Zeitenspiegel Reportagen

The monsters of the Maguindanao massacre

Erschienen in "Die Welt", 22. November 2010

Von Autor Carsten Stormer

The Ampatuan clan ordered the summary execution of 58 people in the Philippines. The suspects are now on trial. The witnesses are terrified.

Der Prozess, den sie niemals führen wollte, beginnt an einem Mittwoch um 8.30 Uhr im kahlen Konferenzraum eines Gefängnisses am Stadtrand von Manila. Staatsanwältin Maria Gemma Oquendo ist eine zierliche Frau, 33 Jahre alt, sie trägt einen Hosenanzug und die Haare offen. Sie starrt auf die Tür, aus der gleich der Angeklagte treten wird, und knetet ihre Hände, als wären sie aus Schaumgummi, Tränen laufen ihr übers Gesicht. Sie wischt sie schnell fort. Dann atmet sie noch einmal tief durch und versucht, das Zittern ihrer Schultern unter Kontrolle zu bringen. Dann wird der Mann in den Gerichtssaal geführt, vor dem sich alle fürchten, trotz Handschellen, trotz Wachen. Ein Raunen geht durch die Menge der Zuschauer. Maria Gemma Oquendo steht auf, und der Mann schenkt ihr ein hochmütiges Lächeln. Dann drücken ihn zwei Polizisten auf die Anklagebank. Im größten Mordprozess der philippinischen Geschichte beginnt der sechste Verhandlungstag. Andal Ampatuan junior soll für den Tod von 58 Männern und Frauen verantwortlich sein.

Der Vater von acht Kindern, 33 Jahre alt, ist ein kleiner fetter Mann mit aufgedunsenem Gesicht, ehemaliger Bürgermeister des Städtchens Datu Unsay in der Provinz Maguindanao im Süden der Philippinen. Er gähnt, während der Ankläger die Vorwürfe gegen ihn verliest, und zeigt den Presseleuten den Mittelfinger.

Die Tat soll Ampatuan jr. gemeinsam mit seinem Vater Andal Ampatuan senior geplant und ausgeführt haben, dem Gouverneur der Provinz Maguindanao, sowie mit seinem Bruder Zaldy Ampatuan, dem Gouverneur der Autonomen Region des Muslimischen Mindanao. Die Brutalität der Tat erschütterte selbst die an Gewalt gewöhnten Philippinen und beherrschte tagelang die Schlagzeilen der internationalen Presse.

Am 23. November 2009 schickte der Politiker Esmael „Toto“ Mangudadatu einen Konvoi aus sieben Kleinbussen mit 58 Menschen an Bord – darunter 34 Journalisten, 21 Frauen, mehrere Anwälte sowie seine Ehefrau Genalyn, einige Schwestern und Tanten – in das Städtchen Shariff Aguak, um seine Kandidatur für das Amt des Provinzgouverneurs einzureichen. Niemand hatte es bislang gewagt, den regierenden Gouverneur Andal Ampatuan sen. herauszufordern, eine Art selbst ernannter Gottkönig mit uneingeschränkter Macht. Diejenigen, die es versucht hatten, verschwanden spurlos, oder man fand ihre aufgeblähten Leichen im Fluss treibend.

Der Clan der Ampatuans herrscht schon seit zwei Jahrzehnten in der Provinz Maguindanao. Söhne, Enkel, Cousins, Neffen und andere Familienmitglieder des Patriarchen Andal sen. sitzen zu dieser Zeit in fast allen wichtigen Regierungsstellen der Provinz. Sie bauen sich Paläste mit Kuppeln und Minaretten, sie unterhalten eine 5000 Mann starke Privatarmee und fahren Luxuskarossen, während ihr Reich in Rechtlosigkeit und Armut versinkt. Nun begehrt einer auf gegen die Ampatuans. Eine gute Geschichte für die Journalisten im Bus. Sie ahnen nicht, dass es ihre letzte sein wird. Kurz vor dem Ziel stoppen bewaffnete Männer der Privatarmee den Konvoi. Man fesselt den verängstigten Insassen die Hände auf den Rücken, nimmt ihnen Handys und Kameras ab. Andal Ampatuan jr. steht daneben, ein Schnellfeuergewehr in der Hand, und gibt Befehle. Statt ins Wahlbüro rumpelt der Konvoi nun auf einem Feldweg immer tiefer hinein in die Berge. Auf der Kuppe eines Hügels stoppt der Bus. Die 58 Männer und Frauen müssen aussteigen und werden nacheinander erschossen. Zeugen sagen später aus, Andal jr. habe viele Menschen eigenhändig ermordet. Die Leichen finden Regierungssoldaten wenige Stunden später im Gras oder verscharrt in mehreren Massengräbern. Die Tat geht als Massaker von Maguindanao in die Geschichte der Philippinen ein. Wer kann, kauft sich in den Philippinen einfach frei

Mord und Totschlag unter den herrschenden Familien und Politikern ist in diesem Teil der Philippinen nichts Neues, aber die Brutalität des Falles schockierte die Nation. Wie war es möglich, dass eine Familie uneingeschränkte Macht ansammelte, bis sie in ihrem Größenwahn glaubte, mit dem Mord an 58 Menschen davonzukommen. „Das machen nur Leute, die glauben, nichts befürchten zu müssen, weil sie von ganz oben geschützt werden“, sagt eine Anwältin während des Prozesses. Zumindest können gewisse Leute auf eine in den Philippinen weitverbreitete Kultur der Straflosigkeit bauen. Nur bei etwa 20 Prozent aller Verbrechen kommt es zu einer Anklage. Wer kann, kauft sich frei. Justitia ist blind und hält die Hand auf.

Nur so ist zu erklären, dass die Ampatuans seit Jahren ungestraft zündeln, morden und erpressen können – Polizei, Militär und Justiz standen auf ihrer Gehaltsliste. Der Clan fühlte sich unantastbar. Als drei Tage nach dem Massaker der Hauptverdächtige Andal jr. verhaftet und in einem Hubschrauber in die Hauptstadt Manila geflogen wurde, fragte er die Beamten, in welchem Hotel man ihn denn unterbringen würde.

Die Provinz Maguindanao liegt auf Mindanao, der südlichsten Insel der Philippinen, und dort geht es zu wie in einem Raubritterroman: Mächtige Clans mehren Einfluss und Besitz mithilfe privater Söldner. Die Ampatuans sind die Mächtigsten. Nach dem Massaker fand man auf ihrem Anwesen mehr als tausend Waffen – Panzerfäuste, Mörser, Maschinengewehre – und Zehntausende Schuss Munition. Ausrüstung und hohe Geldbeträge kamen direkt von der philippinischen Regierung, der Polizei und der Armee. Die Zentralgewalt tolerierte und unterstützte aktiv die herrschenden Familien und ihre Privatarmeen, solange sie politisch auf ihrer Seite standen. Ursprünglich dienten die Milizen als Mittel gegen kommunistische Rebellen und muslimische Separatisten. Selbst die Präsidentin wusste von Ampatuans Machtmissbrauch

Der Aufstieg der Ampatuans begann Anfang der 80er-Jahre. Langsam, aber beharrlich zogen sie die Kontrolle über Politik, Wirtschaft und Sicherheit in Maguindanao an sich. Sie drohten ihren Untertanen, terrorisierten die Bevölkerung und nahmen sich, was sie wollten, oftmals mit Gewalt. Landbesitzer luden sie in ihre Villen ein und führten sie in ein Hinterzimmer. Dort stand ein Tisch, darauf lagen 10.000 Pesos, umgerechnet etwa 180 Euro, und eine Pistolenkugel, Kaliber 45. Verkaufen oder sterben, sollte das heißen. Die meisten verkauften. So vermehrten die Ampatuans ständig ihren Besitz. Uneingeschränkte Macht erhielt der Clan im Jahre 2001, als Andal sen. zum Gouverneur der Provinz Maguindanao gewählt wurde. Er hievte Familienmitglieder und Gehilfen in Regierungspositionen, wurde 2004 wiedergewählt, und bei den Wahlen im Jahr 2007 wagte es schon niemand mehr, gegen ihn zu kandidieren. Damals waren die meisten der 27 Bürgermeister Maguindanaos Söhne, Enkel oder andere Verwandte des Patriarchen. Unterstützung erhielten die Ampatuans von ganz oben. Die damalige Präsidentin der Philippinen, Gloria Arroyo, war eine enge Freundin der Familie und oft Gast im Hause des Patriarchen, den sie „ama“, Vater, nannte. Bei Wahlen sicherte der Clan Arroyo und ihrer Partei Traumergebnisse, manchmal 100 Prozent. Die Präsidentin wusste vom Machtmissbrauch, tat aber nichts. Sie morden am hellichten Tag mit Kettensägen

Im Laufe der Jahre ließen die Ampatuans Dutzende politische Gegner und deren Angehörige ermorden, entführen oder verschwinden. Das Massaker vom November vergangenen Jahres war kein Zufall, sondern eine vorhersehbare Konsequenz unkontrollierten Mordens, Vertuschens, Manipulierens. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft den Ampatuans mindestens 56 weitere Morde vor. Ihre Opfer ließen sie mit Macheten köpfen, mit Kettensägen zerteilen, erschießen oder in Säcken in einen Fluss werfen. Vereinzelt wurden Verdächtige festgenommen, aber stets bald wieder freigelassen. Verurteilt wurde niemand. Angehörige und Zeugen verweigerten aus Angst die Aussage. Im Dezember 2002 starb Saudi Ampatuan, Bürgermeister der Kleinstadt Datu Piano und Sohn von Andal sen., als eine Bombe neben ihm explodierte. Als Vergeltung ließ der Gouverneur 20 Männer, Frauen und Kinder zusammentreiben und sie mit Kettensägen ermorden. Die Ampatuans fühlten sich so sicher, dass die meisten Morde am helllichten Tag geschahen. Im November 2009 kippten die Ampatuans offenbar völlig in den Wahn der Unbesiegbarkeit. Anders ist kaum zu erklären, wie sie beschlossen, 58 Menschen zu ermorden, die den Wahlkampf eines politischen Rivalen leiteten oder darüber berichteten.

Am Ende des sechsten Prozesstages fordert Siegfried Fortun, Ampatuans Starverteidiger, seinen Mandanten auf Kaution freizulassen. Die Beweise seien nicht ausreichend, die Zeugen unglaubwürdig. Andal jr., der Hauptangeklagte, sitzt die ganze Zeit teilnahmslos auf der Bank, gähnt und nickt hin und wieder ein. Es ist ein Mammutprozess, 197 Personen sind angeklagt, 600 Zeugen sollen gehört werden. Es wird Jahre dauern, bis ein Urteil gesprochen wird; wenn überhaupt.

“Was ist schon gerecht?”

„Was ist schon gerecht, bei dem Ausmaß dieses Verbrechens“, sagt Maria Gemma Quendo, die ihre tote Schwester und ihren toten Vater vertritt, und beginnt zu weinen, nachdem der Hauptangeklagte aus dem Gerichtssaal geführt wurde. Die Strapazen und die Anspannung, die angestauten Gefühle brechen durch die Fassade der Anwältin. Vor zwei Wochen starb ihr Freund und Mentor Leo Dacera, einer der Ankläger, an einem Herzinfarkt. Sie hat Angst, dass man ihr oder ihrer Familie etwas antut. Mehrere Zeugen des Massakers wurden ermordet, auch Leute aus den eigenen Reihen, Leute, die womöglich zu viel wussten oder Befehle missachtet hatten. Nur sechs der 29 Angeklagten des Ampatuan-Clans befinden sich derzeit in Haft, und 115 Anhänger, die an dem Massaker beteiligt waren, sind noch immer auf der Flucht. Ein Jahr nach dem Massaker ist die Macht der Ampatuans zwar geschwächt aber weiterhin ungebrochen.