{"id":1334,"date":"2009-05-27T12:15:00","date_gmt":"2009-05-27T12:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/rede-von-gerd-schulte-hillen\/"},"modified":"2009-05-27T12:15:00","modified_gmt":"2009-05-27T12:15:00","slug":"rede-von-gerd-schulte-hillen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/rede-von-gerd-schulte-hillen\/","title":{"rendered":"Speech by Gerd Schulte-Hillen"},"content":{"rendered":"<p><body mode=\"normal\" word-count=\"995\"><\/p>\n<p><em>Anl\u00e4sslich der Verleihung des Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendiums am Donnerstag dem 27. Mai 2009 in Hamburg<\/em><\/p>\n<p>Liebe Frau Gerstberger,<br \/>\nliebe Frau Kr\u00e4mer,<br \/>\nliebe Frau Gr\u00fcner,<br \/>\nlieber Herr Gr\u00fcner<br \/>\nliebe G\u00e4ste ,<br \/>\nliebe Freunde,<\/p>\n<p>Ich hatte im Laufe der Zeit immer wieder Veranlassung \u00fcber den Auftrag eines Verlages nachzudenken, der unsere Arbeit nicht nur rechtfertigt sondern besonders macht. Bei einem ambitionierten und journalistisch ausgerichteten unabh\u00e4ngigen Verlag geht es nicht einfach um Vervielf\u00e4ltigung und Verbreitung anspruchsvoller Unterhaltung und aktueller Nachrichten, sondern um gut geschriebene, zuverl\u00e4ssig recherchierte Berichte, also besonders und vor allem um das UEberpr\u00fcfen, Bewerten von Nachrichten und das Verfolgen neuer Spuren. Journalisten m\u00fcssen dahin gehen, wo die Wahrheit zu finden ist, die sich oft an den seltsamsten Orten verbirgt. Das geht vom Archiv bis zum Kriegsschauplatz. Ohne Recherche keine Aufkl\u00e4rung! Ohne Aufkl\u00e4rung keine Demokratie!<br \/>\nAuch auf die Rolle des Verlags will ich kurz eingehen. Das Wort f\u00fcr jeden journalistisch aktiven Verlag hei\u00dft und hie\u00df: \u201cDas Herz schl\u00e4gt in den Redaktionen\u201d! in einem solchen Verlag arbeiten alle zusammen f\u00fcr ein Ziel. Verlag und Redaktionen sind Teil einer Mannschaft, die mit Leidenschaft guten Journalismus erm\u00f6glicht und verbreitet.<br \/>\nOhne die Leistungen von Rudolf Augstein, Henri Nannen, Gerd Bucerius und ja, auch Axel Springer w\u00e4re die Bundesrepublik niemals eine so freiheitliche und auch soziale Republik geworden, die Ihresgleichen auf der Welt sucht. Aber ohne ihre gr\u00fcndlichen, kritischen, ausdauernden und mutigen Journalisten w\u00e4re es auch nicht gegangen. Und gerade diesen boten die klugen Verleger in ihren H\u00e4usern eine lebendige und bei den gro\u00dfen Verlegern liberale und tolerante Heimat.<\/p>\n<p>Heute vergeben wir das Gabriel Gr\u00fcner Stipendium und gedenken dabei der Stern-Reporter Gabriel Gr\u00fcner, Volker Kr\u00e4mer und ihres ortskundigen Helfers und Kameraden Senol Alit. Am 13. Juni 1999 wurden sie am Dulje Pass im Kosovo ermordet.<\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung dessen, was auf dieser Welt passiert, ist die Voraussetzung, dass sich die Dinge \u00e4ndern. Beispiele daf\u00fcr sind die Berichterstattungen \u00fcber Abu Ghreib, Guantanamo, Dafur und Tibet. Genauso galt es f\u00fcr Jugoslawien, Vietnam und Algerien. Oder Irak, Afghanistan, Somalia, Pakistan, Birma und Sri Lanka. Ohne die unabh\u00e4ngige Berichterstattung einer freien Presse in den Demokratien dieser Welt h\u00e4tte der Wahnsinn \u00fcberall l\u00e4nger gedauert. Die Diktaturen f\u00fcrchten zu Recht die Satelliten- UEbertragung der Nachrichten bis in den verstecktesten Ort. Auch der freie Meinungsaustausch im Internet ist ihnen ein Gr\u00e4uel.<\/p>\n<p>Der Stern, der SPIEGEL, die Fernsehanstalten sind meist dabei, wenn es irgendwo auf der Welt brennt. Oft riskieren die Reporter ihr Leben, um mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Sie h\u00e4tten ein langes Leben verdient. Wort und Bild des Journalisten sind gef\u00fcrchtete Waffen. Sie bedrohen nicht das Leben anderer, wohl aber die Ziele anderer und das ist gef\u00e4hrlich genug. Der Zufall kennt den Unterschied zwischen Gut und B\u00f6se nicht und trifft auch Wahrheit suchende Journalisten. Friendly Fire kann wie ein fl\u00fcchtender S\u00f6ldner t\u00f6ten, der das intakte Auto von Gabriel Gr\u00fcner, Volker Kr\u00e4mer und Senol Alit f\u00fcr seine Flucht raubt und daf\u00fcr kaltbl\u00fctig mordet. Die Banalit\u00e4t dieses Verbrechens l\u00e4sst uns hilflos allein. Wie kann Gott das zulassen? Keiner kann Antwort geben.<br \/>\nWie soll man dieses Risiko erkennen, wie sich dagegen sch\u00fctzen? Es ist kaum m\u00f6glich. Gerade darin liegt das Heldentum des aufkl\u00e4renden, berichtenden Journalisten, der vor Ort erkundet, was ist. Denn nur dort ist die Wahrheit zu finden.<\/p>\n<p>In seinen Briefen hat sich Gabriel Gr\u00fcner zu dieser Thematik ge\u00e4u\u00dfert:<br \/>\nIch zitiere:<\/p>\n<p>Ich vergesse nicht meine erste Reise nach Sarajevo im Juli 1992: Kaum mit der Transall auf dem Flughafen gelandet, w\u00e4re ich vor lauter Angst am liebsten wieder nach Hause gefahren. Ein norwegischer UN-Offizier warnte mich ausdr\u00fccklich vor der Fahrt \u00fcber die ber\u00fcchtigte Heckensch\u00fctzenallee: \u201cWenn Sie Selbstm\u00f6rder sind, k\u00f6nnen Sie gern in die Stadt fahren\u201d, sagte er. \u201cLets go\u201d, sagte stern-Fotograf Jay Ullal nur, und nach wenigen Tagen brachten wir Bilder von kriegsverletzten Kindern aus Sarajevo nach Hause, die eine Welle des Mitgef\u00fchls und der Hilfsbereitschaft ausl\u00f6sten. (\u2026) \u201cWer sonst, wenn nicht wir, zeigt das Leid und die Zerst\u00f6rung?\u201d lautet die einleuchtende Frage von Jay Ullal, der schon viele Kriege gesehen hat, (\u2026) Und doch frage ich mich immer wieder, ob wir Fotografen und Schreiber wirklich etwas ausrichten k\u00f6nnen gegen Hass und Gewalt, die Unf\u00e4higkeit der Politiker? Ich wei\u00df keine Antwort darauf. Aber ich wei\u00df, dass wir nicht aufgeben d\u00fcrfen zu hoffen. Wir m\u00fcssen daran arbeiten, den Kindern des Krieges die Wiederkehr von Hass, Zerst\u00f6rung und Mord zu ersparen.\u201d<br \/>\nEnde Zitat<\/p>\n<p>Als uns vor ann\u00e4hernd 10 Jahren die Nachricht vom Tod Gabriel Gr\u00fcners, Volker Kr\u00e4mers und Senol Alits erreichte waren wir fassungslos und hilflos. So f\u00fchle ich mich heute noch. Nichts konnten wir \u00e4ndern.<br \/>\nIch kannte Gabriel Gr\u00fcner aus den Gespr\u00e4chen mit dem Redaktionsbeirat. Die waren oft sehr konstruktiv. Einig waren wir uns immer, wenn es um guten Journalismus und dessen Voraussetzungen ging. Seine besonnene Art gefiel mir. Er war mir schlichtweg sympathisch.<br \/>\nSein und seiner Begleiter Tod ging uns allen zu Herzen.<\/p>\n<p>Bei aller Hilflosigkeit angesichts des Todes wei\u00df ich: Viele Menschen werden durch die Berichterstattung der Medien gerettet.<br \/>\nWir werden nie wissen wer. Niemand kennt sie. Aber der Druck der freien Welt, der Druck der Medien bremst selbst die schlimmsten Schurken, die heute endlich auch noch das Gericht f\u00fcrchten m\u00fcssen. Dies ist ein Verdienst der Aufkl\u00e4rung mutiger Journalisten. Wir danken es ihnen und sind sicher, dass es auch in der Zukunft diese K\u00e4mpfer f\u00fcr die Wahrheit geben wird, die im Bewusstsein des Risikos f\u00fcr eine gerechtere Welt unterwegs sein werden.<br \/>\nDer Gabriel Gr\u00fcner Preis soll dazu ermutigen.<\/p>\n<p>Wir zeichnen heute Amrai Coen und Fabian Brennecke mit dem Gabriel Gr\u00fcner Stipendium aus.<br \/>\nSie haben den Entwurf einer Reportage \u00fcber das Schicksal eines Mexikaners vorgelegt, der nach 12 Jahren als illegaler Einwanderer in den USA abgeschoben wird. Den Lebensunterhalt und das Schulgeld f\u00fcr seine drei Kinder hat er Monat f\u00fcr Monat \u00fcberwiesen. Und nun stellt er zu seiner UEberraschung fest, dass er zwar ungern geht, aber die Freude, wieder in seiner Heimat mit seiner Familie zusammen zu sein, alle materiellen Sorgen zun\u00e4chst beiseite dr\u00e4ngt.<br \/>\nUnsere zwei Stipendiaten wollen mit dem Abgeschobenen den Weg zur\u00fcck nach Mexiko gehen und \u00fcber den Neubeginn seines alten Lebens berichten.<\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich der Verleihung des Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendiums am Donnerstag dem 27. Mai 2009 in Hamburg Liebe Frau Gerstberger, liebe Frau Kr\u00e4mer, liebe Frau Gr\u00fcner, lieber Herr Gr\u00fcner liebe G\u00e4ste , liebe Freunde, Ich hatte im Laufe der Zeit immer wieder Veranlassung \u00fcber den Auftrag eines Verlages nachzudenken, der unsere Arbeit nicht nur rechtfertigt sondern besonders macht. 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