{"id":1060,"date":"2015-06-01T10:57:00","date_gmt":"2015-06-01T10:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/gabriel-gruener-stipendium-in-mals-vergeben\/"},"modified":"2015-06-01T10:57:00","modified_gmt":"2015-06-01T10:57:00","slug":"gabriel-gruener-stipendium-in-mals-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/gabriel-gruener-stipendium-in-mals-vergeben\/","title":{"rendered":"Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium in Mals vergeben"},"content":{"rendered":"<p><body mode=\"normal\" word-count=\"2750\"><\/p>\n<p>In Gabriel Gr\u00fcners Geburtsort Mals ist von Zeitenspiegel das Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium 2015 vergeben worden. Es geht an den Autor Martin Theis und den Fotografen Jakob Schnetz. Das Team plant eine Reportage \u00fcber den seit Jahren schwelenden Konflikt in und um Berg-Karabach, der im Zuge der Ukraine-Krise wieder aufflammt. Das Stipendium ist mit 6.000 Euro dotiert und unterst\u00fctzt dieses Vorhaben. Zus\u00e4tzlich erhalten die Autorin und der Fotograf ein zweimonatiges Residenzstipendium der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart.<\/p>\n<p>Das Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium erinnert an den stern-Reporter und Zeitenspiegel-Freund Gabriel Gr\u00fcner, der 1999 zusammen mit dem Fotografen Volker Kr\u00e4mer und dem \u00dcbersetzer Senol Alit im Kosovo ermordet wurde. F\u00fcr das 16. Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium wurden 35 Bewerbungen eingereicht.<\/p>\n<p>Die Festrede zur Verleihung im s\u00fcdtirolischen Mals hielt Stephanie Nannen. Hier der Wortlaut:<\/p>\n<p>Verehrte Frau Tschenett, liebe Beatrix Gerstberger, liebe Familie Gr\u00fcner, lieber Uli Reinhardt, liebe Ingrid Ei\u00dfele, sehr geehrte Preistr\u00e4ger, liebe Freunde und Kollegen von Gabriel Gr\u00fcner, liebe Einwohner von Mals und dem Vinschgau.<\/p>\n<p>Warum liebe G\u00e4ste, treffen wir uns hier? So weit entfernt von dem Wirken und Schaffen der gro\u00dfen Zeitungen, der global agierenden Medienh\u00e4user, weit weg von den St\u00e4dten, in denen sich bedeutende Journalisten gemeinhin auf roten Teppichen tummeln und die Aufmerksamkeit der Mediendienste hoch ist?<br \/>\nWarum kommen wir in Mals zusammen? Ich darf gleich zugeben, dass es wundersch\u00f6n hier ist und allein das doch schon eine Reise wert.<br \/>\nMals aber ist auch die Gemeinde, in der Gabriel Gr\u00fcner, der Bruder, der Mann, der Mitb\u00fcrger, der Freund geboren wurde. Ist es also, dass wir herkamen, um seiner zu gedenken? Damit er, der so vielen Menschen angenehm war, der geliebt wurde und vermisst wird, nicht vergessen werden soll? \u201eEin Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist\u201c, hei\u00dft es. Sind wir deshalb hier? Um das Vergessen zu verhindern und das Erinnern zu bef\u00f6rdern?<br \/>\nIch, die ich Gabriel Gr\u00fcner nicht mehr kennenlernen durfte, m\u00f6chte sagen: Ja. Aber es ist mehr ein: Ja, auch.<\/p>\n<p>Denn etwas war der Mensch Gabriel Gr\u00fcner vermutlich vor allem anderen. Er war Reporter. Ein leidenschaftlicher Reporter, einer der besten. Das ist es, was uns alle herzieht. Der Reportage geh\u00f6rt dieser Abend. Um den Reporter soll es hier gehen.<\/p>\n<p>So viele Fragen bringt das Leben t\u00e4glich hervor. Und jede von ihnen ist das Berichten irgendwie wert. Das Bedenken sowieso.<br \/>\nAlso Fragen des Lebens: Was ist Freiheit? Was ist Heimat? Was ist gerecht? Wer passt auf die Gerechtigkeit auf und wie gut sind die, die es tun? Zu jedem Thema kann man nat\u00fcrlich einen Essay als Antwort geben, kluge Meinungen verbreiten, Statistiken bem\u00fchen, Grafiken zeigen.<br \/>\nAber verstehen wir dadurch wirklich, was gemeint ist? W\u00fcrden wir begreifen k\u00f6nnen, was eine junge Frau dazu bringt, den herrlichen Vinschgau zu verlassen und im irischen Dublin anzukommen, indem wir uns beispielsweise die Zahlen der Auswanderer in den vergangenen Jahren anschauten \u2013 am besten als Tortendiagramm?<br \/>\nW\u00fcrden wir die Ruhe sp\u00fcren, die eine andere Frau, die die Welt bereist hat, Musik studierte und die aus M\u00fcnchen hierhergezogen ist, ausstrahlt, wenn wir sie nicht sehen k\u00f6nnten? Wenn wir nicht w\u00fcssten, wie sie spricht, an welchem Weg ihr Lebensweg eine Biegung genommen hatte, sodass sie im Vinschgau nach dem Gl\u00fcck suchte? Und am Ende Heimat fand.<br \/>\nGlauben k\u00f6nnen wir die Antworten auf manche Fragen erst richtig mithilfe der Reportage. In diesem Falle durch die ausgezeichnete Reportage von Hannah Lechner und Valentine Salutt. Sie bringt uns Leben n\u00e4her, sie l\u00e4sst uns eintauchen in die Gedanken und die Gef\u00fchle anderer.<\/p>\n<p>Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass wir alles wirklich Bedeutsame \u00fcber das Gef\u00fchl verinnerlichen und erst so verstehen. Empathie macht uns lernen, sie hilft uns, zu wissen. Die Voraussetzung f\u00fcr Empathie aber ist die Selbstwahrnehmung, ist die Offenheit f\u00fcr eigene Gef\u00fchle. Die Voraussetzung f\u00fcr Empathie ist Menschlichkeit.<\/p>\n<p>Mein Gro\u00dfvater, Henri Nannen, von dem ich immer gern erz\u00e4hle, sodass er auch heute nicht fehlen darf, war ber\u00fchrbar. Er war ber\u00fchrbar von Bildern, von Schicksalen, von Leid \u2013 und er wusste, dass es anderen genauso gehen w\u00fcrde. Dass er sich ganz sicher dar\u00fcber war, was er f\u00fchlte, machte einen Teil seiner Aura aus. Er zweifelte in solchen F\u00e4llen nicht. Das machte ihn glaubhaft.<\/p>\n<p>Eine Langzeitbeobachtung \u2013 wie sie Martin Theis und Jakob Schnetz voller \u00dcberzeugung und mit Leidenschaft planen \u2013 l\u00e4sst uns langsam, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck hineingleiten in das Leben der anderen. L\u00e4sst uns ihnen glauben, l\u00e4sst uns den Reportern glauben, wenn sie am Ende ihrer Reise zur\u00fcckkehren und davon erz\u00e4hlen werden.<br \/>\nMein Gro\u00dfvater empfand in diesen Momenten, in denen seine Reporter zur\u00fcckkamen und ihm berichteten, gro\u00dfes Gl\u00fcck. Wenn er etwas Neues erfuhr, auf einen Aspekt aufmerksam wurde, den er nicht selbst bedacht hatte, dann machte ihn das gl\u00fccklich. Das war die pure Lust. Er lie\u00df sich beeindrucken und er konnte staunen. Dar\u00fcber haben wir sp\u00e4ter, als er schon \u00e4lter war, einmal gesprochen; als er Zeit dazu hatte, Gl\u00fcck zu bemerken. Gl\u00fccklich machte ihn dieses Gef\u00fchl, von dem mir alle immer wieder erz\u00e4hlten und das sie offenbar alle kannten \u2013 damals beim Stern: lebendig zu sein und die Welt mit zu gestalten.<br \/>\nUnd wenn sich seit jenen Tagen auch eine Menge ge\u00e4ndert hat \u2013 die Medienwelt eine vollkommen andere ist: Dieses Gl\u00fcck gibt es f\u00fcr den Reporter noch heute.<\/p>\n<p>Was erwarten wir von einem Reporter? Wir wollen, dass er rausgeht und von dem berichtet, was in der Welt geschieht. Er ist der Journalist, der aufschreibt oder abbildet, was er sieht und was ihm erz\u00e4hlt wird und es dann nach Hause tr\u00e4gt \u2013 zur\u00fcck tr\u00e4gt dorthin, wo sein Leser, sein Zuschauer, sein H\u00f6rer sitzt. All das ist Teil seiner Arbeit. Aber er ist nicht nur Bote, nicht nur \u00dcberbringer, nicht einfach Berichterstatter.<\/p>\n<p>Um ein guter Reporter zu sein, braucht es viel mehr. Etwas, das nicht jeder hat, nicht jeder kann, auch wenn er noch so flei\u00dfig ist. Dem Reporter muss es gelingen, die Wahrheit hinter der Wirklichkeit zu finden und diese zu vermitteln. Das ist seine Aufgabe. Die Wirklichkeit von Hannah Lechners und Valentine Salutts Text ist, dass zwei Frauen in unterschiedlichem Alter es jeweils an dem Ort, wo sie lebten, nicht mehr aushielten und woanders hingingen. Die Wahrheit findet sich in der genaueren Betrachtung des Lebens der beiden und der Orte. Und vielleicht liegt sie genau in diesem letzten Satz der Reportage, der besagt, dass nicht jede Pflanze in jedem Boden wachsen kann und dass daran weder der Boden noch die Pflanze schuld ist \u2013 und es schon gar nicht um Schuld geht, sondern vielleicht um das Recht eines jeden, auf seine Weise frei und gl\u00fccklich zu sein. Wie wahr! Ich habe aus dieser Geschichte gelernt, ohne belehrt zu werden.<\/p>\n<p>Das ist fabelhaft. Denn der gute Reporter h\u00e4lt seinem Leser keinen Vortrag und keine Standpauke, er sucht ihn weder zu belehren noch zu manipulieren, er erz\u00e4hlt ihm eine Geschichte. Er nimmt ihn mit auf Reisen und reportiert, was er sieht und erf\u00e4hrt, er l\u00e4sst seinen Leser mit erleben, mit erfahren, mit schmecken, mit leiden und mit lieben. Und sich immer wieder mit wundern.<\/p>\n<p>\u201eAch ja!\u201c \u201eGenau!\u201c \u201eDonnerwetter\u201c \u2013 diese Ausrufe, Seufzer sind Effekte, die uns gut tun. Sie sind, wenn man so will, unser Lohn. Unser Applaus. Wir k\u00f6nnen das Staunen erreichen, wenn wir uns M\u00fche geben. Und es ist M\u00fche, sich nicht zufrieden zu geben. Und sich dabei selbst nicht zu wichtig zu nehmen, sondern die und das, wovon wir erz\u00e4hlen. Es ist nicht so, dass was wir schreiben auf ewig gilt. Aber f\u00fcr den Moment hat es Bestand. Diesen einen Moment, indem wir Betroffenheit oder Erkenntnis schaffen.<br \/>\nWir k\u00f6nnen Literaten f\u00fcr einen Tag werden. Wenn wir uns von keiner anderen R\u00fccksicht leiten lassen als von der Abh\u00e4ngigkeit von dem, was wir schaffen wollen. Wenn wir Liebhaber sind und versuchen, Genuss zu vermitteln.<br \/>\nDer Reporter bringt uns die ferne Welt in Nahsicht und zeigt uns, dass auch hinter den Bergen und jenseits der Fl\u00fcsse Menschen wohnen. Und dass ihre Probleme oft die unseren sind. Der Reporter bringt uns den einzelnen Mann hinter der blo\u00dfen Nachricht nahe &#8211; oder die Frau, um den oder die es immer geht, immer gehen muss. Weil sonst die Menschlichkeit an ihrem Ende angelangt ist. Wie sagte Gabriel Gr\u00fcners Freund Uli Reinhardt, der jedes Jahr ins Kosovo an die Stelle f\u00e4hrt, an der die Kollegen vom Magazin Stern 1999 gestorben sind?<br \/>\n\u201eEs geht mir auch darum, aufzuzeigen, dass das Leben eines Einzelnen etwas wert ist. Wenn eine Gesellschaft das vergisst, wird es gef\u00e4hrlich.\u201c<\/p>\n<p>Ein guter Reporter hilft den Daheimgebliebenen, den Lesern und Zuschauern beim Verstehen, hilft beim Verst\u00e4ndigen. Nur auf diesem Wege kann es vielleicht gelingen, die Welt ein kleines bisschen besser und ein wenig weniger gemein zu machen, denke ich.<\/p>\n<p>Der gute Reporter macht sich \u00fcbrigens auch daran, falsche Tabus zu durchbrechen und einem Klischeedenken, einer Politik der Vorurteile zu Leibe zu gehen.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich Ihnen daf\u00fcr ein Beispiel geben, das schon etwas l\u00e4nger zur\u00fcckliegt. Mein Gro\u00dfvater erz\u00e4hlte mir von einer Begegnung, die er gemeinsam mit einem der besten Reporter des Stern Anfang der 60er Jahre erlebt hat. Er und Joachim Heldt waren mit dem Fotografen Eberhard Seeliger gerade als erste westdeutsche Reporter mit dem Auto \u00fcber Moskau bis auf die Krim und zur\u00fcck gefahren und wurde nun im Anschluss von Konrad Adenauer ins Bundeskanzleramt gerufen.<br \/>\nDer Bundeskanzler erz\u00e4hlte den Stern-Leuten davon, wie er bei seinem eigenen Moskaubesuch jeden Morgen gegen sechs Uhr aufgewacht sei und sich ans Fenster des Hotels gestellt habe. Dieses Fenster ging auf eine gro\u00dfe Stra\u00dfe hinaus, \u00fcber die morgens die Arbeiter auf Lastwagen zu den Baustellen fuhren. Er habe sich die \u201eLeute genau angesehen\u201c, sagte Konrad Adenauer, \u201edie machten alle einen bedr\u00fcckten Eindruck.\u201c Er habe nie ein lachendes Gesicht gesehen.<\/p>\n<p>Joachim Heldt, der als Reporter dem ersten Anschein nie Glauben schenkte, der ohne Vorurteile aber mit Wissen auf Reportagereisen ging, sagte damals zu Adenauer: \u201eVerzeihen Sie, Herr Bundeskanzler, sehen Sie gelegentlich morgens um sechs in Bonn aus dem Fenster?\u201c<\/p>\n<p>Ach, die Welt w\u00e4re so viel einfacher zu lesen und ihre Probleme zu l\u00f6sen, wenn alle Kommunisten b\u00f6se und alle Demokraten gut w\u00e4ren, wenn alles schwarz-wei\u00df w\u00e4re, nicht wahr? Wie einfach w\u00e4re es, sich zurecht zu finden, wenn wir w\u00fcssten, Menschen k\u00f6nnten nur in Freiheit lachen!<\/p>\n<p>Wir wissen es besser. Und weil das so ist, macht sich der Reporter auf die Suche nach dem, was unter der Oberfl\u00e4che liegt, nach Wahrheit, nach Wahrhaftigkeit. Der gute Reporter hat dieses besondere Organ \u2013 die unbelichtete Seelenplatte \u2013 das er einschalten kann, wenn er drau\u00dfen ist, recherchiert, Geschichten erf\u00e4hrt. Sie hilft ihm, alles vorher Gelesene, alles Gelernte und vermeintlich Gewusste f\u00fcr die Zeit der Suche beiseite zu schieben. Nat\u00fcrlich liest und lernt der Reporter im besten Fall wochenlang ehe er auf die Reise geht, aber dann muss er unvoreingenommen sein. Im entscheidenden Moment gilt es, zu sehen, offen zu sein, aufzunehmen. Und auch sp\u00e4ter, nichts des Gelesenen oder Geh\u00f6rten zu verwerten, das er nicht an der Wirklichkeit gepr\u00fcft h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und noch etwas braucht ein guter Reporter, meine Damen und Herren, und das ist: Selbstbewusstsein. Keine Arroganz, keine Selbstverherrlichung oder dummen Stolz, der alles verdeckt und blind macht. Sondern die pr\u00fcfende Auslotung des eigenen K\u00f6nnens und die Selbstvergewisserung, dieses K\u00f6nnen bis an die eigenen Grenzen auszusch\u00f6pfen f\u00fcr die Aufgabe, die man sich gesetzt hat. Und wie wir wissen, liegt diese Aufgabe immer noch ein St\u00fcckchen jenseits der Grenze, die wir f\u00fcr uns bis dahin angenommen hatten. Es braucht den Mut des Reporters mit diesem Pfund, mit dem Talent und K\u00f6nnen, mit seinen F\u00e4higkeiten zu wuchern.<br \/>\nGabriel Gr\u00fcner tat genau das. Und als direkt nach seiner Ermordung Ger\u00fcchte und Halbwahrheiten, das Ansehen seines Freundes zu beschmutzen drohten, ging Reporter Uli Reinhardt mit Kollegen daran, die Wahrheit zu finden. Gr\u00fcner und sein Kollege h\u00e4tten unvorsichtig gehandelt, seien in eine Gier verfallen, um einen Coup zu landen \u2013 so hie\u00df es schnell, weil viele Journalisten in un\u00fcbersichtlicher Lage, noch schneller vieles zu wissen meinten, von dem sie keine Ahnung hatten.<br \/>\nUli Reinhardt wusste es besser, er hatte den Freund und Kollegen bei solchen Eins\u00e4tzen oft genug beobachten k\u00f6nnen. Gr\u00fcner war kein Hasardeur \u2013 im Gegenteil, er war einer, der verl\u00e4sslich war, Vertrauen nicht entt\u00e4uschte und der die Ruhe behielt auch wenn es brenzlig wurde. Nie h\u00e4tte der damals 34-J\u00e4hrige, dessen Lebensgef\u00e4hrtin ein Kind erwartete, sich oder die Kollegen unn\u00f6tig in Gefahr gebracht. Reinhardt wusste das. Aber konnte er es auch beweisen? Er nahm sich genau das vor. Und ging auf die Suche nach der wahren Geschichte. Nach der, die die Menschen zu Hause kennen sollten. Nach der, die bekannt sein musste, damit den Verstorbenen, dem Einzelnen kein weiteres Unrecht geschehen w\u00fcrde.<br \/>\nDie Recherche, die Reportage \u2013 sie sind die einzigen Wege, die Reporter kennen, um Unrecht aufzuhalten. In Gabriel Gr\u00fcners Fall ging es aber auch darum, den Schuldigen zu finden. Am Ende wurde er gefunden. Verurteilt ist er nicht. Die Wahrheit kann Vergangenes nicht \u00e4ndern. Sie kann nur in die Zukunft wirken. Und genau so verh\u00e4lt es sich mit Geschichten, mit Reportagen.<\/p>\n<p>Die Recherche daf\u00fcr aber braucht Zeit. Sie ben\u00f6tigt Gr\u00fcndlichkeit, genaues Hinsehen, genaues Be- und Erfragen und im Notfall das Feststellen von Widerspr\u00fcchen. Und ja, sie braucht Menschen, Verleger, Chefredakteure, die Bescheid wissen, die wissen, dass der Reporter nicht kurz, auf einen Abstecher, nach Bergkarabach fahren kann und n\u00e4chste Woche die wahre Geschichte im Blatt sein wird. Es braucht Leute, die an Reporter glauben und die diese Reisen auch noch finanzieren. Es braucht das Verst\u00e4ndnis in den Verlagsh\u00e4usern \u2013 aber auch das Begreifen der Leser \u2013 dass es wichtig ist, eine Region zu beleuchten, die gerade mal doppelt so gro\u00df ist wie das Saarland und die von keinem anderen Staat als eigenst\u00e4ndiger Staat anerkannt wird.<\/p>\n<p>Warum ist das wichtig?<\/p>\n<p>Weil die Welt nicht nur aus den Gegenden besteht, die wir gut kennen und mit denen wir uns deshalb einfach und schnell identifizieren k\u00f6nnen. Wir Daheimgebliebenen erfahren genau weil Reporter in entlegene Gebiete reisen, mehr von dem Landstrich, von seinen 150000 Einwohnern. ICH m\u00f6chte wissen, was das f\u00fcr Menschen sind, die dieses verminte und seit Jahrzehnten isolierte St\u00fcck Erde \u201eParadies\u201c nennen. Woher kommt ihre Hoffnung auf Frieden in einer Region, die wie Bergkarabach in permanentem Ausnahmezustand existiert? Und was macht es ihnen, trotz des so dringenden Wunsches unm\u00f6glich, sich mit dem Gegner auszus\u00f6hnen? ?Das alles wollen und sollen wir Leser erfahren, wenn die Stipendiaten des Jahres 2015 f\u00fcr uns die Antworten gefunden haben werden.<\/p>\n<p>Warum also ist es wichtig? Weil Hinzuschauen dabei hilft, dass nichts unter den Teppich gekehrt werden kann, dass die Welt sich k\u00fcmmert, dass jemand sich verantwortlich f\u00fchlt. Dass einer meint, es ginge ihn etwas an. Und dann noch einer. Und noch einer. Vielleicht sogar der Leser selbst.<br \/>\nWas w\u00fcsste man denn heute von der Krise in der Ukraine, wenn nicht Reporter hingereist w\u00e4ren, um herauszufinden, was sich ereignet, zu kl\u00e4ren, wie die Ereignisse zusammenh\u00e4ngen, zu beleuchten, welche Menschen hinter den Nachrichten stehen?<\/p>\n<p>Ja, bei dem Bem\u00fchen, die Wirklichkeit zu erkennen und Unwahrheiten aufzudecken, machen wir Journalisten Fehler. Auch wenn wir uns noch so sehr Bem\u00fchen \u2013 auch der Reporter, der Journalist, ist ein Mensch.<\/p>\n<p>Aber ein Scheitern darf nie der Grund daf\u00fcr sein, es nicht wieder zu versuchen. Ohne kritische Journalisten ger\u00e4t die Welt aus dem Gleichgewicht, meine Damen und Herren, denn sie schauen dorthin, wo sie ins Schwanken kommt. Gut, dass es sie gibt.<\/p>\n<p>Auch die Albaner am Dulje-Pass in Kosovo gedenken der Sternreporter Gabriel Gr\u00fcner und Volker Kr\u00e4mer und ihres Dolmetschers, sie haben sogar einen Marmor aufgestellt.<\/p>\n<p>Warum fragt man sich vielleicht? Die Antwort lautet: \u201eOhne die Journalisten, die \u00fcber den Krieg berichtet haben, h\u00e4tte die Nato nie eingegriffen.\u201c<\/p>\n<p>Auch wir m\u00fcssen bei den Besuchen in anderer Menschen Leben etwas von uns preisgeben. Sonst ber\u00fchren wir niemanden. Es geht schon auch darum, von sich etwas zu zeigen, etwas zu geben. Denn zu zeigen, was uns am Herzen liegt und dar\u00fcber zu schreiben, errichtet vielleicht einen Weg f\u00fcr andere.<br \/>\nGabriel Gr\u00fcner hat einmal gesagt: \u201eF\u00fcr Menschen in Not macht es einen Unterschied, ob jemand \u00fcber sie schreibt oder nicht.\u201c<\/p>\n<p>Wir \u2013 eine liberale Presse \u2013 k\u00f6nnen unseren Anteil daran haben, dass Wahrheiten ausgesprochen werden, dass Fakten transportiert werden \u2013 dass Licht ins Dunkel kommt. Und dass Sie, unsere Leser die M\u00f6glichkeit haben, selbst zu urteilen, zu erkennen, zu sehen, wie die Wahrheit aussieht. Wir k\u00f6nnen etwas \u00e4ndern, liebe Kollegen.<\/p>\n<p>Die Reportage ist es, die wir heute hochhalten wollen. Daf\u00fcr braucht kein Mensch einen roten Teppich. Reporter sind es, die wir feiern wollen. Und deren Arbeitsanzug ist nun mal nicht der Smoking.<br \/>\nWelch besseren Ort h\u00e4tten wir finden k\u00f6nnen, um jungen Reportern wie Hannah Lechner und Valentine Salutt und dem Reporterteam Martin Theis und Jakob Schnetz zu gratulieren?<\/p>\n<p>Gabriel Gr\u00fcner zog einst vom Vinschgau aus, um Reporter zu werden. Hier beginnt seine Geschichte.<br \/>\nWo k\u00f6nnten wir uns besser der Bedeutung seiner \u2013 und unserer \u2013 Arbeit vergewissern als hier in Mals?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen allen viel Gl\u00fcck damit.<\/p>\n<p>Haben Sie vielen Dank.<\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Gabriel Gr\u00fcners Geburtsort Mals ist von Zeitenspiegel das Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium 2015 vergeben worden. Es geht an den Autor Martin Theis und den Fotografen Jakob Schnetz. Das Team plant eine Reportage \u00fcber den seit Jahren schwelenden Konflikt in und um Berg-Karabach, der im Zuge der Ukraine-Krise wieder aufflammt. 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