor müssen sie sich ordnungsgemäß noch von einer Humangenetikerin unterrichten lassen, Vorschrift ist Vorschrift. So funktioniert die Maschine. Sie bekommt ein Beruhigungsmittel, und dann wird Digoxin gespritzt, ein Extrakt aus dem Fingerhut. Es führt bei Überdosierung langsam zum Herzstillstand des Fötus.

Melanie Behr und ihr Mann verabschieden sich von Luna, sie bittet die Tochter, “dass sie mir verzeihen soll, weil ich diese Entscheidung aus Liebe zu ihr getroffen habe”. Am nächsten Morgen schlägt Lunas Herz nicht mehr, die Geburt wird eingeleitet, das Kind, 28. Woche, wiegt 600 Gramm; nichts an ihr ist befremdlich, sie hat schön geschwungene Lippen, zu Fäustchen geballte Hände. Sie sieht aus wie ein gesundes Kind.

Melanie Behr hat sich verändert.

Sie sagt, sie hätte mehr Zeit gebraucht. Auf einer weißen Kommode im Wohnzimmer lehnt ein Ultraschallbild von Luna. Die Umrisse des Köpfchens sind zu erkennen.

Ein Strauß Rosen steht daneben, eine Kerze brennt. Melanie Behr mag das Bild, weil Luna darauf noch lebendig ist. Sie sagt: “Es wäre einfacher für mich gewesen, wenn ich allein gewesen wäre und nur auf mein Bauchgefühl hätte hören können. Ich hätte wohl nicht den Mut gehabt, mich für einen Spätabbruch zu entscheiden.” Die Entscheidungen, vor denen Eltern stehen, sind im wahrsten Wortsinne existenziell. Abgewickelt werden sie allerdings oft maschinell in kühlen und profitorientierten Unternehmen, denn auch das sind viele Kliniken und Arztpraxen. “Die Reproduktionsmedizin”, sagt Giovanni Maio, “ist eine Serviceindustrie.” Eizellenspender, Samenspender, postmortale Spender - all das wird auf dem globalen Markt gehandelt. “Und wenn die einen das nicht machen, machen es andere. Da können sie nicht mit Moral kommen.” Mit immer neuen Innovationsschüben ist eine globale Industrie ums ungeborene Leben gewachsen: Rund 4,2 Millionen Menschen sind mittlerweile im Glas gezeugt worden.

200 000 in Deutschland.

Industrie? Geldmache? Egal.

Keine Sekunde haben Thomas und Elke Döring gezögert, sich an diese österreichische “Firma” zu wenden, die ihnen Elkes Frauenärztin empfohlen hat, ja, “die Firma” - so nennen die Dörings aus Oberbayern die multinationale Klinikkette des österreichischen Professors Herbert Zech. Rüber über die Grenze nach Salzburg, Vorgespräche, Speichelabstriche machen lassen, Blut abnehmen.

Das Ganze ab über den Atlantik nach Chicago zum Reproductive Genetics Institute, wo die Experten eine DNS-Sonde bauten, mit der die befruchteten Eizellen untersucht werden konnten.

Diese wiederum wurden in Pilsen entnommen und mit den Spermien vereint, denn dort in Tschechien ist es erlaubt, per Biopsie aus den schließlich heranwachsenden Embryonen im Schälchen einzelne Zellen zu entnehmen, um sie zu untersuchen.

Diese Testzellen wiederum schickten die Pilsener in einer Lösung nach Chicago, wo sie mit den bereits gebauten Sonden untersucht wurden. Die Ergebnisse kamen von dort per Mail zurück nach Pilsen, wo dann die beiden tauglichsten Embryonen eingesetzt wurden. Und heute ist Elke Döring im achten Monat schwanger.

“Ich hatte zwar ein komisches Gefühl dabei, meine Zellen durch die Welt fliegen zu lassen”, sagt sie. “Aber es war klar: Wenn man das kann, dann lassen wir das auch machen.” “Das können” heißt:

Diese verdammten 50 Prozent Risiko auszuschließen, dass ihr zweites Kind das Retinoblastom- Gen trägt, das schon im Säuglingsalter einen bösartigen Netzhauttumor verursachen kann. So wie bei Thomas, dem Vater, und dessen beiden Geschwistern, so wie beim ältesten Brüderchen Philipp, der natürlich und ungeprüft gezeugt wurde, jetzt dreieinhalb Jahre alt ist und bereits sechsmal unter Vollnarkose am Auge gelasert wurde.

“Das machen” heißt: das Geld hinzulegen und “nicht zu viel drüber nachzudenken”.

Rund 3000 Euro kostet eine einfache künstliche Befruchtung hierzulande.

Das komplette Gedeck mit der PID als Sicherheitscheck vorab kostet im Ausland etwa 10 000 Euro. Rund 30 000 Paare, so schätzen Experten, reisen in Europa jährlich ins Ausland, um dort im Glas ein Kind zu zeugen. Wo Ärzte dank liberalerer Gesetze mit einer besseren “Baby Take Home Rate” prahlen. Nach Zypern, wo es Kliniken mit Privatstränden und guten Zugang zu Spender-Eizellen gibt. Nach Dänemark, wo lesbische Paare freundlichst umworben werden. In die USA, wo eingefrorene Embryonen zur Adoption stehen. Die Grenze zwischen Segen und Schrecken ist schwer zu ziehen. Und vieles von dem, was gerade empört diskutiert wird, bleibt in Wahrheit noch lange utopisch: sich etwa im Glas besonders große oder schlaue Kinder zu züchten. Andererseits ist bereits machbar, was die meisten für Science-Fiction halten würden.

Jamie ist Wirklichkeit.

Jamie hat sich eine Kreatur gebaut.

Zwei Beine, einen großen Schlund und einen langen Schwanz. “Ein Dinosaurier!” Er hält ihn in die Höhe, schwarze, grüne, rote Steine. Jamie kann lächeln. Jamie kann sich freuen. Jamie Whitaker, 7, aus Chesterfield, England, den manche selbst für eine Art Lego- Monstrum hielten. Damals, als in der ganzen Welt diskutiert wurde, ob es so einen wie ihn überhaupt geben durfte: Jamie, das “Designerbaby”, Jamie, das “Ersatzteilbaby”, Jamie, gezeugt im Glas, um seinen Bruder Charlie zu retten. Ein Junge wie aus einem Science-Fiction-Film.

2002 flog seine Mutter nach Chicago, ließ aus künstlich befruchteten Eizellen per PID jene zwei Embryonen auswählen, die genetisch am stärksten ihrem Sohn Charlie ähnelten. Der Junge war an Diamond-Blackfan-Anämie erkrankt. Seine einzige Heilungschance: die Stammzellen eines genetisch passenden Geschwisterchens.

Ein Embryo überstand die Schwangerschaft nicht, aus dem anderen wurde Jamie, dessen Stammzellen ein Jahr später an Charlie verabreicht wurden.

Ein Besuch bei den Whitakers kann sehr erdend sein, wenn man die hohen ethisch-philosophischen Diskurse mit der Realität abgleichen möchte. Zwei Söhne sieht man da, putzmunter und gesund.

Charlie, 11, ist etwas robuster, Jamie ist etwas schüchterner, aber durchaus widerstandsfähig, zurzeit hat er Fernsehverbot, weil er den Kampf um die Fernbedienung für sich entschieden hat, unter Zuhilfenahme eines Kugelschreibers, den er seinem älteren Bruder in die Hand rammte.

Dürfen Eltern sich ein Kind aussuchen, so wie es ihnen passt? - Dürfen sie eines zeugen, damit es einem anderen Menschen nützt? - Dürfen wir Gott spielen? - Was bedeutet das für die Menschheit? - Und für das Kind?

Nun, wenn man es verboten hätte, sagen die Whitakers, würde Charlie nicht hier sitzen, sondern graugesichtig am Tropf hängen. Und in spätestens 20 Jahren wäre er tot. Und Jamie? Gäbe es nicht. So einfach ist das.

Aber die Whitakers bestreiten natürlich trotzdem das moralphilosophische Pingpongspiel. Designerbaby?

“Wir haben uns kein Kind zurechtgebastelt, wie haben nur die Chancen im Wettbüro zu unseren Gunsten verschoben.” Ein Kind für ein anderes in die Welt setzen? “Ist es ein besseres Motiv, ein Kind zu zeugen, um eine Ehe zu retten? Oder einen Erben für das Familienimperium zu bekommen?” Als Ersatzteillager?

“Wir haben Jamie nicht mal Knochenmark genommen.

Die Stammzellen stammen vom Blut der Nabelschnur, kein Eingriff war nötig”, sagt Michelle, die Mutter. Psychische Folgen?

“Wenn Charlie seinen Bruder ärgert, reibt Jamie ihm schon mal unter die Nase, dass er ihm das Leben gerettet hat.” Aber Charlie komme ganz gut damit klar, darauf könne man sich verlassen.

Sie haben eine Technik genutzt, mit der Dinge möglich sein könnten, die auch sie verwerflich finden.

Theoretisch könne sich jetzt schon jeder seinen potenziellen Nierenspender züchten, ja. Aber das Problem sei doch nicht die Möglichkeit, sondern die Art, wie man sie nutze, sagt Vater Jayson.

Gleich gibt es Dinner. Pie mit Erbsen und Kartoffelbrei. Charlie hat Hunger. Jamie hat Hunger. Sitzt man hier am Tisch der Whitakers einer Todsünde gegenüber?