{"id":1101,"date":"2014-05-05T13:39:00","date_gmt":"2014-05-05T13:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/14-hansel-mieth-preis-verliehen\/"},"modified":"2025-12-22T14:08:30","modified_gmt":"2025-12-22T14:08:30","slug":"14-hansel-mieth-preis-verliehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/14-hansel-mieth-preis-verliehen\/","title":{"rendered":"14. Hansel-Mieth-Preis verliehen"},"content":{"rendered":"<p>Am 7. Mai wurden der Journalist Takis W\u00fcrger und der Fotograf Armin Smailovic f\u00fcr ihre im Nachrichtenmagazin \u201cDer Spiegel\u201d erschienene Reportage \u201eAngst\u201c mit dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet. Die Geschichte \u00fcber den Boxer Andreas Sidon dokumentiert die letzten 24 Stunden vor einem Kampf, der f\u00fcr den Sportler t\u00f6dlich enden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch war beeindruckt von der Leidenschaft des Boxers, auch noch beim zweiten Lesen\u201c, sagte Oberb\u00fcrgermeister Christoph Palm bei der Festveranstaltung im Fellbacher Rathaus. Vor etwa 100 G\u00e4sten las die Theaterregisseurin Eva Hosemann die Sieger-Reportage, f\u00fcr die musikalische Begleitung sorgte der Pianist Patrick Bebelaar.<\/p>\n\n\n\n<p>Der mit 6000 Euro dotierte Hansel-Mieth-Preis der Agentur Zeitenspiegel w\u00fcrdigt engagierte Reportagen in Wort und Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Laudatio hielt in diesem Jahr \u201cSpiegel\u201d-Redakteurin Barbara Supp, hier die Rede im Wortlaut:<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Abend, meine Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p>wenn Sie jetzt nicht hier s\u00e4\u00dfen, um die Hansel-Mieth-Preistr\u00e4ger zu feiern, w\u00fcrden Sie vielleicht zu Hause in der ARD einen Film \u00fcber ziemlich junge, ziemlich von sich \u00fcberzeugte M\u00e4nner in ziemlich guten Anz\u00fcgen ansehen. Ich meine den Film \u00fcber die \u201cSpiegel\u201d-Aff\u00e4re von 1962. Ich habe ihn gesehen, und ich habe noch nicht entschieden, ob ich deswegen wehm\u00fctig werden soll oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>ich komme ja aus dem Magazin, in dem er spielt, ich bin seit 1989 beim \u201eSpiegel\u201c und geh\u00f6re zu denen, die den sp\u00e4ten Rudolf Augstein erlebt haben, als gelegentlich anwesendes, brummiges und manchmal Kommentare schreibendes St\u00fcck Zeitgeschichte. Und ganz ganz selten auch mal am Telefon, wenn ihm ein Text gefiel. Dann brummte jemand ins Telefon und ging davon aus, dass jeder wissen m\u00fcsse, wer es war: ER.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sind jung, wir kennen keine Gnade\u201c, diese Augstein-Phase habe ich nicht erlebt &#8211; in mancher Hinsicht bedauerlicherweise, in anderer aber auch nicht. Die Chuzpe von damals gef\u00e4llt mir, die Selbstverst\u00e4ndlichkeit der \u00dcberzeugung: Wenn wir etwas schreiben, wackelt die Republik. Die Selbstherrlichkeit gef\u00e4llt mir weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir Frauen kriegen im \u201eSpiegel\u201c heute keinen Klaps mehr auf den Po. Wir d\u00fcrfen mehr als tippen. Es gibt Redakteurinnen, Reporterinnen, Ressortleiterinnen; Chefredakteurinnen nicht, aber vielleicht kann sogar das noch passieren. Das ist dann doch ein ganzes St\u00fcck entfernt von der Zeit, da in einer nicht mehr ganz ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen Redaktionskonferenz der Satz zu h\u00f6ren war: \u201eHuch, eine Frau\u201c. Oder, wie es eine Kollegin erz\u00e4hlt, die Korrespondentin im Au\u00dfenb\u00fcro war: Wie sie einen Anruf aus der Zentrale Hamburg entgegennimmt, sagt, wer sie ist und als Antwort bekommt: \u201cWas, ist niemand da?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eSpiegel\u201c hat sich ver\u00e4ndert, die Republik hat sich ver\u00e4ndert, und das ist gut so. Was aber auf jeden Fall bleibt von Augstein, ist ein Spruch, der an der Wand im neuen \u201cSpiegel\u201d-Geb\u00e4ude h\u00e4ngt: \u201cSagen, was ist\u201d. Ein guter Plan. Ein sch\u00f6nes Programm f\u00fcr das, was Journalismus sein soll. Sagen, was ist; zeigen, was ist. Geht das noch? Passt das noch?<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind so seltsame W\u00f6rter aufgekommen in unserer Branche. Pl\u00f6tzlich hei\u00dft \u201eContent\u201c, was wir produzieren, oder \u201epremium content\u201c, wenn wir Gl\u00fcck haben, so dr\u00fcckt es der Bundesverband der Zeitschriftenverleger aus. Da wird ein Verlag zum \u201cHouse of Content\u201d umdefiniert, mit \u201eCommunities of Interest\u201d, die hei\u00dfen dann beispielsweise Women, Family, Food, People &amp; Fashion, News, Wissen, Living, Wirtschaft, und ich habe \u00fcberlegt, wohin die Geschichte, die den Hansel-Mieth-Preis 2014 bekommt, eigentlich passt: \u00fcber einen Boxer, der nicht aufh\u00f6ren kann, obwohl die \u00c4rzte sagen, dass er seinen n\u00e4chsten Kampf vielleicht nicht \u00fcberlebt. Die Community \u201cDying\u201d wurde offensichtlich vergessen. Oder \u201ealmost dying but not quite dead\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist ein \u201ekick off meeting\u201c? Das erlebt man, bevor man loszieht und eine Geschichte recherchiert. \u201cquality content\u201d ist das, was man mitbringt, wenn alles gut geht. \u201cmanaging editor\u201d, oder \u201econtent manager\u201c hei\u00dft derjenige, der es liebevoll an die \u00d6ffentlichkeit bringt, hoffentlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich mir w\u00fcnsche, ist: Dass so ein Content-Verbreiter Journalismus meint, wenn er Content sagt. N\u00e4mlich: Essay, Interview, Report, Reportage. Und nicht Bratpfannen, oder Hundefutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zweifel ist mein Job, ist unser Job. All dieses Marketinggesumm f\u00e4llt in eine Zeit, in der man die Folgen eines Irrtums zu sp\u00fcren bekommt \u2013 jener Fehleinsch\u00e4tzung, die meinte, es sei eine gute Idee, wenn man professionelle journalistische Produkte im Netz verschenkt. Diese Produkte kosten etwas und sind etwas wert, aber das wurde oft vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gibt es vieles nachzuholen. Wir m\u00fcssen herausfinden, wie man dieses Berichten und Erz\u00e4hlen im Digitalen weiterentwickelt. Wie man nicht nur neue Erl\u00f6sformen findet, sondern neue Erz\u00e4hlformen, die Spa\u00df machen, uns, die wir sie pr\u00e4sentieren und dem Nutzer, der sie sieht, liest und hoffentlich bezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will nicht Jammern. Im Gegenteil, ich w\u00fcnsche mir, das wir damit aufh\u00f6ren. Dass wir, damit meine ich in diesem Fall diejenigen, die Papier bedrucken und daraus Zeitungen und Zeitschriften machen, aufh\u00f6ren, unseren Untergang zu beschw\u00f6ren. Dass wir nicht nur aufgeregt auf die Grafiken schauen, die sagen: weniger K\u00e4ufer, weniger Anzeigenerl\u00f6se, sondern uns fragen: Kann es sein, dass wir uns zu masochistisch gerieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Zahlen, aus einer Umfrage im vergangenen Herbst. Sehr ordentliche drei Viertel der Befragten lesen manchmal oder regelm\u00e4\u00dfig 7 bis 20 Zeitschriften. Gut merken k\u00f6nne man sich das, was man auf Papier gelesen hat, sagen 56 Prozent, bei online sagen es vier Prozent. Was ich sagen will: schnell, variabel, flexibel: Das ist online. Print kann etwas anderes. Print kann einen Lesezustand herstellen, in dem man die Welt um sich herum vergisst. Mein Lieblingsleser: Das ist Hamilkar Scha\u00df, \u201emein Gro\u00dfv\u00e4terchen\u201c, aus Siegfried Lenz\u2018 \u201eMasurischen Geschichten\u201c. Der sich das Lesen beigebracht hat. Und liest.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es ist Krieg und Hamilkar Scha\u00df steht Posten und General Wawrila stampft heran und stinkt nach Fusel, und nach den Rokitno-S\u00fcmpfen, und sagt: \u201cIch werde dich jetzt, du alte Eidechse, halbieren. Aber ganz langsam.\u201d<br>\u201cEine Seite nur noch\u201d, sagt Hamilkar Scha\u00df. \u201d Es sind, bei Gott, nicht mehr als 35 Zeilen. Dann ist das Kapitelchen zuende.\u201d Und er liest.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese 35 Zeilen m\u00f6chte man geschrieben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gute Geschichte kann das: Einen Sog herstellen. Und ich behaupte: Auf Print kann sie es noch besser als digital. Ich glaube, wir sind manchmal zu defensiv mit unseren Schwarz auf Wei\u00df gedruckten W\u00f6rtern und den Bildern dazu. Mit unseren Geschichten, in denen nichts anzuklicken ist, die einfach nur da sind. Die nicht die Einladung zum Abschweifen bieten: Moment, Chamonix, war ich da nicht auch schon mal? Moment, dieser Bursche auf dem Foto, sieht der nicht aus wie\u2026.? Ich google mal. Nein. Da ist nur ein Text, der sagt: das andere, das kriegst du jetzt nicht. Du kannst dich nicht fortklicken. Lies weiter. Bleib dabei. Du kannst hier versinken wie in einem Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum lesen so viele J\u00fcngere die unf\u00f6rmige \u201eZeit\u201c? Meine These: Weil sie ein bestimmtes Verhalten erzwingt. Weil sie sich nicht anbiedert und sagt, nimm mich mal eben zwischendurch. Sondern selbstbewusst da liegt, weil sie sagt: Ich bin ein Brocken. Schau mal. Du wirst etwas finden, das dich interessiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist es, weswegen ich nicht glauben kann, dass die Zeitung aussterben wird:<br>Das zuf\u00e4llige. Dinge, \u00fcber die ich stolpere, ohne dass ich sie gesucht h\u00e4tte.<br>Die Geschichte \u00fcber ein magers\u00fcchtiges Kleinkind in der \u201cZeit\u201d.<br>Die Rezension einer Bibelserie von Willi Winkler in der \u201cS\u00fcddeutschen Zeitung\u201d.<br>Eine Kontroverse \u00fcber das Leben im Odenwald in der \u201cFrankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit das passiert, m\u00fcssen sich ein paar Leute qu\u00e4len. M\u00fcssen die Themen finden, recherchieren, \u00fcberpr\u00fcfen, schreiben, sich mit dem Schreiben qu\u00e4len, viele tun das ja, und Wolf Schneider, mein &#8211; ebenso selbstsicherer wie selbstherrlicher &#8211; Schulleiter hat recht: Qualit\u00e4t kommt von Qual.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Menschen, die den \u201eSpiegel\u201c freiwillig auf dem Iphone lesen. Mich \u00fcberrascht das, ich kann mir nicht vorstellen, dass es mehrheitsf\u00e3hig wird, aber gut, vielleicht ja doch. Niemand kann es wissen, und deshalb bin ich der Meinung, wir sollten aufh\u00f6ren, dauernd panisch auf die Vertriebswege zu schauen, sondern \u00fcberlegen: Wie gut machen wir unseren Job?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen eine haltbare Ware produzieren, \u00fcber den Moment hinaus; \u201cEchtheit statt Echtzeit\u201d, dieser Spruch stammt vom Fernsehmann Ernst Elitz. Tun wir das?<br>Wir, die versuchen, \u201cquality content\u201d, ach was, seri\u00f6sen Journalismus zu generieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Constantin Seibt vom \u201cTages-Anzeiger\u201d in der Schweiz, ein wirklich kluger Journalist und Blogger, ich w\u00fcrde sagen: der Wolf Schneider von heute, er sagt: Wir m\u00fcssen verdammt aufpassen, dass wir das wirklich tun. Der Spardruck in den Redaktionen verst\u00e4rkt, was vorher schon die Versuchung war.<\/p>\n\n\n\n<p>Journalisten, sagt Seibt, sind die \u201cdie Wachhunde der Demokratie &#8211; ein edler Job. Und ein heikler. Denn auch Wachhunde haben die Instinkte aller Rudeltiere.\u201d<br>Das ist die Gefahr, die gro\u00dfe Versuchung: dem Rudel zu folgen.<br>Zu vergessen, was unser eigentlicher Job ist: der Zweifel.<br>Der Zweifel, der zum Reflex werden muss \u2013 und der oft viel zu sp\u00e4t kommt, wenn \u00fcberhaupt. Ein paar Beispiele: Wie fr\u00fch kamen wir Journalisten auf die Idee, zu fragen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Hat der Westen in der Ukraine alles richtig gemacht?<\/li>\n\n\n\n<li>Ist \u201cTTiP\u201d, das geplante Freihandelsabkommen mit den USA, ein Segen, und wenn ja, f\u00fcr wen?<\/li>\n\n\n\n<li>Wer profitiert von der Agenda 2010? Deutschland? Ganz Deutschland? Wirklich ganz Deutschland?<\/li>\n\n\n\n<li>Brauchen wir \u201cStuttgart 21\u201d? Wer braucht \u201cStuttgart 21\u201d?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die alte Frage: Cui bono? Wer profitiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Den M\u00e4chtigen auf die Finger schauen, auf die Finger hauen: Das ist unser Job.<\/p>\n\n\n\n<p>Constantin Seibt meint, dass der Spardruck, der jetzt in den Redaktionen herrscht, all das Ungute verst\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cJe schmaler die Redaktion\u201d, so schreibt er, \u201cdesto st\u00e4rker konzentriert sich die Redaktion auf die kleinen Geschichten. Gro\u00dfe Skandale sind komplex, juristisch wie als Geschichte. Etwa Steuergesetze, die Konzernen Millionen bringen. Dagegen: Kleine Storys, etwa eine 1000-Franken-Spesenrechnung, ein dummer Nebensatz oder eine schwarz arbeitende Putzfrau, sind kleine, \u00fcberschaubare Geschichten.\u201d<br>Der kleine Aufreger zwischendurch: Fast Food. Es bl\u00e4ht auf, macht aber nicht satt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die gro\u00dfen Geschichten, die komplex, teuer und manchmal sogar gef\u00e3hrlich sind, braucht man Geld, braucht man ein gutes Team. Also Ressourcen, Leute, Zeit. Wenn der Spardruck dazu f\u00fchrt, dass es das nicht mehr gibt, dann braucht man uns nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Seibt findet, dass wir die Wirklichkeit verzerren. Sein Beispiel: Im deutschen Bundestagswahlkampf hat sich die Debatte auf Autobahngeb\u00fchren, Steinbr\u00fccks Zeigefinger und den Vegetariertag der Gr\u00fcnen gest\u00fcrzt und das wirklich wichtige vernachl\u00e4ssigt: Eurokrise, \u00dcberwachung, Deutschlands dominierende Rolle in Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, er hat in sehr vielem Recht. Aber ich denke, es gibt auch etwas richtig Gutes, das wir haben, wir m\u00fcssen es f\u00f6rdern, sch\u00fctzen und pflegen: Reporter. Denkende, analoge Menschen, die hinausgehen, um die Wirklichkeit zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber J\u00fcrgen Leinemann, den gro\u00dfen, im vergangenen Jahr leider verstorbenen Reporter, hat eine Kollegin einmal gesagt: \u201cBevor ich Leinemann lese, mache ich mir einen Tee.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Darum geht es: Um Geschichten, f\u00fcr die es sich lohnt, einen Tee zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Reporter, die rausgehen und der Wirklichkeit eine Form geben, eine Erz\u00e3hlbarkeit. Ein guter Journalist geht, dieser sch\u00f6ne Satz stammt von Nils Minkmar, mit dem Kopf durch die Welt. Der Reporter, ob er nun fotografiert oder schreibt, wei\u00df etwas \u00fcber die Welt und ist aber auch bereit dazu, alles das beiseite zu schieben, wenn die Welt sich anders zeigt, als er dachte. Der schreibende Reporter h\u00f6rt, sieht, riecht, schmeckt, f\u00fchlt, um mir, als Leserin, das zu geben, was \u201cyoutube\u201d mir nicht gibt. Eine gute Reportage erinnert mich an das, was die franz\u00f6sischen Naturalisten unter Literatur verstanden: ein St\u00fcck Leben, gesehen durch ein Temperament. Oder noch besser: zwei Temperamente, einer sucht die S\u00e4tze, einer sucht die Bilder, zwei, die hoffentlich zusammenpassen, denn wenn nicht, dann \u2013 aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu den Naturalisten: Ich denke an die Dossiers, die Emile Zola anlegte, bevor er tats\u00e4chlich schrieb. \u00dcber das Leben der Bergarbeiter, \u00fcber Menschen in Markthallen, Bahnh\u00f6fen, Kaufh\u00e4usern: Er recherchierte, und dann schrieb er. Was er schrieb, war nicht wahr, aber wirklich. Das ist der Unterschied zum Reporter: Was der schreibt, muss wahr und wirklich sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Zolas Motivation, denke ich, ist eine, die auch den Reporter ziert: Die Wirklichkeit zu erfassen, und zwar so, dass sie ber\u00fchrt.<br>Genau hinschauen, und im Individuellen das Grunds\u00e4tzliche sehen. Und im Grunds\u00e4tzlichen das Individuelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr muss Geld da sein. Sonst kann man beim Hundefutter bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Leiter der \u201cSpringer-Akademie\u201d habe ich den Satz gelesen: \u201cDie Idee des Reporters, der ganz allein rausgeht und recherchiert, ist veraltet.\u201d Gut, ich will ja gar nicht, dass er allein rausgeht. Lieber zu zweit, mit einem kongenialen Fotografen. Gemeint war aber wohl etwas anderes, und dieses andere ist bedrohlich.<\/p>\n\n\n\n<p>In den USA, erz\u00e4hlt einer meiner Kollegen, trifft er immer h\u00e4ufiger auf gro\u00dfartige Reporter, die sich irgendwie, durch Sponsoren, Stiftungen, wie es irgend geht, das Geld zusammenbetteln m\u00fcssen, um ihre Geschichten zu recherchieren und zu erz\u00e4hlen. Hier ist das noch nicht der Normalfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch nicht? Jedenfalls m\u00fcssen wir es nutzen. Und manchmal feiern. Heute zum Beispiel, es gibt Grund dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. 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