{"id":909,"date":"2019-05-07T07:56:00","date_gmt":"2019-05-07T07:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/verleihung-des-hansel-mieth-preises-2019\/"},"modified":"2025-12-19T17:17:04","modified_gmt":"2025-12-19T17:17:04","slug":"verleihung-des-hansel-mieth-preises-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/verleihung-des-hansel-mieth-preises-2019\/","title":{"rendered":"Verleihung des Hansel-Mieth-Preises 2019"},"content":{"rendered":"<p>Die diesj\u00e4hrige Hansel-Mieth-Preisverleihung stand im Zeichen des Gedenkens an Kim Wall, Preistr\u00e4gerin aus dem Jahr 2016, die ihre Leidenschaft als Reporterin mit ihrem Leben bezahlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schwedische Journalistin Kim Wall fand ihre Geschichten auf der ganzen Welt. Sie schrieb \u00fcber Folterkammern in Uganda. \u00dcber Voodoo-Rituale in Haiti. F\u00fcr ihre Recherche zu den Nachwirkungen der US-Atomtests auf den Marshall-Inseln erhielt sie, zusammen mit Jan Hendrik Hinzel und Coleen Jose, im Jahr 2016 den Hansel-Mieth-Preis digital. Sie solle vorsichtig sein, kein Risiko eingehen, warnten ihre Eltern immer wieder, wenn sie zu ihren Reisen aufbrach. Die Reporterin war erst 30 Jahre alt, als sie bei einer Recherche in einem U-Boot nahe ihrer Heimat in D\u00e4nemark auf grausame Weise get\u00f6tet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ingrid und Joachim Wall sind anl\u00e4sslich der Hansel-Mieth-Preisverleihung von Trelleborg in Schweden nach Fellbach gereist. \u201eWir wollen, dass unsere Tochter nicht als Opfer in Erinnerung bleibt, sondern als der besondere Mensch und die Ausnahmejournalistin, die sie war\u201c, sagten sie im Gespr\u00e4ch mit Moderator Jochen St\u00f6ckle, der durch den Abend f\u00fchrte. \u201eSie wollte die Probleme und Gedanken der kleinen Leute zur Sprache bringen. In jeder ihrer Arbeiten zeigt sich Kims \u00dcberzeugung, dass Journalistinnen raus in die Welt ziehen sollten.\u201c Zum Gedenken an Kim Walls Schaffen als Reporterin gr\u00fcndete ihre Familie den \u201eKim Wall Memorial Fund\u201c. Die Stiftung soll Journalistinnen aus aller Welt, die sich brisanten Recherchen widmen, mit Stipendien f\u00f6rdern. Was ihnen am Herzen liegt: \u201eSie sollen sich eine Versicherung leisten k\u00f6nnen und gute \u00dcbersetzer. Sie sollen keine unn\u00f6tigen Gefahren eingehen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ingrid und Joachim Wall wollen, dass ihre Tochter, als Reporterin, als Mensch, nicht in Vergessenheit ger\u00e4t. \u201eSolange jemand \u00fcber sie spricht, ist sie bei uns.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/hmp_2019.jpg\" alt=\"Verleihung des Hansel-Mieth-Preises 2019\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Rund 150 G\u00e4ste erlebten im Fellbacher Rathaus das bewegende B\u00fchnengespr\u00e4ch und die Verleihung des 21. Hansel-Mieth-Preises, der an den Fotografen Fotograf Federico Rios und den Reporter Jan Christoph Wiechmann f\u00fcr ihre Reportage \u201ePl\u00f6tzlich Frieden\u201c (<em>Geo<\/em>) ging. Sie handelt vom Ende der kolumbianischen Rebellentruppe FARC. Zum f\u00fcnften Mal wurde der Hansel-Mieth-Preises digital verliehen. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr der Reporter Marius M\u00fcnstermann und der Fotograf Christian Werner f\u00fcr ihre Reportage \u201eJagd auf die Holzmafia\u201c (<em>Spiegel digital<\/em>) \u00fcber illegale Holzf\u00e4ller in den Urw\u00e4ldern von Kambodscha und die unr\u00fchmliche Rolle der EU.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auszug aus der Laudatio von Michael Schmieder, Mitglied der Jury des Hansel-Mieth-Preises und Gr\u00fcnder des Schweizer Demenz-Wohnheims \u201eSonnweid\u201c:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWohl nicht ohne Hintergedanken haben mich Mitglieder von Zeitenspiegel angefragt, ob ich an der diesj\u00e4hrigen Verleihung des Hansel-Mieth-Preises die Laudatio halten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ganzen Diskussion um Wahrhaftigkeit und Wahrheit im Journalismus ist der \u201eLeser\u201c nicht ganz unbedeutend. Und als Vertreter der Leser in der Jury bedanke ich mich, die Preistr\u00e4ger ehren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hansel-Mieth-Preis Print geht 2019 an Jan Christoph Wiechmann und Federico Rios Escobar f\u00fcr die Reportage: \u201ePl\u00f6tzlich Frieden\u201c, erschienen im Magazin <em>Geo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ich an den Jurysitzungen teilnehme, gab es noch nie eine solche Eindeutigkeit in der Bewertung eines Beitrages. In Wort und Bild waren die Beurteilungen eindeutig. Und diese hervorragende Qualit\u00e4t zeichnet sich durch das Zusammenwirken von Wort und Bild aus. Das ist ganz gro\u00dfes Kino.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich liebe es, in Geschichten hineingezogen zu werden, in die Thematik, diese Faszination der Bilder, diese N\u00e4he, aber auch Distanz des Schreibenden und des Fotografen zu den Menschen, um die es in der Geschichte geht. Diese Distanz ist gewollt, sp\u00fcrbar, in hohem Ma\u00dfe professionell. Es ist nicht m\u00f6glich, Professionalit\u00e4t zu haben, wenn Distanz nicht gewahrt werden kann. Das ist vermutlich in allen Berufen so, die nahe am und nahe mit Menschen arbeiten. Das Leid, das Gl\u00fcck, die Krankheit, den Tod sehen, mitf\u00fchlen und dennoch anerkennen, dass es nicht das eigene Leid ist. Da treffen sich Journalisten und Krankenpfleger in gro\u00dfer \u00dcbereinstimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann sehe ich den Widerstreit zwischen der guten Geschichte und den realen Bedingungen, die oft herrschen. Die gute Geschichte beschreibt das Elend lesbar! Das ist der eine Aspekt. Der andere Aspekt stellt die Frage, welche Werte sich darstellen, was guter Journalismus darf, was nicht und was das Duo Wiechmann und Rios zu diesen Werten beitr\u00e4gt. Gen\u00fcgt es mir als Leser, gro\u00dfes Erz\u00e4hl- und Bilderkino geliefert zu bekommen? Oder gibt es noch andere Werte, die sich da in den Vordergrund schieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser will Authentizit\u00e4t, er will das Echte, Unverf\u00e4lschte. Er will keine T\u00e4uschung, keine F\u00e4lschung. Ich will mich darauf verlassen k\u00f6nnen, dass Bilder und Text authentisch sind, dass sie dort entstanden sind, wo vorgegeben wird, dass sie entstanden seien.<br>Das Duo Wiechmann und Rios hat alles, was als Grundlage einer Reportage gilt, erf\u00fcllt. Sie reisten innerhalb von 18 Monaten drei Mal ins schwer zug\u00e4ngliche Gebiet westlich von Medell\u00edn. Sie nahmen Fragen mit, auf die sie Antworten wollten. Sie wollten an der Schnittstelle zwischen Krieg und Frieden herausfinden, was mit den einzelnen Personen geschieht, davor und danach. Und sie w\u00e4hlten drei Personen aus, deren Schicksal beschrieben wird, jedes anders und doch immer im Kontext dieses weltpolitischen Ereignisses: Frieden nach 52 Jahren zwischen der FARC und dem Staat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden erz\u00e4hlen in Wort und Bild die kleinen Geschichten. An diesen lassen sich Auswirkungen aufzeigen, welche direkt den Menschen betreffen. Ihre Geschichten erheben sie aus der Menge, sie werden f\u00fcr uns fassbare Individuen mit all ihren eigenen Gef\u00fchlen und Spannungen. Hier schreiben die Kleinen die Geschichte, nicht die Gro\u00dfen. Hier werden Auswirkungen gezeigt, bis hin zu der Tatsache, dass eine Mutter im Dschungel ihr Kind nicht behalten darf. Das sind die Geschichten hinter der dort stattfindenden \u201eWeltgeschichte\u201c. Und doch stehen die drei Menschen mit ihren Geschichten auch exemplarisch f\u00fcr eine historische Entwicklung. Die Reporter nutzen die Geschichten, um Kollektives am Individuellen aufzuzeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wiechmann und Rios haben beide, jeder mit dem ihm eigenen Medium, eine sehr gute Reportage entwickelt, die alles in sich vereint, was ich als Leser von einer sehr guten Reportage erwarte: N\u00e4he und Distanz, kritischer Blick und Empathie, Mitleid mit den K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfern, ohne dabei die eigene Verantwortung der Einzelnen f\u00fcr ihr Tun au\u00dfer Acht zu lassen. Mit gro\u00dfer Liebe zu diesen Menschen geben Sie uns die M\u00f6glichkeit, dieses Einzigartige in jedem Einzelnen zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/hmp_2019_laudatio.jpg\" alt=\"Verleihung des Hansel-Mieth-Preises 2019\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der Hansel-Mieth-Preis digital geht an Marius M\u00fcnstermann und Christian Werner. Sie werden ausgezeichnet f\u00fcr ihren Beitrag \u201eJagd auf die Holzmafia\u201c, der im digitalen <em>Spiegel<\/em> erschienen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Momente, da hat man irgendwie genug von der dauernden Suche nach Ausgewogenheit, bei all dem was man liest, sieht oder selbst tut. Es gibt Momente, da wei\u00df man, dass es Engagement braucht, dass es nicht gen\u00fcgt, sich medienwirksam aufzuregen, Betroffenheit zu simulieren, immer alle Aspekte, auch die Argumente der anderen Seite, zu sehen und zu erw\u00e4hnen. Es gibt Momente, da scheint diese Neutralit\u00e4t fehl am Platz. Da ist auch der Wunsch nach dieser Ausgewogenheit fehl am Platz. Und dennoch muss eine Reportage umfassend recherchiert sein, darf den Leser nicht einfach in seinem Vorurteil best\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser Kolonne von Lastwagen, beladen mit illegal gef\u00e4lltem Holz, aufgef\u00e4delt wie an einer Schnur, von fremden M\u00e4chten gezogen, widerstehen Christian Werner und Marius M\u00fcnstermann dieser Einseitigkeit, dieser unprofessionellen Parteilichkeit schon zu Beginn,<br>Aber so fremd sind diese M\u00e4chte nicht, die Autoren wissen, wer sie sind, wo sie sind und wie sie ihre Macht ausbauen. Und sie wissen auch, dass gutgemeinte Vertr\u00e4ge der Europ\u00e4ischen Union dieser Holzmafia in die H\u00e4nde spielen und deren illegalem Tun letztendlich zu Legalit\u00e4t verhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal mehr ist gut gemeint nicht zwingend gut gemacht. Einmal mehr ist in dieser Reportage erkennbar, dass eine eindimensionale Betrachtung und Bewertung von Details durch die Europ\u00e4ische Union letztendlich den Blick auf das Ganze verhindert \u2013 und ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren, dass da Absicht dahinter liegen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der Verdienst der Aktivisten, aber auch der Autoren Marius M\u00fcnstermann und Christian Werner, das Werk der Holzmafia aus dem Zwielicht des Waldes ins Licht der \u00d6ffentlichkeit zu r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mich nicht als \u201eDigital Native\u201c bezeichnen. Dennoch interessiert mich die Digitale Reportage, welche die Printreportage erweitern kann und hier das auch tats\u00e4chlich tut. In dieser gemeinsamen Reportage von M\u00fcnstermann und Werner verschwinden die Trennungen zwischen Fotografie, Film und Text. Das St\u00fcck ist aus einem Guss, man sitzt gebannt vor dem Computer, und \u00fcberl\u00e4sst sich dem Werk. Man ist direkt in der Geschichte drin. Ich f\u00fchlte mich dort. Die Videosequenzen wirken authentisch, die Bilder f\u00fchren mich ins Geschehen.<br>Ich begleite die beiden, die wiederum die Protagonisten begleiten, auf ihrer Suche nach umfassenden Informationen. Ich kenne die Quellen, ich bin sozusagen Teil des Teams.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Christian Werner und Marius M\u00fcnstermann Partei ergreifen, hat mich nicht gest\u00f6rt. Sie haben recherchiert und davon berichtet und dann auch ihre Meinung kundgetan. Sie manipulieren nicht, sie lassen es mir offen, wie ich etwas bewerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies unterscheidet die engagierte Reportage von der plumpen Meinungsmache. Die Reporter m\u00fcssen die Materie durchdringen, bevor sie diese bewerten. Die andere Seite h\u00f6ren, Graut\u00f6ne erkennen, Schattierungen entdecken. Oder, wie Hansel Mieth das schon lange vor dem Internet formulierte: \u201eEs braucht f\u00fcr guten Journalismus die Begeisterung f\u00fcr das Thema, aber eben nicht nur Begeisterung, sondern auch das Handwerkzeug dazu: Begreifen und Werten der Zusammenh\u00e4nge, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr jeden gegebenen Fakt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die diesj\u00e4hrige Hansel-Mieth-Preisverleihung stand im Zeichen des Gedenkens an Kim Wall, Preistr\u00e4gerin aus dem Jahr 2016, die ihre Leidenschaft als Reporterin mit ihrem Leben bezahlte.<\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":910,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-909","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuell"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/909","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=909"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/909\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7942,"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/909\/revisions\/7942"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/910"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}