{"id":1197,"date":"2012-05-18T08:52:00","date_gmt":"2012-05-18T08:52:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/rede-von-harpprecht-zum-mieth-preis\/"},"modified":"2012-05-18T08:52:00","modified_gmt":"2012-05-18T08:52:00","slug":"rede-von-harpprecht-zum-mieth-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/rede-von-harpprecht-zum-mieth-preis\/","title":{"rendered":"Rede von Harpprecht zum Mieth-Preis"},"content":{"rendered":"<p><body mode=\"normal\" word-count=\"1596\"><\/p>\n<p>Zur Verleihung des diesj\u00e4hrigen Hansel-Mieth-Preises hielt der renommierte Publizist Klaus Harpprecht die Laudatio. Hier seine Rede vom 3. Mai 2012 in Fellbach:<\/p>\n<p>Liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Damen und Herren. Um dies vorweg zu gestehen: der Tagungsort Fellbach h\u00e4tte gen\u00fcgt, mich aus der Fr\u00fchlingssonne des midi zu locken, um hier einige passende Worte zu sagen, denn ich bewundere seit langem, welchen Reichtum an kulturellen Ereignissen diese kleine \u2013 nein, verzeihen Sie, mittelgro\u00dfe Stadt ihren B\u00fcrgern und den durchziehenden Fremden bietet. Fellbach beweist aufs sch\u00f6nste, wo die Wurzeln deutscher und gottlob nicht mehr nur-deutscher oder gar teutonischer Kultur zu suchen sind: in den Gemeinden, den St\u00e4dten, den Regionen \u2013 in der f\u00f6deralen Tradition, die wir zu unserem Ungl\u00fcck ein braunes Jahrtausend lang unterdr\u00fcckt hatten \u2013 und nicht in einer nebul\u00f6sen Berliner \u201eLeitkultur\u201c, die keine klareren Umrisse gewinnt, wenn uns der Begriff schw\u00e4bisch-breim\u00e4ulig in die Ohren geschmiert wird, weil man ja seit neuestem \u201ein Europa wieder deitsch spricht\u201c. Wilhelminischer Flachgeist spukt noch immer in der Hauptstadt umher, samt den simplistischen Lockungen des preu\u00dfischen Zentralismus.<\/p>\n<p>Es lie\u00dfe sich noch ein anderes, eher pers\u00f6nliches und ein bisschen eitles Motiv f\u00fcr meine Willf\u00e4hrigkeit nennen: zehn Kilometer von hier, in einer halb vergammelten Flakbaracke, begannen vor beinahe sechseinhalb Jahrzehnten meine journalistischen Lernjahre (die bis heute nicht abgeschlossen sind): f\u00fcr den kleinen Volont\u00e4r, der sich die Hacken abgelaufen hatte, um seine ersten Geschichten bei irgendeiner Redaktion anzubringen (vergebens, das versteht sich), nebenbei Vorlesungen h\u00f6rte, die nicht alle langweilig waren, und am schwarzen Markt Geld genug verdiente, um sich gelegentlich ein St\u00fcck Speck und ein halbes Dutzend Ami-Zigaretten \u2013 also: den schieren Luxus &#8211; leisten zu k\u00f6nnen. Damals h\u00e4tte ich mir nicht tr\u00e4umen lassen, dass ich eines Tages vor den Toren von Stuttgart das Vorwort zur Verleihung eines hoch angesehenen Journalisten-Preises und eines wichtigen Stipendiums aufsagen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Die B\u00e4nde freilich, die Sie mir zur Vorbereitung meiner kleinen Rede geschickt haben, trieben mir sehr rasch den Anflug von autobiographischer Eitelkeit aus. Bilder und Texte holten mich aus den sentimentalen Erinnerungen eines Veteranen in die Realit\u00e4t der Gegenwart zur\u00fcck. In die Realit\u00e4t der fremden Schicksale, die so oft Konzentrate des Elends der Menschheit sind. Des Elends der Kriege und der ganz \u201enormalen\u201c Armut in Afrika, in Lateinamerika, in Asien. Auch in Nordamerika, das niemals nur das gottgesegnete Land ist, das von den gl\u00fccklichen seiner Kinder gepriesen wird: von den Schatten zeugten die Reportagen von Hansel Mieth in \u201eLife\u201c, der gro\u00dfen Bildreporterin, die dem Preis seinen Namen gab. Elend auch in Europa, das den Sozialstaat erfand, nicht blo\u00df im befreiten Osten, zum Beispiel bei den Kanalkindern von Bukarest. Armut, die sich \u2013 trotz allen Fortschritts \u2013 als ein immer h\u00f6her wachsendes Gebirge vor der Menschheit aufzut\u00fcrmen scheint, keineswegs \u00fcberwunden im rotkapitalistischen China mit seinen hundert oder zweihundert Millionen Wanderarbeitern, trotz der strotzenden Verkaufserfolge von Mercedes, Audi und BMW und was sonst noch teuer ist, erst recht nicht in Indien, dessen Bev\u00f6lkerung ungebremst w\u00e4chst \u2013 angeblich die gr\u00f6\u00dfte Demokratie der Welt samt Kastensystem, wenigstens einem Drittel Analphabeten, wenigstens einem Drittel Demokraten, das unter dem Existenzminimum vegetiert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die gro\u00dfe Reportage nicht dazu verurteilt, nur die Not- und S\u00fcndenb\u00fccher der Menschheit zu f\u00fcllen. Es gibt keine Themen und keine menschlichen Beziehungsfelder, die sie nicht erobern k\u00f6nnte \u2013 sogar das Gl\u00fcck, das freilich den Nachteil hat, rasch blass zu werden und zu langweilen. So oder so: die Reportage konfrontiert uns mit den Wirklichkeiten. Sie redet uns nicht ins Gewissen (das unterscheidet sie vom Leitartikel). Aber sie erinnert uns daran, dass wir eines haben. Haben sollten. Damit sollte es nicht getan sein. \u201eMitleid ist das erste Unrecht\u201c, sagte die kluge Hansel Mieth. Manche der wichtigen Reportagen setzten sich \u2013 ohne Mahnung der Autoren \u2013 in  materielle Hilfe um. In die humane Tat. Vielleicht sogar in eine \u00c4nderung der Verh\u00e4ltnisse. Das ist allemal der sch\u00f6nste Lohn, der Journalisten zuteil werden kann.<\/p>\n<p>Ob in Wort oder Bild: die Reportage ist, nach meiner Einsicht, die h\u00f6chste Form des Journalismus, den ich \u2013 wohl nicht als einziger \u2013 den sch\u00f6nsten und den schrecklichsten aller Berufe genannt habe. Und den schwierigsten. Die M\u00fchsal der Recherche, nicht nur vor Ort, sondern auch in den Archiven, in denen so oft die Wahrheit einer Begebenheit vergraben ist, die zu finden, nicht nur die Geduld des Arch\u00e4ologen, sondern einen kriminalistischen Sp\u00fcrsinn verlangt. Die Recherche \u201evor Ort\u201c. Die Beobachtung des Dramas, das sich immer wieder in den Zonen der Gefahr f\u00fcr Leib und Leben vollzieht: die in Ihren B\u00e4nden angezeigten Reporter-Geschicke beweisen es auf bewegende Weise. Die Passion, die der Beruf verlangt, wird in der Kriegs-, der Konflikt-Reportage gnadenlos gepr\u00fcft. Der Mut. Die Zuverl\u00e4ssigkeit bei der Arbeit im Team. Auch die Vernunft, die von Tollheiten abr\u00e4t.<\/p>\n<p>Manchmal fordert die unstillbare Neugier \u2013 die andere Grundvoraussetzung des Berufes \u2013 auch nur die ruhige Beobachtung des Alltags. Nur? Die Entdeckung der Besonderheit, die sich in jeder Allt\u00e4glichkeit verbirgt, verlangt von den Autoren und den Photographen die h\u00f6chste Sensibilit\u00e4t. Die im Gl\u00fccksfall zur Kunst wird: zur Reportage, die Literatur ist, zum Photo-Essay, dem wir hernach bei Ausstellungen begegnen m\u00f6gen, seit es sich herumgesprochen hat, dass die Photographie hohe Kunst sein kann. Ohnedies halte ich die in Deutschland immer noch \u00fcbliche Unterscheidung von Journalismus und Literatur, von Journalismus und Kunst f\u00fcr schieren Krampf. Manchem unserer Roman-Autoren w\u00fcnschte ich, er h\u00e4tte das Handwerk der Beschreibung in journalistischen Diensten gelernt.<\/p>\n<p>Journalismus ist, schrieb ich an anderer Stelle, die Chance, viele Leben zu leben. Gibt es einen anderen Beruf, fragte ich, in dem Passion und Plaisir so nahe beieinander wohnen, allzu oft auch in der Nachbarschaft des Todes, \u00f6fter an der T\u00fcr zum Paradies, zur schieren Lust am Leben. Es ist ein Beruf, der dankbar macht.<\/p>\n<p>Ach, der Dank beginnt mit dem Gl\u00fcck, seine Arbeit gedruckt zu sehen \u2013 ein Gl\u00fcck, das sich auch noch dem alten Handwerker mitteilt (und davor die Angst, nicht gut genug geschrieben und photographiert zu haben, die uns niemals verl\u00e4sst). Gedruckt, sagte ich. Ich wei\u00df nicht, ob sich ein gleiches Gl\u00fcck durch die Pr\u00e4sentation unserer Arbeit im Internet mitteilt. Das mag eine Generationsfrage sein. Ich selber glaube nicht, dass die Wirkung am Bildschirm die gleiche Intensit\u00e4t gewinnt wie die Betrachtung bedruckter Seiten. Mag mich t\u00e4uschen. Doch ich bin davon \u00fcberzeugt, dass das Zeitalter Gutenbergs nicht zu Ende geht. Die Magie des bedruckten Papiers ersch\u00f6pft sich nicht so rasch.<\/p>\n<p>Dennoch, es steht derzeit nicht gut um unser Gewerbe, das noch keine verl\u00e4ssliche Strategie entwickelt hat, der elektronischen Revolution zu begegnen. Sie l\u00e4sst sich nicht aufhalten. Aber wir m\u00fcssen Wege zu einer vern\u00fcnftigen, vielleicht sogar produktiven Ko-existenz finden. Vielleicht wird die elektronische Publizistik eines Tages eine Art M\u00e4zenatentum f\u00fcr die gef\u00e4hrdete Gutenberg-Konkurrenz \u00fcbernehmen. Das setzte die Einsicht voraus, dass das gedruckte Wort, das gedruckte Bild eine Kultur bewahren, die durch die Elektronik nicht zu ersetzen ist. Das sch\u00f6n gebundene Buch \u00e0 la \u201eAnderer Bibliothek\u201c, die sorgsam komponierten Bildb\u00e4nde, die mit solch bewundernswerter Nuanciertheit gedruckt werden, aber auch die altmodische Qualit\u00e4ts-Zeitung, die anspruchsvollen Zeitschriften werden \u00fcberleben, gewiss in ver\u00e4nderter Form \u2013 aber sie werden in einem halben Jahrhundert, wom\u00f6glich einem ganzen noch existieren. So rasch rennt die Menschheit Gutenberg, Luther, Calvin, der St. James-Bible nicht davon. Die Zeitungen von hoher Qualit\u00e4t werden, kein Zweifel, teurer sein als heute (und wom\u00f6glich besser), vielleicht h\u00e4lt sich auch eine gewisse Boulevard-Presse, deren einziger moralischer Auftrag es ist, die Qualit\u00e4ts-Bl\u00e4tter zu subventionieren, und es werden einige regional fest verwurzelte Zeitungen weiter bestehen.<\/p>\n<p>Die Rettung setzt freilich voraus, dass sich alle Beteiligten in einem neuen Geist der Solidarit\u00e4t zusammenfinden \u2013 im besten Fall mitsamt den Aktion\u00e4ren, aber auch gegen die Aktion\u00e4re, wenn es nicht anders geht. Ich wiederhole hier einen Vorschlag, den ich aus Anlass der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises schon einmal pr\u00e4sentiert habe. Er fand ein meist positives Echo bei den Kollegen \u2013 und er stie\u00df bei den Verlegern und Managern auf ein kollektives Schweigen, das nicht so rasch gebrochen wird &#8211; dar\u00fcber keine Illusionen.<\/p>\n<p>Die Einkommensschere klafft sperrangelweit, auch in unserer Zunft, und sie ist nicht immer durch Leistung und Talent gerechtfertigt. Tarifpolitische Regulierungen k\u00f6nnen die geforderte Solidarit\u00e4t nicht herbeizwingen. Sie sollte innerhalb der Betriebe, der Konzerne, vielleicht auch in regionalen Bereichen verabredet werden. Das Verfahren w\u00e4re einfach: wer das Gl\u00fcck hat, zwischen dreihundert Tausend und f\u00fcnfhundert Tausend Euro im Jahr zu verdienen, zahlt in die Solidarit\u00e4tskasse f\u00fcnf Prozent des Gehaltes ein, zwischen einer halben und einer ganzen Million zehn Prozent, bis zu zwei Millionen zw\u00f6lf Prozent, von dieser Stufe an f\u00fcnfundzwanzig Prozent. Mit den verbleibenden Bez\u00fcgen l\u00e4sst sich immer noch ganz h\u00fcbsch leben und sogar ein H\u00e4usle bauen.<\/p>\n<p>Der Gewinn aus dem Solidarit\u00e4tsfond dient der Aufstockung der Honorare zu einem Normalsatz von zwei Euro pro Zeile und \u2013 ich wei\u00df nicht wie viel pro Bild. Ferner der Anhebung der niederen Redaktions- und Sekretariatsgeh\u00e4lter zu einem Stand, der sich nach der Kaufkraft im Jahre 1989 errechnet. Er hilft bei der Korrektur einer unverantwortlichen \u201eAusd\u00fcnnung\u201c der Redaktionen und der Technik. Er unterst\u00fctzt die Einrichtung von \u201eKitas\u201c, die es den Kolleginnen mit Kindern ersparen, sich in eine Halbtagsarbeit abdr\u00e4ngen zu lassen. Entsprechende Regelungen sollen f\u00fcr die \u00d6ffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten gelten, dabei die sogenannten Quotenk\u00f6nige und vor allem ihre lukrativen Produktionsbetriebe nicht schonend. Dringend verlangen die brutal gek\u00fcrzten Radio-Honorare eine Aufbesserung. Der Ausbeutung kleiner Produktionsfirmen m\u00fcssen Grenzen gesetzt werden. Nebenbei: Parteien und Regierungen sollten aus den Gremien verschwinden \u2013 und dies besser heute als morgen.<\/p>\n<p>Bitte diskutieren sie diese Vorschl\u00e4ge \u2013 und, das versteht sich, andere, vielleicht bessere Ideen. Verlieren Sie keine Zeit. Fordern Sie, wenn es nicht anders geht, Abstimmungen in den Betrieben und Konzernen. Nicht mehr und nicht weniger als das Geschick der seri\u00f6sen Medien steht zur Debatte \u2013 mithin Ihr eigenes Geschick, ob Verleger, Manager oder Journalisten. Danke, dass Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, dieses offene Wort noch einmal zu sagen. Dank f\u00fcrs tolerante Zuh\u00f6ren. Dank f\u00fcrs kleine deutsche Solidarnosz \u2013 wenn es denn zustande kommt.<\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Verleihung des diesj\u00e4hrigen Hansel-Mieth-Preises hielt der renommierte Publizist Klaus Harpprecht die Laudatio. Hier seine Rede vom 3. Mai 2012 in Fellbach: Liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Damen und Herren. 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