Zeitenspiegel Reportagen

War without end

Appeared in "Frankfurter Rundschau", 12 August 2009

Von Autor Carsten Stormer

Millions of Vietnamese are still suffering from the effects of the defoliant agent orange. A visit.

Pham Van San hatte nicht die Absicht, sich vergiften zu lassen. Das weiße Zeug aus der Luft war einfach über ihn gekommen. Nur schleichend entfaltete es seine Wirkung, über Wochen, Monate und Jahre hinweg. Mit einer langsamen Geschwindigkeit, die gar nicht passt zum Trubel auf den Straßen heute. Nur eine Stunde dauert die Fahrt von Hanoi in die Provinzhauptstadt Bac Giang zur Familie Pham: entlang moderner Bauten aus Beton und Stahl, dazwischen Tempel und Friedhöfe. In den verschachtelten Gassen hupen Jugendliche auf japanischen Motorrollern Passanten von der Straße. Am Ende einer schmalen Seitengasse, neben einem Metzgerladen, belegt die Familie Pham eine winzige Erdgeschosswohnung. Auf einem Schemel sitzt Pham Van San, 58, mit fahlem Gesicht und Brandzeichen auf der Seele. Das Reden strengt ihn an. Nach jedem Satz macht er eine Pause, holt tief Luft, versucht sie in seine Lungen zu saugen, vergeblich. Wenn nur diese schreckliche Müdigkeit nicht wäre, sagt er, und reibt die blutunterlaufen Augen, stemmt sich vom Stuhl, schenkt wässrigen Wintermelonensaft nach und zündet Räucherstabchen am Ahnenalter an.

Er sei froh, am Leben zu sein, sagt er und hustet, aber „im Krieg habe ich meine Kraft verloren“. Hart arbeiten kann er nicht, allein das Aufstehen von der Matte kostet ihm viel Kraft. Es reicht gerade, um ein bisschen Schweinefleisch auf dem Markt zu verkaufen. Nach zwei Stunden löst ihn seine Frau ab, und er wankt nach Hause, um sich um den körperbehinderten Sohn und die geistig behinderte Tochter zu kümmern. „Man hat uns gesagt, dass das weiße Zeug, das die Amerikaner im Krieg versprüht haben, daran schuld ist.“ Pham Van San kämpfte im Krieg gegen die Amerikaner, nur ein Jahr lang, 1974 in Danang, ein so genannter „hotspot“. Noch heute sind dort ganze Landstriche vom Dioxin verseucht. Ein Jahr reichte, um sein Leben und das seiner Kinder zu zerstören. Nach dem Krieg heiratet er, zwei Jahre später hat seine Frau ein Totgeburt, ein Junge. 1988 kommt Tochter Phuong zur Welt, sie ist geistig behindert. Das konnte kein Zufall sein: Pham Van San ahnte, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Erst Anfang der neunziger Jahre die Gewissheit. Ärzte sagten ihm, dass es wohl etwas mit einem Mittel zu tun hat, das Agent Orange heißt. 1994 wird ihr Sohn Tan geboren. Tan heißt übersetzt: der Neue.

Tan liegt auf einem Bambusgestell und starrt ins Leere, die Pupillen gekippt, der Mund ein Spalt im Gesicht. Arme und Beine so dürr, dass sich die Haut über die Knochen spannt. Sein ganzer Körper ist ein wundgelegenes, in Windeln verpacktes Krisengebiet. Der Oberkörper zuckt haltlos hin und her, Tan stöhnt. Die Mutter eilt mit einer Schüssel Reissuppe herbei, drückt seinen Kopf an ihre Brust und flößt ihm Nahrung ein; mehr als eine Stunde dauert die Prozedur, danach schläft Tan ein.

Alltag im Hause Pham; zwischen Hoffnungslosigkeit, lähmender Verzweiflung und tiefer Trauer. 34 Jahre nach Ende des Vietnamkriegs leiden etwa drei Millionen von Vietnamesen noch immer an seinen Folgen. Alte, Jugendliche, Kinder und Babys dämmern in Krankenhäusern und Pflegeheimen vor sich hin, in kleinen Dörfern im Mekong Delta, in den Bergen des Nordens, im Zentralen Hochland, in den großen Städten wie Hanoi, Saigon oder Hue. Ein geerbter Fluch, der von Generation zu Generation wandert. Man erkennt seine Träger an ihren Missbildungen. Sie sind die vergessenen Opfer eines der größten Kriegsverbrechen des vergangenen Jahrhunderts: Die Geschädigten von Agent Orange.

Manchmal kommt die Polizei vorbei, erzählt Pham Van San. Weil seine Tochter Phuong mal wieder im Wahn randaliert oder schreiend durch die Nachbarschaft läuft. Der Name Phuong bedeutet Parfüm. Medikamente könnten helfen, aber die sind zu teuer. Niemand in der Nachbarschaft regt sich darüber auf, man kennt das Schicksal der Familie, nimmt Anteil und hilft, wo es geht. Mal bringt jemand einen Sack Reis vorbei, ein anderer ein Paket Tee, Nudeln, Gemüse. Ohne diese Hilfe käme Familie Pham nicht über die Runden. 20.000 vietnamesische Dang hat man heute auf dem Markt verdient; umgerechnet achtzig Cent.

Im November 1961 hatte US Präsident John F. Kennedy die streng geheime „Operation Ranch Hand“ genehmigt, um den vietnamesischen Dschungel zu entlauben; dorthin hatten sich die Untergrundkämpfer des Vietcong und die regulären Soldaten Nordvietnams versteckt und den Amerikanern arge Verluste zugefügt. Auch die Reisfelder in Dörfern, die den Feind ernähren, sollten vernichtet werden. Obwohl die Genfer Konvention chemische Kriegsführung verbietet, gingen Millionenaufträge an amerikanische Chemiefirmen wie Dow Chemicals, Hercules Inc., Occidental Chemical oder Monsanto. Und die lieferten hunderttausende Fässer mit verschiedenen Pflanzengiften an die Armee. Sie waren nur durch ein farbiges Band gekennzeichnet und bekamen deshalb von amerikanischen GIs die Namen, unter denen sie noch heute bekannt sind: Agent Pink, Agent Blue, Agent White – und eben Agent Orange, das das giftigste aller Dioxine enthält: 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (TCDD).

Denn das Dioxin lagert sich im Boden ab, wandert in die Nahrungskette und verändert die Gene. 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin ist nicht nur krebserregend, sondern auch reproduktionstoxisch, kann also bei ungeborenen Kindern Fehlbildungen hervorrufen. Und auch im Erbmaterial von geschätzten weiteren drei Millionen Vietnamesen, die noch immer an den Folgen von Agent Orange leiden – inzwischen in der dritten Generation. Die erste der Kriegsteilnehmer stirbt langsam aus, oft wegen Krebs, Haut- oder Nervenkrankheiten. Die nachfolgenden Ahnenreihen landen in Statistiken. Einzelschicksale verschwinden in der Masse. Und sehr wahrscheinlich werden noch viele weitere Generationen betroffen sein. Ein Ende der Katastrophe ist nicht in Sicht.

Jede Stadt, jede Siedlung hat ihre Opfer. So wie Nguyen Anh Hai, 37, und seine Schwester Nguyen Thi Hai, 34, die in der Kommune Dong Thang leben. Beide leiden am Down Syndrom. Oder der ehemalige Vietcongkämpfer Ha Van Xoam, 58, in der Kommune Hoang Phuc, dessen Söhne Blut spucken, blind und geistig behindert sind. Und im Dorf Tan Cuong, 150 Kilometer nordöstlich von Hanoi, schaut der Veteran Le Van Nham, 63, seinem Enkel Song beim Sterben zu. Die Landärzte wissen nicht, was ihm fehlt. Aber jeden Tag wird der Elfjährige etwas schwächer, inzwischen kann er sich nicht mal mehr alleine anziehen. „So fing es auch bei meinen beiden Söhnen an“, sagt der 63-jährige. Kurz darauf waren sie tot.

Noch immer kommen Kinder mit Missbildungen zur Welt: überdurchschnittlich viele siamesische Zwillinge. Jungen und Mädchen mit Hydrocephalus, Wasser im Kopf, mit zusammen gewachsenen Fingern und Zehen, mit schuppiger Haut, die wie bei Reptilien in langen Streifen vom Körper abfällt. Babys ohne Beine oder Augen, mit offenem Rückgrat oder Hirnschäden.

Die schlimmsten Fälle landen in Saigons To Du-Krankenhaus, wo totgeborene Föten in einem Abstellraum in Formaldehyd lagern und Schwestern die Überlebenden mit viel Geduld pflegen. Andere kommen ins so genannte Dorf der Freundschaft am Rande eines Industriegebiets in Hanoi. Das Heim liegt versteckt hinter Tamarindenbäumen an einer Schotterstraße, als wollte man die Bewohner vor neugierigen Blicken schützen. Gegründet wurde das Dorf von einem ehemaligen amerikanischen Vietnamkämpfer, der selbst an den Folgen von Agent Orange litt und später an Krebs starb. Das Dorf ist ein Durchgangslager ramponierter Körper und eingeschlossenen Seelen. Hunderte Kinder leben dort, weil ihre Eltern entweder zu krank oder zu arm sind, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Die Leidtragenden von Agent Orange erhalten von der Regierung umgerechnet 25 Euro im Monat, mehr ist nicht drin. Vietnam ist ein armes Land. Die amerikanische Regierung und die Chemiefirmen, welche die Mittel hergestellt hatten, wollen keinerlei Wiedergutmachung leisten. Eine Sammelklage der Opfer beschied ein New Yorker Gericht im Jahre 2005 mit der Begründung negativ, niemand hätte die Absicht gehabt, Menschen zu vergiften.

Nguyen Thanh Tung interessiert sich nicht für die Vergangenheit. Er mag die Welt, obwohl er sie noch nie gesehen hat. Tung ist dreißig Jahre alt, trägt ein weißes Hemd und eine schwarze Bundfaltenhose. Er lebt in einer Wohnsiedlung am Stadtrand von Hanoi; ein banaler Schauplatz für eine Tragödie ohne Sinn, In seiner Welt hören die Menschen Beethoven, Haydn, Mozart und Tschaikowsky. Beethoven ist sein Idol. Für den in seiner letzten Lebensphase ertaubten Komponisten war die Stille sein Zuhause. Tung lächelt. Seines ist von Geburt an die Dunkelheit. Tung ist blind. Die Augen sind zwei milchigweiße Punkte, mit denen er Gesprächspartner fixiert. Er redet lange über Passionen und Willenskraft, darüber, wie Noten und Klänge Menschen zusammenbringen. Nein, er hat es satt, als Opfer gesehen zu werden. Die Leute sollen endlich begreifen, was er kann, nicht nur seine Mängel sehen. Wer braucht schon Mitleid, der zwei Diplome der Musikhochschule Hanois in der Tasche hat, Klavier und vietnamesische Zither perfekt beherrscht, in Paris und Aachen Konzerte gab und das Beethovenhaus in Bonn besuchte. „Manchmal verstehe ich die Sehenden nicht“, sagt Tung, und während er redet, kreisen seine Hände in der Luft, führen seine Finger Pirouetten aus – als würde er ein Orchester dirigieren. „Mein Leben ist wunderbar!“ Aus einer Ecke der Wohnung kommt ein leises Rascheln und Stöhnen.

Tung lächelt nicht mehr.

Er steht auf, tastet sich durch das winzige Wohnzimmer am Stadtrand von Hanoi. Langsam schiebt er sich vorbei an Stapeln mit Büchern und CDs, den Regalen mit Vasen mit verstaubten Plastikblumen und dem rostigen Gewehr, mit dem sein Großvater die Franzosen bekämpfte. Er drückt sich am Klavier entlang, bis sein Bein an ein Bettgestell stößt. Tung bückt sich, seine Finger wandern über Bambuslatten, suchen die Schwester. Er streichelt ihr das Gesicht, massiert die Kopfhaut.

Seine ältere Schwester liegt da, mit verrenkten Gliedern, und knirscht mit den Zähnen. Sie hat die Augen weit aufgerissen, Speichel tropft aus ihrem Mund. „In ihrem Kopf sind die Dinge durcheinander“, sagt Tung. Aber nicht nur das. Thuy ist geistig und körperlich behindert, stumm, blind und leidet an Polio. Seit 33 Jahren liegt sie meist auf dieser Pritsche, eine Frau, die aussieht wie ein achtjähriges Mädchen.

Tungs Vater, Nguyen Thanh Son, stellt sich neben seinen Sohn ans Bett und lächelt stumm auf seine Kinder herab. Ein kleiner Mann mit nach hinten gekämmten Haar und Ho-Chi-Minh-Bart. 1965, mit achtzehn Jahren, zog er in das Gemetzel, das sie in Vietnam nur den amerikanischen Krieg nennen. Am siebzehnten Breitengrad, der Demarkationslinie, die das Land in Nord- und Südvietnam teilte, überfiel Sons Kompanie amerikanische Patrouillen und südvietnamesische Stellungen, anschließend versteckten sie sich wieder im undurchdringlichen Dschungel. „Hunderte fielen in blutigen Gefechten“, erzählt Son, gießt bitteren Tee in kleine Schalen und zeigt auf eine Tätowierung, die ihm ein Kamerad unter Beschuss gestochen hat. „Song Tran Nghia“ steht auf seinem Unterarm: lebe von ganzem Herzen.

Denn das Leben eines vietnamesischen Soldaten war kurz, im Schnitt ein paar Wochen oder Monate. Zuerst regnete es Mörser, Granaten und Napalm auf die Dschungelverstecke. „Dann sahen wir die Flugzeuge, aus denen weiße Wolken kamen“, erzählt Son.

Die Soldaten bekamen Gesichtsmasken ausgehändigt, wie Schwestern sie in Krankenhäusern tragen, und pressten sie auf Mund und Nase, bis die Flugzeuge verschwanden. So hatten es seine Vorgesetzten ihnen eingetrichtert haben. Versehen mit der Warnung, dass die Amerikaner Gift einsetzen. Aber niemand wusste, was da genau vom Himmel auf sie fiel. Die Bäume und Sträucher verloren zwar ihre Blätter, aber Son und seine Kameraden füllten weiterhin Wasser aus Bächen und Bombenkratern in ihre Feldflaschen, aßen Maniok, Baumrinde oder Dschungelpflanzen mit ihrer Reissuppe.

1975 kehrte Nguyen Thanh Son heim in die Hauptstadt Hanoi. Er wollte heiraten, studieren – was man sich so vornimmt, wenn das Leben offen vor einem steht. Er ahnte damals nicht, dass der Krieg für ihn nie enden wird, dass er sich festgefressen hat in seinen Genen.

Die Familie habe Glück gehabt mit einem Sohn mit scharfem Verstand, unbändigem Willen und diesem Talent für Musik, sagt der Vater. Vielen anderen hat das Schicksal nicht zugelächelt. Daher wünsche er sich, dass die Amerikaner endlich ihre Schuld anerkennen und Entschädigungen an die Opfer zahlen – um die Not wenigstens ein bisschen zu lindern. „Wir Vietnamesen mussten immer hart für unser Recht kämpfen – aber am Ende haben wir trotzdem gewonnen.“

Tung hört seinem Vater aufmerksam zu und als dieser mit seinen Erzählungen zu Ende ist, steht Tung auf, geht ans Klavier und spielt Beethovens Mondscheinsonate. Und für einen kurzen Augenblick verwandelt sich das Bambusgestell in eine Bühne, und das winzige Wohnzimmer in einen Konzertsaal; eine Solovorstellung für einen alten Veteran und ein behindertes Mädchen, das nun zufrieden gluckst und strampelt.