{"id":1266,"date":"2011-05-11T10:33:00","date_gmt":"2011-05-11T10:33:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/mieth-laudatio-das-ethos-des-indirekten\/"},"modified":"2011-05-11T10:33:00","modified_gmt":"2011-05-11T10:33:00","slug":"mieth-laudatio-das-ethos-des-indirekten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/mieth-laudatio-das-ethos-des-indirekten\/","title":{"rendered":"Mieth-Laudatio: Das Ethos des Indirekten"},"content":{"rendered":"<p>Die gro\u00dfe, die engagierte Reportage ist eine dokumentarische Kunst \u2013 eine in Zeiten des Schnell-Schnell-Journalismus und der Medienkrise gef\u00e4hrdete Form der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung. Warum wir sie brauchen, was sie leistet \u2013 Laudatio zur Verleihung des Hansel-Mieth-Preises 2011 von Zeitenspiegel am 5. Mai 2011 in Fellbach. <\/p>\n<p><body mode=\"normal\" word-count=\"2059\"><\/p>\n<p>Von Bernhard P\u00f6rksen<\/p>\n<p>Im Jahre 2006 ist in der ehrw\u00fcrdigen Umgebung des Suhrkamp-Verlages ein kleines, \u00e4u\u00dferst boshaftes Buch des amerikanischen Philosophen Har-ry Frankfurt erschienen, das sofort zum Bestseller wurde. Es hei\u00dft Bullshit und beginnt mit folgenden S\u00e4tzen: \u201eZu den auff\u00e4lligsten Merkmalen unserer Kultur geh\u00f6rt die Tatsache, dass es soviel Bullshit gibt. Jeder kennt Bullshit. Jeder tr\u00e4gt sein Scherflein dazu bei. Und doch neigen wir dazu, uns damit abzufinden. Die meisten Menschen meinen, sie seien in der Lage, Bullshit zu erkennen und sich vor ihm zu sch\u00fctzen, weshalb dieses Ph\u00e4nomen bislang wenig ernsthafte Aufmerksamkeit gefunden hat und nur unzul\u00e4nglich erforscht ist. Das hat zur Folge, dass wir nicht sonderlich genau wissen, was Bullshit ist, warum es soviel davon gibt und welchen Zwecken es dient.\u201c  <\/p>\n<p>Diese fehlende Aufmerksamkeit gegen\u00fcber dem Bullshit m\u00f6chte dieses kleine Buch \u00e4ndern. Es ist eine Abrechnung, das Dokument eines kalten Wutausbruchs, der sich als philosophische Begriffsanalyse tarnt. Worum geht es? Harry Frankfurt meint mit Bullshit einen verlogenen Originalit\u00e4tswillen, dem es nicht auf Wahrheit ankommt; er meint eine Kultur bzw. Unkultur der Show, des Bluffs, der Inszenierung, des beliebigen Geredes um der Effekte willen. Ohne Erdung, ohne Realit\u00e4tsorientierung, ohne Relevanz, ohne echtes Engagement. In der Welt des Bullshitters herrscht die Beliebigkeit, das modische Anything goes, das Interesse an wirksamen Illusionen und an starken, intensiv glitzernden Oberfl\u00e4chen, die nur unterhalten, aber nicht zum Begreifen und Durchdringen animieren sollen. <\/p>\n<p>Sein Buch liest sich lustig, frech und klug \u2013 und doch bemerkt man, wenn man genauer liest, wenn man die Stimmung dieses kleinen Textes erfasst: Hier wird gerade \u00fcber Ethik und Moral geschrieben, \u00fcber Wahrheitsliebe, \u00fcber die Abscheu vor dem Bluff, den Ekel vor der blo\u00dfen Staffage, der Inszenierung, der Show. Harry Frankfurt, und darauf kommt es mir hier an, erweist sich als ein Meister des Indirekten, als ein Prediger, der wei\u00df, dass  Predigten nicht funktionieren, als ein Moralist, der verstanden hat, dass explizite Moralisierung nicht klappt. Weil sie Abwehr erzeugt. Weil sie mit verdeckter Abwertung arbeitet und keinen Umweg zul\u00e4sst. Weil sie eben gerade nicht ber\u00fchrbar macht, nicht durchl\u00e4ssig, nicht in einer irgendwie produktiven Art und Weise traurig, sondern eher ratlos und \u00e4rgerlich. An dieser Stelle kann ich f\u00f6rmlich h\u00f6ren, wie sich bei Harry Frankfurt schon wieder die Wut aufstaut und wie er mir zuruft: \u201eNo more Bullshit!\u201c Nun gut, ich bin soweit, ich taste mich voran, ich komme zum Thema. <\/p>\n<p>Die Jury des Hansel-Mieth-Preises 2011 hat die Preistr\u00e4ger dieses Jahres ausgew\u00e4hlt. Ausgezeichnet werden die Autorin Susanne Krieg und der Fotograf David Gillanders f\u00fcr ihre Geo-Reportage \u00fcber einen verfallenden, von Arbeitslosigkeit und Verzweiflung gesch\u00fcttelten Stadteil im Osten Glasgows. Man wird hier, wenn man die still beobachtenden, \u00fcber einen Zeitraum von drei Jahren entstandenen Bilder betrachtet, den Text liest, mit einer urbanen H\u00f6lle aus endlosen Fernsehtagen, Polizeieins\u00e4tzen und pl\u00f6tzlichen Gewaltexzessen konfrontiert, die eine erstickende Ereignislosigkeit f\u00fcr einen Augenblick der Aggression vergessen machen. Susanne Krieg und David Gillander erz\u00e4hlen am Beispiel. Am Beispiel der Familie von Paul Mann, 32 Jahre alt, arbeitslos in der dritten Generation. <\/p>\n<p>Ausgezeichnet werden am heutigen Tage auch der Autor Markus Wanzeck und die Fotografin Kathrin Harms mit dem Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium \u2013 ein Stipendium, dass es ihnen erlaubt, auch ohne den Auftrag und das Budget einer Redaktion eine Geschichte zu schreiben und zu fotografieren, die sie umtreibt und fasziniert: Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die als Kind in Deutschland adoptiert wird und in dem Glauben lebt, ihre leib-lichen Eltern seien tot. Eines Tages jedoch wird sie von ihrer f\u00fcr tot gehaltenen Mutter aus Nepal kontaktiert; eines Tages wird eine Sehnsucht sp\u00fcrbar, von der sie nicht wusste, dass es sie gab. Markus Wanzeck und Kathrin Harms werden noch in diesem Jahr Asna Maier nach Nepal begleiten \u2013 und die Geschichte einer Begegnung dokumentieren. <\/p>\n<p>\u00dcberdies hat die Jury verschiedene weitere Reportagen in die engste Wahl genommen. Es sind Texte von einer archetypischen Aktualit\u00e4t, Sinnbilder eines Verlustes, einer Bedrohung, Erz\u00e4hlungen aus einer gef\u00e4hrdeten, ei-ner br\u00fcchigen Existenz. Ich w\u00fcrde mit Harry Frankfurt sagen: Es sind allesamt \u2013 und das ist mir wichtig, das macht die Verbindung zu diesem kleinen Buch offenbar \u2013 Anti-Bullshit-Texte, Formen der Pr\u00e4sentation, die sich einer authentischen, wahrhaftigen Darstellung verschrieben haben. Sie vereint das entschiedene Desinteresse an der Oberfl\u00e4che; sie sind nicht glatt, sie sind nicht gef\u00e4llig; sie berichten auf eine Weise, die schlicht und einfach weh tut. Zu diesen Texten geh\u00f6rt etwa die Ich-Reportage von Susanne Leinemann, die an einem Abend von einer marodierenden Gang von Jugendlichen in Berlin-Wilmersdorf fast erschlagen wird. Ich w\u00fcrde sagen, man kann ihre Geschichte nur ein einziges Mal lesen; und man muss einzelne Passagen ganz schnell und gleichsam nur aus den Augenwinkeln heraus \u00fcberfliegen, um den Schrecken ertr\u00e4glich zu halten. Dann entdeckt man unter den ausgezeichneten Reportagen die Geschichte einer Familie von Milchbauern, die irgendwann die letzte Kuh abholen lassen m\u00fcssen, weil sich ihr Leben, ihre Form der Existenz einfach nicht mehr lohnt \u2013 und die dann doch am Abend einfach wieder zur Melkzeit in den Stall gehen will, aber es ist eben kein Tier mehr da. Des Weiteren findet sich unter den Texten des Hansel Mieth-Preises 2011 das wunderbar stille Portr\u00e4t einer Sterbenden, ohne falsche Sentimentalit\u00e4t, ohne die gro\u00dfe These, ohne den Anlauf zur globalen Sinnstiftung. Und man sieht die Fotos von schwer Verletzten Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern, die w\u00fcrdevoll und ohne alle agitatorischen Zusatzstoffe pr\u00e4sentiert werden, lernt das Schicksal von Christian Bredholt kennen, der seiner MS-Krankheit und dem langsamen Verl\u00f6schen seiner Kr\u00e4fte jeden Tag durch einen Sprung in das eiskalte Meer zu entfliehen versucht \u2013 ein Meer, das seine versteiften Muskeln f\u00fcr ein paar Stunden entkrampft, ihn entspannt, ihm Momente der Lebendigkeit und der inneren und \u00e4u\u00dferen Beweglichkeit zur\u00fcckgibt. <\/p>\n<p>Damit komme ich \u2013 vielleicht etwas abrupt \u2013 zu der Kernthese meines kleinen Vortrags. Warum rede ich, so werden Sie sich vielleicht fragen, an dieser Stelle nicht \u00fcber den Journalismus im allgemeinen? Warum erw\u00e4hne ich Christian Bredholt im Meer und Susanne Leinemann auf dem Nachhauseweg in Berlin-Wilmersdorf? Warum mache ich Familie Breuninger mit ihren geliebten K\u00fchen zum Thema, warum Paul Mann und warum den Tod von Dana Wenzke, die 33 Jahre alt wurde und dann auf so eine eigene Art und Weise aus dem Leben gegangen ist? <\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen: Weil in der Konkretion, die eine gute Reportage auszeichnet, selbst eine Botschaft steckt, die nicht \u00fcberw\u00e4ltigen will, aber e-ben gerade deshalb wirkt. Meine These lautet: In der Sprache und den Bildern der guten, der wirklich guten Reportage ist ein eigenes Ethos angelegt, ein Regelsystem aus Handwerk und Weltbeschreibung, das da hei\u00dft: Verzichte auf Gro\u00dfbegriffe! Sei genau! Respektiere die Nuance und nimm Dir Zeit! Mache im Mikrokosmos der kleinen Welten den Makrokosmos der gro\u00dfen Fragen erfahrbar! Warte auf den richtigen Moment f\u00fcr das stimmige Bild! Lasse die Botschaft, um die es geht, auf eine stille, eine skrupul\u00f6se Art und Weise hervortreten! W\u00e4hle den indirekten Weg und vertraue Deinen Leserinnen und Lesern! Sie werden schon verstehen und begreifen! <\/p>\n<p>Entscheidend ist \u2013 und hier wird die Gattung der Reportage zur symbolischen Form und zum Reservoir der kritischen Auseinandersetzung: Ein solches Ethos steht quer zu einem Schnell-Schnell-Journalismus, pro-grammiert die Entschleunigung und wirbt implizit f\u00fcr einen Realismus mit klarer Relevanz. Ein solches Ethos verzichtet auf Plastikprominente und hektisch arrangierte, auf den schnellen Effekt hin getrimmte Bilder und verweigert sich der handels\u00fcblich gewordenen Tendenz zur k\u00fcnstlichen Dauer-Erregung. <\/p>\n<p>Warum ist dieses Ethos der Genauigkeit so wichtig, warum ist das journalistische Programm, f\u00fcr das Hansel Mieth, Gabriel Gr\u00fcner und dieser Preis stehen, gerade in diesem Moment, in diesem Stadium der Medienentwick-lung so bedeutsam und zentral? Meine Antwort ist: Es geht hier um eine dokumentarische Kunst, eine Form der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung, die inzwischen als gef\u00e4hrdet und bedroht gelten muss. In vielen Re-daktionen fehlt es an Geld und Zeit f\u00fcr die gro\u00dfe Geschichte und die aufwendige Recherche. F\u00fcr die herrliche Irrationalit\u00e4t des kreativen Experiments, das auch einmal schief gehen kann, f\u00fcr die Detailstudie und f\u00fcr die Langzeitbeobachtung, f\u00fcr die Allm\u00e4hlichkeit des genauen Verstehens, ist im real existierenden Journalismus heute nur noch sehr wenig Platz. <\/p>\n<p>An dieser Stelle nur einige wenige Daten und Hinweise zur allgemeinen Situation \u2013 Schlaglichter der aktuellen Entwicklung: Deutsche Tageszeitungen haben in den letzten zehn Jahren etwa f\u00fcnf Millionen K\u00e4ufer verloren, zahlreiche Magazine sind vom Markt verschwunden oder \u00e4chzen unter der Anzeigenflaute und m\u00fcssen die Preise erh\u00f6hen. Das Netz sorgt daf\u00fcr, dass existenziell wichtige Einnahmen wegbrechen, Anzeigen abwandern, die nicht mehr zur\u00fcckgewonnen werden k\u00f6nnen. Und die User sind (dies er-weist sich als nicht mehr korrigierbarer Fehler) l\u00e4ngst an die Gratiskultur gew\u00f6hnt und wollen f\u00fcr hochwertige publizistische Angebote und damit auch f\u00fcr die gro\u00dfe Reportage nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich bezahlen. Kurzum: Der Qualit\u00e4tsjournalismus hat ein echtes Refinanzierungsproblem und droht seine Basis zu verlieren \u2013 ohne dass \u00f6konomisch robuste Alternativen in Sicht w\u00e4ren, ohne dass sich das Tr\u00e4germedium der Zeitung oder der Zeitschrift einfach austauschen lie\u00dfe und man mit ein paar Multimedia-Slides auf einer Website echte Abhilfe oder ernst zunehmende Alternativen schaffen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Gleichzeitig regiert in der Branche eine l\u00e4ngst kontraproduktiv gewordene Lust an der Apokalypse und ein modernisierungshungriger Opportunismus, der das Medium des Gedruckten und die mit ihm eng verbundene Kultur der allm\u00e4hlichen, der notwendig verz\u00f6gerten Produktion und Reflexion vorschnell verloren gibt. Der Printmarkt wird l\u00e4ngst als \u201eDead Tree Industry\u201c verspottet. Der Medieninvestor David Montgomery h\u00e4lt das ge-samte Business inzwischen \u2013 ich zitiere \u2013 f\u00fcr eine \u201esinnlose, egoistische Obsession mit toten B\u00e4umen.\u201c \u201eWozu noch Zeitung?\u201c, fragt man sich in einer ganzen Serie auf der Medienseite der S\u00fcddeutschen Zeitung. Um dann gleich mit der n\u00e4chsten Serie fortzufahren \u2013 diesmal mit dem Titel: \u201eWozu noch Journalismus?\u201c Das ist in etwa so, als ob ein G\u00e4rtner seinen Leuten die Frage entgegen schleudert: \u201eWozu noch Blumen? Warum noch Pflanzen?\u201c <\/p>\n<p>Blogger und Medienjournalisten und auch Medienwissenschaftler \u00fcberbieten sich inzwischen wechselseitig in ihren oft euphorisch-br\u00fcllenden Prognosen, wann die letzte Zeitung gedruckt wird \u2013 und sie \u00fcbersehen dabei: Noch gibt es kein publizistisches Forum, das in \u00e4hnlicher Weise Themen von allgemeiner Relevanz auf die Agenda zu setzen vermag, sie \u00fcberhaupt professionell auszuw\u00e4hlen und publikumsgerecht zu arrangieren verst\u00fcnde. Deshalb muss man ihnen entgegen halten: Der Qualit\u00e4tsjournalismus der Zeitungen und Zeitschriften wird \u2013 trotz aller sehr realen Schwierig-keiten \u2013 gegenw\u00e4rtig viel zu leichtfertig und viel zu fr\u00fch ins Grab geredet. Und die Allianz der Grabredner, die sie da versammelt, ist mehr als kurios. <\/p>\n<p>Und ich m\u00f6chte hinzuf\u00fcgen: Wir m\u00fcssen \u2013 aus meiner Sicht \u2013 die gesamte Debatte \u00fcber die Zukunft der Printmedien und des Journalismus im allgemeinen aus ihrer rein \u00f6konomisch bestimmten Umklammerung befrei-en, uns als Gesellschaft \u00fcber den kulturellen Wert des Gedruckten, den kulturellen Wert der gro\u00dfen, der aufw\u00e4ndig gemachten Geschichte und Reportage verst\u00e4ndigen. Diese Frage darf \u2013 bei allem Respekt \u2013 nicht den Controllern in den Medienunternehmen \u00fcberlassen bleiben; sie sind mit ihr unvermeidlich \u00fcberfordert. Es kann gar nicht mehr nur darum gehen, was Qualit\u00e4tsjournalismus kostet und ob am 17. Januar 2043 tats\u00e4chlich die letzte Zeitung gedruckt wird, ob das Netz alle Medien schluckt und David Montgomery Recht beh\u00e4lt. Es geht um etwas anderes \u2013 es geht um den Schutz des kulturellen Kapitals, das Journalistinnen und Journalisten, Fo-tografinnen und Fotografen auf ihren Streifz\u00fcgen durch die Welt erarbeiten. <\/p>\n<p>In einer Phase echter \u00f6konomischer Schwierigkeiten, in einer Phase der brancheninternen Selbstzerknirschung und der vorschnell herbei geredeten Untergangsszenarien braucht es vor allem eines: Ermutiger, die unsere Perspektive erweitern, die eine gef\u00e4hrliche Blickverengung durch die Kraft des Gegenbeispiels aufl\u00f6sen. In einer solchen Phase braucht es Schutzzonen und Oasen f\u00fcr Experimente, braucht es Preise und Qualit\u00e4tszirkel, die immer wieder neu beweisen, was eben doch machbar ist \u2013 und was auf dem Spiel steht, welchen Schaden sich diese Gesellschaft zuf\u00fcgt, wenn sie auf diese M\u00f6glichkeiten der Selbstbeobachtung leichtfertig verzichtet, wenn sie diese Formen, sich selbst zu sehen, sich selbst zu sp\u00fcren und mit den Ausgesto\u00dfen in Kontakt zu kommen, nicht mehr pflegt und sich nicht mehr leisten will. <\/p>\n<p>Insofern hat der heutige Abend eine eigene Symbolkraft, die \u00fcber die Stunden dieses Festes hinausweist. Insofern besitzen der Hansel-Mieth-Preis, das Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium der Agentur Zeitenspiegel und das Engagement der Stadt Fellbach einen doppelten Wert: Sie zeichnen herausragenden Journalismus und eine herausragende fotografische Leistung aus, das ist das eine. Und sie lenken die Aufmerksamkeit auf das gef\u00e4hrdete Kulturgut des Qualit\u00e4tsjournalismus und der gro\u00dfen Reportage, das ist das andere. Solche Preise und solche Feste werben f\u00fcr das Ethos des Indirekten und eine Form der genauen Gesellschaftsanalyse, die unterschiedliche Sph\u00e4ren und unterschiedliche Schichten miteinander in Kontakt bringt. Sie verhelfen der Gegenwelt des Authentischen im Moment ihrer Bedrohung wieder zu ihrem Recht. Harry Frankfurt, der Philosoph aus Amerika, hat Recht: Bullshit gibt es wirklich genug. <\/p>\n<p>Bernhard P\u00f6rksen ist Professor f\u00fcr Medienwissenschaft an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Zuletzt ver\u00f6ffentlichte er \u2013 gemeinsam mit Wolfgang Krischke \u2013 das Buch Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien.<\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gro\u00dfe, die engagierte Reportage ist eine dokumentarische Kunst \u2013 eine in Zeiten des Schnell-Schnell-Journalismus und der Medienkrise gef\u00e4hrdete Form der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung. Warum wir sie brauchen, was sie leistet \u2013 Laudatio zur Verleihung des Hansel-Mieth-Preises 2011 von Zeitenspiegel am 5. 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