{"id":1380,"date":"2008-08-04T09:18:00","date_gmt":"2008-08-04T09:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/ich-war-nicht-in-acapulco\/"},"modified":"2008-08-04T09:18:00","modified_gmt":"2008-08-04T09:18:00","slug":"ich-war-nicht-in-acapulco","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/ich-war-nicht-in-acapulco\/","title":{"rendered":"I was not in Acapulco"},"content":{"rendered":"<p><body mode=\"normal\" word-count=\"4251\"><\/p>\n<p><em>UEber die M\u00fchsal und die Lust zu schreiben: Heinrich Jaenecke, langj\u00e4hriger stern-Redakteur und Freund der Agentur, hat eine Standortbestimmung des Reporterberufs vorgenommen. Hier der urspr\u00fcnglich im aktuellen Henri-Nannen-Buch erschienene Text.<\/em> \u201cDer Journalismus stellt sich als das Selbstgespr\u00e4ch dar, welches die Zeit \u00fcber sich selber f\u00fchrt. Er ist die t\u00e4gliche Selbstkritik, das Tagebuch gleichsam, in welches sie ihre laufende Geschichte in unmittelbaren, augenblicklichen Notizen eintr\u00e4gt. Im Journalismus liegen daher, trotz dieser, ja eben wegen dieser schwankenden Natur, die geheimsten Nerven, die verborgensten Adern unserer Zeit sichtbar zu Tage.\u201d Robert E. Prutz (1845). <\/p>\n<p>\u201cDer Bleistift zitterte und das Herz zitterte, als dieses Manuskript entstand, das du jetzt lesen wirst.\u201d <\/p>\n<p>So beginnt das Kriegstagebuch von Egon Erwin Kisch, das 1930 unter dem Titel \u201cSchreib das auf, Kisch!\u201d erschien. Es war der Bericht aus einer wahnsinnig gewordenen Welt. \u201cSchreib das auf, Kisch!\u201d oder \u201cNapis to, Kischi!\u201d riefen ihm die Soldaten zu, mit denen er im galizischen Dreck lag: die Kameraden des Prager Korps, die neben ihm verbluteten, in einem sinnlosen Krieg, der sie nichts anging, f\u00fcr den sie billiges Kanonenfutter waren.<\/p>\n<p>\u201cSchreib das auf!\u201d sagte dem Sanit\u00e4tssoldaten Kisch auch seine innere Stimme \u2013 die Stimme des \u201cRasenden Reporters\u201d, der schreiben musste, wenn er nicht krepieren wollte. Er schrieb jeden Tag, stenographierte in kleine Notizhefte, im Graben, im Bunker, auf der blanken Erde, w\u00e4hrend die anderen schliefen oder a\u00dfen oder Karten spielten. Er hielt fest, was er sah, ohne Schn\u00f6rkel, ohne Reflektion, mit kalter Genauigkeit: <\/p>\n<p>\u201cMittwoch, den 19.August 1914. Die Armee ist geschlagen, ist auf einer regellosen, wilden, \u00fcberst\u00fcrzten Flucht. Wir haben die Nacht auf dem Ger\u00fcmpel der Sanit\u00e4tsanstalt verbracht. Auf dem umgelegten Schrank und auf dem kleinen Tisch vor ihr hantierten die \u00c4rzte, amputierten Beine und Arme, trepanierten Sch\u00e4deldecken, renkten Kieferbr\u00fcche ein, extrahierten Geschosse aus der Schl\u00e4fe oder aus Eingeweiden. Immerfort brachte man neue Verwundete, nicht mehr auf Tragbahren, denn es gab keine mehr. Man trug sie auf Gewehren oder auf \u00c4sten oder in Zeltbahnen.\u201d<\/p>\n<p>Nach dem Krieg, sagt Kisch, habe er versucht, die Texte zu gl\u00e4tten, \u201chier und da einen Satz zu ver\u00e4ndern, manchmal ein Wort einzuf\u00fcgen, manchmal einen Gedanken fortzulassen. Aber immer wieder musste ich diese Korrektur beseitigen. Was mir heute falsch erscheint, war damals richtig. Und ich musste eben das Damals gelten lassen und \u00e4nderte nichts mehr.\u201d<\/p>\n<p>Das Buch machte ihn ber\u00fchmt, obwohl er kein blendender Stilist war wie der Leutnant Ernst J\u00fcnger von den Hannoverschen F\u00fcsilieren, der zur gleichen Zeit im flandrischen Dreck lag und ebenfalls kleine Notizb\u00fccher vollkritzelte, bei Tag und bei Nacht. Er war der Antipode des Sanit\u00e4tssoldaten Kisch. Der Krieg \u2013 Krieg an sich \u2013 war f\u00fcr J\u00fcnger die \u201cWeihe\u201d des Lebens, ein ritueller Totentanz, dem er sich unterwarf wie einer Droge, das \u201cLeben am Abgrund\u201d ein permanenter Rausch: Im \u201cGefecht\u201d erlebte er die \u201ch\u00f6chste Erregung der menschlichen Leidenschaften\u201d, das Hinmetzeln von Hunderttausenden im Trommelfeuer der Materialschlacht verkl\u00e4rte er zu mythischen \u201cStahlgewittern\u201d.Er war von pathologischer Furchtlosigkeit, f\u00fchrte \u201cseine M\u00e4nner\u201d zum Sturm auf die englischen Linien ohne Stahlhelm, \u201cin der Rechten den Spazierstock, in der Linken die Pistole\u201d, wurde f\u00fcnfzehn mal verwundet und schrieb S\u00e4tze wie diesen: \u201cDie zusammengeschmolzene Kompanie wurde noch einmal durch den Tod gesiebt. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch den Graben, besah den Schaden und stellte fest, dass wir noch f\u00fcnfzehn Mann stark waren.\u201d Und: \u201d Ein z\u00e4her Leichengeruch lagerte \u00fcber der eroberten Gegend, bald mehr, bald weniger zudringlich, immer aber die Sinne erregend wie eine Botschaft aus einem unheimlichen Land\u201d (S. 277) <\/p>\n<p>Ein Wahnsinniger \u2013 aber ein guter Reporter auch er, ein Genauigkeitsfanatiker. Er erfand nichts, es stimmte alles. Blo\u00df es fehlte die andere Seite der Wirklichkeit \u2013 die schrankenlose Brutalitat des mechanisierten T\u00f6tens, die Verh\u00f6hnung der Humanit\u00e4t, die Entmenschlichung des Menschen \u2013 die Apokalypse der Vernichtung. Es fehlte das, was in den Notizb\u00fcchern des Sanit\u00e4tssoldaten Kisch stand.<\/p>\n<p>Zwei Berichterstatter, zwei Wirklichkeiten, zwei Welten \u2013 zwei Wahrheiten? Nein. J\u00fcngers Buch war das \u201cerfolgreichere\u201d (es vergiftete die Gehirne einer ganzen Generation), aber es war nicht die Wahrheit. Kischs Buch, zehn Jahre nach J\u00fcnger ver\u00f6ffentlicht, war die Wahrheit \u2013 sie braucht immer l\u00e4nger und hat es immer schwerer als der Mythos, bis sie angenommen wird. <\/p>\n<p>Nur in einem glichen sie sich, die beiden Antipoden der Kriegsreportage: In der inneren Berufung zu schreiben \u2013 zu schreiben als Lebensnotwendigkeit. Als Schicksalsbestimmung. Nicht davon los zu kommen, und nicht davon loskommen wollen. Eine Sucht, eine Krankheit. Eine Gnade. Ein Dienst. <\/p>\n<p>Die beiden M\u00e4nner waren extreme Ausformungen eines Typus des Homo Sapiens, der sich hartn\u00e4ckig der Eingliederung in die Gesellschaft entzieht und auf einem durch nichts gedeckten Recht auf Individualit\u00e4t beharrt; der keinem b\u00fcrgerlichen Broterwerb nachgeht, sondern seinen Lebensunterhalt dadurch bestreitet, dass er zuschaut, was die anderen treiben und dann dar\u00fcber h\u00e4mische Geschichten schreibt. <\/p>\n<p>Alle Ver\u00e4nderungen der Zeit sind an ihm spurlos vor\u00fcbergegangen. Die Diffamierungen, die ihm seit der Erfindung des Berufs entgegenschlagen, tr\u00e4gt er mit Gelassenheit. Er hat sich daran gew\u00f6hnt. Er \u00fcbt seine Profession heute noch in der gleichen Weise und mit der gleichen Arroganz gegen die M\u00e4chtigen aus wie zur Zeit von Meister Gutenberg, der ihm das Werkzeug in die Hand gab, mit dem er sich Geh\u00f6r verschaffte. <\/p>\n<p>Er ist ein Sammler. Das bedeutet \u201cReporter\u201d. Er tr\u00e4gt Geschichten zusammen. Und er ist besessen von dem Drang, den Anderen seine Geschichten mitzuteilen, schriftlich, ob sie es m\u00f6gen oder nicht \u2013 er mu\u00df schreiben.<\/p>\n<p>Er schreibt \u00fcber alles. Das hei\u00dft, \u00fcber alles, von dem er meint, es w\u00fcrde auch den Anderen interessieren. Das Repertoire ist ziemlich das gleiche geblieben seit Gutenberg. Es sind, von unten nach oben: Ungl\u00fccke, Feuersbr\u00fcnste, Missgeburten, Verbrechen, Unheilsprophezeihungen, Erdbeben, Kriege, Thronbesteigungen und Hinrichtungen, die S\u00fcnde unter dem Talar der r\u00f6mischen Kirche und \u2013 letzte Sensation \u2013 die Entdeckung der Neuen Welt, wo die Menschen nackt herumliefen und das Eisen nicht kannten, wohl aber unermessliche Goldsch\u00e4tze gehortet hatten. <\/p>\n<p>Die \u201cRelationen\u201d, wie die fr\u00fchen Zeitungsdruckschiften genannt wurden, fanden rei\u00dfenden Absatz. Sie waren aktuell, relativ billig und priesen sich der Kundschaft als \u201clustbarlich und k\u00fcrzweilig zu lesen\u201d an, auch wenn sie die unheimlichsten Vorf\u00e4lle vermeldeten, wie anno 1568 im \u201cLandt zu Sachsen, in der Stadt Bitterfeld, wo ein menschliche Handt mit einem Blut rhotem Schwerdt am hellen Himmel gestanden ist und Blut vom Himmel gefallen ist\u201d.<\/p>\n<p>Der Reporter ist ein Moralist. Er weigert sich, die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Sein Leben lang ist er damit besch\u00e4ftigt, gegen den Unfug, den die Menschheit veranstaltet, zu protestieren \u2013 gegen die Ungerechtigkeit der Verh\u00e4ltnisse, gegen die Geldgier der Reichen und die Ohnmacht der Armen, gegen die Atomkraft und gegen die Gegner der Atomkraft, gegen die Charakterlosigkeit der Politik und die miese Performance seines Fu\u00dfballclubs \u2013 kurz, gegen die unverdiente Strafe, auf diesem fr\u00fcher so h\u00fcbschen Planeten unter dieser ignoranten, analphabetischen, gewissenlosen Masse Mensch leben zu m\u00fcssen. Es ist ein nie endender Kampf gegen die Realit\u00e4t des Lebens.<\/p>\n<p>Der Reporter kann den Kampf nicht gewinnen, und er wei\u00df es. Er kann Teilsiege erringen, und darauf darf er stolz sein, daraus zieht er sein Selbstbewusstsein, das Selbstbewu\u00dftsein des Lonely Cowboys in der Weite der Pr\u00e4rie. Denn er ist allein: Einer gegen den Rest der Welt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist er nicht wirklich allein, hat Frau und Kind zu Hause, die ihn lieben und unabl\u00e4ssig erkl\u00e4ren, dass sie mehr von ihm haben m\u00f6chten; er ist ein R\u00e4dchen im Verlag, in dieser auf permanente Expansion fixierten Megamaschine, wo das gro\u00dfe Geld verdient wird, das bei ihm, dem Reporter, leider nicht ankommt. \u201cMeine Herren\u201d, sagte der gro\u00dfe Erich Kuby einst bei einem Empfang der Verlagsspitze, \u201cvergessen Sie nicht, dass Sie Ihren Champagner aus unseren Hirnschalen trinken.\u201d<\/p>\n<p>Und dann sind da die Kollegen, die Redaktion, der innere Ring, der das Alleinsein abfedert. Alle super. Alle Profis, alle ein bisschen neurotisch. Das Gewerbe ist eine Freimaurerloge, ein Geheimbund, man erkennt sich an unauff\u00e4lligen Merkmalen, dem geringsch\u00e4tzigen, aber wissendem Tonfall, der nachl\u00e4ssigen Kleidung, der Vertrautheit mit dem Ritual der Pressekonferenzen, der Bevorzugung bestimmter Hotels, dem Respekt vor einander. Der Geheimbund ist der einzige Ort, an dem der Reporter sich verstanden wei\u00df, wo er nichts erkl\u00e4ren muss. <\/p>\n<p>Das Gewerbe ist anders als alle anderen: Es verlangt dein Herzblut. Es verlangt, dass du immer Alles gibst. Du musst dich diesem Beruf, der eine Berufung ist, unterwerfen wie einer Fron. Du musst dieses leise Ziehen in der Brust sp\u00fcren, wenn du dich an die Maschine setzt, die alte Olivetti damals, die dem iMac weichen musste. Du musst mit dem ersten Satz ringen, auch nach zwanzig Jahren noch. Daran hat der Computer nichts ge\u00e4ndert. Du darfst es dir nicht leicht machen, sonst wird nichts draus. Sonst kannst du mit dem Ratschlag des alten Fritz Kortner nach Hause gehen, der einem hoffnungslosen Dilettanten auf der B\u00fchne zurief: \u201cMein Lieber, Sie schw\u00e4nzen einen anderen Beruf!\u201d<\/p>\n<p>Nein, du wolltest nie einen anderen Beruf haben. Du wei\u00dft nicht mehr, wer oder was dir den Ansto\u00df gab. Vielleicht war es der dicke Bildband im B\u00fccherschrank des Gro\u00dfvaters, mit dem silbernen Titel auf nachtblauem Grund: \u201cDurchs dunkle Afrika\u201d. Henry Morton Stanley, Starreporter des \u201cNew York Herald,\u201d auf der Suche nach David Livingstone , dem verschollenen britischen Afrika-Forscher. Die Begegnung im Urwald nach \u00fcberstandenen Abenteuern und Gefahren, ein Jahrhundertbild: Der Amerikaner, von seinen schwarzen Tr\u00e4gern begleitet, den Tropenhelm in der Hand, mit einer eleganten Verbeugung gegen den anderen wei\u00dfen Mann: \u201cDr.Livingstone, I presume?\u201d<\/p>\n<p>Du wolltest die Welt sehen, und der Beruf hat sie dir gezeigt, mit ihrem Janusgesicht. Den Christo Redentor \u00fcber der Bucht von Rio de Janeiro, vielleicht der sch\u00f6nste Platz der Erde, die segnenden H\u00e4nde ausgestreckt \u00fcber die Wellblechbuden der Favelas zur Linken und die Luxusappartements von Copacabana zur Rechten; das Schweigen der Salpeterw\u00fcste und das Dr\u00f6hnen der Bulldozer, die die Massengr\u00e4ber des Pinochet-Regimes mit Erde zusch\u00fctten; der israelische Panzer auf dem Golan und das erstarrte Gesicht des SS-Sturmbannf\u00fchrers Adolf Eichmann im Gericht zu Jerusalem; die letzten Indios am Rio Xing\u00fa, die dir f\u00fcr eine Stange Marlboro ihren Kriegstanz vorf\u00fchren, und die Hercules der US-Navy, die dich am Pol absetzt, 90 Grad S\u00fcd, wo Scotts Leben endete, und wo in der St\u00fctzpunktbar, zehn Meter unter dem Eis, die M\u00e4dchen vom Playboy-Kalender an die Wand gepinnt sind; der NVA-Soldat am Grenz\u00fcbergang Heinrich-Heine-Stra\u00dfe, in der Nacht des 9. November 1989, dem die Tr\u00e4nen \u00fcber das Gesicht laufen, und die lachenden Menschen, die sich f\u00fcnf Schritte vor ihm in den Armen liegen; ein Sonnenuntergang bei Ahrenshoop und das Nachtgebet der M\u00f6nche im Benediktiner-Kloster von Meschede \u2013 eine Menge Zeug. Mehr als ein Mensch in seinem Leben verarbeiten kann. <\/p>\n<p>Du hast die Welt gesehen, aber die Welt dreht sich. Es gibt schon lange keine wei\u00dfen Flecken mehr auf der Landkarte. In Kuala Lumpur stehen die gleichen Wolkenkratzer wie in Shanghai oder Sao Paulo, und nach Lhasa kannst du mit der Bahn fahren, erste Klasse Schlafwagen, Fr\u00fchst\u00fcck inklusive, allerdings mit St\u00e4bchen. Vor den Potala haben sie ein Puff hingesetzt, die M\u00e4dchen uniformiert in wei\u00dfen R\u00f6ckchen und orangenen Blusen. Brave new world. Huxley war ihr Prophet, Damals hat man das als Satire gelesen. Orwell hat sich nur in der Zeit geirrt: 1984 ist heute.<\/p>\n<p>New York ist von gestern, Pizza gibt es \u00fcberall. Die Welt ist dabei, sich in einen gigantischen Supermarkt zu verwandeln, Discount-Level nat\u00fcrlich. Dr. Livingstone kann gar nicht mehr verloren gehen. Man wird ihn in 24 Stunden aufsp\u00fcren, wozu gibt es Satelliten\u00fcberwachung. Au\u00dferdem hat er heute ein Handy, und Stanley kommt mit dem Hubschrauber und macht ein Fernseh-Interview. <\/p>\n<p>Und dann fragst du dich eines Tages, f\u00fcr wen hetzt du eigentlich um die Welt, f\u00fcr wen nimmst du diese Strapazen auf dich, setzt dich der Konfrontation mit dem Tod aus, atmest diesen m\u00f6rderischen Hass \u2013 Plaza Tlatelolco, Mexiko, wo sie die Studentenbewegung zusammenschossen. Ein Blutbad. Oriana Fallaci neben dir auf dem Boden, Gesicht nach unten, den Stiefel des Fallschirmj\u00e4gers im Genick. \u201cSchei\u00dfjournalisten\u201d, br\u00fcllt der Major, \u201calle an die Wand!\u201d Freund Luis kam nicht mehr ins Hotel an dem Abend. Er war Mexikaner, Reporter f\u00fcr UPI. Die Fallschirmj\u00e4ger brachen ihm die Knochen, bevor sie ihn erschossen. <\/p>\n<p>Und dann bist du auf einer Party in Hamburg, und der Herr im Blazer sagt: \u201cAch Mexiko, sch\u00f6nes Land \u2013 wie fanden Sie Acapulco?\u201d<\/p>\n<p>Am besten, du sagst gar nichts. Sonst ist der Abend geplatzt.<\/p>\n<p>Dein Blatt hat eine Millionenauflage, aber \u201cden Leser\u201d kennst du nicht. Deine Reportage ist wie eine Flaschenpost, die du ins Meer wirfst, du wei\u00dft nicht, wo sie ankommt, wer sie \u00f6ffnet, wer sie liest. Du sitzt im Flieger nach M\u00fcnchen, und der Mann neben dir hat sich den stern geschnappt und bl\u00e4ttert. Du hast diese Sache da geschrieben, \u00fcber die gerade der Tomatensaft l\u00e4uft, wirklich ein gutes St\u00fcck. \u201cTschuldigung\u201d sagt mein Nachbar. Er meint nicht die bekleckerte Geschichte, sondern den Spritzer, den mein Lufthansa-Fr\u00fchst\u00fcck abbekommen hat. \u201cMacht nix\u201d, sage ich, \u201cist ja nichts passiert\u201d. Er legt den stern weg und sagt zur Stewardess: \u201cHaben Sie auch die Bunte?\u201d<\/p>\n<p>Ich habe verloren, die Flaschenpost ist nicht angekommen. Aber dann liegt Wochen sp\u00e4ter eine Postkarte aus Melbourne in der Redaktion. Auf der Vorderseite ist ein K\u00e4nguru abgebildet, und auf der R\u00fcckseite steht in etwas zittriger Schrift: \u201cLieber Herr J., vielen Dank f\u00fcr Ihren Artikel. Er hat mich an meine Kinderzeit erinnert. Ich bin 86 Jahre alt und w\u00fcnsche Ihnen alles Gute\u201d . Die Flaschenpost war angekommen. <\/p>\n<p>Der Reporter hat einen Feind, gegen den er machtlos ist. Das ist die Fl\u00fcchtigkeit der Zeit. Sein ganzer Beruf, sein ganzes Leben ist dem Jetzt, dem Hier und Heute gewidmet. Jede Geschichte will einmalig sein, jede Reportage ist ein Abdruck des Augenblicks, aber die Zeit verwischt den Augenblick wie der Wind die Fu\u00dfspur im Sand. \u201cNichts ist so alt wie die Zeitung von gestern\u201d, hei\u00dft der Branchenspruch dazu. Oder: \u201cMorgen l\u00e4uft eine andere Sau durchs Dorf\u201d. Die Fl\u00fcchtigkeit der Zeit ist die existentielle Falle des Berufs.<\/p>\n<p>Mit geheimem Neid blickt der Reporter auf seinen Artverwandten, den Romancier. Dieser Mensch kennt die Qualen des gemeinen Zeitungsschreibers nicht. Er hat keinen Begriff von der Zeit. Wei\u00df nichts vom Fallbeil der Deadline, hat keinen Schlussredakteur im Nacken, nur einen milden Lektor, der ihn ab Ostern behutsam darauf hinweist, dass es nun auf Weihnachten gehe und \u201cder Termin\u201d dann nicht mehr fern sei. Den Romancier l\u00e4sst das kalt. Vormittags kann er sowieso nicht schreiben und im Mai generell nicht. Da hat er seine Fr\u00fchjahrsdepression. Er legt die Beine auf den Tisch und blickt bek\u00fcmmert auf die frischen Maulwurfsh\u00fcgel in seinem Rasen. Man kommt zu nichts, denkt er. Zwischen die Merkzettel auf der Pinwand hat er ein Zitat von Horvath gesteckt: \u201cDie beiden Tods\u00fcnden des Schriftstellers: Aus dem Fenster schauen und nicht aus dem Fenster schauen\u201d. <\/p>\n<p>Der Spruch bringt ihn immer wieder aus dem Gleichgewicht, und manchmal denkt er voll Nostalgie an die Zeitung, wo er angefangen hat: Nachmittags um vier die Geschichte reingehauen, durfte sowieso nicht l\u00e4nger sein als anderthalb Blatt, (war sie nat\u00fcrlich doch, kurzer Schlagabtausch mit dem Chef vom Dienst: \u201cWir machen hier nicht die Preu\u00dfischen Jahrb\u00fccher\u201d \u2013 \u201cOk, dann streich ich eben\u201d), um neun war Andruck, das Blatt gleich mitgenommen und zu Hause noch mal in Ruhe das eigene Produkt gelesen \u2013 nun ja, es war nicht gerade seine Sternstunde, aber sein Name stand wenigstens da. (Er ist ein heilloser Egozentriker. W\u00e4re er das nicht, k\u00f6nnte er diesen Beruf gar nicht aus\u00fcben.)<\/p>\n<p>Es gab einmal das Feuilleton. Nicht das Ressort, das sich heute so nennt, sondern das echte: Das, was \u201cunter dem Strich\u201d in der Zeitung stand, auf Seite 2. Der Strich trennte den Nachrichten-Journalismus von der Literatur, das Notwendige vom Sch\u00f6nen. Es war eine saubere, klare Trennungslinie. Eine Grenzmarkierung. Das Feuilleton war immun gegen die Fl\u00fcchtigkeit der Zeit. Sie konnte ihm nichts anhaben, weil es die Fl\u00fcchtigkeit der Zeit selbst zu seinem Thema machte. Weil es von dieser Fl\u00fcchtigkeit lebte. <\/p>\n<p>Das Feuilleton war ein Club, reserviert f\u00fcr die besten Federn deutscher Sprache \u2013 Polgar, Kerr, Auburtin, Tucholsky, Ringelnatz, und und und. Die konnten gar nicht lang schreiben, wollten das auch gar nicht. \u201cFederleicht\u201d hie\u00df ein B\u00e4ndchen von Victor Auburtin, und federleicht waren die Texte, ein paar Zeilen nur, eine halbe Seite oder zwei, wenn es hoch kommt. Lustschreiber waren sie. Ihre Texte sind nicht gealtert, sind so heiter geblieben wie damals, als es noch keine Computer und kein Internet gab.<\/p>\n<p>Alfred Kerr, Gro\u00dfmeister der kleinen Form, hat seine Philosophie in einem \u201cGastspiel vor der Quarta\u201d beschrieben: \u201cAlso, mein Werk, solang ich schreiben kann, besteht darin, den Trottel zu bessern. Aber das gen\u00fcgt nicht. N\u00e4mlich: Wenn etwas langweilig gesagt wird, pfeifen alle Leute drauf. Deshalb mu\u00df es in Sch\u00f6nheit gesagt werden. Aber was ist das: in Sch\u00f6nheit? Das ist etwas, was ich auch nicht sagen kann. Nehmt mal irgendeinen Romanschriftsteller, der kann sehr ber\u00fchmt sein \u2013 aber er quatscht, umst\u00e4ndlich und lang. Das l\u00e4sst man sich heute gefallen, weil viele denken: Etwas, das Vergn\u00fcgen macht, mu\u00df leichte Ware sein, das taugt nichts. Dies ist aber falsch, Jungens. Nuuur das, was Vergn\u00fcgen macht (und auch wahr ist), nuuur das taugt. Nuuur das zu sagen lohnt. Nuuur das ist ein Ziel. N\u00e4mlich, wenn ein gew\u00f6hnlicher Satz zugleich ein bissl so ist wie ein Gedicht \u2013 wenn ihr das laut sagt und es hernach nicht vergessen k\u00f6nnt. Das ist es, Jungens, was ich in meiner Schreiberei lebensl\u00e4nglich gewollt habe.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDie Netzhaut singt\u201d \u2013 das ist so ein Satz, den er geschrieben hat in einer Reportage \u00fcber das Ruderrennen auf der Themse, und der dem jugendlichen Leser im Kopf geblieben ist bis heute \u2013 \u201cein bissl so wie ein Gedicht\u201d<\/p>\n<p>Das Feuilleton ist lautlos dahingeschieden, gestorben an Blutarmut. Nach Hitler, nach Auschwitz, nach Stalingrad und Hiroshima, war \u201cSch\u00f6nheit\u201d und \u201cFederleichtes\u201d obsz\u00f6n. Obwohl gerade sie zur Heilung des Wahnsinns h\u00e4tten beitragen k\u00f6nnen, <\/p>\n<p>Jetzt haben wir andere Zeiten. Wieder mal \u201cUmbruch\u201d, Zeitenwende\u201d, \u201cneue \u00c4ra\u201d. Fernsehen und \u201cneue Medien\u201d sind dem gedruckten Wort auf den Fersen. Vom \u201cEnde des Print-Zeitalters\u201d ist die Rede, vom Untergang der Zeitung. Unsinn nat\u00fcrlich. \u201cBild\u201d schaufelt jeden Tag \u00fcber vier Millionen Exemplare an die Kioske, die SZ druckt am Wochenende 700.000 St\u00fcck, das Hamburger Abendblatt kommt am Sonnabend mit einem Umfang von 96 Seiten zum treuen Abonnenten, ZEIT, stern, Focus, Spiegel \u2013 uneinnehmbare Trutzburgen des bedruckten Papiers. Von der \u201cSylter Rundschau\u201d bis zur \u201cPassauer Neuen Presse\u201d \u2013 Deutschand ist noch immer ein Zeitungsland. Selbst die \u201cRote Fahne\u201d behauptet ihr bescheidenes Pl\u00e4tzchen an der Sonne im Drehst\u00e4nder bei der Lottoannahmestelle. <\/p>\n<p>Das Fernsehen als journalistisches Medium \u2013 lassen wir Sportschau und Fu\u00dfball-WM beiseite \u2013 hat den Zenith seiner Ausstrahlung hinter sich. Es ist zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten degeneriert, der umgekehrt proportional zur journalistischen Leistung steht. Das Wichtigste an der Tagesschau ist nicht die Nachricht, sondern die Kollegin, die die Nachricht vorliest. Da haben wir dann eine viertel Stunde Zeit, ihr Dekollet\u00e9 und ihre neue Frisur zu bewundern, und wenn sie uns schlie\u00dflich \u201cnoch einen sch\u00f6nen Abend\u201d w\u00fcnscht, wissen wir schon nicht mehr, was sie uns eigentlich mitgeteilt hat. Dies kommt daher, dass uns das Fernsehen zur absoluten Passivit\u00e4t verurteilt. Wir sind keine \u201cNutzer\u201d, sondern wir werden genutzt, f\u00fcr ein optimales Quotenergebnis. Alfred Kerr wollte den \u201cTrottel bessern\u201d, das Fernsehen steigt herab zum Trottel (den es nat\u00fcrlich nicht so nennen darf), um ihn mit der geistigen Babynahrung zu f\u00fcttern, die ihn in seiner Sofaecke ruhig stellt.)<\/p>\n<p>Die Information ist in Informationsm\u00fcll umgeschlagen, der dem Geb\u00fchrenzahler vom Bildschirm entgegenquillt wie von einer \u00fcberf\u00fcllten Deponie. \u201cJeden Tag\u201d, so der Soziologe Peter Sloterdijk, \u201cmu\u00df man von dem Naturrecht, Millionen Dinge nicht zu erfahren, erneut Gebrauch machen.\u201d Dabei bleibt uns das Eigentliche verschlossen \u2013 die Realit\u00e4t der Welt. Sie ist in immer weitere Ferne ger\u00fcckt, und wir sind in Gefahr, das elektronisch hergestellte und \u00fcbermittelte Bild \u2013 diesen winzigen und willk\u00fcrlichen Ausschnitt, den die TV-Kamera erfasst \u2013 f\u00fcr die ganze Wirklichkeit zu nehmen. Wie die Stadt Bagdad wirklich aussieht nach f\u00fcnf Jahren Krieg und Besatzung, erfahren wir nicht, wohl aber, was der Kommandierende US-General zu f\u00fcnf Jahren Krieg und Besatzung meint. Egon Erwin Kisch vermittelte uns \u00fcber seine vollgekritzelten Notizb\u00fccher \u2013 ohne ein einziges Bild und ohne Ton \u2013 eine reale Vorstellung vom Krieg. Im Zeitalter der Elektronik werden wir mit beliebig auswechselbaren Versatzst\u00fccken bedient, deren Informationswert gegen Null tendiert \u2013 die zehn-Sekunden-Bildschnipsel von in die Luft gesprengten Autos, blutenden Menschen, kn\u00fcppelnden Polizisten, maskierten Killern und jaulenden Ambulanzen verschwimmen zu einem diffusen Horror-Panorama, das den Zuschauer nicht mehr erreicht, weil es seine Aufnahmekapazit\u00e4t heillos \u00fcberfordert. Wie k\u00f6nnte auch ein schwerf\u00e4lliges, hoch ger\u00fcstetes Fernsehteam von drei oder vier Leuten, Begleitschutz nicht gerechnet, die Authentizit\u00e4t wiedergeben, die es durch sein blo\u00dfes Auftreten zerst\u00f6rt. <\/p>\n<p>Die andere Bedrohung der guten alten Druckerpresse kommt aus dem Computer. Das Internet ist das Gegenteil des Fernsehens. Es ist nicht exhibitionistisch, sondern anonym. Das Fernsehen, auch sein journalistischer Sektor, lebt vom Personenkult seiner Stars, das Internet hat keine Stars. Es hat das Flair einer \u00f6ffentlichen Bastelstube, zu der jedermann und jedefrau Zutritt hat. Seine Faszination bezieht es aus der anarchischen Untergrundaura einer pubert\u00e4ren Parallelwelt, die vorgibt, die reale Welt zu sein. Sprache ist kein Ma\u00dfstab mehr, es geht auch ohne. \u201cNoch ein Jahrhundert Zeitungen, und alle Worte stinken\u201d, schrieb Nietzsche einst \u2013 er kannte das Internet nicht.<\/p>\n<p>Wird es uns in f\u00fcnfzig Jahren noch geben? Oder werden wir in einem gesch\u00fctzten Freiluftgehege \u201cPrint-Medium\u201d spielen, von der Umwelt bestaunt wie die Amish People, die immer noch kein Auto fahren, sondern mit dem Einsp\u00e4nner ganz gut zurechtkommen?<\/p>\n<p>Henri Nannen, der Untergangsszenarien nicht leiden konnte, hatte bei solchen Debatten immer die Geschichte von der \u201cTimes\u201d parat, die im Jahre 1851 (oder so) einen besorgten Artikel \u00fcber die st\u00e4ndig zunehmende Verkehrsdichte in der City publizierte: Wenn dies so weitergehe, so das Blatt, werde London am Ende des Jahrhunderts unter einer zehn Fu\u00df dicken Schicht Pferdemist begraben sein.<\/p>\n<p>Die wirkliche Bedrohung des Reporters, dieses Mammuts der technischen Evolution, kommt nicht von au\u00dfen, sondern von innen, aus dem Beruf selbst. Dieser Beruf zerm\u00fcrbt seinen Tr\u00e4ger. Er frisst ihn langsam auf. In jedem Reporterleben kommt unweigerlich der Punkt, wo er hinschmei\u00dfen will. Wo es nicht weitergeht. Wo die Kraft, die ihn getragen hat, pl\u00f6tzlich zu Ende ist. Wo das Gewerbe ihn ankotzt. Er kann das alles nicht mehr sehen und h\u00f6ren. Hat er nicht hundertmal \u00fcber dasselbe Thema geschrieben, tausendmal dieselben Worte gebraucht? Er sp\u00fcrt die Abnutzung \u2013 die Abnutzung der Sprache, des Engagements, der psychischen Reserven. Wie lange schon unterdr\u00fcckt er diesen inneren Widerwillen, wie lange schon lebt er ein falsches Leben?<\/p>\n<p>Er sp\u00fcrt, wie der alte Antagonismus wieder aufbricht \u2013 LEBEN ODER SCHREIBEN. Er wusste, dass das eine das andre ausschlie\u00dft, aber er hatte seine Wahl getroffen und sie nicht bereut. Bis jetzt. <\/p>\n<p>Es erwischt jeden, er mag noch so erfolgreich und ber\u00fchmt sein. Die Gro\u00dfe Leere ist die letzte Herausforderung in einem Reporterleben. Manche der Besten sind ihr erlegen \u2013 Hemingway wie Tucholsky, Arthur Koestler wie Stefan Zweig, Helden der Zunft \u2013 wenn Helden denn einen Platz h\u00e4tten in der Zunft. Sie konnten alles ertragen, hatten alles auf sich genommen, die Vertreibung aus dem Land ihrer Muttersprache, den Verlust des Lebensgrundes, die politische Diffamierung. Nur eines konnten sie nicht: Leben ohne zu schreiben.<\/p>\n<p>Stefan Zweig, der Grandseigneur alter Schule, in gesicherter Existenz, im Exil unter Palmen, nahm sich in Rio am Karnevalssonntag das Leben, als die Stadt vibrierte im Sambataumel. Er konnte die Trivialit\u00e4t des gew\u00f6hnlichen Lebens nicht mehr ertragen: Er hatte ihr nichts mehr entegenzusetzen.<\/p>\n<p>Kurt Tucholsky zeichnete am Ende eine Treppe mit drei Stufen in sein \u201cSudelbuch\u201d. Auf den Stufen standen die Worte SPRECHEN, SCHREIBEN, SCHWEIGEN. Arthur Koestler, Autor der \u201cSonnenfinsternis\u201d und Veteran aller Schlachten des Jahrhunderts, schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg einen Untergangsroman, dem er das Motto voranstellte: \u201cGottes Thron stand leer und durch die Welt ging ein kalter Zugwind wie in einer leer stehenden Wohnung vor dem Einzug der neuen Mieter.\u201d<\/p>\n<p>Es ist seither nicht gem\u00fctlicher geworden in der Wohnung, Es zieht immer noch. <\/p>\n<p>Schreiben kann lebensrettend sein, aber es kann auch t\u00f6ten. Jorge Semprun, Spanier und Franzose zugleich, Mitglied der Resistance, war 19, als er nach Buchenwald kam, und 22, als Pattons Panzer vor das Lagertor rollten. Sein Inneres war randvoll gef\u00fcllt mit Bildern des Schreckens, der Erniedrigung und der Angst. Er begann zu schreiben, aber er sp\u00fcrte, dass das Schreiben seine \u201cSeele zerfra\u00df\u201d und ihn umbrachte, indem es ihn \u201cunaufh\u00f6rlich in die W\u00fcste einer t\u00f6dlichen Erfahrung zur\u00fcckschickte\u201d. \u201cSchreiben oder Leben\u201d nannte er sp\u00e4ter das Buch, das seinen inneren Kampf schildert. Er beschloss, \u201cdas rauschende Schweigen des Lebens gegen die m\u00f6rderische Sprache des Schreibens zu w\u00e4hlen.\u201d F\u00fcnfzehn Jahre hielt er durch, dann siegte das Schreiben. Jorge Semprun hat der Welt erz\u00e4hlt, was Buchenwald war. <\/p>\n<p>UEber der Stadt w\u00f6lbte sich ein gl\u00e4serner Abendhimmel, tintenblau. Es war ein hei\u00dfer Tag gewesen in Buenos Aires. Wir sa\u00dfen auf dem Balkon und genossen die frische Brise, die vom Fluss heraufwehte. Das Eis klirrte angenehm in den Gl\u00e4sern. Eine lange nicht gekannte Entspannung befl\u00fcgelte die kleine Gesellschaft. Der Falklandkrieg war vor\u00fcber, die Milit\u00e4rdiktatur gest\u00fcrzt, ein zehn Jahre langer Alptraum zu Ende.<\/p>\n<p>Ernesto S\u00e1bato war sp\u00e4t zu der Runde gesto\u00dfen. Er sah m\u00fcde und ersch\u00f6pft aus. Er legte sich den Poncho um die Schultern und bat die Gastgeberin um einen hei\u00dfen Mate. Die Freunde blickten ihn alle mit der gleichen stummen Frage an: Ernesto, wie h\u00e4lst du das aus?<\/p>\n<p>Man hatte den gro\u00dfen Schriftsteller gebeten, den Vorsitz der Kommission zu \u00fcbernehmen, die die Verbrechen der Junta untersuchen sollte. Die Freunde waren besorgt. Die Vernehmungen, die Enth\u00fcllungen \u00fcber Folter und Morde, die L\u00fcgen, die Heuchelei, der Zynismus \u2013 das ist nicht dein Ding, Ernesto. Das macht dich kaputt, Wem dienst du damit? Lass das andere machen, du musst schreiben.<\/p>\n<p>S\u00e1bato schwieg. Eine Weile h\u00f6rte man nur das Rauschen des Verkehrs unten in den Stra\u00dfenschluchten. \u201cWem ich damit diene?\u201d sagte er in das Schweigen hinein. \u201cIch werde es euch verraten \u2013 dem Leben! Ich will, dass das Leben in diese Stadt, in dieses Land zur\u00fcckkehrt \u2013 das ganz gew\u00f6hnliche ordin\u00e4re anst\u00e4ndige Leben. Ich m\u00f6chte, dass dieses Leben wieder seinen Platz einnimmt, von dem es die anderen vertrieben haben. Ich m\u00f6chte etwas tun f\u00fcr dieses Leben \u2013 geschrieben habe ich genug.\u201d \u201cNa dann \u2013 auf das Leben!\u201d sagte die Runde. \u201cIhr m\u00fcsst mitmachen\u201d, sagte S\u00e1bato, \u201callein ist es schwer.\u201d.<\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UEber die M\u00fchsal und die Lust zu schreiben: Heinrich Jaenecke, langj\u00e4hriger stern-Redakteur und Freund der Agentur, hat eine Standortbestimmung des Reporterberufs vorgenommen. 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