{"id":1287,"date":"2010-10-25T10:09:00","date_gmt":"2010-10-25T10:09:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/blog-peace-counts-in-kolumbien\/"},"modified":"2025-05-09T06:11:12","modified_gmt":"2025-05-09T06:11:12","slug":"blog-peace-counts-in-kolumbien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/blog-peace-counts-in-kolumbien\/","title":{"rendered":"Blog: Peace Counts in Kolumbien"},"content":{"rendered":"<p><body mode=\"normal\" word-count=\"2307\"><\/p>\n<p>Gemeinsam mit 16 kolumbianischen Journalisten und Fotografen produzieren die Zeitenspiegler Tilman W\u00f6rtz und Uli Reinhardt von Mitte Oktober bis Ende November Reportagen \u00fcber \u201cFriedensmacher\u201d. Sie haben sich f\u00fcr dieses Projekt die kolumbianische Provinz Norte de Santander ausgesucht. Die Reportagen erscheinen in der dortigen Tageszeitung \u201cLa Opini\u00f3n\u201d, als H\u00f6rfunkfeature in einem Netz von Kommunalradios und in Form eines Geschichtenerz\u00e4hlers auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen. In den folgenden Wochen schreibt Tilman W\u00f6rtz in diesem Blog \u00fcber das Projekt, das die GTZ finanziell und logistisch unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><strong>Tag 12<\/strong><\/p>\n<p>Ich rufe Rafael an: \u201cIch muss mit dir reden.\u201d Er versteht. Wir treffen uns im Hotel. \u201cBist du sauer?\u201d, fragt er mich frei heraus. Ich drucks zuerst rum, sag \u201cNaja\u201d, fass mir dann ein Herz und sag: \u201cJa.\u201d Er grinst. \u201cIhr seid immer noch nicht unterwegs. Ich m\u00f6chte nicht mehr hingehalten werden. Und ich hab auch keine Lust mehr, morgen vor Deinen Studenten zu sprechen. Warum sagst Du nicht einfach Deine Teilnahme am Projekt ab?\u201d Rafael sagt: \u201cIch reise dieses Wochenende, versprochen. Und das sag ich nicht, damit wir wieder Freunde sind, sondern weil ich bei dem Projekt mitmachen m\u00f6chte.\u201d Das freut mich. Ich nehme ihm ab, dass er sein Versprechen ernst meint. Jetzt sind endlich alle Teams auf der Spur. <\/p>\n<p><strong>Tag 11<\/strong><\/p>\n<p>Ich telefoniere seit Tagen Manuel und Rafael hinterher: \u201cWann wollt ihr endlich auf Recherchereise?\u201d Es sind nur noch drei Tage Zeit bis zum zweiten Workshop, in dem wir die Ergebnisse der Recherchen besprechen wollen.<\/p>\n<p>Manuel sagt: Wir reisen in zwei Wochen.<\/p>\n<p>Ich: Das ist deutlich zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Manuel: Wir haben lange Zeit f\u00fcr die Recherchen, sagtest du.<\/p>\n<p>Ich: Das war vor einer Woche. Da hattet ihr noch lange Zeit, jetzt nicht mehr.<\/p>\n<p>Manuel: Rafael muss noch was machen, auch mir rennt die Zeit davon.<\/p>\n<p>Ich: Manuel, ihr m\u00fcsst nicht an dem Projekt teilnehmen. Nur ihr wisst, ob ihr das wollt und k\u00f6nnt. Aber wenn ihr teilnehmt, dann gibt\u2019s nun mal einen Zeitplan.<\/p>\n<p>Manuel: O.k., Hermano, kein Problem. Das machen wir dann irgendwie vorher.<\/p>\n<p>Ich verabschiede mich und stufe meine Erwartung an Fotos und Texte der beiden zur\u00fcck. Das entt\u00e4uscht mich. Gerade auf die beiden hatte ich gehofft.<br \/>\nAm Nachmittag dann aber ein sch\u00f6nes Erlebnis: Wir casten unseren Geschichtenerz\u00e4hler, ein gescheiterter Ingenieur und ambitionierter Jungliterat. Er erz\u00e4hlt einen Text aus Israel, den ich ihm f\u00fcr den Test gegeben hatte. Jhairan erf\u00fcllt unsere Hoffnung: Er respektiert die journalistische Information und \u00fcbersetzt sie in eine orale Form, die deutlich massenkompatibler ist als das Vorlesen eines Textes. Ich fordere ihn auf, die Geschichte nun f\u00fcr Kinder zu erz\u00e4hlen. \u201cWie w\u00fcrdest du das machen?\u201d Er sagt: \u201cAls Parabel zwischen L\u00f6wen und Hasen\u201d, und f\u00e4ngt an zu erz\u00e4hlen. Ich bin \u00fcberzeugt von seinem Talent. Wir haben in der Zwischenzeit eine wunderbare L\u00f6sung gefunden, wie der Geschichtenerz\u00e4hler durchs Land fahren kann: Die staatliche Bibliothek in C\u00facuta hat eine \u201crollende Bibliothek\u201d, einen drei Tonnen schweren Lastwagen, der B\u00fccher geladen und eine Seitenklappe wie ein Eisverk\u00e4ufer hat. Die \u201cBiblioruedas\u201d hat sogar eine Tonanlage, eine Leinwand und einen Beamer, mit dem wir die Fotos auch nachts zeigen k\u00f6nnen. Das Projekt ist von der EU gef\u00f6rdert. Wir vereinbaren mit der Bibliothek, dass der Erz\u00e4hler f\u00fcr einige Wochen die Biblioruedas durch die gesamte Provinz begleiten wird. Sie macht in Schulen Halt, in Parks und auf Pl\u00e4tzen.<\/p>\n<p><strong>Tag 10<\/strong><\/p>\n<p>Rafael schaut Uli Reinhardt nur eine Viertelstunde beim Fotografieren zu und merkt sofort: Er muss ganz nah ran an die Menschen, am Motiv arbeiten, nicht nur ein Bild pro Einstellung machen, sondern viele. Uli schaut sich das Ergebnis am Nachmittag am Laptop an und ist begeistert von der Bildstrecke \u00fcber zwei blinde Jungs aus einem Problemviertel, die ein freiwilliger Helfer in einem Computerkurs unterrichtet. Die Idee hinter dem Projekt: Jugendlichen aus Armenvierteln Perspektiven f\u00fcr ein normales Leben geben. Rafaels Fotos fangen r\u00fchrende Momente der beiden blinden Jungen ein, wie sie am Computer sitzen und in die Tastatur reinh\u00f6ren; wie sie mit dem freiwilligen Helfer bubeln. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1754.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1755.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1756.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1758.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1759.jpg\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Endlich bekomme ich den Termin beim Herausgeber der \u201cOpini\u00f3n\u201d. Das Geb\u00e4ude ist \u00fcber hundert Jahre alt, hat eine traditionelle Holzdecke und einen sch\u00f6nen Hof, mutet mehr an wie eine koloniale Villa, eine sch\u00f6ne Umgebung f\u00fcr eine Redaktion. Die Druckerei ist gleich unten im ersten Stock. Eine Wendeltreppe f\u00fchrt in das B\u00fcro des Herausgebers. Er ist gut aufgelegt. Wir reden \u00fcber Fu\u00dfball. Er fragt, wie das Projekt l\u00e4uft. Ich sag ihm die Wahrheit: dass seine Weigerung, uns die versprochenen Journalisten zu lassen, alles durcheinander bringt. Er sagt was von \u201cPersonalproblemen\u201d, sichert mir dann aber zu, dass er ab n\u00e4chster Woche den Reportern Freigang gibt. Ich bin froh. Wir beschlie\u00dfen sofort, uns mehr Zeit f\u00fcr das Projekt zu lassen und den Termin f\u00fcr die abschlie\u00dfende Fotoausstellung hinauszuschieben. \u201cIn C\u00facuta braucht\u2019s einfach ein wenig Geduld\u201d, sagen uns die Teilnehmer. Auch sie sind froh, dass ihr Chef endlich einlenkt und ihnen die Chance gibt, neben den t\u00e4glichen Berichten \u00fcber den n\u00e4chsten Mord auch einmal etwas anderes zu machen. Zwei weitere Teams sind mittlerweile auf Reise gegangen.<\/p>\n<p><strong>Tag 9<\/strong><\/p>\n<p>Die Studenten bringen die ersten Rechercheerlebnisse und einige Fotos mit. Insbesondere die Fotos von Rafael, Praktikant bei der \u201cOpini\u00f3n\u201d, sind ein Graus: nur vier Bilder, zwei davon unscharf. Uli Reinhardt entscheidet sich, in den kommenden Tagen die Studentengruppe bei den Recherchen zu begleiten.<br \/>\nIch telefoniere immer noch dem Herausgeber der \u201cOpini\u00f3n\u201d hinterher, werde auf morgen vertr\u00f6stet. Wut steigt in mir auf: Diese phantasielose Provinzgazette l\u00e4sst mich warten, einen europ\u00e4ischen, weit gereisten Journalisten, der so ein tolles Angebot f\u00fcr die Mitarbeiter der \u201cOpini\u00f3n\u201d macht! Zerdr\u00fccken m\u00f6chte ich diesen Wicht, mit Beweisen f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe unseres Projekts: Publikation in der gr\u00f6\u00dften spanischen Zeitschrift, im \u201cStern\u201d, im \u201cSpiegel\u201d \u2026 Ich trink ein Bier. Lache \u00fcber mich: Wie eitel! Wir kommen aus \u00dcbersee eingeschwebt und erwarten, dass alle sofort ihre t\u00e4gliche Routine f\u00fcr uns \u00e4ndern. Was soll die schon unsere Absichten interessieren? Aber warum bin ich dann hier, frage ich mich und bekomme ein schlechtes Gewissen, weil ich ja auch Steuergelder hier verbrauche. Eine Antwort liefert Rafael am n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n<p><strong>Tag 8<\/strong><\/p>\n<p>Die Journalisten der \u201cOpini\u00f3n\u201d bekommen Reiseverbot, auch die Praktikanten sowie die Redakteurin von der Internetseite. \u201cPersonaler Engpass\u201d, lautet das Argument. Ein harter Schlag. Ich versuche sofort Kontakt zum Chefredakteur aufzunehmen. Der ist aber auf einer Konferenz in Peru. Also versuche ich den Inhaber und Herausgeber zu sprechen. Er sei nicht im B\u00fcro. Ich werde vertr\u00f6stet.<br \/>\nDie anderen Teams planen weiter ihre Reise. Am Nachmittag reisen ein Reporter und Fotograf nach La Gabarra. Sie werden elf Stunden unterwegs sein. Die Stra\u00dfen sind schlecht. Streckenweise m\u00fcssen sie auch mit einem Boot auf dem Katatumbo fahren. Als sie ankommen, k\u00f6nnen sie noch einmal telefonieren. Die n\u00e4chsten Tage werden sie keinen Handyempfang mehr haben.<\/p>\n<p><strong>Tag 5 + 6<\/strong><\/p>\n<p>Themenkonferenz: Die Journalisten und Fotografen verfeinern die Artikelliste, telefonieren mit ihren Kontakten und pr\u00fcfen, ob die Reise zu dem Zeitpunkt \u00fcberhaupt machbar ist. Im Laufe der n\u00e4chsten Woche m\u00fcssen sie in ganz Norte de Santander recherchieren: in La Gabarra bei einem Professor Jos\u00edas, der mit Witwen, Waisen und ehemaligen Koka-K\u00f6chen arbeitet, au\u00dferdem \u00c4ngste zwischen den Menschen in der Region und der Armee abbauen m\u00f6chte; in Ocana, wo das Komitee f\u00fcr Menschenrechte ausgezeichnete Arbeit machen soll; in Villa Caro, einem Dorf, das auch w\u00e4hrend des Krieges verhindern konnte, dass weder Guerrillas noch Paramilit\u00e4rs eindringen konnten. Jeder in Norte de Santander kennt den Namen, niemand den Grund f\u00fcr diesen Erfolg. Ein Team soll ihn finden.<\/p>\n<p><strong>Tag 4<\/strong><\/p>\n<p>Endlich sind alle Teilnehmer beieinander, aufgeteilt in eine Studentengruppe und eine Profigruppe. Unser Tagungsort ist wundersch\u00f6n: Die Stadtbibliothek hat wei\u00df gekalkte, hohe W\u00e4nde, eine Holzdecke, T\u00fcren und Fensterl\u00e4den in kolonialem Stil, Palmen im Hof. Die Studenten bringen tolle Themenvorschl\u00e4ge mit: zu einem Friseur, der in einem Armenviertel einen Streit zwischen der Nachbarschaft und einem Ehepaar schlichtet, auf dessen Grundst\u00fcck die einzige Wasserquelle des Viertels sprudelt und eine Monopolrente beschert; zu einem Professor von der Uni, der gemeinsam mit Gef\u00e4ngnisinsassen Kurzgeschichten schreibt und sie so auf andere Gedanken, vielleicht sogar ein anderes Leben bringt. Der Morgen macht Spa\u00df. Die Gruppe der Profis ist dagegen anstrengend: Viele kommen zu sp\u00e4t; der Korrespondent von Reuters telefoniert die ganze Zeit \u2013 er war drei Wochen krank und muss Zeit aufholen; ein anderer, Leonardo, geht alle Stunde aus dem Raum und bleibt f\u00fcr eine Viertelstunde weg. Sp\u00e4ter \u2013 bei einer Diskussion in kleiner Runde unter dem Mangobaum im Hof \u2013 sehe ich Leonardo mit einem Tablett voll Plastikbechern die Treppe in den zweiten Stock steigen. Ich frage ihn: Leonardo, was ist los, wir wollen weitermachen. Leonardo sagt: Sorry, muss nur kurz die Erfrischung den Teilnehmern meines Workshops \u00fcber Kurzfilme bringen. Soll ich nun sauer auf Leonardo sein, weil er parallel zu unserem Projekt einen eigenen Workshop veranstaltet und mir das nicht einmal sagt? Oder soll ich froh sein, dass er trotz der Doppelbelastung zu uns gekommen ist, wenn auch mit Unterbrechungen? Ich entscheide mich f\u00fcrs Frohsein. <\/p>\n<p><strong>Tag 3<\/strong><\/p>\n<p>Unser erster Workshoptag. Der Plan: an drei Nachmittagen die Themenliste festlegen und die Machart der Reportagen besprechen. Wir wollen keine Analysen, sondern lebendige Geschichten von Friedensmachern. Die Teilnehmer: vier Fotografen, vier Journalisten, zwei Radioreporter. Au\u00dferdem sechs Journalismusstudenten der beiden Unis, die ab morgen dann in getrennten Gruppen das gleiche Programm wie die Profis absolvieren. Bis zum Morgen hatten wir noch keine Best\u00e4tigung der einen Universit\u00e4t, dass ihre Studenten tats\u00e4chlich kommen. Wochen vorher hatten wir schon angefragt. Schlie\u00dflich tauchen sie auf. Aber nicht der wichtigste Mann im Schreiberteam: Statt des Journalisten von der Tageszeitung La Opini\u00f3n stehen pl\u00f6tzlich vier Praktikanten des Blatts vor der T\u00fcr. Das ist bitter, denn der Journalist ist eine Nummer in C\u00facuta. Er ist f\u00fcr die \u201cp\u00e1ginas judiciales\u201d verantwortlich, also f\u00fcr die Berichterstattung \u00fcber Gewaltverbrechen. Ich rufe den Chefredakteur an, der mir am Tag vorher noch sein Wort gegeben hat, und frage, warum statt seines besten Manns vier Azubis auftauchen. \u201cPersonalprobleme, Personalprobleme\u201d, brummelt er. Kein Wort der Entschuldigung. Wir wollen die Azubis nach Hause schicken \u2013 doch sie beschweren sich: \u201cJetzt sind wir hier und freuen uns drauf, wir wollen bleiben!\u201d Also d\u00fcrfen sie bleiben \u2013 in der Studentengruppe, die jetzt auf zehn Personen angeschwollen ist. Den Studenten und Praktikanten fehlt es nicht an Selbstvertrauen: Sie dominieren die Diskussion. Ein schwieriger Tag. Ich f\u00fcrchte um die Motivation der Profis. Mir flattern ein wenig die Nerven. Mein Name ist Improvisation, mein Vorname Herzinfarkt. Leute von der GTZ hatten mich gewarnt: C\u00facuta ist ein schwieriges Pflaster. Da kann jede Verabredung jeden Moment wieder in Frage gestellt werden. Wer vor Tagen etwas ausgemacht hat, muss unbedingt vor dem Termin noch mal anrufen. Sonst geht\u2019s schief. Ein aufw\u00e4ndiges Verfahren, um Leute zu treffen.<\/p>\n<p><strong>Tag 2<\/strong><\/p>\n<p>C\u00facuta ist ein hei\u00dfes Nest. Es soll 750.000 Einwohner haben, mir kommt\u2019s mit seinen kleinen Str\u00e4\u00dfchen und niedrigen H\u00e4usern aber vor wie ein Dorf. Zur Tageszeitung La Opini\u00f3n muss ich vom Hotel Casa Blanca aus nur drei Blocks laufen. Ich schwitz trotzdem schon, als ich mich beim Chefredakteur anmelde. Zweck meines Besuchs: Face-Marketing, den Chef an sein Versprechen erinnern, uns zwei Fotografen und einen Schreiber f\u00fcrs Projekt zu lassen. Er sagt: \u201cNo hay problema.\u201d Ich bin erleichtert. Wir reden. \u00dcber die Presse in Deutschland. \u00dcber das Internet. Auch hier haben sie Angst, dass die Auflage wegbricht. Ich wundere mich, dass in diesem Winkel der Erde, in dem es au\u00dfer Feldern, Koka-Feldern und dem \u00f6ffentlichen Dienst kein Einkommen gibt, die Presse trotzdem die gleichen Probleme hat wie bei uns. Irgendwie m\u00fcsste doch hier alles anders sein, denke ich. Irgendwie hab\u2019 ich mich geirrt. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1752.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1753.jpg\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p><strong>Tag 1<\/strong><\/p>\n<p>Gewalt weckt makabre Neugier, da kann man herumreden, wie man will. Ich habe \u00fcberlegt, wie ich meinen Blog beginne \u2013 Landschaftsskizze von C\u00facuta? Erste Eindr\u00fccke aus dem Taxi? \u2013 Oder ob ich gleich schreibe, dass die Paramilit\u00e4rs in Norte de Santander ihre Opfer auch in \u00d6fen verbrannten. Diese Information hat mich bei meiner Vorbereitung sehr umgetrieben. Mir war nicht bekannt, dass nach Ende des Dritten Reichs irgendwo auf der Welt \u00d6fen nur zu dem Zweck gebaut wurden, Menschen zu verbrennen. W\u00e4hrend die Paramilit\u00e4rs in der Provinz Norte de Santander w\u00fcteten (die schlimmste Zeit war zwischen 1999 und 2004), stieg die Mordrate so stark, dass die Kommandeure um die politische Protektion aus der Hauptstadt Bogot\u00e1 f\u00fcrchteten. Die Leichen, die bis zu diesem Zeitpunkt in einen Fluss oder ein Massengrab gekippt worden waren, mussten nun spurlos verschwinden. Rund 200 von 2.000 Vermissten, sch\u00e4tzt die Menschenrechtsorganisation Fundaci\u00f3n Progresar, verrauchten durch zwei Schornsteine. In zwanzig F\u00e4llen haben Paramilit\u00e4rs Gest\u00e4ndnisse abgelegt. Die Identit\u00e4t der Opfer kennt bis heute niemand. Zu hoch liegt ihre Zahl, zu wenig wird von der Justiz getan, um die Verbrechen aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wenn M\u00f6rder wissen, dass sie nie bestraft werden, haben sie bereits einen Grund f\u00fcr den n\u00e4chsten sinnlosen Mord. Verrenkte Glieder, Schusswunden, blutverschmierte Laken f\u00fcllen in C\u00facuta w\u00f6chentlich die Titelseiten der Zeitung \u201cQ\u2019hubo\u201d, einem makabren Boulevardblatt, das es in ganz Kolumbien gibt, meist unter Lizenz herausgegeben von einer seri\u00f6sen Lokalzeitung, die damit Geld verdienen muss. Crime is money \u2013 das gilt auch f\u00fcr die Presse Kolumbiens. Trotz der vielen Gewalt in der j\u00fcngeren Geschichte des Landes taugen Schockermeldungen immer noch zur Unterhaltung derer, die nicht unmittelbar von der Gewalt betroffen sind.<\/p>\n<p>Es wird Evolutionsbiologen geben, die uns klug begr\u00fcnden k\u00f6nnen, warum die Faszination f\u00fcr Gewalt wichtig f\u00fcr das \u00dcberleben unserer Spezies ist. Sie h\u00e4lt unser Interesse f\u00fcr m\u00f6gliche Gefahren wach, sicherlich. Die Frage ist nur: Wo f\u00fchrt uns dieses Interesse hin? Bleibt es gaffend am Tatort stehen? Oder f\u00fchrt es uns zum Verst\u00e4ndnis der Strukturen, die den T\u00e4ter geboren haben? Oder gar zu m\u00f6glichen L\u00f6sungen? Um diese L\u00f6sungen geht es im \u201cProjekt Peace Counts en Norte de Santander\u201d. Gemeinsam mit Kollegen aus der lokalen Presse und dem Radio wollen wir Menschen in Norte de Santander aufsp\u00fcren, die an der L\u00f6sung von Konflikten arbeiten. Wir wollen ihre Arbeit und Erfahrungen schildern, ihre Motivation und ihre Hoffnung. Die Reportagen aus dem Projekt sollen so breit wie m\u00f6glich unters Volk gestreut werden \u2013 als Artikel, Radiobeitr\u00e4ge und in Form eines reisenden Geschichtenerz\u00e4hlers.<\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gemeinsam mit 16 kolumbianischen Journalisten und Fotografen produzieren die Zeitenspiegler Tilman W\u00f6rtz und Uli Reinhardt von Mitte Oktober bis Ende November Reportagen \u00fcber \u201cFriedensmacher\u201d. 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