{"id":953,"date":"2018-06-04T13:15:00","date_gmt":"2018-06-04T13:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/stipendienvergabe-die-lobrede\/"},"modified":"2025-12-22T15:13:47","modified_gmt":"2025-12-22T15:13:47","slug":"stipendienvergabe-die-lobrede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/stipendienvergabe-die-lobrede\/","title":{"rendered":"Stipendienvergabe: die Lobrede"},"content":{"rendered":"<p><em>Sabine Gruber | Foto: Frank Brunner<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am ersten Juni wurden die Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendien von Zeitenspiegel Reportagen vergeben. Daher ver\u00f6ffentlichen wir an dieser Stelle gern die Laudation, welche dieses Jahr die Schriftstellerin Sabine Gruber hielt:<\/p>\n\n\n\n<p>Verehrte Preistr\u00e4ger und Preistr\u00e4gerinnen, liebe Beatrix, liebe Familienmitglieder und Freunde von Gabriel, verehrte Anwesende!<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nahezu ein halbes Leben vergangen, seit ich hier in Mals im Vinschgau Zeit mit meinem Jugendfreund Gabriel Gr\u00fcner verbracht habe. Selbst heute noch, 19 Jahre nach Gabriels fr\u00fchem Tod im Juni 1999, f\u00e4llt es mir nicht leicht, \u00fcber ihn und seine Arbeit \u00f6ffentlich zu sprechen. Erinnerungen sind zuweilen etwas sehr Privates und k\u00f6nnen von den Erinnerungen anderer Zeitgenossen und Zeitgenossinnen abweichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gabriel und ich hatten uns \u00fcber die Literatur kennengelernt. Er hatte als Schriftsteller begonnen, hatte schon in der Handelsschule Gedichte und Kurzgeschichten verfa\u00dft. Was uns aber noch mehr verband, waren die S\u00fcdtiroler Verh\u00e4ltnisse, aus denen wir kamen, die gemeinsame Suche nach einem Fluchtweg in die gro\u00dfe weite Welt, einem Fluchtweg \u00fcber die Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wird einer, was er ist? Diese Frage haben wir uns oft gestellt. Um zu verstehen, wie oder warum einer der geworden ist, der er ist\/der er war, kann es hilfreich sein, zu erfahren, woher er kommt, aus welcher Zeit, aus welchem Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lesen und das Schreiben waren unser Startkapital gewesen. Da\u00df ein junger Mann wie Gabriel sich f\u00fcr das Studium der Germanistik entschieden hatte, war bereits damals keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit gewesen. Damals wie heute war es vornehmlich eine von Frauen gew\u00e4hlte Studienrichtung, die kein besonders hohes Einkommen in Aussicht stellte. Geld war f\u00fcr uns\/war f\u00fcr Gabriel nicht wichtig, Statussymbole wie ein gro\u00dfes Auto oder Immobilien interessierten ihn nicht; er strebte nicht nach einem b\u00fcrgerlichen, abgesicherten Leben. Wer seine Wohnungen kannte, wei\u00df, da\u00df sie bis zuletzt den Charme einer Studentenbude gehabt hatten. Das h\u00e4tte sich nach der Geburt seines Sohnes Jakob vermutlich ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren generationsm\u00e4\u00dfig die Nach-68er, suchten uns an der Uni die aufgeschlossenen Professoren aus, mieden die Altnazis, die noch immer vor einem H\u00e4ufchen Ewiggestriger ihre Vorlesungen hielten. Wir waren politisiert, sozial und kritisch, engagierten uns in der linken S\u00fcdtiroler Hochsch\u00fclerschaft, schrieben f\u00fcr deren Zeitschrift \u201eSkolast\u201c; wir halfen t\u00fcrkischen Einwandererkindern bei ihren Aufgaben und gingen in die Schulsprechstunden, weil deren M\u00fctter Analphabetinnen waren und kaum Deutsch sprachen. Und wir demonstrierten gegen das Atomwaffendepot der NATO in Natz-Schabs bei Brixen, gegen die Stationierung von Kurzstreckenraketen w\u00e4hrend des Kalten Krieges in Italien, unserer \u201eHeimat\u201c. Wir w\u00e4hlten die Neue Linke von Alexander Langer, sympathisierten mit Berlinguers PCI und polemisierten gegen die Politik der ethnischen Trennung, gegen den rechten Fl\u00fcgel der S\u00fcdtiroler Volkspartei, der noch 1979 mit dem Slogan \u201eJe klarer wir trennen, desto besser verstehen wir uns\u201c Wahlwerbung gemacht hatte.<br>Wir lasen den Spiegel, das Popkultur-Magazin Spex, das Satire-Magazin Titanic, B\u00fccher von Uwe Johnson, Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Christa Wolf und Wolfang Koeppen. Die Liste lie\u00dfe sich fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren also die Nach-68er, f\u00fcr uns galt noch, was der in Wien lebende deutsche Germanist Helmut Lethen unl\u00e4ngst \u00fcber die 68er sagte: \u201eDie 68er-Bewegung war als Aufbruch ein Zeichen der Sehnsucht nach Welt. Das hie\u00df auch Solidarit\u00e4t mit K\u00e4mpfen von V\u00f6lkern in fremden L\u00e4ndern. Die Melodie dieser Sehnsucht war die Popkultur.\u201c (Falter 18\/18 S.35) Aus Gabriels Zimmer waren die Rolling Stones zu h\u00f6ren, Lou Reed, Eric Clapton, Bob Dylan, Peter Gabriel, Tom Waits, Sting, er schob aber auch Kassetten mit den Arbeitersongs von Billy Bragg und den politischen Liedern von Wolf Biermann in den Recorder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollten nach unserem Studium beide nicht nach S\u00fcdtirol zur\u00fcck, nach dem Biermann\u2019schen Motto \u201eNur wer sich \u00e4ndert, bleibt sich treu\u201c. \u201eZur\u00fcck\u201c h\u00e4tte bedeutet, in S\u00fcdtirol als Lehrer zu arbeiten oder f\u00fcr eine der Regionalzeitungen zu schreiben; es gab damals kaum unabh\u00e4ngige Medien, die alternative Verlagslandschaft war gerade erst im Aufbau begriffen. Das hie\u00df nicht, da\u00df uns unser Herkunftsland egal war. Gabriel liebte S\u00fcdtirol, liebte seine Familie, seine Freunde, sch\u00e4tze die, die vor Ort etwas zu ver\u00e4ndern trachteten. Wenn wir uns sp\u00e4ter zu Weihnachten in Meran oder Bozen trafen, wenn er mich in Venedig oder ich ihn in Hamburg besuchte, waren die S\u00fcdtiroler politischen und famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse immer Thema.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie also wird einer, was er ist? Wie wurde aus Gabriel ein Reporter beim Stern?<br>Als wir uns 1988 in Meran mit dem Kybernetiker Valentin von Breitenberg, dem Herausgeber einer Anthologie, trafen, und Gabriels Erz\u00e4hlung in Breitenbergs Kritik nicht gut wegkam, meinte Gabriel, als die T\u00fcr hinter uns zufiel, lapidar: \u201eDu wirst Schriftstellerin, und ich werde Journalist.\u201c Da waren wir 25. Er weigerte sich, die Erz\u00e4hlung zu \u00fcberarbeiten, zog seinen Text zur\u00fcck, obwohl er f\u00fcr sein literarisches Schreiben bereits Anerkennung, sogar einen Literaturpreis erhalten hatte.<br>Vier Jahre zuvor war sein Vater, der F\u00f6rster Volkmar Gr\u00fcner, im M\u00e4rz 1984 mit knapp 43 Jahren an Kehlkopfkrebs gestorben. Diese Z\u00e4sur hatte Gabriel gepr\u00e4gt, er f\u00fchlte sich, als \u00c4ltester von vier Geschwistern, fortan in die Rolle des Ersatzvaters gedr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus politischer \u00dcberzeugung verweigerte er den italienischen Wehrdienst, fand Wege, ihn \u00fcber eine Scheinanstellung in Berlin, zu umgehen. Er schrieb Mitte\/Ende der Achtziger Jahre verst\u00e4rkt f\u00fcr den Skolast \u00fcber interne Umstrukturierungen in der S\u00fcdtiroler Hochsch\u00fclerschaft, \u00fcber Diederich Diederichsens Sexbeat-Buch, \u00fcber 25 Jahre Rolling Stones, \u00fcber B\u00fccher von Rainald Goetz, Rolf Dieter Brinkmann, Norbert C. Kaser, Thomas Bernhard und Michael K\u00f6hlmeier, interviewte Wolf Biermann und den S\u00fcdtiroler Politiker Alexander Langer.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich Gabriel f\u00fcr die Henri-Nannen-Schule in Hamburg bewarb, tr\u00e4umte er von einer Stelle in der Feuilleton-Redaktion einer gro\u00dfen deutschen Zeitung. Von Sozialreportagen oder der Berichterstattung aus Kriegsgebieten war er noch weit entfernt gewesen. Dennoch war er damals schon jemand, der Oberfl\u00e4chlichkeit und vorschnelle ideologische Parteinahme ablehnte. Die aus Nicaragua zur\u00fcckkehrenden \u201erevolution\u00e4ren\u201c Studenten hatte er f\u00fcr ihre blinde Sandinisten-Liebe genauso bel\u00e4chelt wie jene Studienkollegen, welche Pal\u00e4stinensert\u00fccher getragen hatten, ohne sich mit dem Antisemitismus im Allgemeinen und in Tirol im Besonderen auseinanderzusetzen, ohne sich mit der Shoa und Pers\u00f6nlichkeiten wie dem S\u00fcdtiroler Deserteur Franz Thaler, der in Dachau und in dem Flossenb\u00fcrger Au\u00dfenlager Hersburg gewesen war, n\u00e4her besch\u00e4ftigt zu haben.<br>Ich sch\u00e4tzte Gabriel schon zu Studienzeiten f\u00fcr seine sprachliche Genauigkeit, sein historisches Wissen und sein politisches Differenzierungsverm\u00f6gen, F\u00e4higkeiten, die er sich bereits w\u00e4hrend des Studiums in Innsbruck angeeignet hatte, die aber auch das Ergebnis seiner Sozialisation waren.<br>Die Familiengeschichte seines Vaters verglich er \u00f6fters mit dem Schicksal der Buddenbrooks. Bei Thomas Mann wird der Niedergang einer gutsituierten hanseatischen Kaufmannsfamilie geschildert, die Gr\u00fcners waren einst eine angesehene, wohlhabende Apothekerfamilie in Mals gewesen, an die zuletzt nur noch die alten Glas- und Pipettenflaschen erinnerten, die Gabriel im Dachboden des alten Apothekerhauses in der General Ignaz Verdross Stra\u00dfe gefunden hatte. Seine Mutter Erika kam aus dem Ruhrgebiet, aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Darauf angesprochen, zitierte Gabriel gerne die ersten Zeilen des Gr\u00f6nemeyer-Liedes, die der Geburtsstadt seiner Mutter gewidmet sind \u201eTief im Westen, wo die Sonne verstaubt\/ist es besser,\/viel besser, als man glaubt (\u2026) Bochum, ich komm\u2018 aus dir\/Bochum\/ich h\u00e4ng\u2018 an dir\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das nicht einfache Leben mit einem F\u00f6rstervater, der immer wieder in andere Gegenden S\u00fcdtirols versetzt worden war und damit den Wohnortwechsel der gesamten Familie von Steinhaus im Ahrntal, nach Kiens im Pustertal und weiter nach Mals im Vinschgau nach sich gezogen hatte und einer in S\u00fcdtirol sich lange fremd f\u00fchlenden bundesdeutschen Mutter, hinterlie\u00dfen Spuren.<br>1983, als ich Gabriel zum ersten Mal bei seiner Familie in Kiens besuchte, versuchte er mich nachts, nachdem wir in Bruneck ein Open Air-Konzert besucht hatten, daran zu hindern, die K\u00fcche zu betreten, weil er nicht wollte, da\u00df ich seinem Vater begegnete, der an jenem Abend ein Glas zu viel getrunken hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mochte Volkmar, er hatte einen \u00e4hnlichen Humor wie Gabriel, ironisch, trocken &#8211; niemals lachte er auf Kosten von Schw\u00e4cheren.<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesen Lebenszusammenh\u00e4ngen ausgehend, verwundert es nicht, da\u00df Gabriel als Halbwaise, nach Abschlu\u00df der Journalistenschule in Hamburg, ein Angebot wie das vom Stern nicht hatte ausschlagen k\u00f6nnen. Er hatte sich nicht entschieden, Kriegsreporter oder Berichterstatter aus Krisengebieten zu werden, er war in diesen Beruf hineingerutscht. Nach dem Praktikum bei dem Wochenblatt DIE ZEIT hatte Gabriel noch gehofft, eine Stelle im dortigen Kulturresort zu bekommen. Er sei eben kein Hamburger, sagte er damals, ihm fehlten die n\u00f6tigen Kontakte.<\/p>\n\n\n\n<p>1994, Gabriel hatte bereits aus vielen Krisengebieten berichtet, bat ich ihn um Informationen f\u00fcr eine Romanfigur namens Denzel, die in Sarajewo von Heckensch\u00fctzen erschossen wird. Mich interessierten die Reaktionen der Kollegen in der Redaktion. Damals war gerade der Stern-Journalist Jochen Piest \u2013 er war auf den Tag genau ein halbes Jahr j\u00fcnger als Gabriel &#8211; kurz vor seinem 31. Geburtstag, nicht weit von Grosny entfernt, von einem tschetschenischen K\u00e4mpfer, der von einer entwendeten Lokomotive aus auf ein russisches Entminungsteam gefeuert hatte, t\u00f6dlich getroffen worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gabriel beantwortete meine Fragen via Fax, leider waren die Antworten schon vor ein paar Jahren nicht mehr lesbar gewesen. Sie sind aber, in leicht ver\u00e4nderter Form, in meinen Deb\u00fctroman Aush\u00e4usige eingeflossen; anbei ein Zitat aus der Perspektive des Journalisten Anton:<br>\u201eWissen Sie, keiner von uns wird in Kriegsgebiete geschickt, wenn er sich nicht freiwillig meldet. H\u00e4tte noch gefehlt, da\u00df er (der Chefredakteur, S.G.) erg\u00e4nzt: Nur Besonnene und Erfahrene. Alle im Haus wissen, da\u00df es Denzels zweite Auslandsreise war, da\u00df in der Sitzung so lange herumgefragt und Druck gemacht worden war, bis er Ja sagte. (\u2026) Ach Denzel(\u2026) Warum hast du diesen gebrauchten amerikanischen Stahlhelm nicht aufgesetzt? Warum lag er auf dem R\u00fccksitz? (\u2026) Sie begehen so viele Dummheiten, weil sie etwas Besonderes sein m\u00f6chten, kleine Helden unter Helden, auf Tuchf\u00fchlung mit dem Tod. (\u2026) Dabei war ich selbst mit einer Trans-All der Bundeswehr von Zagreb nach Sarajewo unterwegs gewesen, damals mit Christopher, einem amerikanischen, Libanon-erfahrenden Kriegsphotographen. Auf dem Flughafen habe ich einen norwegischen Offizier gefragt, ob man in die Stadt hineink\u00f6nne: Aber sicher, wenn Sie sich umbringen wollen. Vor dem Holiday-Inn-Hotel mu\u00dften wir mitansehen, wie einer amerikanischen Kamerafrau der Kiefer zerschossen wurde. Wir reisten sofort ab, zwei doppelte Whiskys im Blut. In der f\u00fcnf Kilometer langen Heckensch\u00fctzenallee zwischen Stadt und Flughafen schwor ich mir, in Zukunft nur noch \u00fcber Handkes Spazierg\u00e4nge zu schreiben.\u201c (Aush\u00e4usige, Ausz\u00fcge aus den Seiten 106-108 M\u00fcnchen: dtv 1999)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman war 3 Jahre vor Gabriels Tod erschienen, das darin angeschnittene Thema Kriegsreporter\/Kriegsreportage war \u2013 Schreiben als Angstbannung \u2013 auch meiner andauernden Sorge um Gabriel geschuldet. Wir schrieben uns bis zu seinem Tod Briefe, ich erfuhr viele Details aus seinem Berufsleben. So schrieb er mir am 5. September 1995 aus der irl\u00e4ndischen Kleinstadt Clifden: \u201eVor meinem Aufbruch nach Irland war ich zweimal hintereinander in Bosnien, Du wei\u00dft ja, das eine Mal wurde ich ausgeraubt, die Geschichte der 2. Reise ist noch immer nicht gedruckt worden\u2026 (Die Fotos seien sch\u00f6n, aber zu still. Solche Argumente mu\u00df man sich von den arroganten \u00c4rschen aus der Chefredaktion anh\u00f6ren. Was wissen die schon, wie anstrengend, gef\u00e4hrlich &amp; auslaugend eine Reise nach Bosnien ist? Die sitzen doch nur in ihren fetten BMWs oder Mercedes &amp; hauen jedes Wochenende gepflegt auf ihre Ferienvilla nach Sylt ab\u2026).\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe keine soziologischen Untersuchungen vorliegen, aus welchen Schichten Journalisten und Journalistinnen kommen, die in Kriegsgebieten unterwegs sind; aber meine Recherchen zum Roman Daldossi oder Das Leben des Augenblicks, der von Kriegsphotographen handelt, haben ergeben, da\u00df viele, sehr viele Reporter und Reporterinnen aus schwierigen und kleinen Verh\u00e4ltnissen kommen, da\u00df sie sich meist zuf\u00e4llig und nicht vors\u00e4tzlich, in Krisengebieten wiederfinden, in die sie dann immer tiefer vordringen, weil sie von den leidvollen Erfahrungen und Eindr\u00fccken \u00fcberw\u00e4ltigt, etwas f\u00fcr die Opfer tun wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem das Schicksal der Kinder war Gabriel nahegegangen: \u201eWir m\u00fcssen daran arbeiten, den Kindern des Krieges die Wiederkehr von Ha\u00df, Zerst\u00f6rung und Mord zu ersparen.\u201c schrieb er 1996 im Vorwort zum Katalog Kinder des Krieges Bilder aus Bosnien. Nicht zuf\u00e4llig handelte einer seiner ersten Stern-Artikel von den desastr\u00f6sen \u00dcberlebensverh\u00e4ltnissen der Bukarester Bahnhofskinder. Er, der gern lange schlief, hatte schon als Student sonntags um 7 Uhr fr\u00fch den vier anatolischen Immigrantenkindern die T\u00fcr zu unserer Studentenbude ge\u00f6ffnet, weil er es nicht \u00fcbers Herz brachte, sie l\u00e4nger in der K\u00e4lte warten zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Slavenka Drakuli?s Buch \u201eKeiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan\u201c erschien, war Gabriel bereits vier Jahre tot. Eine sozialistische Gesellschaft (und die nachfolgende nationalistische) kenne \u2013 so die kroatische Schriftstellerin &#8211; keine individuelle Verantwortung. Vor dem Fall der Enklave Srebrenica habe die serbische Propagandamaschinerie fast zehn Jahre lang Kroaten, Muslime und Albaner als Feinde d\u00e4monisiert. \u201eDer Fall Srebrenica und die nachfolgenden Massenmorde waren nur durch lange psychologische Vorbereitung m\u00f6glich.\u201c (S.93)<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich werde Ihnen jetzt keine sp\u00e4ten Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Verbrechen auf dem Balkan liefern. Drakuli? stellt sich die grundlegende Frage, warum der Nachbar pl\u00f6tzlich zum Feind wird \u2013 diese Frage haben Gabriel und ich oft diskutiert. Lange vor dem Krieg auf dem Balkan haben wir, gepr\u00e4gt von der ethnischen Trennungspolitik der Siebziger- und Achtziger Jahre in S\u00fcdtirol, uns \u00fcber die Auswirkungen einer ideologisch manipulierten Erinnerungskultur, \u00fcber nationale Stereotypen, \u00fcber verfestigte Vorstellungen, die deutschsprachige S\u00fcdtiroler \u00fcber die Italiener oder umgekehrt die Italiener \u00fcber die Deutschsprachigen haben, unterhalten. Wir haben dagegen polemisiert und angeschrieben. Das friedliche Zusammenleben in S\u00fcdtirol ist das Resultat einer m\u00fchsam erk\u00e4mpften Autonomie, die das Zusammenleben der Ethnien regelt. Es ist aber auch ein Ergebnis vieler Artikel und Interviews, in denen der Dialog gesucht und f\u00fcr mehr Eigenverantwortung geworben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Hypothesen sind nach dem Tod eines geliebten Menschen sinnlos, dennoch habe ich mich oft gefragt, was aus Gabriel geworden w\u00e4re, wenn er f\u00fcr ein gro\u00dfes deutsches Feuilleton h\u00e4tte schreiben d\u00fcrfen. Er w\u00e4re vermutlich noch am Leben. Wie h\u00e4tte es einer wie er in der sch\u00f6ngeistigen Zunft ausgehalten, unter all den eitlen Kritikern und Kritikerinnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens bei einer Wanderung in seiner alten Heimat, die ihn vielleicht am Saxalbhof auf 1363 Metern Meeresh\u00f6he vorbeigef\u00fchrt h\u00e4tte, w\u00e4re er wie die beiden jungen Preistr\u00e4gerinnen Greta Maurer und Lea Schrentewein vom Bozner Gymnasium Walter von der Vogelweide, mit Fortunat und Katrin Gurschler ins Gespr\u00e4ch gekommen und h\u00e4tte Katrin gefragt, wie das denn so sei als zugewanderte Deutsche auf dem abgelegenen S\u00fcdtiroler Bergbauernhof, oder er h\u00e4tte gefragt, was da im Garten w\u00e4chst. Mit Sicherheit h\u00e4tte er den kleinen Anton auf seine Spielzeugautos angesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wird einer, was er ist\/was er war? Ist er nicht schon, was er wird? Ist er nicht schon gewesen, was er geworden war? Ausgestattet mit einem Blick von unten, geschult an unz\u00e4hligen literarischen Texten, aber auch an den Schwierigkeiten einer vaterlosen Familie, an der Scham \u00fcber finanzielle Engp\u00e4sse, einer, der die Solidarit\u00e4t mit den Ausgebeuteten, Ausgegrenzten und vom Schicksal Benachteiligten miteinschlie\u00dft. Einer, der mitf\u00fchlt und deshalb nicht aufh\u00f6rt zu k\u00e4mpfen? Einer, der seinem Sohn Jakob, den er tragischer Weise nie kennenlernen durfte, einzig in der Zuneigung zu all den vielen Kindern, denen er schreibend weiteres Grauen zu ersparen w\u00fcnschte\/hoffte, seine Liebe zeigen konnte?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne die Biographien der beiden Journalisten, die das Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium erhalten, nicht, ich habe keine Ahnung, woher deren Parteinahme f\u00fcr die Schwachen r\u00fchrt, aber ich wei\u00df, da\u00df Marius M\u00fcnstermann und Christian Werner, die f\u00fcr eine fr\u00fchere Reportage \u00fcber indische Kinder, die sich in Minen abrackern, damit wir in unserer Komfortzone \u00fcber gl\u00e4nzende Autos und gl\u00e4nzende Lippenstifte verf\u00fcgen, den von Gabriel beschrittenen Weg fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir liegt ein mit dem Stern-Logo versehener, undatierter Brief: \u201eLiebste Schiwine\u201c, schrieb Gabriel, meinen Namen verballhornend, \u201ehier meine Afghanistan-Reportage. Du darfst 2x ergriffen schluchzen &amp; mir dann alles Gute in meinen Herzensangelegenheiten w\u00fcnschen. Dein Gabriel\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er wu\u00dfte, wie schwer es ist, mit Berichten \u00fcber Kriege und unf\u00e4hige Politiker Menschen aufzur\u00fctteln. Eine Sisyphos-Arbeit. Vielen reicht der Tellerrand oder der eigene Garten als Ausblick, es gen\u00fcgt ihnen, \u201e2x ergriffen (zu) schluchzen\u201c, um dann zur Tagesordnung \u00fcberzugehen.<br>Die Revolution in der Medienwelt wirkt sich verheerend auf die unabh\u00e4ngige, seri\u00f6se Berichterstattung aus. In den sozialen Netzwerken wird die fundierte Auseinandersetzung mehr und mehr zur Metakommunikation. Es dominieren die Kommentare zur Kritik, w\u00e4hrend die eigentlichen Artikel oft gar nicht gelesen oder blo\u00df angelesen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn Deutschland\u201c, so der Medienwissenschaftler Bernhard P\u00f6rksen in einem Interview, \u201ehaben wir doch nach wie vor gute Zeitungen, interessante, vielf\u00e4ltige Medien. Das heisst nicht, dass die nicht auch Fehler machen, Grenz\u00fcberschreitungen begehen, Kritik verdienen. Aber sie werden gebeutelt von einem fatalen Zusammenspiel von Refinanzierungskrise und Vertrauenskrise. Das ist ja die ungel\u00f6ste Ein-Millionen-Euro-Frage. Wie kann man Qualit\u00e4t refinanzieren? Mit Dreck k\u00f6nnen Sie sehr viel Geld verdienen. Aber eben nicht mit Qualit\u00e4t, die ist teuer in der Produktion.\u201c (Falter 19\/18, S.28)<br>Damit so hervorragende junge Journalisten und Photographen wie Marius M\u00fcnstermann und Christian Werner eine hochwertige Qualit\u00e4tsreportage \u00fcber den Kampf um den begehrten Thunfisch vor der westafrikanischen K\u00fcste liefern k\u00f6nnen, bedarf es jedoch nicht nur finanzieller Mittel, sondern auch des Mutes und der \u00dcberzeugung, da\u00df es sich lohnt, an der Seite von Meeressch\u00fctzern wie den radikalen Umweltaktivisten Sea Shepherd f\u00fcr eine bessere, eine gerechtere Welt zu k\u00e4mpfen.<br>Denn nur durch Aufkl\u00e4rung, durch Empathie mit den Rechtlosen, den gewaltsam Unterdr\u00fcckten, im Kampf gegen die Ausbeuter, die Seer\u00e4uber und Menschenr\u00e4uber erlangen wir ein anderes, kritisches, politisches Bewu\u00dftsein, werden wir, was die meisten von uns noch nicht sind: ergriffene Leser und Leserinnen mit Ver\u00e4nderungswillen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gratuliere Ihnen, Marius M\u00fcnstermann und Christian Werner, sehr herzlich zum Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendium 2018 und w\u00fcnsche ihnen alles Gute bei ihren Recherchen vor der K\u00fcste Gabuns und alles Gute in ihren \u2013 wie Gabriel sagen w\u00fcrde &#8211; \u201eHerzensangelegenheiten\u201c. Passen Sie auf sich auf!<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>Sabine Gruber | Foto: Frank Brunner<\/em><\/p>\n<p>Am ersten Juni wurden die Gabriel-Gr\u00fcner-Stipendien von Zeitenspiegel Reportagen vergeben. 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