{"id":1389,"date":"2008-05-16T10:06:00","date_gmt":"2008-05-16T10:06:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/die-rede-zur-preisverleihung\/"},"modified":"2008-05-16T10:06:00","modified_gmt":"2008-05-16T10:06:00","slug":"die-rede-zur-preisverleihung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/die-rede-zur-preisverleihung\/","title":{"rendered":"The award acceptance speech"},"content":{"rendered":"<p><body mode=\"normal\" word-count=\"2183\"><\/p>\n<p>Frank A. Meyer, Ringier-Verlag, hielt die Festrede zur 10. Verleihung des Hansel-Mieth-Preises im Fellbacher Rathaus am 8. Mai 2008<\/p>\n<p>Sehr verehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>ich bin sehr gerne zu Ihnen gekommen. Und zwar aus drei Gr\u00fcnden:<br \/>\nErstens mache ich immer alles, was Heiko Gebhardt sagt.<br \/>\nZweitens habe ich viel Gutes \u00fcber das Engagement geh\u00f6rt, das Ihren Preis auszeichnet.<br \/>\nDrittens \u2013 und vor allem! \u2013 zeichnen Sie heute eine Reporatge aus, mit der es folgende Bewandtnis hat: Es gingen zwei Menschen zu anderen Menschen und beschrieben und fotografierten ihr Leben, das kein Leben ist und erz\u00e4hlten ihr Leiden und ihr Sterben.<\/p>\n<p>Diese zwei Menschen, die uns mit ihrem Text und ihren Bildern vor Augen f\u00fchren, was es hei\u00dft, einem totalit\u00e4ren System ausgeliefert zu sein, in diesem totalit\u00e4ren System dem entfesselten Kapitalismus ausgeliefert zu sein \u2013 diese zwei Menschen sind Journalisten.<\/p>\n<p>Sie haben getan, was wir in unserem Beruf eigentlich immer tun m\u00fcssten: zu den Menschen gehen. Wenn ich sage: \u201cWas wir eigentlich immer tun m\u00fc\u00dften\u201d, dann meine ich damit: es ist nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich, dass wir Journalisten zu den Menschen gehen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das ist eine irritierende Behauptung in einer Welt, die man ohne jede UEbertreibung als Welt der Medien bezeichnen kann. Kaum etwas wird dem Begriff Globalisierung gerechter als unser weltumspannendes Netz der Medien, das keine L\u00fccke l\u00e4sst, das nicht eine einzige Sekunde au\u00dfer Betrieb ist. Rund um den Globus und rund um die Uhr sind wir aktiv, wenden wir unser Handwerk an. K\u00f6nnte der \u00c4ther verstopft sein, es w\u00e4ren unsere W\u00f6rter und Bilder, die ihn verstopfen \u2013 wie eine gewaltige M\u00fclldeponie.<\/p>\n<p>Wir weben an einem Netz, in dem sich Menschen aller Kontinente, aller Kulturen und aller Schichten verfangen von fr\u00fch bis sp\u00e4t: Vom Moment des Erwachens, wenn sie den Laptop anwerfen, Radio und Fernsehen einschalten, zur Zeitung greifen, bis sp\u00e4t in die Nacht, wenn sie vor dem Fernseher einschlafen oder einen letzten Blick auf den Computer-Bildschirm werfen.<\/p>\n<p>Nicht einmal im Traum ist man wirklich frei von uns.<\/p>\n<p>Wir bedr\u00e4ngen die Menschen. Wir bel\u00e4stigen sie, wir sind zudringlich \u00fcber jede Schamgrenze hinaus. Denn wir wollen die Menschen fesseln: als Zuschauer, als Zuh\u00f6rer, als Leser. Fesselnd sollen unsere Produkte sein. Denn das ist unser Ehrgeiz im Wettbewerb des Mediengesch\u00e4fts. Bedeutet aber Fesseln nicht auch Unfreiheit der Gefesselten?<\/p>\n<p>Bin ich Ihnen da zu heftig? Hantiere ich mit allzu heftigen Begriffen? Fesseln? Unfreiheit? Ich k\u00f6nnte ein weiteres heftiges Wort hinzuf\u00fcgen. Unsere Medienwelt ist total vernetzt \u2013 ist nicht dem Wort \u201ctotal\u201d das Wort \u201ctotalit\u00e4r\u201d verwandt? Tr\u00e4gt also die Medienwelt, in der wir ja als ma\u00dfgebliche Akteure wirken, totalit\u00e4re Z\u00fcge?<\/p>\n<p>Ich schrecke zur\u00fcck vor einer solch b\u00f6sen Behauptung. Sicher aber ist: Die Medien haben Macht. Gro\u00dfe Macht. F\u00fcr unendlich viele ohnm\u00e4chtige Menschen \u2013 die gro\u00dfe Mehrheit \u2013 ist diese Macht eine un\u00fcberschaubare, undurchschaubare, unheimliche Macht.<\/p>\n<p>Wir Journalistinnen und Journalisten sind die Handwerker dieser welt- und zeitumspannenden Macht. Wir und unsere Medien sind omnipr\u00e4sent. Auch dieses Wort l\u00f6st eine b\u00f6se Assoziation aus: omnipotent, das hei\u00dft allm\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es noch andere Medien-Machthaber \u2013 unheimlichere Machthaber: von Murdoch \u00fcber Berlusconi bis hin zur kommunistischen Partei Chinas. Doch auch wir Journalisten haben Macht, so viel Macht, wie wir sie in der Geschichte unseres Berufsstandes noch nie hatten.<\/p>\n<p>Nicht nur Handwerker der Macht sind wir, sondern auch Teilhaber der Macht. Wie f\u00fchlen wir uns dabei? Ist uns wohl als Teil der Macht? Oder wehren wir uns gegen die Vereinahmung? F\u00fchlen wir uns als Mitherrscher oder stehen wir in kritischer Distanz, in Opposition zur Macht?<\/p>\n<p>Wo stehen wir?<\/p>\n<p>Opposition war einst unsere Rolle, unser Berufsethos, unser Berufsstolz: Nicht teilzuhaben an der Macht, der Macht entgegengesetzt zu sein, sie zu kontrollieren, zu begrenzen und ihr entgegenzutreten \u2013 frei zu sein von ihr.<\/p>\n<p>Frei zu sein!<\/p>\n<p>Wenn ich mich heute in Deutschland umsehe, dann habe ich den Eindruck, dass sich da allerhand ver\u00e4ndert hat: Ich sehe, zum Beispiel, Medien-Preisverleihungen sonder Zahl, bei denen man im Smoking und im Abendkleid erscheint, \u00fcber den Roten Teppich schreitet, im Scheinwerferlicht steht. Inszenierungen gesellschaftlicher Macht. Mit Medien-Stars, mit Journalisten-Stars.<\/p>\n<p>Auch sehe ich, zum Beispiel, Talkshows sonder Zahl, von Moderatoren-Stars moderiert, mit Journalisten-Stars als G\u00e4sten in tiefen Ledersesseln. Ein Netzwerk medialer Macht, gegr\u00fcndet auf Kumpanei und gegenseitiger Protektion.<\/p>\n<p>Ferner sehe ich zum Beispiel, Moderatoren-Stars wie Kerner und Beckmann und Jauch, die sich f\u00fcr Werbung einkaufen lassen, von einer Fluggesellschaft, von einer Versicherung, von einem Telekommunikations-Konzern.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sehe ich, zum Beispiel, wie diese Stars der Medienszene den Journalismus als Gesch\u00e4ft betreiben, mit Produktionsfirma, Management und Millionen-Ums\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Ja, wir geh\u00f6ren jetzt dazu. Bei gesellschaftlichen \u201cEvents\u201d sonder Zahl, \u00fcber die dann wieder glanzvoll berichtet wird, sind unsere Chefredakteure umschw\u00e4rmte Prominente. Ebenso unsere Chefreporter und Chefkorrespondenten und Chefansager.<\/p>\n<p>Die Medienchefs pflegen vertrauten Umgang mit den Chefs von Politik und Wirtschaft. Sie sind zu Gast in den Sondermaschinen der Minister, der Kanzlerin, der Wirtschaftsf\u00fchrer. Und sie berichten stolz dar\u00fcber, \u00fcberbieten einander an Anekdoten, an denen die anderen Chefs sie jovial teilhaben lassen.<\/p>\n<p>Das ist \u201cembedded journalism\u201d, mitten im Frieden, mitten in der Demokratie, meine Damen und Herren! Sind wir dabei, die Seite zu wechseln? Haben wir sie schon gewechselt?!<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich las ich im \u201cSpiegel\u201d \u00fcber eine soziale Forderung des nordrhein-westf\u00e4lischen Ministerpr\u00e4sidenten J\u00fcrgen R\u00fcttgers folgenden Satz: \u201cEr will die Union zum Kachelofen machen, an dem sich die Menschen im k\u00fchlen Wind der Globalisierung w\u00e4rmen k\u00f6nnen\u201d.<\/p>\n<p>Kann man herablassender schreiben \u00fcber Menschen, die unter ihrer sozialen und gesellschaftlichen Deklassierung leiden? Man kann. Die \u201cS\u00fcddeutsche Zeitung\u201d setzte \u00fcber einen Artikel zum gleichen Thema den Titel: \u201cPolitik f\u00fcr Erna aus Gladbeck\u201d.<\/p>\n<p>Geh\u00f6rt \u201cErna aus Gladbeck\u201d \u00fcberhaupt noch in unsere Welt? Oder ist die Medienwelt mit ihrem glei\u00dfenden Scheinwerferlicht der wirklichen Welt mit ihren Sozialbauwohnungen v\u00f6llig entr\u00fcckt?<\/p>\n<p>Sabine Christiansens Nachfolgerin Anne Will hatte den Einfall, ihre Talkshow am Sonntagabend b\u00fcrgern\u00e4her zu gestalten: Mit einem Menschen aus dem Volk, der nun allerdings nicht in der Diskussionsrunde Platz nehmen durfte, sondern abseits auf einem Sofa zu hocken hatte.<\/p>\n<p>\u201cErna aus Gladbeck\u201d am Katzentisch. Der Mensch aus dem Volk als possierlicher Affe, dem man daf\u00fcr, dass er sich vorf\u00fchren l\u00e4sst, Zucker gibt.<\/p>\n<p>Ist das eine Metapher f\u00fcr die postmoderne Medienwelt? Wir, die Journalisten, wohlig drinnen in den Runden, die das Geschehen bestimmen? Die einfachen Menschen fr\u00f6stelnd drau\u00dfen in der fremdbestimmten Wirklichkeit?<\/p>\n<p>Die Begriffe \u201cdrinnen\u201d und \u201cdrau\u00dfen\u201d sind uns gel\u00e4ufig: \u201cDie Menschen drau\u00dfen im Lande\u201d so lautet \u2013 mit kaum verhohlener Selbst\u00fcberh\u00f6hung \u2013 eine gel\u00e4ufige Wendung. Auch \u201coben\u201d und \u201cunten\u201d geh\u00f6rt wieder zum allt\u00e4glichen Wortschatz. Das klingt dann so: \u201cDer Aufschwung ist unten angekommen\u201d.<\/p>\n<p>Sind wir eigentlich noch bei den Menschen? Oder gilt Wallraffs Buchtitel \u201cIhr da oben \u2013 wir da unten\u201d inzwischen auch f\u00fcr uns? \u201cWir da oben, ihr da unten\u201d?<\/p>\n<p>Ich habe vor bald 20 Jahren ein Fernsehgespr\u00e4ch mit der verstorbenen Philosophin Jeanne Hersch gef\u00fchrt. Sie war eine junge j\u00fcdische Studentin, als der von der Nazi-Ideologie verf\u00fchrte Martin Heidegger am 27. Mai 1933 seine ber\u00fcchtigte Rektoratsrede hielt. Jeanne Hersch sa\u00df im Auditorium.<\/p>\n<p>Ich fragte sie: \u201cGibt es ein Rezept, um als Denker, als Intellektueller, als Journalist nicht der Verf\u00fchrung durch die Macht zu erliegen? Jeanne Herschs Antwort bestand aus einem einzigen Satz: \u201cDenken Sie immer und bei allem, was sie sagen und tun an die Menschen, die davon betroffen sind\u201d.<\/p>\n<p>Denken wir an die Betroffenen, wenn wir von \u201cOrdnungspolitik\u201d schwadronieren, uns also auf die Ebene des Grossen und Ganzen erheben, und von oben herab urteilen \u00fcber Rentenerh\u00f6hung und Mindestlohn?<\/p>\n<p>Wolfgang Bauer und Daniel Rosenthal haben die Sph\u00e4re des Grossen und Ganzen durchbrochen, wo sich so sch\u00f6n \u00fcber die Zw\u00e4nge der Globalisierung fabulieren l\u00e4sst. Sie haben uns freie Sicht verschafft auf das ganz konkrete Leben, auf das ganz brutale allt\u00e4gliche Elend.<\/p>\n<p>Sie haben uns die Nase in den real existierenden Dreck gedr\u00fcckt.<br \/>\nAber dazu mussten sie raus. In die Welt. Bis nach China. So weit muss nicht jeder von uns gehen. Es muss nicht immer China sein. Die Welt kann gleich um die Ecke liegen. Sie liegt sogar meistens gleich um die Ecke.<\/p>\n<p>Aber tun wir diesen kleinen gro\u00dfen Schritt? Gehen wir noch auf die Stra\u00dfe, wenn schon nicht um die Ecke? Vor allem unsere jungen Kolleginnen und Kollegen: Gehen die noch um irgendeine Ecke?<\/p>\n<p>Weshalb spreche ich die junge Generation hier ganz besonders an? Weil sie die Generation der Laptop-Journalisten ist. Die Generation, die ein symbiotisch-inniges Verh\u00e4ltnis pflegt zu Google und Wikipedia und Yahoo. Die mit Datenbanken, Suchprogrammen, Online-Recherchen aufgewachsen ist.<\/p>\n<p>Hat ihnen, hat uns die neue Technik auch eine neue Freiheit beschert, macht sie das einst m\u00fchselige Recherchieren zur leichten Verrichtung, wie die Geschirrsp\u00fclmaschine das einst m\u00fchselige Geschirrsp\u00fclen?<\/p>\n<p>Hat der Bildschirm, der uns so sehr in seinen Bann zieht, dass wir nicht einmal mehr den Kollegen am Schreibtisch gegen\u00fcber bemerken, hat diese kalte Glasoberfl\u00e4che uns frei gemacht, zu den Menschen um die Ecke zu gehen, mit Block und Bleistift in die Welt der Wirklichkeit einzutauchen?<\/p>\n<p>Ich habe leider den Eindruck, dass uns die revolution\u00e4re Technik zu Gefangenen gemacht hat. Vor allem die jungen und ganz jungen Journalistinnen und Journalisten, so beobachte ich es jeden Tag, arbeiten, als w\u00e4ren sie an den Laptop gefesselt. Ja, sie leben sogar in ihrer Freizeit so\u2026<\/p>\n<p>Alles und jedes ist \u00fcber Google und Wikipedia und Yahoo in Sekundenschnelle auf den Bildschirm-Schreibtisch zu zaubern. Die elektronische Verf\u00fcgbarkeit der Welt verf\u00fchrt zum Nicht-mehr-Rausgehen in diese Welt. Viele von uns haben dar\u00fcber vergessen, dass der Journalisten-Beruf ein Laufberuf sein m\u00fcsste. Laufberuf aber hei\u00dft: raus gehen, um die Ecke gehen, zu den Menschen gehen.<\/p>\n<p>Wie entstehen heute \u2013 oft, allzu oft \u2013 journalistische St\u00fccke \u00fcber Menschen? Aus Quellen, die schon aus Quellen sch\u00f6pfen, die wiederum das Resultat von Quellen sind. Wobei von Quelle zu Quelle der Informationsfluss immer tr\u00fcber wird.<\/p>\n<p>Auch was wir schreiben, wurde schon geschrieben, war wiederum Resultat von schon Geschriebenem. Und unsere Urteile \u00fcber Menschen f\u00e4llen wir \u2013 oft, allzu oft \u2013 nach dem gleichen Prinzip: Abgeleitet von einer Kaskade elektronisch archivierter Ondits und Vorurteile und Fehleinsch\u00e4tzungen.<\/p>\n<p>Journalistisches junkfood aus dem World Wide Web ersetzt die Begegnung mit dem Menschen. Die Kaste der Journalisten lebt mehr und mehr vom \u201ccopy\u201d und \u201cpaste\u201d. Sie kopiert sich fortw\u00e4hrend selbst.<\/p>\n<p>Wir verlernen es dabei, fiebernd vor Spannung hinauszugehen und nachzusehen, bevor wir \u00fcber etwas schreiben. Vor allem verzichten wir auf das wirkliche Gl\u00fcck des journalistischen Lebens: auf die Begegnung mit anderen Menschen. Ist Menschenferne unser Schicksal? Das Schicksal des postmodernen Journalismus?<\/p>\n<p>Wir werden den Menschen fern, weil wir uns zu den M\u00e4chtigen z\u00e4hlen statt zu den Ohnm\u00e4chtigen, denen wir geben k\u00f6nnten, woran es ihnen mangelt: Sprache und Medien.<\/p>\n<p>Wir werden den Menschen fern, weil uns der Laptop-Bildschirm die Menschen aufs bequemste ersetzt. Weil die virtuelle Leichtigkeit des neuen journalistischen Seins uns der sinnlichen Begegnung mit denen enthebt, \u00fcber die wir schrieben und urteilen.<\/p>\n<p>Werden wir zu Laptop-T\u00e4tern?!<\/p>\n<p>Was aber sollten, k\u00f6nnten, d\u00fcrften wir sein? Wir finden die Antwort, wenn wir Menschen zuh\u00f6ren, die miteinander reden. Wir k\u00f6nnten dann, zum Beispiel, folgendes h\u00f6ren:<\/p>\n<p>\u201cAlso Du, gestern war ich mit Lisa im Kino. Wei\u00dft Du, wen wir in der Pause getroffen haben? Die Irma mit dem Franz. Die beiden waren schon in der Schule verliebt. Aber jetzt, jetzt wissen sie nicht mehr weiter. Sie haben ein gel\u00e4hmtes M\u00e4dchen. Eine f\u00fcrchterliche Geschichte, richtig tragisch. Ein gewaltiger Stress, nat\u00fcrlich vor allem f\u00fcr Irma. Tag und Nacht muss sie f\u00fcr die Kleine da sein \u2026\u201d<\/p>\n<p>Solch eine ergreifende Geschichte, zum Beispiel, erfahren wir, wenn wir Menschen zuh\u00f6ren. Oder eine fr\u00f6hliche Geschichte. Jede Menge Geschichten.<\/p>\n<p>Und wir lernen daraus: Menschen erz\u00e4hlen Geschichten, Menschen h\u00f6ren zu, wenn jemand Geschichten erz\u00e4hlt. Seit Urzeiten lieben sie es \u00fcber alles: das H\u00f6ren und das Weitergeben, das Erz\u00e4hlen und das Erinnern von Geschichten.<\/p>\n<p>Die Kultur des Erz\u00e4hlens ist die \u00e4lteste Form menschlicher Kultur. Sie hat sich bis heute erhalten.<\/p>\n<p>Unsere Leser und Zuh\u00f6rer und Zuschauer wollen von uns einfach Geschichten h\u00f6ren. Sinnliche Geschichten, ergreifende oder erheiternde Geschichten, komische Geschichten, tragische Geschichten \u2013 Hauptsache: Geschichten!!<\/p>\n<p>Nur: Beherrschen wir diese uralte Kunst eigentlich noch? K\u00f6nnen wir, wie einst am Lagerfeuer, die ganze Sippe in unseren Bann ziehen?<\/p>\n<p>Wir haben gelernt, Meldungen zu redigieren. Wir wissen, wie wir Fakten aufbereiten. Wir kennen uns auch aus im Vermitteln von Informationen. Wir liefern, was die \u201ccontent-Manager\u201d von uns verlangen: \u201ccontent for people\u201d.<\/p>\n<p>Kommunikation hei\u00dft heute, was vor 20, 25 Jahren noch \u201cmiteinander reden\u201d war. Die globalisierte Klasse der Medienmacher \u201cgeneriert\u201d ihren \u201ccontent\u201d als \u201cNeusprech\u201d ganz nach Orwell.<\/p>\n<p>Aber was haben unsere Leser, unsere Zuh\u00f6rer oder Zuschauer, mit diesem \u201ccontent\u201d noch zu tun? Auch sie hei\u00dfen ja neuerdings anders. Nicht mehr Leser, Zuh\u00f6rer oder Zuschauer, sondern \u201cconsumer\u201d. Mit anderen \u201cconsumern\u201d bilden sie die \u201ccommunity\u201d, die t\u00e4glich den \u201ccontent\u201d konsumiert, wie das t\u00e4gliche Arbeitsergebnis jetzt in Neusprech hei\u00dft.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es sein, dass der neuen sch\u00f6nen Medienwelt die Geschichtenerz\u00e4hler abhanden gekommen sind? Und damit die Geschichten?<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es sein, dass wir unsere Zeitungen und Zeitschriften in den letzten Jahrzehnten sukzessive von jeder erz\u00e4hlerischen Sinnlichkeit entleert haben? Sinnentleert?<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es sein, dass wir den Zeitungen und Zeitschriften, den Radio- und Fersehsendungen mutwillig die Seele ausgetrieben haben, indem wir sparw\u00fctig auf Geschichtenerz\u00e4hler verzichteten? K\u00f6nnte es sein, dass wir die Kernkompetenz des Journalismus verludern lie\u00dfen: die Sprache? Die Gabe des Erz\u00e4hlens?<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren: Alles ist eine Geschichte. Wenn man nur die Kunst beherrscht, rauszugehen, um die Ecke zu gehen, hinzugehen, zuzuh\u00f6ren, die Geschichte zu erkennen und zu erz\u00e4hlen!<\/p>\n<p>Denn das ist unsere Kunst. Die Kunst, die heute in diesem Kreise ausgezeichnet wird.<\/p>\n<p>Ich danke Ihnen.<\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank A. Meyer, Ringier-Verlag, hielt die Festrede zur 10. Verleihung des Hansel-Mieth-Preises im Fellbacher Rathaus am 8. Mai 2008 Sehr verehrte Damen und Herren, ich bin sehr gerne zu Ihnen gekommen. Und zwar aus drei Gr\u00fcnden: Erstens mache ich immer alles, was Heiko Gebhardt sagt. 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