Zeitenspiegel Reportagen

The shark callers of New Ireland

Erschienen in "Playboy", November 2010

Von Autor Carsten Stormer

On an island in Papua New Guinea, people who catch sharks with their bare hands are called “shark callers.”

Bevor Blaze Soka in sein Kanu steigt, bittet er den Geist des Hais um Erlaubnis, aufs Meer hinaus zu fahren. Es ist fünf Uhr morgens, die Luft hängt schwer und feucht über dem Südpazifik. Das Meer ist ruhig und düster, spannt sich wie ein Tuch aus Blei. Moskitos stechen. Kein Wind. Es riecht nach Salz, nassen Korallen und fauligem Holz. Mangroven rascheln. Gleich beginnt der Tag. Hoffentlich ist er besser als die vergangenen. Blaze Sokas Woche, man kann es nicht anders sagen, lief beschissen. Seit Tagen hat er keinen Hai mehr gefangen, letzte Woche waren es nur zwei. Keine Haie bedeutet: Weniger Essen, kein Ruhm, keine Anerkennung. Blaze Sokas Leben ist wie das Meer. Der Pegel des Glücks hebt sich und senkt sich, die Gezeiten seines Lebens. Er schiebt sich die Schirmmütze in den Nacken, steckt sich eine Zigarette in den Mund, lässt sie von einem Winkel in den anderen wandern. Dann paddelt er los, am Horizont ziehen schwarze Gewitterwolken auf. Blaze Soka ist ein Hairufer. Ich mache dem Mann einfach alles nach, denn ich möchte von den Hairufern lernen, wie man einen Raubfisch fängt. Ich schiebe das Kanu ins Meer, balanciere auf der schmalen Planke, die als Sitzfläche dient und denke ständig nur das eine: Was zum Teufel mache ich hier? Haie fangen!, das zumindest ist der Plan – und das auch noch mit der Hand; ohne Netz, Angel oder Harpune. Deswegen bin ich hier am anus mundi gelandet. Aber von Anfang an: Ich paddle vor Neuirland, einer Insel im äußersten Osten von Papua Neuguinea. Vor Jahren las ich von der geheimnisvollen Tradition des Hairufens auf dieser Insel, von Männern, die aufs Meer hinaus fahren, Haie mit ihrem Gesang anlocken und dann mit der Hand fangen. Dort wollte ich unbedingt hin, in die Fischerdörfer Kontu und Tembin, im toten Winkel von Neuirlands Westküste, hundert Kilometer oder fünf Stunden auf der Ladefläche eines vollgepackten Lastwagens von der Zivilisation entfernt.

Vorne im Führerhaus versucht ein verzweifeltes Pärchen aus Dresden den sturzbetrunkenen Fahrer davon zu überzeugen, dass es nicht clever ist, mit siebzig Sachen auf einer Schotterpiste in eine Steilkurve zu fahren. Auf der Ladefläche kotzen kleine Kinder, Männer betrinken sich mit Selbstgebranntem, und eine dicke Frau mit üppigem Bartwuchs streichelt mir das Knie und fragt mich, ob sie heute Nacht bei mir bleiben darf. Ihr Ehemann grinst, klopft mir auf die Schulter und reicht mir eine Pulle Schnaps. Wir fahren durch das endlose Grün des Dschungels, hin und wieder lugt das Wellblech einer Hütte oder einer Missionsstation hervor.

Die Menschen in Kontu und Tembin leben vom Meer – und so sieht es in den Dörfern auch aus: Kanus und Bastmatten trocknen in der Sonne, Frauen zerlegen Fische, Kinder toben am Strand, Bretterbuden, vom Wind krumm geweht. Hier gibt es keine Straßen und kein fließendes Wasser; keinen Strom, kein Telefon, keinen Arzt. Tembin hat eine katholische Kirche, Kontu eine methodistische, die nächste Schule ist eine Stunde Fußmarsch entfernt. Auf den ersten Blick Dörfer wie andere auch an der Küste Neuirlands. Die Menschen hier sind arm, sie bauen ein bisschen Kassava an oder Taro, Bananen und Papayas, Süßkartoffeln und Zuckerrohr. Viel ist das nicht. Aber ihnen gehört das Meer – denn sie sind die Hairufer von Neuirland.

Blaze ist nicht allein. Dutzende Boote gleiten lautlos in den aufkommenden Tag, halbnackte Paddler im Heck, neben ihnen die Waffen der Hairufer: Eine Rassel aus Kokosnüssen, um den Hai anzulocken, eine Art Lasso, um den Fisch zu fangen, einen Knüppel aus Hartholz, um ihn totzuprügeln und einen Speer, man weiß ja nie. Man kennt sich, winkt, grüßt. Es sind Freunde, Bekannte, Familie, alles Fischer wie er selbst. Blaze Soka ist 60 Jahre alt, hat neun Kinder, den Händedruck eines Werftarbeiters und Füße breit wie ein Paddelblatt. Sein Gesicht ist freundlich und ein bisschen verlebt. Wie alle hier träumt er einen Traum: Er handelt von Ruhm und Ehre. Blaze Soka möchte unbedingt der berühmteste Hairufer der Insel werden. Aber den Titel besitzt noch immer der alte Selam Karasimbe, 74, drüben im Nachbardorf Kontu, ein paar hundert Meter von Tembin entfernt. Das stört Blaze gewaltig. Der Alte soll über 150 Haie gefangen haben, flüstern sich die Menschen an der Westküste Neuirlands zu, jedes Kind kennt seinen Namen. Um ihm den Titel abzujagen, muss er sich mit den Haien messen – aber die wollen sich seit Tagen nicht fangen lassen.

Wir paddeln immer weiter hinaus, Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde, bis die Küste nur noch ein schmaler Streifen am Horizont ist. Ein Schwarm Thunfische zieht vorbei, ein fliegender Fisch fällt ins Boot. Immer wieder stoppt Blaze sein Kanu, hält seine Rassel aus halbierten Kokosnüssen ins Wasser, singt melanesische Lieder, die von berühmten Hairufern und der guten alten Zeit handeln, murmelt Beschwörungen. Rasseln, singen, rasseln, singen, so geht das den ganzen Tag. Das Rasseln simuliert einen Schwarm Thunfische und soll den Hai anlocken. Um ein bisschen nachzuhelfen hängt er noch einen Speer ins Wasser, an dem ein toter Fisch aufgespießt ist. Nichts passiert. Die zeit sickert vorbei und weit und breit kein Hai.

Ich beobachte, starre ins Meer und frage mich, ob dieses winzige Kanu ein geeigneter Schutz vor einem wütenden Hai ist. Nur einmal, ganz kurz, taucht eine Rückenflosse auf, und ich falle vor Schreck beinahe aus dem Kanu. Es beginnt zu regnen, die See wird rauer und Wellen schwappen ins Boot. Zeit, umzukehren. Erleichterung folgt Anspannung, und als ich endlich wieder festen Boden betrete, bin ich enttäuscht, dass kein Hai auf den Trick mit der Rassel hereingefallen ist.

Bevor ich mit Blaze Soka aufs Meer hinaus fahren durfte, um einen Hai zu fangen, warnte er mich erstmal vor den Salzwasserkrokodilen. Vor einigen Wochen soll eines der Viecher eine schwangere Frau gefressen haben. „Dort hinten am Fluss. Also pass auf, wenn Du Dich wäschst!“ Ich versuchte ein Grinsen, aber es wirkte angeklebt wie ein falscher Bart. Dann führte mich der Hairufer in sein „hausboi“, eine Bambushütte nur für Männer, um mich in die Geheimnisse des Hairufens einzuführen. Alles werde er mir nicht verraten. Aber eigentlich sei es ganz einfach, meinte Blaze und lächelte betelnussrote Zähne frei. 24 Stunden darf ich keinen Sex haben. Ich dachte an die Frau mit Bart und nickte. Außerdem darf ich auf keinen Fall in Hunde- oder Schweinekacke treten. Fasten helfe auch, sagte er. „Denn nur wenn der Mann rein ist, wird sich der Hai zeigen und fangen lassen.“ Aber das Wichtigste sei, nicht mit dem Finger auf den Hai zu zeigen, wenn er „um Dein Boot kreist. Verstanden? Nicht mit dem Finger zeigen!“ Denn das würde die Verbindung zwischen Mann und Hai lösen und den Fisch sofort verscheuchen. In meiner ersten Nacht vor dem Bootsgang lag ich schlaflos im „hausboi“, versuchte nicht an Sex zu denken und bat Moro, den Haigott, dass ich am nächsten Tag nicht gefressen würde.

Die Menschen in Neuirland leben in einer Zeitglocke. Die Zeit ist hier nur mühsam vorangekommen, und die Geschichte der Insel liest sich wie ein Raubritterroman. Im Jahr 1616 betritt der holländische Seefahrer Jacob Le Meire als erster Europäer Neuirland und berichtet von dem seltsamen Ritual des Hairufens. Nach ihm kommen deutsche Kolonialisten und moravische Missionare, ihre frommen Worte fallen in das Getriebe der Eingeborenenwelt. Später folgen Kannibalen, Kopfjäger, Abenteurer, Ausbeuter, Piraten, zweiter Weltkrieg, japanische Besatzung, amerikanische Befreiung. Und heute blicken die Menschen einer neuen Gefahr entgegen: Die Haie bleiben aus. Weil draußen vor der Küste thailändische, japanische und koreanische Fangflotten das Meer leer fischen. Die Haie fangen sie wegen ihrer Flossen, die sind in China ein Vermögen wert. „Immer häufiger werden tote Haie ohne Flossen an unsere Strände gespült“, erzählt Blaze, sein Mund lächelt dabei, seine Augen nicht.

Jeder Mann in Tembin und Kontu ist ein Hairufer. Die Väter vererben ihr Wissen von Generation zu Generation. Noch heute zimmert sich jeder Jüngling sein eigenes Kanu, und erst wenn er seinen ersten Hai gefangen hat, gilt er als Mann. Aber auf das Leben ihrer Eltern haben viele Jugendliche keine Lust mehr. Sie wollen mehr, als jeden Tag auf Meer hinauspaddeln, sie träumen von Fernsehern und Autos, von Lichtern und Geld. Da ist zum Beispiel der 29-jährige Langan Daniel, genannt Junior. Er sitzt mit seinen Kumpels Cosmas, 21, und Duma, 22, in einer Bambushütte am Strand und schüttet sich die dritte Schnapsflasche in seinen Kopf. Es ist neun Uhr morgens. Junior, ein fröhlicher Mann mit fauligen Zähnen, lässt das Leben auf sich zulaufen. Eigentlich würde er jetzt lieber Van Damme Filme schauen, aber in Tembin gibt es weder Fernseher noch Strom. Er rülpst und schiebt sich eine Betelnuss in den Mund. Hin und wieder fahre er hinaus aufs Meer und fischt, manchmal komme er auch mit einem Hai zurück. Die Arbeit seiner Väter sei ihm indes zu anstrengend, sagt er und versucht seinen Blick scharf zu stellen. „Aber morgen fahren wir gemeinsam raus, und dann fange ich Dir einen Hai!“, lallt er und schraubt die nächste Pulle auf. Draußen orgelt ein Sturm.

Am nächsten Morgen lehnt Junior an seinem Kanu, hält sich den Kopf, brabbelt phonetischen Brei und kann kaum das Paddel halten. Der Himmel ist ein schmutziger Streifen am Horizont. Wir fahren trotzdem raus, zwei Stunden später döst Junior in seinem Kanu ein. Einmal steht er auf, wankt und wirft er seinen Speer ins Wasser, aber da war nichts. Kurz darauf beginnt es wieder zu regnen. „Schlechtes Wetter … keine Haie … umkehren … morgen wieder … okay?“

Vier Tage fahre ich mit den Hairufern hinaus aufs Meer. Wir kauen Betelnüsse, starren aufs Meer, rasseln mit den Kokosnüssen, singen, fluchen, trommeln mit den Fingern auf Paddel – aber kein Hai lässt sich blicken. Hin und wieder mal ein Thunfisch, eine Schildkröte, Papagaienfische oder ein Barracuda, das wars. Ich nutze die Zeit für Konversation, frage die Leute, ob sie nicht ein bisschen Angst haben, und ernte nur verständnislose Blicke. Mit Menschen, die einen wild gewordenen Hai am Schwanz in ihr Boot ziehen wollen, redet man wohl besser nicht über Angst. Den Rest des Tages sitzen wir schweigend am Strand von Tembin und rauchen Zigaretten. Der Name Tembin bedeutet „keine Menschen“, weil der Sage nach hier der Riese Bibilang gelebt haben soll, ein Kannibale, der alle Menschen, die hierher kamen, aufgefressen hat. Erst als der Menschenfresser getötet wurde, konnte Tembin besiedelt werden.

Nur keine unnötigen Aufregungen. Nichts eilt in Tembin oder Kontu. Das Heute ist alles, und morgen wird es ähnlich sein wie heute. Während Blaze den Haien hinterher paddelt, Junior an der Flasche hängt und Cosmas und Duma Betelnüsse kauen, fängt draußen auf dem Meer der Fischer Toleat Lankupa, 43, als einziger den ersten Hai seit Tagen. Er bläst in seine Riesenmuschel, und der lang gezogene Ton durchdringt die Hütten von Tembin und Kontu. Das Leben macht eine Pause. Die Menschen stürmen an den Strand und beobachten, wie sich die Kanus der Hairufer am Horizont zu einem Pulk zusammenschließen und langsam ans Ufer gleiten wie ein riesiges Floß. Der Wind trägt melanesische Melodien heran, erst leise, dann immer lauter, bis die Boote über den steinigen Strand knirschen. Als erster landet Toleat Lankupa, ein zwei Meter langer Makohai liegt vorne im Bug seines Kanus.

Toleat Lankupa schiebt sich aus dem Kanu, er wirkt wie ein gebrechlicher Greis, zittert, und bittet um eine Zigarette. Einige Männer zerren den Hai an den Strand. Seit sechs Uhr morgens war Toleat auf dem Meer, erzählt er, und den ganzen Vormittag zirkelten Haie um seinen Einbaum, es sah vielversprechend aus. „Aber nie kam einer nahe genug, um sich fangen zu lassen.“ Dann kippte das Wetter. Gegen Mittag zogen schwarze Wolken auf, die See wurde rauer und Wellen schwappten ins Boot. Andere Hairufer paddelten zurück an das Ufer, riefen ihm zu, dass er umkehren solle, es hat doch keinen Sinn heute, der Gott des Haies schmollt. Toleat blieb, es regnete, seine Zigaretten wurden nass und Trinkwasser hatte er auch keines mehr. Er wollte schon aufgeben, da kam dieser Makohai vorbei, schnappte nach dem Köder an dem Speer, den Toleat ins Wasser hielt. Zwanzig Minuten kämpfte er mit dem Fisch, dann hatte Toleat gewonnen, zog den abgekämpften Hai in sein Boot und gab ihm mit dem Knüppel den Rest. „Ich wusste, dass ich heute Glück haben werde. Moroa hat es mir in der Nacht zugeflüstert“, sagt er und zieht seine Mundwinkel nach oben.

Seine Mutter nimmt ihren Sohn in den Arm, weint vor Freude und Stolz, als hätte er den Pazifik durchschwommen. Männer klopfen Toleat auf die Schulter, Kinder berühren neugierig den toten Hai, und der alte Daniel Soka beginnt ihn zu zerlegen. Leber, Herz, Nieren und Schwanz des Fisches gehen an den Fänger, der Rest wird unter den Dorfbewohnern Kontus aufgeteilt. Nur Blaze Soka steht etwas Abseits und beobachtet still den Triumph seines Widersachers. „Morgen fange ich meinen Hai“, sagt er leise, und vielleicht kommt er seinem Traum, der berühmteste Hairufer von Neuirland zu werden, endlich näher.