{"id":749,"date":"2022-07-07T13:57:00","date_gmt":"2022-07-07T13:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/24-hansel-mieth-preis-verliehen\/"},"modified":"2025-12-19T16:52:45","modified_gmt":"2025-12-19T16:52:45","slug":"24-hansel-mieth-preis-verliehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/24-hansel-mieth-preis-verliehen\/","title":{"rendered":"24. Hansel-Mieth-Preis verliehen"},"content":{"rendered":"<p>Im Fellbacher Rathaus wurde zum 24. Mal der Hansel-Mieth-Preis vergeben. Ausgezeichnet wurden die freie Autorin Amonte Schr\u00f6der-J\u00fcrss und der Fotograf Andy Reiner.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eInklusion ist ein Wort, das die Menschen in Oberw\u00e4lden nicht weiter diskutieren. Hans ist einer von ihnen, fertig.\u201d Es ist der Kernsatz der Reportage \u201eAlle f\u00fcr einen\u201c, erschienen im <em>S\u00fcddeutsche Zeitung Magazin<\/em> &#8211; am 6. Juli wurde sie nun mit dem diesj\u00e4hrigen Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reportage erz\u00e4hlt davon, wie sich ein ganzes Dorf um ein einziges Gemeindemitglied k\u00fcmmert: Hans Daiber wurde mit einer kognitiven Behinderung geboren. Als sein Vater starb, h\u00e4tte er eigentlich den Hof der Familie verlassen und in ein Heim ziehen m\u00fcssen. Doch in Oberw\u00e4lden, einem schw\u00e4bischen Dorf mit knapp 450 Einwohnern, tragen sie gemeinsam Sorge f\u00fcr ihn. Da ist sein Mitbewohner Herr Gl\u00fcc, der seine Wanderstiefel besohlt. Frau Wetzel, seine Lieblingsverk\u00e4uferin, bei der er Pflaumenkuchen kauft. Frau Scheuer von der Sparkasse, die sich um seine Vertr\u00e4ge und Finanzen k\u00fcmmert. Und die Nachbarn, die ihn per GPS orten, wenn er mal wieder bei einem seiner ausgedehnten Spazierg\u00e4nge die Zeit vergisst. Hans dankt es ihnen. Das Sprechen f\u00e4llt ihm zwar schwer, oft sagt er einfach \u201eja\u201c. Doch Geburtstagskarten kriegt jeder Einzelne von ihm. Die Antworten darauf h\u00e4ngen an den W\u00e4nden seiner Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autorin und der Fotograf gewannen auch deswegen schnell das Vertrauen ihrer Gespr\u00e4chspartner, weil Andy Reiner genau wie Hans Daiber aus Oberw\u00e4lden stammt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/hmp2022-2-scaled.jpg\" alt=\"Zuschauer in einem Saal auf St\u00fchlen sitzend\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine leise Geschichte, die nur 30 Kilometer entfernt von Fellbach spielt. Doch: \u201eEs ist diese Art der Berichterstattung, die den Unterschied ausmacht. Es ist auch diese Berichterstattung, die wir heute Abend feiern und mit dem Hansel-Mieth-Preis ehren\u201c, sagte Carsten Stormer, Zeitenspiegel-Reporter aus den Philippinen, in seiner Festrede. Und f\u00fcgte hinzu: \u201eVerst\u00e4ndnis, Empathie, Anteilnahme, ehrliches Interesse und Relevanz zeichnen auch die anderen Gewinnertexte dieses Jahres aus. Sie nehmen uns mit in die Schreckensnacht von Hanau, in den brasilianischen Corona-Irrsinn, zu einer afghanischen Frauenrechtlerin und einem Talibank\u00e4mpfer, zu Abgeordneten in Berlin, in ein Heidelberger Kindertumorzentrum, eine Kabuler Universit\u00e4t, zu Flutopfern im Ahrtal und zu Hans nach Oberw\u00e4lden. Ein Ausschnitt unserer Welt \u2013 nach dem Lesen dieser Texte war ich nicht nur bewegt, sondern auch ein St\u00fcckchen kl\u00fcger.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Jury begr\u00fcndete Anton Hunger die Wahl des Jahres: \u201eHans redet nicht viel, und wenn, dann sagt er wenig mehr als: Ja. Wie schreibt man \u00fcber so einen Mann? Die Autorin blickt durch die Augen seiner Nachbarinnen und Nachbarn auf Hans. Es ist ein liebevoller, aber ehrlicher Blick. Sie wei\u00df, welche B\u00fccher er liest (Der kleine Drache Kokosnuss) und welche Zeitung (Die Neue W\u00fcrttembergische). Sie ist dabei, wenn er sich Mittagessen macht und wenn er sich die Haare schneiden l\u00e4sst. Vor allem aber hat sie die Karten gelesen, die Hans seinen Nachbarn schreibt, und die Antworten, die das Dorf zur\u00fcckschickt. So bekommt der wortkarge Hans Daiber eine Stimme. Und wir finden heraus, wie sehr ihn der Tod seiner Schwester noch immer schmerzt, Jahrzehnte nach ihrem Unfall. Derselbe Respekt spricht aus Andy Reiners Fotos. Er blickt nicht auf Hans herab, im Gegenteil: Sein Held schaut uns leicht von oben an. Er ist keine Kuriosit\u00e4t in einer viel zu gro\u00dfen Warnweste. Er ist unser Nachbar. Er h\u00e4tte auch ein Nachbar von Hansel Mieth sein k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/hmp2022-3-scaled.jpg\" alt=\"Autorin Amonte Schr\u00f6der-J\u00fcrss und Fotograf Andy Reiner in Fellbach(alle Fotos: \u00a9 \u00c9ric Vazzoler\/Zeitenspiegel)\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Autorin Amonte Schr\u00f6der-J\u00fcrss und Fotograf Andy Reiner in Fellbach<\/em><br><em>(alle Fotos: \u00a9 \u00c9ric Vazzoler\/Zeitenspiegel)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Carsten Stormers Festrede auf der Verleihung des Hansel-Mieth-Preises 2022 im Wortlaut:<\/h2>\n\n\n\n<p>Oberw\u00e4lden liegt etwa eine halbe Autostunde von Fellbach entfernt, es ist ein Katzensprung. Sie, verehrte Frau Oberb\u00fcrgermeisterin Zull, werden das Dorf kennen, die meisten Fellbacher vermutlich auch. Auf den ersten Blick unterscheidet den 450-Seelen-Flecken nichts von anderen Flecken am Rande der Schw\u00e4bischen Alb. Und doch ist etwas anders, etwas zutiefst Menschliches: Das ganze Dorf k\u00fcmmert sich n\u00e4mlich um Hans, einen kognitiv behinderten Mann, der nur deshalb im elterlichen Daiberhof weiterleben konnte, weil ihn die Dorfgemeinschaft st\u00fctzte. Die Geschichte von Hans \u201eAlle f\u00fcr einen\u201c im Magazin der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> ist so brillant und einf\u00fchlsam geschrieben, dass die Autorin und der Fotograf heute mit dem \u201eHansel-Mieth-Preis\u201c ausgezeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Verehrte Frau Oberb\u00fcrgermeisterin Zull, liebe Fellbacher, gesch\u00e4tzte Preistr\u00e4gerinnen und Preistr\u00e4ger, hochverehrte Jury und liebe G\u00e4ste. Seit 15 Jahren bin ich bei \u201eZeitenspiegel\u201c, der Reporter-Gemeinschaft aus Weinstadt, die den \u201eHansel-Mieth-Preis\u201c ausrichtet und dotiert. Was mich dabei tats\u00e4chlich ein wenig besch\u00e4mt, ist die unwiderlegbare Tatsache, dass ich heute zum ersten Mal bei einer solch w\u00fcrdigen Preisverleihung dabei bin. Das ist nicht Ignoranz, das hat nachvollziehbare Gr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebe n\u00e4mlich in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Das ist weit weg von Fellbach und von Oberw\u00e4lden. Von Manila spanne ich einen Bogen \u00fcber Syrien und Afghanistan bis ich wieder bei Hans in seinem Dorf lande und Ihnen erkl\u00e4ren kann, was das alles mit Journalismus zu tun hat und warum Auslandsjournalismus in diesen Zeiten so enorm wichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst nehme ich Sie mit in einen tropischen Maiabend in Manila, meiner Wahlheimat. Da stand ich in den Redaktionsr\u00e4umen des philippinischen Nachrichtenportals <em>Rappler<\/em> und sah zu, wie die Chefredakteurin Maria Ressa \u2013 die vergangenes Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war \u2013 ihre MitarbeiterInnen tr\u00f6stete. Alle waren an diesem Abend gekommen, von der Chefredakteurin bis zur Horoskop-Schreiberin. Ferdinand Marcos Jr., der Sohn des Diktators, war zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt worden und regiert seit dem 1. Juli das Land gemeinsam mit Sara Duterte, der Tochter des scheidenden Pr\u00e4identen. Der Sohn eines Diktators mit der Tochter eines Autokraten. Und alle in diesem Redaktionsraum fragen sich: Kommt es noch schlimmer als unter Duterte? Ist die philippinische Demokratie am Ende?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Reporterin erz\u00e4hlt unter Tr\u00e4nen, dass sie Angst um ihre Zukunft habe. Ein anderer sagt aufgel\u00f6st, dass sich das Wahlergebnis anf\u00fchlte, als h\u00e4tte ihm jemand ein Messer in den Bauch gerammt. F\u00fcr diese jungen JournalistInnen war es eine existenzielle Wahl, f\u00fcr sie ging es um die Demokratie und eine freie Presse. Die Reporter sahen sich an vorderster Front eines globalen Informationskriegs, und sie hatten das Gef\u00fchl, dass sie etwas bewirkt hatten: Mit Fakten, sachlicher Berichterstattung, kritischen Analysen. Monatelang haben sie Falschnachrichten gepr\u00fcft, das Netz nach Desinformationen durchforstet, L\u00fcgen entlarvt. Doch das Wahlergebnis bewies, dass sie sich geirrt hatten. All ihre Anstrengungen um die Wahrheit waren umsonst gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Philippinen sind eine Art Petrischale in einem riesigen Experiment, wie soziale Medien Wahlverhalten beeinflussen und eine Bev\u00f6lkerung manipulieren k\u00f6nnen. F\u00fcr viele Philippiner sind Facebook, Tiktok und Youtube die einzigen Informationsquellen. Allein Facebook nutzen rund 74 Millionen der insgesamt 110 Millionen Einwohner.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Marcos-Familie gelang es, ein alternatives Informationssystem aus L\u00fcgen zu schaffen, das gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung ansprach, die sich von den Eliten, Politclans und den traditionellen Medien ungeh\u00f6rt f\u00fchlten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Netz inszeniert sich die Marcos-Familie als Opfer, die von \u201eMainstream-Medien\u201c unfair behandelt und falsch dargestellt wird, angefeuert und verst\u00e4rkt von tausenden Bloggern und Trollen. Aus dem Ex-Diktator Ferdinand Marcos wurde ein Heilsbringer, aus seiner Regierungszeit, die von Folter, Armut und Menschenrechtsverbrechen gepr\u00e4gt war, eine goldene \u00c4ra.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben Duterte \u00fcberstanden, wir werden auch einen Pr\u00e4sidenten Marcos \u00fcberstehen\u201c, rief Maria Ressa ihren Mitarbeitern zu. Sie sprach ihnen Mut zu und schwor ihr Team auf harte Zeiten ein, dass die Duterte-Jahre der Abschreckung, der Angst, der Verfolgung von Kritikern und der Rechtlosigkeit eventuell nur ein Aufw\u00e4rmprogramm f\u00fcr das waren, was jetzt auf sie zukommen k\u00f6nnte. Es war eine Jetzt-erst-recht-Rede. Mir fuhr der Schreck in die Glieder. Als ob die vergangenen sechs Jahre nicht schlimm genug gewesen waren: Bis zu 30.000 Tote im Drogenkrieg. Kritiker, Dissidenten und Oppositionelle, die ermordet, eingesch\u00fcchtert oder eingesperrt wurden. Medien unter Beschuss.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Philippinen k\u00f6nnten als warnendes Beispiel gelten, als Spiegel dessen, was in den USA schon Realit\u00e4t ist und Europa vermutlich noch bevorsteht. Der Versuch, die Demokratie zu zerschlagen. Doch es wird kaum dar\u00fcber berichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was, k\u00f6nnte man fragen, geht uns das an?<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Philippiner sind von einer Demokratie entt\u00e4uscht, die ihnen keine Verbesserung brachte. Denn Armut und Korruption sind weit verbreitet, soziale Ungerechtigkeit und Einkommensunterschiede gro\u00df, das Vertrauen in Politiker gering.<\/p>\n\n\n\n<p>Klingt vertraut?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in Ungarn, Russland oder der T\u00fcrkei ist auch in den Philippinen eine Sehnsucht nach Politikern weit verbreitet, die hart durchgreifen, aufr\u00e4umen, vermeintlich Recht und Ordnung durchsetzen. Dem Mainstream etwas entgegensetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Entwicklung wird auch vor den demokratischen Bollwerken Westeuropas nicht Halt machen. Die Wahl in Frankreich hat gezeigt, dass sich die extreme Rechte immer weiter an die Macht heranrobbt. In Deutschland kratzt die AfD am Fundament der Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die philippinische Regierung hat kritischen JournalistInnen den Krieg erkl\u00e4rt. Sie werden bedroht und an ihrer Arbeit gehindert, Fernsehsender, Zeitungen und Online-Plattformen geschlossen. Seit 2016 rutschten die Philippinen im Weltindex f\u00fcr Pressefreiheit der Organisation \u201eReporter ohne Grenzen\u201c auf Platz 138 von 180 L\u00e4ndern. In den vergangenen f\u00fcnf Jahren wurden 19 JournalistInnen ermordet. Duterte drohte im Jahr 2016, dass \u2013 wie er sie nannte \u2013 \u201ekorrupte\u201c Journalisten damit rechnen m\u00fcssten, ermordet zu werden. Der Senat verabschiedete ein Gesetz, das erlaubt, Kritiker als Kommunisten und Terroristen zu brandmarken und sie kurzerhand ohne Haftbefehl wegzusperren. \u201eDie philippinische Demokratie stirbt einen Tod der tausend Schnitte\u201c, sagte mir Maria Ressa. Das Ziel sei es, Dissens und Kritik zu unterbinden, damit die Machthaber an der Macht blieben und ihre Kontrolle ausbauen k\u00f6nnen, \u201ebis die Demokratie von selbst stirbt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Juli 2020 wurde Maria Ressa wegen \u201eVerleumdung im Internet\u201c zu einer Haftstrafe bis zu sechs Jahren verurteilt. Sieben weitere Verfahren wegen kritischer Berichte von <em>Rappler<\/em> bis hin zu irgendwelchen Steuersachen laufen derzeit gegen sie. Sollte sie auch in diesen F\u00e4llen verurteilt werden, addieren sich die H\u00f6chststrafen auf 100 Jahre Gef\u00e4ngnis. \u201eWenn ich verliere, werde ich dennoch weiter f\u00fcr meine Rechte k\u00e4mpfen\u201c, sagte sie mir in einem Interview. Mit Mut, sagte sie, habe das nichts zu tun. Als Journalistin habe sie gar keine andere Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ihren Kampf f\u00fcr Presse- und Meinungsfreiheit wird Ressa international als Symbolfigur gegen Tyrannei gefeiert und erhielt vergangenes Jahr den Friedensnobelpreis. Stellvertretend f\u00fcr alle Journalisten, die sich staatlicher Willk\u00fcr entgegenstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle meine philippinischen Kollegen werden in irgendeiner Form bedroht. Es sind vor allem Journalistinnen, die besonders hart angegangen werden. Die Drohungen reichen von Mord \u00fcber Vergewaltigungsfantasien bis hin zur \u00f6ffentlichen Aufforderung, dass man ihren Kindern etwas antun solle. Meine Kollegin Regine Cabato hat neulich in der <em>Washington Post<\/em> ihren Alltag als kritische Journalistin beschrieben. Sie werde als L\u00fcgnerin diffamiert, als Schwein beschimpft, als \u201ewhornalist\u201c, Hurenjournalistin, oder als \u201eprestitute\u201c \u2013 Pressenutte. Die Anfeindungen seien so massiv, dass sie kaum noch in ihre Inbox schaue. In ihrem Bericht beschreibt Regine eine Szene: Als ein Kollege sie fragte, wie es ihr denn gehe, brach sie statt einer Antwort in Tr\u00e4nen aus. So viel Druck hatte sich angestaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Kolleginnen wie Maria Ressa und Regine Cabato riskieren viel. Aufgeben kommt f\u00fcr sie alle jedoch nicht in Frage. Dieser Mut, dieses Durchhalteverm\u00f6gen, diese journalistische Integrit\u00e4t \u2013 ist bewundernswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine Entwicklung, die nun auch nach Europa kommt. Eine Bedrohung, die sich angek\u00fcndigt hat. Die Bedrohung kritischer Journalisten ist eine Entwicklung, die weltweit zu beobachten ist. Es gibt allerdings noch zahlreiche andere, die kaum Beachtung finden und doch in Zukunft unsere Lebensweise beeinflussen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich, wieso wird etwas erst dann zur Bedrohung, wenn es vor der eigenen Haust\u00fcre auftritt? So kommt der Journalismus zwangsweise immer zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die durch den Krieg in Syrien ausgel\u00f6ste Massenflucht war erst bedrohlich, als Gefl\u00fcchtete nicht mehr im Libanon, Jordanien oder der T\u00fcrkei strandeten, sondern in Passau.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Islamische Staat wurde erst zur Bedrohung, als ausl\u00e4ndische Journalisten in Syrien vor laufender Kamera gek\u00f6pft wurden. Dabei fing die Radikalisierung schon viele Jahre vorher an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Siegeszug der Taliban hat viele Redaktionen \u00fcberrascht, aber nicht jene Korrespondenten, die regelm\u00e4\u00dfig aus Afghanistan berichteten. F\u00fcr sie war allenfalls die Geschwindigkeit, mit der die Taliban ihr Land zur\u00fcckeroberten, \u00fcberraschend. Als im August vergangenen Jahres die ersten Krieger in Kabul standen und die internationale Gemeinschaft das Land nach 20 Jahren fluchtartig verlie\u00df, schrieb Afghanistan kurzzeitig wieder Schlagzeilen. Die Jahre zuvor hat man mit Themenvorschl\u00e4gen aus Afghanistan in den Redaktionen meist nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln geerntet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Wladimir Putin skrupellos ist, wurde nicht erst am 24. Februar dieses Jahres offensichtlich. Das hatte er l\u00e4ngst in Tschetschenien, Georgien und Transnistrien bewiesen, bei der Annexion der Krim, dem Stellvertreterkrieg im Donbass und bei der Bombardierung syrischer Schulen und Krankenh\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche Schaupl\u00e4tze schaffen es selten in die Nachrichten. Taiwan beispielsweise. Dabei ist der Konflikt im S\u00fcdchinesischen Meer vermutlich die gr\u00f6\u00dfte schwelende geopolitische Bedrohung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht so, dass Journalisten nicht berichten w\u00fcrden. Ich habe den Eindruck, dass wir Journalisten zwar enorme Mengen an Informationen sammeln, b\u00fcndeln und weitergeben \u2013 aber es anscheinend nicht schaffen, diese Informationen so zu vermitteln, dass sie ein tieferes Verst\u00e4ndnis erzeugen, Wissen aufbauen. Es fehlt der langfristige Blick, die Analyse, die Hintergrundinformation \u2013 gerade auch dann, wenn L\u00e4nder nicht in den Schlagzeilen stehen. Oft h\u00f6re ich die Frage: Wo ist denn da der deutsche Bezug?<\/p>\n\n\n\n<p>Es stimmt: Es interessiert vor allem das Naheliegende, das Vertraute. Redaktionen m\u00fcssen Schwerpunkte setzen, sie m\u00fcssen ausw\u00e4hlen. Es prasselt t\u00e4glich so viel auf unsere Leserinnen und Leser, Zuschauerinnen und Zuh\u00f6rer ein: Klimawandel, Energiekrise, Demokratiem\u00fcdigkeit, Inflation, Corona, Ukraine-Krieg, atomare Bedrohung, bedrohte Lieferketten. Puh! Es sind komplizierte Fragen, auf die es selten einfache Antworten gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>In weiter Ferne, so nah. In einer globalisierten und vernetzten Welt h\u00e4ngt alles irgendwie miteinander zusammen: die Rohstoffe im Kongo mit dem neuen Smartphone, die Atolle im S\u00fcdchinesischen Meer mit den Lieferketten von Apple und VW, die durch Klimawandel schwindenden Fischbest\u00e4nde in der Philippinensee mit der globalen Nahrungsmittelversorgung. Taiwan ist Weltmarkf\u00fchrer f\u00fcr Halbleiter und Computerchips, ohne die kein Auto anspringt und kein Laptop hochf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind verwirrende, schwierige und auch etwas be\u00e4ngstigende Zeiten. Aber noch immer ist die journalistische Weltkarte voller wei\u00dfer Flecken. Gerade deshalb ist es so wichtig, gr\u00fcndlicher, tiefer, weniger klischeehaft und regelm\u00e4\u00dfiger aus allen Teilen der Welt zu berichten. Wir brauchen mehr feste Auslandskorrespondenten, die vor Ort leben, das Land, die Region und die Menschen kennen. Die mit den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Besonderheiten und der Vielfalt des Landes vertraut sind. Die \u00fcber Jahre hinweg ein lokales Netzwerk aufgebaut haben: Informanten, \u00dcbersetzer, Fahrer, lokale Journalisten. Es braucht mehr Budget f\u00fcr lange und tiefe Recherchen. Weniger Geschwindigkeit, mehr hintergr\u00fcndige Berichterstattung. Weniger anlassbezogen, mehr in die Tiefe. Dazu fehlen die oft Mittel, denn Auslandsjournalismus ist vor allem eins: teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht braucht es daher neue Finanzierungsmodelle, um die Welt wieder sichtbarer zu machen. Zum Beispiel durch Stiftungen, die gemeinn\u00fctzigen Journalismus finanzieren. Oder durch eine staatlich gef\u00f6rderte Auslandsberichterstattung, frei und kostenlos zug\u00e4nglich \u2013 mit einem Pool an freien und fair bezahlten KorrespondentInnen und gro\u00dfz\u00fcgigem Recherchebudget. Denn mit dem Verblassen der Welt verblasst auch die F\u00e4higkeit zur einer auf Fakten und Wahrheit basierten Meinungsbildung. \u201eWissen als Grundlage von Wahrheit ist ein Grundstein der Demokratie.\u201c, schrieb der Journalist Marc Engelhardt in einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung \u00fcber den besorgniserregenden Zustand der deutschen Auslandsberichterstattung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Philippinen sind weit weg. Eine Inselgruppe im Pazifik, 12.000 Kilometer von Berlin entfernt. Einen deutschen Bezug kann man selbst in diesem entlegenen Winkel der Welt finden: bei den unehelichen Kindern deutscher Sextouristen, wenn eine deutsche Familie entf\u00fchrt oder ein deutscher Segler enthauptet wird. Kann man machen. Aber von der Region, dem Land und seinen Menschen bleibt dabei wenig h\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Journalisten sind nicht unfehlbar, es sind auch keine Allwissenden. Manchmal sind es Besserwisser, das l\u00e4sst sich nicht vermeiden. Journalisten sind auch nur Menschen. Aber unter Kriegs- oder autorit\u00e4ren Bedingungen werden sie zu unabh\u00e4ngigen Zeugen, zu Chronisten, die dokumentieren. Journalisten liefern Puzzlest\u00fccke, bis es ein Gesamtbild ergibt. Und sie stellen staatlicher Propaganda, Fake-News und Desinformation in den sozialen Medien Fakten entgegen. Die Alternative w\u00e4re, dass niemand hinsieht. Das ist inakzeptabel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sagen, was ist. Daf\u00fcr hat Maria Ressa den Friedensnobelpreis bekommen, dar\u00fcber wurde berichtet. Gut so. Sie und ihre MitstreiterInnen bei <em>Rappler<\/em> haben daf\u00fcr nun den Preis gezahlt. Einen Tag vor der Amtseinf\u00fchrung von Ferdinand Marcos Jr. wurde Ressas Nachrichtenportal verboten. Die philippinische B\u00f6rsenaufsicht hatte dem Unternehmen unter einem Vorwand die Lizenz entzogen, da es von ausl\u00e4ndischen Investoren unterst\u00fctzt werde. Das versto\u00dfe gegen die Verfassung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist diese Art der Berichterstattung, die den Unterschied ausmacht. Es ist auch diese Berichterstattung, die wir heute Abend feiern und mit dem Hansel-Mieth-Preis ehren. Es ist diese Art der Berichterstattung, die mehr LeserInnen erreichen muss. Selten war sie so notwendig wie in diesen bewegten Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Verst\u00e4ndnis, Empathie, Anteilnahme, ehrliches Interesse und Relevanz zeichnen auch die Gewinnertexte dieses Jahres aus. Sie nehmen uns mit in die Schreckensnacht von Hanau, in den brasilianischen Corona-Irrsinn, zu einer afghanischen Frauenrechtlerin und einem Talibank\u00e4mpfer, zu Abgeordneten in Berlin, in ein Heidelberger Kindertumorzentrum, eine Kabuler Universit\u00e4t, zu Flutopfern im Ahrtal und zu Hans nach Oberw\u00e4lden. Ein Ausschnitt unserer Welt \u2013 nach dem Lesen dieser Texte war ich nicht nur bewegt, sondern auch ein St\u00fcckchen kl\u00fcger.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fellbacher Rathaus wurde zum 24. Mal der Hansel-Mieth-Preis vergeben. 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