{"id":648,"date":"2023-12-03T22:00:00","date_gmt":"2023-12-03T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/abschied-von-ivo\/"},"modified":"2025-12-19T16:25:40","modified_gmt":"2025-12-19T16:25:40","slug":"abschied-von-ivo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/abschied-von-ivo\/","title":{"rendered":"Abschied von Ivo"},"content":{"rendered":"<p>In der Nacht von Freitag auf Samstag verstarb unser Kollege und Freund Ivo Saglietti in Genua. Ivo war mehr als zwanzig Jahre Mitglied bei Zeitenspiegel. Ein leidenschaftlicher Fotograf, der sich mit Hingabe seinen Themen widmete. Ein Aufmaler der Menschheitsleiden; seine Arbeit wurde mehrfach international ausgezeichnet, unter anderem mit dem World Press Photo Award.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Plage vor\u00fcber war und immer weniger Menschen an der Pest starben, feierten die Einwohner von Oran ein Fest. Der Arzt Bernard Rieux aber setzte sich an seinen Schreibtisch und verfasste die Chronik dieser schrecklichen Jahre, \u201eum f\u00fcr die Pestkranken Zeugnis abzulegen, damit wenigstens eine Erinnerung an die Ungerechtigkeit und Gewalt blieb, die ihnen angetan worden war\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf seinen Reisen las Ivo Saglietti viel, immer wieder auch \u201eDie Pest\u201c von Albert Camus. Dutzende Male hat er den Roman studiert, in mehreren Ausgaben, weil jedes Buch irgendwann zu zerlesen war, um es auf die n\u00e4chste Reise mitzunehmen. Die Menschlichkeit und Solidarit\u00e4t, mit der sich der Arzt Bernard Rieux gegen das \u00dcbel stemmt und den Pestopfern beisteht trotz Hoffnungslosigkeit, war ihm Inspiration und Leitfaden bei seiner eigenen Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ivo Saglietti lebte f\u00fcr die Fotografie und f\u00fcr das, was er \u201eUmanesimo\u201c nannte, \u201eHumanismus\u201c. In stundenlangen leidenschaftlichen Diskussionen machte er sich stark f\u00fcr die Armen und Leidenden dieser Welt. Wir lernten ihn 1992 kennen, als er mit seiner Leica durch Havanna zog, eine Stadt, die er auf nostalgische Weise liebte: Er glaubte an den Socialismo.<\/p>\n\n\n\n<p>In Lateinamerika dokumentierte er den Milit\u00e4rputsch von Augusto Pinochet, den B\u00fcrgerkrieg in El Salvador und das Leben der Menschen zu Zeiten der Cholera in Peru \u2013 wof\u00fcr er seinen ersten World Press Photo Award in der Kategorie \u201eDaily Life\u201c erhielt, die h\u00f6chste Auszeichnung f\u00fcr einen Fotografen. Seine Fotos wurden in gro\u00dfen Magazinen wie <em>Newsweek<\/em>, <em>Time<\/em>, <em>Spiegel<\/em> und auch mal auf dem Titel des <em>New York Times Magazine<\/em> gedruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ihm ein Thema wichtig war, packte er seine Sachen und kehrte erst nach Wochen oder Monaten in seine bescheidene Wohnung in Paris, sp\u00e4ter in Mailand und schlie\u00dflich in Genua zur\u00fcck, in der kaum mehr als ein K\u00fcchentisch, das Archiv f\u00fcr Negative sowie Regale mit all den Bildb\u00e4nden von Fotografinnen und Fotografen Platz hatten, die ihm wichtig waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als im Kosovo serbische Soldaten und Paramilit\u00e4rs Menschen immer brutaler drangsalierten und D\u00f6rfer \u00fcberfielen, dokumentierte Ivo Saglietti bereits ab 1998 als einer der ersten Fotografen die Lage vor Ort: Massaker an Zivilisten, verzweifelte Fl\u00fcchtende, den Alltag im Dorf Krusha e Madhe nach dem Krieg.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/is_mar-musa011.jpg\" alt=\"is_mar-musa011\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Er wurde Mitglied von Zeitenspiegel Reportagen und ging nun gemeinsam mit Autorinnen und Autoren auf Reise. An seinen Projekten arbeitete er oft jahrelang: das Kloster Mar Musa in Syrien, wo Christen und Muslime ins Gespr\u00e4ch miteinander kommen; die zweite Intifada und der israelisch-pal\u00e4stinensische Konflikt; drei der t\u00f6dlichsten Krankheiten der Welt \u2013 Malaria, Tuberkulose und Aids.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Fotos wirkten zuweilen wie Gem\u00e4lde, in Schwarzwei\u00df komponiert. Der Kontrast von Schwarzwei\u00dffotografien gab die Tragik und Hoffnung des Menschen seiner Meinung nach besser wieder als Farbfotografie, wie sie in den Magazinen mittlerweile gefragt war. Auch der digitalen Fotografie konnte Ivo Saglietti nicht viel abgewinnen \u2013 \u201eplatt\u201c schienen ihm die Fotos am Bildschirm im Vergleich zu seinen Abz\u00fcgen aus dem Labor, die er am liebsten in B\u00fcchern und Ausstellungen pr\u00e4sentierte. Seine puristischen Vorstellungen f\u00fchrten zu au\u00dfergew\u00f6hnlich eindr\u00fccklichen Bildern \u2013 und zu einem schwierigen Verh\u00e4ltnis zu kommerziellen Magazinredaktionen, an deren Produktionsrhythmen er sich nicht anpassen wollte und konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ivo Saglietti zitierte gerne den amerikanischen Fotografen Eugene Smith, dessen Arbeit er sehr verehrte. Der habe behauptet, \u201evielleicht f\u00fcnfzig gute Fotos\u201c in seinem Leben gemacht zu haben. Eine recht kleine Zahl \u2013 vor dem Hintergrund der unz\u00e4hligen Negative, die er im Laufe seines Lebens belichtet hatte. Ivo Saglietti kalkulierte die Zahl seiner \u201eguten Fotos\u201c auf f\u00fcnf. Was zum einen seine Demut gegen\u00fcber der Fotografie zeigt \u2013 zum anderen sein Selbstbewusstsein, durchaus zu jenen Fotografen zu geh\u00f6ren, die diesem Anspruch in besonderen Momenten gerecht geworden sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/is_world_press_award_2010.jpg\" alt=\"is_world_press_award_2010\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wie Albert Camus betrachtete sich Ivo Saglietti als ein Mensch, der mit dem Mittelmeerraum tief verbunden war. Er sprach gerne davon, wie ihn das Meer, uns andere bei Zeitenspiegel aber der Wald gepr\u00e4gt habe. Seine Mutter war Franz\u00f6sin, der Vater Italiener, Ivo war in Toulon geboren und die Familie sp\u00e4ter nach Italien gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines seiner liebsten Projekte, das viel zu gro\u00df f\u00fcr eine einzelne Magazin-Ver\u00f6ffentlichung war, widmete er dem Thema \u201eGrenzen in Europa\u201c \u2013 und was helfen kann, diese zu \u00fcberwinden. Seine Antwort war: Menschlichkeit. Auch in der Kultur, gutem Essen und Wein sah er Elemente, die Menschen verbinden. Der Olivenbaum war f\u00fcr Ivo Saglietti ein Sinnbild f\u00fcr den Mittelmeerraum, denn Olivenb\u00e4ume wachsen entlang aller K\u00fcsten am Mittelmeer. Einen Kollegen bei Zeitenspiegel bat er einmal: \u201eWenn ich sterbe und du siehst einen Olivenbaum, dann gr\u00fc\u00dfe ihn, als w\u00e4re ich es.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Ivo Saglietti im Alter von 75 Jahren in Genua einem Krebsleiden erlegen. Uns bleiben die Erinnerung an wunderbare Diskussionen, Reisen und Abendessen mit ihm. Und seine Bilder, die unsere \u201eErinnerungen an Ungerechtigkeit\u201c ebenso wachhalten wie die Hoffnung auf eine bessere Welt. Eine, in der \u201eUmanesimo\u201c regiert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht von Freitag auf Samstag verstarb unser Kollege und Freund Ivo Saglietti in Genua. Ivo war mehr als zwanzig Jahre Mitglied bei Zeitenspiegel. Ein leidenschaftlicher Fotograf, der sich mit Hingabe seinen Themen widmete. 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