{"id":800,"date":"2021-08-27T09:47:00","date_gmt":"2021-08-27T09:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/eine-sehr-feuilletonistische-debatte\/"},"modified":"2021-08-27T09:47:00","modified_gmt":"2021-08-27T09:47:00","slug":"eine-sehr-feuilletonistische-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/eine-sehr-feuilletonistische-debatte\/","title":{"rendered":"A very feuilletonistic debate"},"content":{"rendered":"<p>The documentary \u201eDie Unbeugsamen \u2013 Gef\u00e4hrdete Pressefreiheit auf den Philippinen\u201c (The Unyielding \u2013 Endangered Press Freedom in the Philippines) was nominated for the Grimme Prize in the spring. However, the film about the risky work of female journalists and human rights activists in the Southeast Asian country accepted the endangerment of some protagonists for more dramatic storytelling. When Zeitenspiegel reporter Carsten Stormer, who had initially co-authored the documentary, pointed out this bitter irony, there was great outrage in the German media \u2013 about Stormer.<\/p>\n<p><body mode=\"normal\" word-count=\"1171\"><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr dieses Jahres wurde der Dokumentarfilm \u201eDie Unbeugsamen \u2013 Gef\u00e4hrdete Pressefreiheit auf den Philippinen\u201c f\u00fcr den Grimme-Preis nominiert. Der Film von Marc Wiese thematisiert das brutale Vorgehen des philippinischen Pr\u00e4sidenten Rodrigo Duterte gegen seine Kritiker und die mutige Haltung der Journalistin Maria Ressa, Gr\u00fcnderin des Online-Portals <em>Rappler<\/em>. Unser Reporter Carsten Stormer hat einige der Aufnahmen f\u00fcr die Produktionsfirma Dreamer Joint Venture beigesteuert, sich dann aber auf eigenen Wunsch Anfang 2020 aus der Produktion zur\u00fcckgezogen. In den folgenden Monaten kam es zu ernsthaften Sicherheitsbedenken von Protagonisten, die vom Regisseur Marc Wiese, dem Produzenten Oliver Stoltz und auch dem SWR lange ignoriert wurden.<\/p>\n<p>Zeitenspiegel hat die Protagonisten bei ihren Versuchen, sich zu sch\u00fctzen, unterst\u00fctzt. Hinter den Kulissen haben wir immer wieder versucht, auf Regisseur und Produktionsfirma einzuwirken, um falsche oder aus dem Kontext gerissene und die Mitwirkenden damit gef\u00e4hrdende Darstellungen zu korrigieren. Angesichts der Grimme-Nominierung \u00e4u\u00dferte Carsten Stormer seine Vorw\u00fcrfe schlie\u00dflich auch \u00f6ffentlich. Die <em>Time<\/em> griff diese in einem Beitrag auf.<\/p>\n<p>Die Folge war ein aufgeregtes Fl\u00fcgelschlagen auf den Medienseiten der <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/medien\/zum-dokumentarfilm-die-unbeugsamen-von-marc-wiese-17289906.html\"><em>FAZ<\/em><\/a>, der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/zeit-dokumentation-marc-wiese-die-unbeugsamen-elke-lehrenkrauss-1.5266198\"><em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a>, im <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/altpapier\/das-altpapier-2092.html\">\u201eAltpapier\u201c<\/a>, dem Medienblog des MDR, sowie in Erkl\u00e4rungen des SWR. Tenor dieser Beitr\u00e4ge: Carsten Stormer betreibe b\u00f6swillige Rufsch\u00e4digung. Es handele sich um einen kaum nachvollziehbaren \u201ekollegialen Streit und Eitelkeiten hinter den Kulissen\u201c. Aus einem sehr realen Problem in den Philippinen war eine sehr feuilletonistische Debatte in deutschen Redaktionsstuben geworden.<\/p>\n<p>Bis auf die <em>Time<\/em> hat niemand mit den Protagonisten in den Philippinen gesprochen. Diese f\u00fchlten sich nicht nur schlecht behandelt, sondern in ihrer Sicherheit gef\u00e4hrdet. Und genau darum ging es in dem Film: um die pers\u00f6nliche Sicherheit. Um das r\u00fccksichtslose und m\u00f6rderische Vorgehen des philippinischen Pr\u00e4sidenten Duterte, gegen den der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt.<\/p>\n<p>Erst nach teils monatelangem Druck von Anw\u00e4lten und Protest von Menschenrechtsorganisationen wurde einigen Forderungen der Protagonisten letztlich entsprochen und Szenen aus dem Film heraus- oder umgeschnitten.<\/p>\n<p>Erstes Beispiel. Ein \u00dcberlebender eines Erschie\u00dfungskommandos Dutertes, der von Menschenrechtsorganisationen in den Philippinen seit vier Jahren versteckt wird, f\u00fchlte sich bedroht: Entgegen Abmachungen mit der Menschrechtsorganisation RiseUp, die den Protagonisten seit Jahren in einem Safehouse versteckt, und gegen dessen ausdr\u00fccklichen Wunsch hatte Marc Wiese Aufnahmen verwendet, auf denen das Versteck zu sehen und der junge Protagonist identifizierbar war. RiseUp schrieb an den Produzenten Oliver Stoltz: \u201eWenn Sie wirklich glauben, dass R. entlarvt werden will, haben Sie falsch geurteilt. Er will seinen Freunden, die ermordet wurden, helfen und verhindern, dass anderen so etwas Schreckliches widerf\u00e4hrt. Das ist nicht m\u00f6glich, wenn sein Leben weiter aus den Fugen ger\u00e4t und er gezwungen ist, sich noch l\u00e4nger zu verstecken. Die Situation hier hat sich nur noch verschlimmert. Sie bedrohen das Leben vieler Menschen, auch das des Opfers, das Ihrem Regisseur und Filmteam vertraut hat.\u201c Erst nach Wochen des Protests aus den Philippinen und von Menschenrechtsorganisationen in Deutschland \u2013 und nachdem eine Version von \u201eDie Unbeugsamen\u201c auf dem Festival von Kopenhagen aufgef\u00fchrt wurde, in der der Protagonist unverpixelt zu sehen gewesen, auch sein Versteck gezeigt worden war \u2013 schnitt die Produktionsfirma den Film schlie\u00dflich um.<\/p>\n<p>Zweites Beispiel. Ein anderer \u00dcberlebender eines Erschie\u00dfungskommandos, der heute in einem geheimen Versteck getrennt von seiner Familie lebt, musste eine Anw\u00e4ltin auf den Philippinen beauftragen und schlie\u00dflich sogar eine Kanzlei in Deutschland, um sein anf\u00e4ngliches Einverst\u00e4ndnis zur Mitwirkung an dem Film zur\u00fcckzuziehen. Seit Drehbeginn im Februar 2019 hatte sich die Sicherheitslage in den Philippinen derart verschlechtert, dass er eine Gefahr f\u00fcr sein Leben und das seiner Familie sah. In einer Whatsapp-Nachricht schrieb dieser Protagonist an Carsten Stormer: \u201eMir wurde gesagt, dass Marc mein Interview zeigen m\u00f6chte. Bitte hilf mir, dass Marc das nicht macht. Ich habe Angst und f\u00fcrchte um mein Leben.\u201c Erst nach Monaten des Protests und anwaltlichem Druck schnitt die Produktionsfirma den Film um. Vorher jedoch drohte uns der von Dreamer Joint Venture engagierte Anwalt mit hohen Schadensersatzforderungen, sollten wir den Protagonisten nicht zum Umdenken bewegen.<\/p>\n<p>Drittes Beispiel. Der philippinische Produzent Frederick Alvarez f\u00fchrte gemeinsam mit Carsten Stormer ein Interview mit einem ehemaligen kommunistischen Guerillak\u00e4mpfer, der vor laufender Kamera zugab, viele Menschen get\u00f6tet zu haben, und der ein gro\u00dfer Bewunderer von Pr\u00e4sident Duterte ist. In \u201eDie Unbeugsamen\u201c ist das Interview derart aus dem Kontext gerissen, dass aus einem Untergrundk\u00e4mpfer im Ruhestand der pers\u00f6nliche Auftragsm\u00f6rder des philippinischen Pr\u00e4sidenten wurde. Alvarez sieht durch diese Verf\u00e4lschung seine Sicherheit und seinen Ruf gef\u00e4hrdet. Forderungen von Frederick Alvarez und Carsten Stormer, diese aus dem Kontext gerissene Darstellung im Film zu korrigieren, wurden von der Produktionsfirma und dem Regisseur ignoriert. Unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DWPHfEwHCqk\">\u201eExposing the Lies of Marc Wiese\u201c<\/a> ver\u00f6ffentlichte Alvarez auf Youtube eine Stellungnahme des besagten Ex-K\u00e4mpfers.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem, viertes Beispiel, wurde der Missionar und Fotograf Jun Santiago im Film f\u00e4lschlicherweise als \u201eMitarbeiter des Internationalen Strafgerichtshofs\u201c (ICC) \u2013 der gegen den philippinischen Pr\u00e4sidenten Rodrigo Duterte wegen \u201eVerbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c ermittelt \u2013 bezeichnet. Zudem hatte Duterte mehrfach \u00f6ffentlich gedroht, renitente Menschenrechtler t\u00f6ten zu lassen. Jun Santiago sch\u00e4tzt daher zu Recht diese falsche Zuordnung als lebensgef\u00e4hrlich ein. Auch er bat die Produktionsfirma mehrfach um Korrektur, doch seine Bitten wurden immer wieder ignoriert und der Film bei internationalen Auff\u00fchrungen weiterhin mit dieser ebenso falschen wie gef\u00e4hrlichen Berufsbezeichnung ausgestrahlt. An das Magazin <em>Vice<\/em>, welches die Doku auch in den Philippinen zug\u00e4nglich machte, schrieb der Missionar: \u201eIch werde als Rechercheur des ICC beschrieben. Das ist eine L\u00fcge. Es schadet meinem Ruf als unabh\u00e4ngiger Fotojournalist, bringt mich in Konflikt mit meinen religi\u00f6sen Vorgesetzten und Missionspartnern, und vor allem bringt es mein Leben in unmittelbare Gefahr.\u201c<\/p>\n<p>The <em>Time<\/em>-Artikel, der die Debatte \u00fcber \u201eDie Unbeugsamen\u201c angesto\u00dfen hatte, ist derzeit im Internet nicht zu finden, weil Marc Wiese im Juli dieses Jahres eine einstweilige Verf\u00fcgung erwirken konnte: Der Wochenzeitung war ein Falschzitat unterlaufen, das den Eindruck erweckt habe, Wiese h\u00e4tte das Interview mit dem Guerillak\u00e4mpfer, mit dem Alvarez und Stormer gesprochen hatten, selbst gef\u00fchrt. Wiese hatte zwar seine Stimme \u00fcber das Interview gelegt, jedoch nicht explizit behauptet, dass er selbst bei dem Interview anwesend gewesen ist. Wiese sah durch diese Falschbehauptung seine Glaubw\u00fcrdigkeit als Filmemacher gef\u00e4hrdet. Eine Nebens\u00e4chlichkeit, die jedoch von <em>FAZ<\/em> and <em>SZ<\/em> in ihren Beitr\u00e4gen in den Mittelpunkt ger\u00fcckt wurde, und die von den eigentlichen Problemen des Dokumentarfilms ablenkte: die Gef\u00e4hrdung von Protagonisten und den Missbrauch von Schutzbed\u00fcrftigen. Juristisch ist der Gerichtsbeschluss wirksam. Wiese hatte sich auch gegen die Behauptung gewehrt, er habe ethisch fragw\u00fcrdig gearbeitet, Mitarbeiter oder Protagonisten in Gefahr gebracht. Das Gericht gab ihm jedoch in diesen Punkten nicht recht.<\/p>\n<p>Was bleibt? Marc Wiese soll sich nach dem Gerichtsbeschluss <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/die-zeit-marc-wiese-einstweilige-verfuegung-1.5340786\">laut <em>SZ<\/em><\/a> \u201esehr zufrieden\u201c gezeigt haben \u2013 weil seine Glaubw\u00fcrdigkeit als Filmemacher wieder hergestellt sei. Derweil geht der Drogenkrieg in den Philippinen weiter. Die \u00dcberlebenden von Polizeiexekutionen m\u00fcssen sich weiterhin an geheimen Orten verstecken, Menschenrechtsaktivisten werden mit dem Tod bedroht und ermordet, kritische Fernsehanstalten geschlossen.<\/p>\n<p>Sich in dieser Situation gegen einen deutschen Regisseur wehren zu m\u00fcssen, der ihre Rechte und Sicherheitsbedenken missachtet, war f\u00fcr die genannten Protagonisten eine zus\u00e4tzliche Belastung, wie die E-Mails und Briefe, die Carsten Stormer von ihnen erhalten hat, belegen. Sie sind fassungslos dar\u00fcber, dass ein Regisseur, der einen Film \u00fcber Menschrechtsverletzungen drehte, nichts Falsches darin sah, ihre Sicherheit f\u00fcr dramatischeres Storytelling und cineastische \u00c4sthetik zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p><\/body><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The documentary \u201eDie Unbeugsamen \u2013 Gef\u00e4hrdete Pressefreiheit auf den Philippinen\u201c (The Unyielding \u2013 Endangered Press Freedom in the Philippines) was nominated for the Grimme Prize in the spring. However, the film about the risky work of female journalists and human rights activists in the Southeast Asian country accepted the endangerment of some protagonists for more dramatic storytelling. 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