{"id":1303,"date":"2010-08-04T14:54:00","date_gmt":"2010-08-04T14:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/zeitenspiegel-feiert-jubilaeum\/"},"modified":"2025-05-09T06:11:16","modified_gmt":"2025-05-09T06:11:16","slug":"zeitenspiegel-feiert-jubilaeum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/zeitenspiegel-feiert-jubilaeum\/","title":{"rendered":"Zeitenspiegel feiert Jubil\u00e4um"},"content":{"rendered":"<p><body mode=\"normal\" word-count=\"2637\"><\/p>\n<p>Mit 40 Metern selbst gemachter Salsiccia-Wurst, Musik und vielen G\u00e4sten hat Zeitenspiegel am 31. Juli 2010 in Stuttgart sein 25j\u00e4hriges Bestehen gefeiert. Gleichzeitig legten die Mitglieder der Agentur neue Gleise f\u00fcr die Zukunft: Die Reporter-Kooperative wird zur Partnerschaftsgesellschaft, die Mitglieder werden Partner; am Solidarmodell wird festgehalten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1656.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1660.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1653.jpg\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Bis in die Morgenstunden tanzten und unterhielten sich die G\u00e4ste am Max-Eyth-See. Die Band Sunny Side Up spielte mit Unterst\u00fctzung von Zeitenspieglern Bluesrock. Philipp Mau\u00dfhardt, Partner und privater Wurstmacher, erkl\u00e4rte in seiner Rede, warum Zeitenspiegel seinen G\u00e4sten unter anderem die Salsiccia pr\u00e4sentierte: \u201cWir haben uns f\u00fcr Wurst entschieden, denn die ist so handfest und bodenst\u00e4ndig, wie wir es auch sind.\u201d Wie das so ist, wenn man ein Vierteljahrhundert alt wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1669.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1658.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1670.jpg\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p><em>Hier die Rede von Ingrid Kolb, langj\u00e4hrige Sternautorin, ehemalige Leiterin der Henri-Nannen-Schule und gute Freundin der Agentur:<\/em><\/p>\n<p>In einem Essay \u00fcber das Hamburger Viertel, in dem er wohnt, zitiert der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt eine Kneipenwirtin mit den Worten: \u201d Gib zu, um im Sozialismus leben zu k\u00f6nnen, dazu sind wir doch alle schon viel zu kaputt.\u201d<\/p>\n<p>W\u00fcrde man diese Frau fragen, wie das denn aussehen k\u00f6nnte, \u201cim Sozialismus zu leben\u201d, k\u00e4me nach einigen tastenden Versuchen wom\u00f6glich eine Definition wie diese zustande: \u201cJeder gibt, soviel er kann, und nimmt, was er braucht.\u201d<\/p>\n<p>Womit wir schon mittendrin w\u00e4ren im Prinzip Zeitenspiegel, von dem einer, der es viele Jahre lang mitgetragen und mitgelebt hat, sagt, es sei so einfach, dass es den meisten schwer falle, es zu begreifen. Und wenn man dann verstanden hat, was es tats\u00e4chlich bedeutet, dass n\u00e4mlich in einer Zeit der Ego-Trips, in der es doch darum geht, m\u00f6glichst viel f\u00fcr sich selbst auf die Seite zu bringen, dass es da Menschen gibt, die sich zusammengetan haben, um ganz anders miteinander zu arbeiten und zu wirtschaften, dann ist der erste Reflex: Das klappt doch nie! Wie soll das denn funktionieren?<\/p>\n<p>Nun feiern wir hier das 25j\u00e4hrige Bestehen einer Institution, die gezeigt hat, dass es geht. Irgendwie. Mal besser, mal schlechter. Nie kampflos. Immer mit vollem Einsatz. Oft mit leeren Kassen. Den meisten von uns, die wir das von Au\u00dfen beobachten, gibt das R\u00e4tsel auf: Was ist Zeitenspiegel? Eine \u201cbesch\u00fctzende Werkstatt\u201d wie manche spotten? Der \u201cletzte und einzige Kibbuz auf deutschem Boden\u201d wie es die STERN-Kollegin Stefanie Rosenkranz liebevoll formuliert hat? Ein Sprungbrett f\u00fcr junge Talente? Ein Rettungsboot f\u00fcr Krisenopfer? Eine Spielwiese f\u00fcr Journalistinnen und Journalisten, die ihren Beruf als Abenteuerurlaub begreifen? Oder einfach der Zusammenschluss von Einzelk\u00e4mpfern zu einer Solidargemeinschaft, die sich gegenseitig st\u00fctzt, f\u00f6rdert und inspiriert?<\/p>\n<p>Die Agentur ist wohl von allem etwas, aber sie ist nicht etwas f\u00fcr alle. Am ehesten begreift man das Besondere an ihr, wenn man ihre Geschichte kennt, wenn man sie an einem normalen Arbeitstag besucht und wenn man mit den Menschen spricht, die dort arbeiten oder dort gearbeitet haben, auch mit jenen, die dann nicht geblieben sind.<\/p>\n<p>Wer einfach mal so hereinschneit in der Str\u00fcmpfelbacherstra\u00dfe in Weinstadt-Endersbach betritt ein 350 Quadratmeter gro\u00dfes B\u00fcro im zweiten Stock eines Rundbaus mit viel Glas und viel Licht, eine offene Architektur, Redaktionsatmosph\u00e4re. Das Herz hinter dem bogenf\u00f6rmigen B\u00fcrotrakt mit den typischen Journalisten-Arbeitspl\u00e4tzen ist die K\u00fcche, ein kleiner Raum, beherrscht von einem langen Tisch. Hier finden zweimal in der Woche die Konferenzen statt, immer mit Fr\u00fchst\u00fcck, und t\u00e4glich die gemeinsamen Mittagessen. Mal kocht die Bildredakteurin, mal ein Praktikant, wen es halt gerade trifft. Menschen mit WG-Erfahrung werden sich nicht dar\u00fcber wundern, dass bei den Vollversammlungen gro\u00dfe Anschaffungen im Wert von zigtausend Euro relativ schnell abgehandelt werden, w\u00e4hrend um die Einteilung des K\u00fcchendienstes in stundenlangen Debatten erbittert gestritten wird. <\/p>\n<p>Wer als Gast zuf\u00e4llig an einem besonderen Tag kommt, kriegt wom\u00f6glich ein Schl\u00fcckchen Champagner ab, weil die Geburt eines Kindes gefeiert werden muss, weil ein Mitarbeiter eine Operation gut \u00fcberstanden hat, ein lukrativer Auftrag hereinkam oder sonst ein kleiner oder gro\u00dfer Sieg im Kampf ums Dasein errungen wurde.<\/p>\n<p>Ich bin der Agentur seit 25 Jahren verbunden, seit die Gr\u00fcnder damals mit Mappen voller Fotos und Texten ihren Antrittsbesuch in den Verlagen der Pressestadt Hamburg absolvierten. Beim STERN wurden die Unbekannten aus Schwaben vom Pf\u00f6rtner erstmal in die Bildredaktion gelotst, nat\u00fcrlich nicht zum Chef, sondern zum Bildredakteur Paul Lampe. Der brachte sie zu mir ins Ressort \u201cErziehung und Gesellschaft\u201d. Als damals einzige Frau in der STERN-Ressortleiter-Riege \u2013 mit Ausnahme der Modechefin \u2013 war ich zust\u00e4ndig f\u00fcr alles, was irgendwie \u201cmenschelte\u201d, also f\u00fcr Themen, mit denen die Macher ihre Zeit nicht vertr\u00f6deln wollten. (Es wurden auch grunds\u00e4tzlich alle Verr\u00fcckten zu mir durchgestellt. Aber dies nur nebenbei) Uli Reinhardt und Ingrid Ei\u00dfele zeigten mir Bilder von einem integrierten Kindergarten, in dem behinderte und gesunde Kinder gemeinsam spielten, ein damals neues und mutiges Experiment. Das Thema passte zu meinem Ressort. Alles passte. Auch wir passten zueinander. So war es vom ersten Moment an.<\/p>\n<p>Als die Agentur 1998 den Hansel-Mieth-Preis ins Leben rief, holte mich Uli Reinhardt in die Jury, in der ich bis heute mitwirke, ebenso wie bei der Vergabe des Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendiums. Seit 2006 unterrichte ich au\u00dferdem an der Zeitenspiegel-Reportageschule G\u00fcnter Dahl in Reutlingen. Auch so eine Idee aus der Str\u00fcmpfelbacherstra\u00dfe, von der viele abgeraten hatten \u2013 \u201cdas stemmen wir nicht auch noch\u201d, \u201cdas bindet zu viele Kr\u00e4fte\u201d \u2013 die sich nun aber seit f\u00fcnf Jahren bew\u00e4hrt hat. Nicht zuletzt dank des au\u00dfergew\u00f6hnlichen Engagements der Volkshochschule Reutlingen, die als Partner f\u00fcr das Projekt gewonnen werden konnte. Da ich der Schule besonders nahe stehe, m\u00f6chte ich hier gerne einen besonderen Dank loswerden: Was der Leiter der VHS, Dr. Uli Bausch, sein Mitarbeiter Stefan Junger und viele andere Mitstreiter aus der Kommune, aus den Medien und aus der Wirtschaft f\u00fcr die Schule tun, geht weit \u00fcber das rein Professionelle hinaus. <\/p>\n<p>Und hat wohl auch zu tun mit jener sanften Beharrlichkeit, die den Tatmenschen Uli Reinhardt auszeichnet. Er besitzt jene unwiderstehliche UEberzeugungskraft, die man Charisma nennt. Es gibt einen sch\u00f6nen Satz von Wera Figner, einer russischen Revolution\u00e4rin. Sie hat einmal gesagt: \u201cNur im Handeln erkennst Du Deine St\u00e4rke!\u201d Diesen Satz m\u00fcsste man f\u00fcr Uli Reinhardt und die Agentur Zeitenspiegel erfinden, wenn es ihn nicht schon g\u00e4be. \u2013 Vier Kolleginnen schwanger? Na, da gr\u00fcnden wir doch einen Kindergarten. So geht das hier. \u2013 Einer der Mitarbeiter, der bekennt, erstmal immer dagegen gewesen zu sein, wenn wieder etwas Neues ausgebr\u00fctet wurde, sagt im R\u00fcckblick: \u201cDiese vielen Projekte, das kommt aus dem kreativen Drive, den die Agentur hat. Das ist der Unterschied zu einem gro\u00dfen Verlagshaus, in dem erst ein Innovation Council eingerichtet werden muss, bevor irgendetwas passiert.\u201d <\/p>\n<p>Von dieser Tatkraft und von einem gro\u00dfen Gottvertrauen zeugt schon die Gr\u00fcndung der Agentur. Uli Reinhardt, der ehemalige Mathematik-Lehrer, der mit Mitte zwanzig den Schuldienst verlassen hatte, um Fotograf zu werden, die Reporterinnen Ingrid Ei\u00dfele und Uschi Entenmann sowie der Fotoreporter Wolfram Scheible kannten sich alle aus dem Zeitungsverlag Waiblingen. Dort hatten sie schon durchgesetzt, zweimal im Jahr eine \u201d gro\u00dfe Reportage\u201d machen zu d\u00fcrfen, die sonst in der Routine und der Hetze des Redaktionsalltags einer Tageszeitung nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Beim Ausschw\u00e4rmen in die weite Welt, beim Entdecken all der Themen, die man machen k\u00f6nnte, machen m\u00fcsste, beim Schreiben zum Beispiel \u00fcber das Elend in einem Fl\u00fcchtlingslager in Kambodscha hatten sie Feuer gefangen und fragten sich, ob sie nicht den Absprung wagen sollten nach dem Motto: \u201d Jetzt machen wir das richtig!\u201d Die Idee war, komplette Reportagen herzustellen und die zu verkaufen, die Honorare in einen Topf zu werfen und durch vier zu teilen. Eine Kooperative schwebte ihnen vor ohne Chef, mit viel Freiheit, viel Engagement und gro\u00dfer Eigenverantwortung.<\/p>\n<p>Klar, dass das mit vier Leuten, die sich \u2013 \u00e4hnlich wie die Gr\u00fcnder der Fotoagentur Magnum \u2013 als \u201cGemeinschaft im Geiste\u201d verstanden, noch gut klappte. Auch mit sechs, mit acht, mit zw\u00f6lf ging das noch. Inzwischen z\u00e4hlt die Agentur 36 Mitglieder. Kein Wunder, dass sich die Strukturen ver\u00e4ndert haben. Es gibt verschiedene Stufen der Zugeh\u00f6rigkeit und der finanziellen Beteiligung. Manche sagen, es gebe bei der Geldzuteilung in der Agentur so viele Varianten wie Mitglieder. Eigentlich sollen alle das Gleiche bekommen, aber es kann Mehrbedarf beantragt werden aus wichtigen Gr\u00fcnden. Das wird gepr\u00fcft und dann entscheidet die dreik\u00f6pfige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. Und es kann auch mal f\u00fcr alle das Sal\u00e4r gek\u00fcrzt werden, wenn die Zeiten allzu schlecht sind. <\/p>\n<p>Am Grundprinzip habe sich nichts ver\u00e4ndert, sagt Uli Reinhardt. Er wei\u00df, dass Zeitenspiegel in der Branche als eine Ansammlung von Exoten gilt. Er glaubt, vor allem die Chefredakteure der gro\u00dfen Bl\u00e4tter schauten mit \u201ceiner Mischung aus Entsetzen und Bewunderung\u201d auf die Agentur. Er selbst h\u00e4lt die Art und Weise, wie Zeitenspiegel funktioniert, schlicht f\u00fcr \u201cpragmatisch\u201d. Ihn st\u00f6rt am meisten, wenn ihm und seinen Leuten pauschal das Etikett \u201cIdealisten\u201d verpasst wird. \u201cDas sind wir \u00fcberhaupt nicht. So eine Gemeinschaft ist einfach sinnvoll, wenn man in Zeiten wie diesen guten Journalismus machen will. Die Gemeinschaft kann Defizite ausgleichen. Man kann sich gegenseitig helfen, entweder mit Wissen oder mit Zeit. Hilfe braucht mal der eine, mal der andere. Einer mehr, einer weniger. Die oberste Priorit\u00e4t hat f\u00fcr mich, dass jeder das Beste aus seinen F\u00e4higkeiten machen kann. Jeder gibt etwas und bekommt etwas. Eine solche Gemeinschaft ist in der Summe st\u00e4rker als die Summe ihrer Einzelteile.\u201d<br \/>\nErstaunlich viele Zeitenspiegel-Mitarbeiter haben gut dotierte, sichere Posten verlassen, weil dieses Modell wie ein Magnet auf sie wirkte. Sie waren Chefreporter, Ressortleiter, finanziell abgesicherte Gehaltsempf\u00e4nger, und doch haben sie sich f\u00fcr Zeitenspiegel entschieden aus Gr\u00fcnden, die ihnen wichtiger waren als die Segnungen eines gro\u00dfen Verlagshauses und eine Planstelle. <\/p>\n<p>Rainer N\u00fcbel zum Beispiel ist seit neun Jahren dabei. Er sagt: \u201cJournalismus muss den M\u00e4chtigen auch mal weh tun. Ich habe vorher schlechte Erfahrungen gemacht mit dem Aufkl\u00e4rungswillen meines damaligen Chefredakteurs. Hier sieht man ein Thema, engagiert sich daf\u00fcr und macht es. Der gute Ruf von Zeitenspiegel \u00f6ffnet den Zugang zu gro\u00dfen Medien. Klar, es gibt Phasen, da w\u00fcrde man auf eigene Rechnung mehr verdienen. Aber wer sagt denn, dass das so bleibt?\u201d<\/p>\n<p>F\u00fcr Philipp Mausshardt war Zeitenspiegel vor sieben Jahren nach einer sehr abwechslungsreichen, bunten Berufsvita \u201ceine riesige Chance, wieder Geschichten machen zu k\u00f6nnen, die mir am Herzen liegen\u201d. Er kann sich nicht mehr vorstellen, nur f\u00fcr ein bestimmtes Blatt zu schreiben. Die thematische Einengung sei nichts f\u00fcr ihn. Im Gegensatz zu denen, die ganz frei arbeiteten, habe er aber hier den Rat von Kollegen: \u201cMan kann sich noch mal absichern, ob man auf dem Holzweg ist mit einer Geschichte.\u201d Au\u00dferdem sch\u00e4tze er an Zeitenspiegel auch das soziale Engagement. Nach seiner ersten Reportage f\u00fcr die Agentur in Simbabwe kam er zur\u00fcck und erz\u00e4hlte von dem Waisenm\u00e4dchen Pauline, das er dort getroffen hatte. Das M\u00e4dchen wurde dann f\u00fcr zwei Jahre nach Deutschland geholt. So etwas organisiert die Agentur nebenbei.<\/p>\n<p>Tilman W\u00f6rtz war nach seinem Studium Volont\u00e4r bei Zeitenspiegel und ist dann geblieben. Von 2004 bis 2008 arbeitete er als Korrespondent in Shanghai. \u201cIch hab gesagt, dass ich nach China will und das war\u00b4s. Woanders w\u00e4re das nicht m\u00f6glich gewesen ohne jahrelanges Anwanzen an den Auslandschef! Nat\u00fcrlich ging es nur mit viel Improvisation am Anfang, es stand halt kein potenter Verlag dahinter, aber nach zwei Jahren klappte es sehr gut mit den Ver\u00f6ffentlichungen.\u201d Er habe bei Zeitenspiegel \u201cimmer wieder Wind unter die Fl\u00fcgel gekriegt\u201d, wenn er mit einer Idee gekommen sei. Wo gebe es das sonst?<br \/>\nAuch J\u00fcrgen Schaefer konnte sich in seiner Zeitenspiegel-Zeit einen Traum erf\u00fcllen. Eigentlich sogar zwei: Er bekam die Chance f\u00fcr sein Wunschblatt GEO zu schreiben, das vorher f\u00fcr ihn unerreichbar gewesen w\u00e4re. Und er durfte f\u00fcnf Jahre lang Korrespondent werden in der Stadt, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hatte, in New York. Er sagt: \u201cDas Geld war immer knapp, aber ich war der freieste Mensch auf Gottes Erdboden, ich konnte mir die Geschichten aussuchen, die ich machen wollte, konnte in ganz USA reisen, wohin ich wollte. Manchmal hat mir der STERN-Kollege ein Essen bezahlt, aber ich hab die anderen Korrespondenten nie beneidet.\u201d<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habe er keinen M\u00fcll produzieren d\u00fcrfen. Das Ganze beruhe auf dem Glauben an die Verantwortung des Einzelnen und auf Vertrauen. Mit dieser Freiheit m\u00fcsse man allerdings umgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Schaefer, inzwischen verheiratet und Vater von zwei Kindern ist heute festangestellter Reporter bei GEO. Er ist in Freundschaft gegangen und der Agentur immer noch verbunden. Er sagt: \u201cEs war ein Geben und Nehmen, ich bin da nicht mit Schulden raus.\u201d R\u00fcckblickend fasst er seine Erfahrungen so zusammen: \u201cDas Modell ist gro\u00dfartig, aber jeder der kommt, muss sich genau \u00fcberlegen, ob er das will und ob er das durchh\u00e4lt.\u201d Es sei schon vorgekommen, dass jemand vom Fr\u00fchst\u00fcck aufgestanden sei mit den Worten, hier k\u00f6nne er es nicht aushalten, so ganz ohne Chef, so k\u00f6nne man doch nicht arbeiten, habe seine Sachen vom Schreibtisch gepackt und sei verschwunden.<\/p>\n<p>Es hat nat\u00fcrlich auch Streit gegeben in den 25 Jahren. Streit ums Geld, Streit um Mitsprache, Streit ums Redigieren, Streit um mangelnde Transparenz bei Entscheidungen. Nicht alle sind in Frieden gegangen. Am h\u00e4ufigsten wird von den Abtr\u00fcnnigen kritisiert, dass sich die Agentur mit wachsender Gr\u00f6\u00dfe nicht professioneller organisiert habe. Und ein gewisser Frust r\u00fchrt auch daher, dass sich nicht alle gleichberechtigt behandelt f\u00fchlten. Der \u201cinnere Kreis\u201d, hei\u00dft es, habe letztlich das Sagen gehabt. Wie bei einem Familienunternehmen. Da geh\u00f6rt man entweder dazu oder man geh\u00f6rt nicht dazu. <\/p>\n<p>Es gab Entt\u00e4uschungen auf beiden Seiten. Aber selbst die, die im Krach ausschieden, erinnern sich an vieles, was ihnen gefallen hat. \u201cDas nicht so entfremdete, selbstbestimmte Arbeiten\u201d, sagt einer, der inzwischen Reporter beim SPIEGEL ist, \u201cund dass man \u00fcber alles reden konnte.\u201d Es seien dort \u201d intelligente Leute, ein bisschen pietistisch, aber weltoffen\u201d. Das habe man \u201cin einer normalen Redaktion in so hoher Dichte nicht\u201d.<\/p>\n<p>Einer, den ich um ein Gespr\u00e4ch gebeten hatte, lehnte mit einer verbl\u00fcffenden Begr\u00fcndung ab. Er schrieb mir: \u201cIch bin im \u00c4rger gegangen. Wenn ich dar\u00fcber rede, kommt dieser \u00c4rger wieder hoch. Ich will aber nicht \u00f6ffentlich rummeckern, da ich die Idee Zeitenspiegel an sich gut finde.\u201d<\/p>\n<p>Ich finde, es sagt viel aus \u00fcber Zeitenspiegel, wenn selbst die Vergr\u00e4tzten \u2013 ob zu Recht oder zu Unrecht, das wei\u00df ich nicht \u2013 so \u00fcber die Agentur sprechen. Mir ist aus vielen Gespr\u00e4chen deutlich geworden, wie sehr es hier auch um Emotionen geht, um menschliche Bindungen, um Selbstfindung und Selbsterkenntnis.<br \/>\nNeue sind gekommen f\u00fcr die, die gegangen sind. Julian Hillebrand, 33, ist seit zwei Jahren Beratendes Mitglied der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. Er kam nach Wirtschaftsstudium und Auslandserfahrung zu der Agentur, weil seine Schwester, eine Lehrerin, sagte: \u201cDa gibt\u00b4s so klasse Jungs, die machen tolle Sachen, geh doch da mal vorbei.\u201d Das tat er und ist geblieben. Er m\u00f6chte etwas machen, worin er einen Sinn sieht. Das ist sein Motiv. Er bewundert Uli Reinhardt: \u201d Das ist so ein unglaublich sozialer Mensch.\u201d Und f\u00fcgt mit der N\u00fcchternheit seiner Generation hinzu: \u201cDeshalb wird Zeitenspiegel auch nie hochprofitabel werden.\u201d<\/p>\n<p>25 Jahre Zeitenspiegel, das sind nicht nur 25 Jahre Kampf ums Geld, das sind auch 25 Jahre Zeitgeschichte. Kaum eine Katastrophe, bei der ein Team aus der Agentur nicht vor Ort gewesen w\u00e4re. Die Reporter aus Weinstadt-Endersbach kennen sich aus auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak, auf dem afrikanischen Kontinent, in Lateinamerika und in Asien. Der letzte Gro\u00dfeinsatz, der allen noch in den Knochen steckt, fand allerdings vor der Haust\u00fcr statt \u2013 der Amoklauf von Winnenden.<br \/>\nWer guten, engagierten, aufkl\u00e4rerischen Journalismus will, wer die Unverdrossenheit sch\u00e4tzt, mit der sich Zeitenspiegel zum Beispiel in Projekten wie \u201cPeace Counts\u201d den Problemen der Dritten Welt widmet, wer Sinn und Verantwortung gro\u00dfschreibt, der muss dieser Agentur w\u00fcnschen, dass es sie noch lange gibt.<br \/>\nEin Mitarbeiter hat einmal einen Cartoon ausgeschnitten aus einer Zeitschrift und darunter geschrieben: \u201cDas ist Zeitenspiegel!\u201d Auf der Zeichnung sah man einen Typ, der mit voller Power auf einen Abgrund zurennt. Und in dem Moment, in dem er h\u00e4tte abst\u00fcrzen m\u00fcssen, wachsen ihm Fl\u00fcgel.<\/p>\n<p>Ja, das ist Zeitenspiegel, das finde ich auch.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1667.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1668.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1662.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1654.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1657.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1655.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1666.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1664.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1665.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1663.jpg\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1661.jpg\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit 40 Metern selbst gemachter Salsiccia-Wurst, Musik und vielen G\u00e4sten hat Zeitenspiegel am 31. 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