Zeitenspiegel Reportagen

Two years before the mast

Von Autor Erdmann Wingert

Being a galley slave isn’t the fun-fest it’s cracked up to be. Especially if the captain is a slave driver.

Der schrecklichste Skipper, bei dem ich je an Bord war, hieß Hakon Larsen und war Däne, gehörte also zu einem Volk, das als gutartig gilt. Hakon war die Ausnahme. Nie wieder habe ich einen Menschen erlebt, der so laut brüllen konnte wie er. Und er brüllte oft: Ein flatterndes Vorsegel, ein schlampig aufgerolltes Tau, eine Atempause beim Setzen des Ankers, all die unzähligen Fehler, die man als Laie an Bord eines Seglers begehen kann, lösten Beschimpfungen aus, die sogar manchmal die Möwen abdrehen ließen.

Zu Hakons Gunsten muss gesagt werden, dass sein Schiff ein Schmuckstück war: ein fast hundert Jahre alter Ewer, echt Eiche, den er vom Plattboden bis zu den Topsegeln stilecht restauriert hatte. Kein Problem, Gäste anzuheuern, die das Schiff in der Illusion enterten, eine Seefahrt wäre lustig. Kielschweine werden solche ahnungslosen Handlanger genannt, lebender Ballast, der die niederen Dienste an Bord zu verrichten hat, ständig an irgendwelchen Leinen der verwirrend komplizierten Takelage zerren muss und wüste Flüche einheimst, wenn er am falschen Tau hängt.

Keine Ahnung also, was die Leute am Segeln finden. Bei Flaute, wenn der Kahn wie eine Boje auf der Stelle dümpelt, wird’s schnell langweilig, bei rauer See wird man nass und seekrank. Eigentlich ist das einzig schöne am Segeln der Hafen, in den man abends einläuft, seine Socken auswringt, endlich was Warmes zu essen kriegt und seine Ruhe hat. Frage ist nur, warum man ihn ausgerechnet unter Segeln anlaufen muss. Mit der Ruhe an Bord ist es außerdem nicht weit her. Wer schon einmal versucht hat, nachts unter Deck ein Auge zu schließen, weiß, wie betrunkene Segler schnarchen. Betrunken sind Segler gegen Abend immer, weil das Geschrei des Skippers und die elende Schufterei anders nicht zu ertragen sind.

Da ich in Hamburg, also zwischen Elbe und Alster aufgewachsen bin, wo Skipper bekanntlich wild vorkommen, blieb es nicht aus, dass ich immer wieder in diese Kielschweinfalle lief. An Land gebärdeten sich diese Skipper ja auch als zivilisierte Wesen, selbst Hakon der Schreckliche schien einen liebenswerten Dänen zu verkörpern – so lange, bis er sich an Bord schlagartig von Dr. Jekyll in Mr. Hyde verwandelte.

Gerade schlechte Erfahrungen können lehrreich sein. Im Lauf der Jahre sammelte ich als Kielschwein ein paar Kenntnisse über Wendemanöver, konnte Luv und Lee, Back- und Steuerbord unterscheiden, wusste, was es heißt, hart am Wind zu segeln, begann aber auch zu ahnen, welche Ängste einen Skipper plagen, wenn er sein Ein und Alles, das kostbare Boot, mit Hilfe tollpatschiger Landratten durch tückische Gewässer lotsen muss.

Tückisch sind sie eigentlich alle, zumindest für einen wie mich, der schließlich nicht mehr Kielschwein, sondern Skipper sein wollte. Immerhin war ich so vorsichtig, meinen ersten und – wie sich zeigen sollte – letzten Versuch als Freizeitkapitän in einer kleinen H-Jolle zu wagen. Mit ihren knapp sechs Metern Länge und einer überschaubaren Takelage aus Groß- und Vorsegel sollte sich diese Nussschale doch problemlos von mir und meiner Frau beherrschen lassen! Dachte ich.

Um es kurz zu machen: Wir schafften es, nicht zu ertrinken. Natürlich gab es Momente, in denen wir fast auf einer der Sandbänke gekentert wären, die sich in der Elbe bei Flut knapp unter der Wasseroberfläche verstecken. Ein paar Mal sah es so aus, als ob wir gleich ein Boot rammen würden, das urplötzlich unseren Kurs kreuzte. Aber außer ein paar Flüchen, die wir von der attackierten Crew ernteten, entstand kein nennenswerter Schaden. Auch nicht, als wir schließlich den rettenden Hafen erreichten, wo wir um ein Haar den Anker verloren hätten, der an Bord nicht fachgerecht mit einem Seemannsknoten gesichert war.

Als wir die Segel geborgen und mit weichen Knien an Land gestiegen waren, stellte ich die Frage, die jeder Mann an seine Frau nach einer Großtat richtet: „Na, wie war’s?“ „Schön“, antwortete die liebste aller Frauen. „Wenn Du nur nicht so viel rumgebrüllt hättest!“