{"id":679,"date":"2023-10-03T22:00:00","date_gmt":"2023-10-03T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/25-hansel-mieth-preis-frank-plasbergs-rede\/"},"modified":"2025-07-25T08:03:11","modified_gmt":"2025-07-25T08:03:11","slug":"25-hansel-mieth-preis-frank-plasbergs-rede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/25-hansel-mieth-preis-frank-plasbergs-rede\/","title":{"rendered":"25. Hansel-Mieth Prize: Frank Plasberg's Speech"},"content":{"rendered":"<p>On September 20, 2023, the 25th Hansel-Mieth Prize was awarded at the Fellbach town hall. The keynote address was given by Frank Plasberg, host of the political talk show \u201cHart aber fair\u201d from 2001 until the end of 2022. Here is the speech in its entirety.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Festgemeinde, liebe alle,<\/p>\n\n\n\n<p>erlauben Sie mir diese pauschale Begr\u00fc\u00dfung, damit ich einen besonders hervorheben kann, den Star des Abends, den Hansel-Mieth-Preis selbst. Den Hidden Champion unter den Journalistenpreisen. Zum 25. Mal wird er dieses Jahr verliehen, und wenn es in unserem an Eitelkeiten nicht armen Gewerbe heute immer noch Edelfedern gibt, dann ist der Hansel-Mieth-Preis der Edelpreis unter den Journalistenpreisen. Viel Inhalt, wenig Lametta. Und so gl\u00e4nzt der Hansel-Mieth-Preis in diesem Jubil\u00e4umsjahr lieber mit einer Rekordbeteiligung.<\/p>\n\n\n\n<p>So k\u00f6nnte das jetzt weitergehen. Gute Journalisten ehren gute Journalisten. Und ein Mann am Ende seiner journalistischen Karriere, nach 47, teils schillernden, Berufsjahren h\u00e4lt die Festrede. Ich mache das gerne, ich bedanke mich f\u00fcr die wirklich gro\u00dfe Ehre. Aber in Zeiten, in denen in Fernseh-Mediatheken Warnhinweise vor alten Otto-Sendungen und Schimanski-Tatorten eingeblendet werden, da m\u00f6chte ich hier auch einen Warnhinweis anbringen:<\/p>\n\n\n\n<p>Teile diese Rede k\u00f6nnen m\u00f6glicherweise als irritierend empfunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Falls das der Fall sein sollte: Ich w\u00fcrde mich sehr freuen! Denn sich irritieren zu lassen, ist f\u00fcr mich immer eine der gro\u00dfen Freuden des Journalistenberufs gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also dann:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn einer Zeit wie der heutigen kann man niemandem mehr raten, Journalist zu werden.\u201c Diese Satz werden manche von ihnen sicher schon mal geh\u00f6rt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn einer Zeit wie der heutigen kann man niemandem mehr raten, Journalist zu werden\u201c: Diesen Satz habe ich sogar schriftlich bekommen, und zwar von einem Chefredakteur \u2013 im Jahre 1975. Damals gab es vor allem bei uns in Nordrhein-Westfalen so etwas wie eine erste Pressekrise. Der Rat, blo\u00df nicht Journalist zu werden, der stand in einem von den vielen Absageschreiben, die ich damals eingesammelt habe. Mein Vater hat diese Briefe nat\u00fcrlich auch gelesen und sie waren Wasser auf seine M\u00fchlen. \u201eSo h\u00f6re doch auf diese Leute\u201c, hat er gesagt, die kennen sich doch aus. Wirklich?<\/p>\n\n\n\n<p>Und da war ja auch noch die <em>Schw\u00e4bische Zeitung<\/em>, die wollte es mit mir als Volont\u00e4r probieren. Und auch ich, der 18-j\u00e4hrige Rheinl\u00e4nder, wollte es im sprachlichen Ausland in Oberschwaben probieren. Ich wollte es meinem Vater und den pessimistischen Chefredakteuren zeigen. Daraus sind dann diese 47 meist gl\u00fccklichen Berufsjahre geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was w\u00fcrde ich heute meinem Sohn \u2013 er geht noch zur Schule, er steht aber in nicht allzu ferner Zukunft vor der Frage, was er denn beruflich machen soll \u2013 was w\u00fcrde ich meinem Sohn raten? W\u00fcrde ich ihm heute noch raten, Journalist zu werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich jetzt in die vielen jungen und mitteljungen und jung geblieben Gesichter blicke, dann schreit das nach einem \u201eJa!\u201c, nach einem \u201eUnbedingt, sollst Du machen, wenn Du willst.\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Ja bringe ich nicht mehr so einfach raus. Ich w\u00fcrde meinem Sohn einen Brief schreiben mit pers\u00f6nlichen Erlebnissen, einen Brief, der ihn vielleicht irritiert, aber das ist ja angeblich nichts Schlechtes.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn von diesem Brief nur zwei Merks\u00e4tze h\u00e4ngenblieben, w\u00fcrde ich mich sehr freuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erster Merksatz:<\/p>\n\n\n\n<p>Sorge daf\u00fcr, dass Du eine Partnerschaft, dass Du Freunde hast, von denen Du geliebt und geachtet wirst. Oder auch nur gemocht.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum dieser Rat? Weil ein solches sicheres privates Umfeld die Beinfreiheit gibt, im Job, in Redaktionen auch mal Krach zu schlagen, sich querzustellen. Ich meine damit weniger den Aufstand gegen den Ressortleiter oder Chefredakteur, ich meine damit, sich querzustellen gegen eine Entwicklung, die bei fast allen Medien zu beobachten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4mlich den Wunsch, in jedem Fall auf der richtigen Seite zu stehen. Dies zum Ma\u00dfstab der journalistischen Arbeit zu machen. Den Wunsch, zu den Aufrechten zu geh\u00f6ren, zu denen, die unsere moralischen Werte hochhalten. Und das alles zur Not auch, bevor Rechercheergebnisse feststehen. F\u00fcr die dann sp\u00e4ter aber oft kaum noch Zeit bleibt. Denn Zeitdruck besteht ja nicht mehr nur bei den alten Live-Medien Radio und Fernsehen, Zeitdruck ist auch der Taktgeber des Online-Journalismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Woher kommt also dieser Wunsch, von Anfang an sozial Erw\u00fcnschtes zu formulieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen dazu eine Geschichte erz\u00e4hlen, denn wir wissen ja, es sind die Geschichten, die im besten Fall Emotion mit Bohrtiefe oder auch nur mit schlichten Fakten verbinden, es sind die Geschichten, die h\u00e4ngenbleiben, die bewegen, die \u2013 wie wir wieder einmal bei den diesj\u00e4hrigen Preistr\u00e4gern sehen \u2013 eine K\u00f6nigsdisziplin des Journalismus sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine kleine Geschichte handelt davon, dass heutzutage jeder seine Geschichte erz\u00e4hlen und medial verbreiten kann und wie Journalisten nicht damit umgehen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der S\u00e4nger Gil Ofarim hat seine Skandal-Geschichte in einem Video erz\u00e4hlt, vor zwei Jahren setzte er sich vor das Westin-Hotel in Leipzig und erz\u00e4hlte mit tiefer Betroffenheit, dass ihm sein Check-in verweigert werde, solange er nicht seine Kette mit dem Davidstern abnehme. Dass so ein Video im Netz steil geht, ist ein Naturgesetz. Aber was bringt Redaktionen dazu, teilweise in laufenden Livesendungen davon zu berichten? Es ist in meinen Augen die Angst, in den Verdacht zu geraten, auch nur die <em>Behauptung<\/em> eines wirklich unerh\u00f6rten antisemitischen Vorfalls zu unterschlagen oder mindestens zu verharmlosen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Emp\u00f6rungswelle im Netz l\u00e4uft schon, erste gro\u00dfe Namen lassen sich schon zitieren. Aber trotzdem innezuhalten, gerade bei so einem gravierenden Vorwurf, bei dem es aber nur die Behauptung <em>einer<\/em> Seite gibt: Da innezuhalten und zu recherchieren, das ist kein Unterschlagen, das ist journalistisches Handwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Geschichte hat eine mir bekannte Fernsehkollegin Zweifel ge\u00e4u\u00dfert im Live-Studio, sie wurde \u00fcberstimmt. \u201eWir m\u00fcssen das sofort bringen.\u201c Nur nebenbei: Zweifel ist eine etwas au\u00dfer Mode gekommene Grundvoraussetzung f\u00fcr guten Journalismus. Die nicht wertende Frage: Kann es auch ganz anders gewesen sein? Das gilt eigentlich immer, aber besonders f\u00fcr die \u201eismus-Themen\u201c, f\u00fcr Rassismus, Sexismus, Antisemitismus etc. \u2013 Ph\u00e4nomene, ohne die unsere Welt sicher besser w\u00e4re, die zu bek\u00e4mpfen ein lohnendes Unterfangen ist. Aber nur Haltung zu zeigen, dazu sp\u00e4ter mehr, das reicht nicht. Haltung ersetzt keine Recherche.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folgen des Ofarim-Videos und der Schnellsch\u00fcsse vieler Medien waren bitter: Demonstrationen vor dem Hotel, Stornierungen, Bedrohungen. Shitstorm ist der falsche Ausdruck f\u00fcr das, was da passierte, es war ein folgenreicher moderner Pranger. Kranke Mitarbeiter, ein verzweifelter Hoteldirektor, und am Ende ein gro\u00dfer gesellschaftlicher Schaden, gerade auch f\u00fcr die, die sich t\u00e4glich gegen versteckten und offenen Antisemitismus einsetzen, ganz zu schweigen von den Betroffenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und: Wieder einmal bekam die Glaubw\u00fcrdigkeit der Medien einen tiefen Kratzer ab. Der Prozess gegen Gil Ofarim wegen falscher Verd\u00e4chtigung und Verleumdung beginnt am 7. November.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Recht muss man darauf hinweisen, dass auch f\u00fcr Gil Ofarim bis zum Urteil die Unschuldsvermutung gilt. Aber was war mit der Unschuldsvermutung f\u00fcr die betroffenen Hotelmitarbeiter?<\/p>\n\n\n\n<p>Falls Sie jetzt reflexartig sagen \u201eNa ja, das waren halt die Boulevardmedien.\u201c: Falsch, es waren auch Qualit\u00e4tszeitungen darunter, manche hatten allerdings die Gr\u00f6\u00dfe, das einzur\u00e4umen und die Geschichte der Betroffenen Hotelmitarbeiter und des eigenen Fehlers zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist das ein Beispiel \u2013 nein, nicht ein Beispiel f\u00fcr Zeitdruck und mangelnde Ausstattung von Redaktionen durch klamme Verleger, es ist f\u00fcr mich der Ausdruck eben jenes Wunsches, auf jeden Fall und von Anfang an auf der richtigen Seite stehen zu wollen, und ja, da ist dieses Wort endlich: Haltung gezeigt zu haben. In diesem Fall mal auf Vorrat. Haltung: Unter Journalisten ein oft gebrauchtes Tugendwort. Tut mir leid, ich finde, \u201eHaltung\u201c ist mittlerweile ein Begriff, der in die Orthop\u00e4die geh\u00f6rt \u2013 gerade f\u00fcr Menschen, die viel am Schreibtisch sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Haltung zeigen, das ist f\u00fcr mich ein Platzhalter geworden, um die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus aufzuweichen. F\u00fcr den Journalismus, wie f\u00fcr jeden anderen Beruf mit gesellschaftlicher Wirkung, sollte es doch reichen, statt Haltung <em>Anstand<\/em> zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was braucht es denn, um sich in solch einer Situation querzustellen, auf die Hold-Taste zu dr\u00fccken? Braucht es Mut?<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht, aber Mut hat viele Gesichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor f\u00fcnf Jahren hat an dieser Stelle der Festredner Anton Hunger \u00fcber die damaligen Preistr\u00e4ger gesagt, und das gilt eins zu eins f\u00fcr die heutigen: \u201eSie sind mutig, sie verlassen die eingetretenen Trampelpfade und sie halten die Fahne der Wahrhaftigkeit hoch. Feiglinge k\u00f6nnen weder gut schreiben noch gut fotografieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mut kann bedeuten \u2013 wie gesagt, nachzulesen bei den diesj\u00e4hrigen Preistr\u00e4gern \u2013 Mut kann bedeuten, im Krieg in einem Atomkraftwerk zu recherchieren, Mut kann aber auch bedeuten, sich auf eine acht Jahre lange Reise zu begeben, die Geschichte von Ella zu erz\u00e4hlen, die als <em>Eliah<\/em> geboren wurde. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass Ella jederzeit sagen kann: Das war\u2019s, ich will keine journalistische Begleitung mehr, keine Zusammenarbeit mehr. Sie wollte \u2013 dieser Mut hat sich f\u00fcr beide Seiten gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Guter Journalismus braucht also Mut, keine Frage. Aber eine gute Redaktion braucht auch Menschen, f\u00fcr die die richtige Seite dort ist, wo die oft m\u00fchsame Suche nach der Wahrheit beginnt, und nicht dort, wo der schnelle Beifall von der richtigen Seite lockt, das wohlige Gef\u00fchl, zu den Guten zu geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist hier statt Mut das Wort Courage das bessere. Noch besser Zivilcourage, auch mal nein zu sagen, wenn die Herde losl\u00e4uft. Eigentlich ein kleiner Akt f\u00fcr den Einzelnen. Aber ein gro\u00dfer Dienst f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit der Medien. Journalistinnen und Journalisten erwarten viel von den Menschen, sie sollen uns einen gro\u00dfen Kredit geben. Sie sollen uns glauben, dass das stimmt, was sie lesen, h\u00f6ren und sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne diesen Kredit nutzen die gro\u00dfartigsten Reportagen nichts. Preisverleihungen, auch diese hier, sind sch\u00f6n f\u00fcr die Autorinnen und Autoren, f\u00fcr die Fotografinnen und Fotografen, sie sind kein Ersatz f\u00fcr das wichtigste Erfolgskriterium: Menschen, die sie uns abnehmen. Abnehmen im <em>materiellen<\/em> und im ideellen Sinn. Und diese Menschen gibt es ja, die offenen, die sich interessieren lassen f\u00fcr Themen. Aber es werden weniger, unsere Kreditw\u00fcrdigkeit beim Publikum sinkt. Umfragen dazu lesen sich manchmal wie Berichte von Ratingagenturen, die Schuldnerl\u00e4nder herabstufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe da bei den noch Wohlmeinenden \u2013 um die wir uns sehr viel mehr k\u00fcmmern sollten \u2013 ich habe da Menschen von nebenan im Sinn, spontane Bekanntschaften, freundliche Menschen, die mich ansprechen in der \u00d6ffentlichkeit. Mit ihren Zweifeln, aber auch mit Ihrem Lob. Wenn Sie wie ich so lange im Fernsehen mit ihrem Gesicht f\u00fcr Ihre Arbeit stehen, dann bekommen Sie sehr unmittelbar R\u00fcckmeldungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die sch\u00f6nsten sind immer die, die mit einem Eigentlich beginnen. O-Ton K\u00f6ln: Eijentlich wollte ich dinge Hart aber fair jestern abend jar nicht geguckt haben, \u00e4ver dann bin ich h\u00e4ngen geblieben. Dat war interessant.<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es ein sch\u00f6neres Lob? Wenn zum Beispiel bei den schreibenden und hier ausgezeichneten Kollegen ein erster Satz gelungen ist, ein Satz, der einen reinzieht in die Schilderung gesellschaftlicher Missst\u00e4nde, in diesem Fall des t\u00e4glichen Existenzkampfes von Alleinerziehenden \u2013 ein Alltag, den man ja abstrakt zu kennen glaubt. Und dann hat die Autorin Valerie Sch\u00f6nian mich am Haken mit diesem ersten Satz: \u201eAn einem Morgen im September vermengt sich in Sarah Bentners K\u00fcche die sehr alte mit der sehr neuen Krise.\u201c Eigentlich wollte ich das gar nicht gelesen haben. Danke, dass Sie mich \u00fcberzeugt haben, Frau Sch\u00f6nian.<\/p>\n\n\n\n<p>Was w\u00fcrde ich meinem Sohn noch sagen, wenn er wissen m\u00f6chte, ob er in einer Zeit wie der heutigen Journalist werden sollte? Ich w\u00fcrde ihm sagen:<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6re auch mal auf Dein Bauchgef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00fcrde ich ihm auch zu einer perfekten Ausbildung raten, nach M\u00f6glichkeit mit einem abgeschlossenem Studium \u2013 hier h\u00e4tte er ja schon mal sehr leicht die M\u00f6glichkeit, etwas besser zu machen als sein Vater. Aber dann w\u00fcrde ich ihm unbedingt raten, auch gelegentlich auf seinen Bauch zu h\u00f6ren. Und da h\u00f6re ich bei manchen schon ein Grummeln: Bauchgef\u00fchl, dann kommt jetzt sicher auch gleich der Begriff \u201egesunder Menschenverstand\u201c. Ja, warum eigentlich nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Sind die Einbeziehung des gesunden Menschenverstands und auch des Bauchgef\u00fchls als Teile der journalistischen Arbeit falsch, nur weil diese Begriffe missbraucht werden von Populisten und ja, manchmal auch Demagogen?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kleine Geschichte aus meiner Erfahrungswelt. F\u00fcr mich war es, ich gebe es zu, in den Monaten vor Putins \u00dcberfall auf die Ukraine eine \u00fcberraschende Erkenntnis, dass der gr\u00f6\u00dfte deutsche Gasspeicher in Rehden im Prinzip Gazprom geh\u00f6rte. Ich habe, eher meinem Menschen- als Sachverstand folgend, Politiker und Verantwortliche gefragt, ob das angesichts der Energieabh\u00e4ngigkeit von Russland besonders schlau ist. Und habe mir mehr als einmal eine Klatsche abgeholt: Das sei alles vertraglich wasserdicht und im \u00dcbrigen habe Russland ja seine Verpflichtungen immer erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>So haben es Medien auch lange transportiert. Ich kam mir bei meiner Frage etwas dumm vor. Die Dummen waren dann sp\u00e4ter erstmal wir alle, als das Gas knapp wurde. Je h\u00e4ufiger Menschen den berechtigten Eindruck haben, dass sie \u2013 ohne Experten oder Journalisten zu sein \u2013 am Ende richtig liegen, in der Zwischenzeit aber belehrt werden, wie es wirklich ist, desto schneller schwindet das Vertrauen in die Medien, nein, besser: das Vertrauen ins uns Journalisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nennen wir es vielleicht nicht \u201egesunder Menschenverstand\u201c, nennen wir es doch: Lebenserfahrung. Und schon tappen wir in die n\u00e4chste Falle. Wer eine pers\u00f6nliche Erfahrung oder Schilderungen aus seinem Umfeld als Journalist aufgreift, der kassiert von Fachleuten und von verantwortlichen Politikern gerne ein Abwinken. \u201eDas ist doch anekdotische Evidenz.\u201c Also nicht relevant. Solange es keine Studie gibt, gilt ein Problem als nicht existent. \u201eDas ist gut gemeint, aber \u2026\u201c Sie wissen, wie der Satz weitergeht. Dabei k\u00f6nnte die so oft geschm\u00e4hte anekdotische Evidenz so etwas wie ein Fr\u00fchwarnsystem sein, ein Fr\u00fchwarnsystem f\u00fcr gesellschaftliche Entwicklungen, bevor sie sp\u00e4ter durch Studien belegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier ein Beispiel aus dem Leben eines gesichtsbekannten Journalisten. Achtung, anekdotische Evidenz: Ich bin regelm\u00e4\u00dfig mit einem jetzt 90 Jahre alten Boot auf Fl\u00fcssen und Kan\u00e4len in Deutschland unterwegs. Die H\u00e4fen haben nichts Glamour\u00f6ses, es sind eigentlich Schrebergartenkolonien auf dem Wasser. Mit durchweg netten Menschen, mit denen man \u00fcbers Boot und \u00fcber Wasserwege gut ins Gespr\u00e4ch kommt. Stellen Sie sich vor: Sie haben ein interessantes Gespr\u00e4ch, merken, dass sie es mit informierten und interessierten Menschen zu tun haben, und dann kommt aus dem Nichts eine Frage, die einen umhaut, beim ersten Mal jedenfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage hei\u00dft: \u201eSagen Sie mal, ich finde Ihre Sendung ja interessant, aber wo lassen Sie eigentlich Ihre Fragen absegnen?\u201c Mein zarter Hinweis, dass die Sendung live ist und damit das Prinzip gilt \u201eIch frage, was ich will, und die G\u00e4ste antworten, was sie wollen\u201c, tropft ab. Reaktion (jetzt ist man schon beim Du): \u201eIst ja klar, das musst Du ja jetzt sagen, Du lebst ja davon.\u201c Erschreckend, oder? Und das war um einiges vor der Zeit, bevor die Untersuchungen \u00fcber den Glaubw\u00fcrdigkeitsverlust der Medien die Runden machten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, die Frage ist nicht, wie bl\u00f6d diese Leute sind, ob sie nur frustriert sind und ein Ventil suchen, die Frage ist, was wir Journalisten dazu beigetragen haben und beitragen, dass unsere Glaubw\u00fcrdigkeit und unsere Unabh\u00e4ngigkeit so in Zweifel gezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich findet sich ein Dutzend \u00e4u\u00dfere Faktoren, die zum Bedeutungs- und Vertrauensverlust von klassischem Journalismus beigetragen haben. X, formerly known as Twitter, Instagram und, aus der digitalen Steinzeit, Facebook. Aber ich finde es interessanter, gerade bei einer Preisverleihung, dar\u00fcber zu reden, was wir selbst besser machen k\u00f6nnen und m\u00fcssen. Die Gatekeeper-Funktion f\u00fcr Information, die bekommen wir nicht wieder, und das ist auch gut so.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn Journalismus, bezahlter Journalismus, eine Zukunft haben soll, dann m\u00fcssen wir \u2013 darf ich das Wir noch gebrauchen? \u2013 dann m\u00fcssen wir f\u00fcr unsere gesteigerte Kreditw\u00fcrdigkeit sorgen. Selbst \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen Menschen kaum, was sie lesen. Auch Fotos verlieren ihre Beweiskraft durch Deep Fakes. Was bleibt da anderes, als auf den Vertrauensvorschuss zu bauen? Durch Glaubw\u00fcrdigkeit, durch kluge, auch gerne unterhaltsame Aufbereitung, durch Relevanz f\u00fcr das Alltagsleben der Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die f\u00e4ngt bei der Themenauswahl an. Vor acht Jahren hat an dieser Stelle Stephanie Nannen gesagt: \u201eWir befreien Lebensbereiche, \u00fcber die zu sprechen schwerf\u00e4llt, von Tabus. Einfach, indem wir immer wieder davon anfangen. Alles, wor\u00fcber wir Journalisten immer wieder reden und schreiben, wird mehr und mehr Teil des Alltagslebens.\u201c Zitat Ende. Journalisten als Motor des gesellschaftlichen Fortschritts, als Aufkl\u00e4rer. Eine sch\u00f6ne Rolle, aber reicht sie noch aus? Wie w\u00e4re es, wenn wir wenigstens ab und zu umgekehrt denken w\u00fcrden. Dann hie\u00dfe es nicht mehr. \u201eAlles, wor\u00fcber wir Journalisten immer wieder reden und schreiben, wird mehr und mehr Teil des Alltagslebens.\u201c Dann hie\u00dfe es: Alles, wor\u00fcber B\u00fcrger reden, was sie in ihrem Alltag bewegt, wird mehr und mehr Gegenstand der journalistischen Alltagsarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar ist das eine Gratwanderung. Dass sie gelingen kann, beweist in diesem 25. Jahr seines Bestehens der Hansel-Mieth-Preis.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mischung der zehn Preistr\u00e4ger, bei 150 Einsendungen \u2013 ein Rekord, wie gesagt \u2013 diese Mischung zeigt: Relevanz, Aufkl\u00e4rung, Gespr\u00e4chswertigkeit und manchmal auch unterhaltsame Leichtigkeit beim Lesen der Reportagen und beim Betrachten der Fotos \u2013 sie sind keine Konkurrenten. Sie sind der Stoff, aus dem die besten St\u00fccke gemacht werden. Danke f\u00fcr jedes Einzelne!<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt noch die abschlie\u00dfende Antwort auf die m\u00f6gliche Frage meines Sohnes. Kann man es in der heutigen Zeit noch jemanden raten, Journalist zu werden? Ich w\u00fcrde mich ein wenig um die ultimative Antwort dr\u00fccken. Auf der einen Seite ist es ja immer schwer, dem Kind zu einem steinigen und immer fordernden Weg zu raten, auf der anderen Seite braucht unsere Gesellschaft gute journalistische Handwerker mehr denn je.<\/p>\n\n\n\n<p>Bestimmt aber w\u00fcrde ich ihm nach meiner R\u00fcckkehr von diesem Preis erz\u00e4hlen, und von den Menschen der Agentur Zeitenspiegel, allen voran Uli Reinhardt. Dass sie mit unersch\u00f6pflicher Ausdauer diesen Preis am Leben gehalten haben, sich nicht beirren lie\u00dfen von anderen Preisen, die kamen und gingen, ihren Namen \u00e4nderten oder von der Gala zum Kammerspiel schrumpften. Das ist das eine. Aber das andere ist die Agentur selbst, sind die \u00dcberlebensk\u00fcnstler, diese kleine Reportergemeinschaft von jetzt rund 30 Kolleginnen und Kollegen, die sich durch alle Krisen geschlagen hat, irgendwo auf der Welt oder auch im heimischen Printmarkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich w\u00fcrde meinem Sohn sagen, guck dir diese Leute genau an, und du wirst feststellen:<\/p>\n\n\n\n<p>Reich sind sie nicht geworden durch ihren Beruf, aber offenbar gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>On September 20, 2023, the 25th Hansel-Mieth Prize was awarded at the Fellbach town hall. The keynote address was given by Frank Plasberg, host of the political talk show \u201cHart aber fair\u201d from 2001 until the end of 2022. 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