{"id":962,"date":"2018-05-06T09:50:00","date_gmt":"2018-05-06T09:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/aktuelles\/hansel-mieth-preis-die-festrede\/"},"modified":"2025-12-19T17:21:36","modified_gmt":"2025-12-19T17:21:36","slug":"hansel-mieth-preis-die-festrede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/aktuell\/hansel-mieth-preis-die-festrede\/","title":{"rendered":"Hansel-Mieth-Preis: Die Festrede"},"content":{"rendered":"<p>Vortrag von Anton Hunger anl\u00e4sslich der Verleihung der Hansel-Mieth-Preise am 3. Mai 2018 in Fellbach.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eJournalismus als Kitt der Gesellschaft\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Verehrte Frau Oberb\u00fcrgermeisterin Zull, gesch\u00e4tzte Preistr\u00e4ger, liebe Ausrichter des Hansel-Mieth-Preises von der Agentur Zeitenspiegel, verehrte G\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>In Berlin gibt es eine noble Bar, die den Ruf hat, eine Institution zu sein. In ihr verkehren karrierebewusste Jungpolitiker, halbseidene wie ordentliche Gesch\u00e4ftsleute, bonuserpichte Finanzjongleure, deutungsverliebte Intellektuelle, Damen des gehobenen wie des gefallenen Standes \u2013 und Journalisten jeden Standes. Insgesamt also eine Gesellschaft von Interesse.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Barkeeper war sich \u00fcber all die Jahre seiner Stellung bewusst, die Bude war schlie\u00dflich immer voll und alle wollten ja etwas von ihm. Er hat Bestellungen nicht einfach angenommen, er hat sich dazu herabgelassen. Seine Arroganz verspr\u00fchte er wie einen unsichtbaren Nebel \u00fcber die durstigen Seelen, die ihn bitten mussten. Das gab dem Treiben in der Bar einen gleichsam exklusiven wie elit\u00e4ren Glanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber irgendwann war der Barkeeper wie ausgewechselt. Er war unerwartet h\u00f6flich, fragte den Gast nach seinem Befinden, schenkte den Gin beim Gin Tonic gro\u00dfz\u00fcgiger ein und fragte hinterher, ob es noch ein Espresso auf Rechnung des Hauses sein d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Was war geschehen? Was hat die eindrucksvolle Mutation des Barkeepers vom Saulus zum Paulus bewirkt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz einfach \u2013 die Bar war nicht mehr rappelvoll, nicht etwa an einem Tag in der Woche, nein, sie g\u00e4hnte an allen Tagen die gedr\u00fcckte Stimmung eines nicht ausverkauften Theaters. Nicht, dass es nicht mehr chic gewesen w\u00e4re, diese Institution heimzusuchen. Nein, die Leute hatten einfach weniger Geld im Beutel. Es war Rezession. Die Gesch\u00e4fte liefen schlecht und die Boni waren gestrichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz offensichtlich hat so ein wirtschaftlicher Niedergang auch seine Vorteile \u2013 jedenfalls f\u00fcr die verbliebenen G\u00e4ste in der Bar. Und man k\u00f6nnte meinen, die neu erwachte Kundenorientierung tauge ganz selbstverst\u00e4ndlich auch als Modell f\u00fcr andere Gesch\u00e4ftszweige.<\/p>\n\n\n\n<p>Das aber ist ein Irrtum, jedenfalls im Zeitungsgesch\u00e4ft. Anstatt dem Leser in Zeiten schwindender Auflagen ein zus\u00e4tzliches Bonbon mitzugeben, nimmt man ihm etwas weg und verd\u00fcnnt die Ausgaben. Anstatt die Journalisten ordentlich zu bezahlen, k\u00fcrzt man ihre Geh\u00e4lter. Anstatt gute Reporter zu f\u00f6rdern, findet man sich mit weniger gut recherchierten Geschichten ab. Und anstatt Anzeigenkunden die Werbewirkung und gesellschaftliche Relevanz einer gut gemachten Zeitung oder Zeitschrift zu vermitteln, macht man ihnen unanst\u00e4ndige Angebote, die letztlich das Gesch\u00e4ftsmodell der Verlage und die Bedeutung von Qualit\u00e4ts-Journalismus f\u00fcr die Gesellschaft gef\u00e4hrden. Der Barkeeper in Berlin scheint kl\u00fcger zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich wei\u00df, es ist alles nicht so einfach. Der Kapitalismus hat schlie\u00dflich seine eigenen Gesetze. Und das wichtigste Gesetz lautet, dass bei Misserfolg die Sanktion der Pleite droht. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Verlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn das Zeitungsgesch\u00e4ft schw\u00e4chelt, warum kaufen dann reiche Leute Verlage? Weil sie g\u00fcnstig zu haben sind? Diese Antwort w\u00e4re zu billig. Wer kauft schon etwas, an das diejenigen, die es verkaufen, selbst nicht mehr glauben? Es passiert trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst k\u00fcrzlich hat ein solventer Biotech-Investor die renommierte \u201eLos Angeles Times\u201c erworben. Warren Buffet, der sein sagenhaftes Verm\u00f6gen mit dem Kauf und Verkauf von Aktienpaketen gemehrt hat, besitzt inzwischen ein Imperium von \u00fcber 70 Tageszeitungen in den USA. Jeff Bezos, der steinreiche Gr\u00fcnder von Amazon, hat sich die \u201eWashington Post\u201c gekrallt. Bernard Arnault, der mit Louis Vuitton und Dior reich wurde, reihte die Wirtschaftszeitung \u201eLes Echo\u201c und vor kurzem die Boulevardzeitung \u201eLe Parisien\u201c in sein Reich ein. Der R\u00fcstungsindustrielle Serge Dassault hat das Sagen beim \u201eFigaro\u201c, der Erotik-Anbieter Xavier Niel bei der politisch einflussreichen \u201eLe Monde\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich erkaufen sich die vermeintlich selbstlosen Milliard\u00e4re mit Zeitungen Einfluss. Wer mir jetzt aber fl\u00fcstern will, dass sogenannte unabh\u00e4ngige Zeitungen ohne Einfluss ihres Eigent\u00fcmers erscheinen, den frage ich doch mal ganz scheinheilig, warum der \u201eHandelsblatt\u201c-Chef Gabor Steingart, der Prototyp eines Alpha-Journalisten, vor kurzem \u00fcber Nacht gefeuert wurde? Und warum man die wahren Gr\u00fcnde \u00fcber diesen \u00dcberraschungscoup des Verlegers Holtzbrinck im \u201eHandelsblatt\u201c nicht lesen konnte? Den frage ich noch scheinheiliger: Wer denn schon mal in der prononciert die Welt erkl\u00e4renden \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c die kritische Geschichte \u00fcber die S\u00fcdwestdeutsche Medienholding und ihren Oberchef Richard Rebmann gelesen hat? Die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c geh\u00f6rt ja zur S\u00fcdwestdeutschen Medienholding genauso wie das Gespann \u201eStuttgarter Zeitung\/Stuttgarter Nachrichten\u201c. Nein, das w\u00e4re in der Tat zu viel verlangt. Das Damoklesschwert einer sofortigen Entlassung hinge da an einem sehr d\u00fcnnen Faden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn es ketzerisch klingt: Die Geldmagnaten kaufen Zeitungen nicht wegen des Einflusses auf die Berichterstattung, der die Bl\u00e4tter schnell ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit beraubt, wenn er zu offensichtlich w\u00fcrde. Nein, sie erkaufen sich mit Zeitungen Ansehen. Mit Yachten und Privatflugzeugen funktioniert das nicht, diese Spielzeuge erregen allenfalls Neid.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man mit eigener intellektueller Anstrengung keine Chance auf die Aufnahme in die Acad\u00e9mie francaise hat, dient eine eigene Zeitung als idealer Ersatz. Mit einer eigenen Zeitung ist man im erlauchten Kreis der Geisteselite angekommen. Bewunderung ist einem sicher. Die Zeitung ist ganz offensichtlich ein Statussymbol.<\/p>\n\n\n\n<p>Frank Schirrmacher, der verstorbene ehemalige Mitherausgeber der \u201eFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u201c, brachte es einmal auf den Punkt. Ich zitiere: \u201eWir, die Qualit\u00e4tszeitungen, waren der zweite Markt f\u00fcr Intellektuelle au\u00dferhalb der Universit\u00e4t und wir haben auch viele Redakteure und freie Mitarbeiter, die auch an der Universit\u00e4t h\u00e4tten arbeiten k\u00f6nnen \u2026 Eine geistige akademische Welt kann ohne Qualit\u00e4tsmedien gar nicht existieren.\u201c Zitat Ende. Wenn das kein Ritterschlag f\u00fcr den journalistischen Beruf ist? Einige reiche Leute haben das scheinbar begriffen: Sie schm\u00fccken sich mit etwas, das sie sichtbar mit der akademischen Welt vereint.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn dem aber so ist, dann fragt man sich doch unwillk\u00fcrlich, warum viele Menschen eine so schlechte Meinung von unserer Presse haben? Warum die Medienkrise Journalisten l\u00e4hmt, anstatt sie anzuspornen. Und warum Verleger mit br\u00e4sigem Gesichtsausdruck und einem Weltuntergangstremolo in der Stimme der Menschheit tagaus, tagein verk\u00fcnden, dass Print keine Zukunft habe? Und sich dann wundern, dass Leser irritiert sind und sich Anzeigenkunden abwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort auf diesen Tr\u00fcbsinn ist simpel: Wir haben, so scheint es, den Glauben an das verloren, was wir tun. Auch an das, was unser gesellschaftlicher Auftrag ist. Ja, an das, was die Gesellschaft von uns erwartet, was ein Gemeinwesen zusammenh\u00e4lt. Guter Journalismus ist der Kitt einer Gesellschaft in demokratisch verfassten L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir aber glauben nicht mehr an das, woran offensichtlich reiche Leute glauben: Dass wir \u2013 bei aller berechtigten Medienkritik \u2013 beim Publikum angesehen sind und dass dieses Ansehen etwas wert ist. Wir sollten wieder lernen, stolz auf unseren Beruf zu sein und uns nicht tagt\u00e4glich und vor aller \u00d6ffentlichkeit die Wunden lecken. Das interessiert n\u00e4mlich niemanden. Was interessiert ist das, was Shimon Peres, der greise Ex-Pr\u00e4sident des Staates Israel, so treffend \u00fcber unser Gewerbe sagte: \u201eIch habe in meinem Leben viele Geheimdienstberichte gelesen, aber Zeitungsartikel finde ich informativer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Von den \u201eL\u00fcgenpresse\u201c-Schreiern haben wir nichts zu erwarten, sie haben uns abgeschrieben. F\u00fcr sie sind wir die \u201eL\u00fcgenpresse\u201c, weil wir nicht schreiben, was sie an kruden Vorstellungen der Welt vermittelt sehen wollen. Das Wort \u201eL\u00fcgenpresse\u201c ist die aggressivste Auspr\u00e4gung f\u00fcr die Generalschuld der Medien an allem, was einem nicht passt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Begriff \u201eL\u00fcgenpresse\u201c k\u00f6nnen wir abstreifen, er kommt aus der Schmuddelecke. Aber steckt hinter dem Vorwurf nicht doch ein K\u00f6rnchen Wahrheit? Wenn wir uns das in einigen gesellschaftlichen Schichten gesch\u00e4tzte gute Ansehen bewahren wollen, m\u00fcssen wir dann nicht auch das eine und andere von dem \u00fcberdenken, wie wir arbeiten?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es stimmt: Journalisten sind nicht immer so aufkl\u00e4rerisch unterwegs, wie sie es oftmals behaupten. Geringsch\u00e4tzung und \u00dcberheblichkeit zeichnen mitunter ihre Texte aus. Viele von ihnen sind im Austeilen Champions-League, im Einstecken allenfalls Kreisliga. Und manche von ihnen haben auch jeden Sinn f\u00fcr Sprache verloren. Jedenfalls war ich doch ziemlich konsterniert, als ein digitalvernarrter Berufskollege seine T\u00e4tigkeit mit folgenden Worten beschrieb: \u201eUnsere Tools bringen Meinung direkt in den Content.\u201c Da entgleitet einem doch glatt die Sprache f\u00fcr eine passende Antwort. Wenn das unsere Jobbeschreibung ist, die wir auch noch vermitteln wollen, dann nimmt uns tats\u00e4chlich niemand mehr ernst.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich nicht <em>die<\/em> Journalisten, so wenig wie es <em>die<\/em> Politiker oder <em>die<\/em> Klempner oder <em>die<\/em> Busfahrer gibt. Die Charaktere sind in allen Jobs so ziemlich gleich verteilt. Der Unterschied liegt woanders: Bei Klempnern oder Busfahrern ist es ziemlich egal, was sie f\u00fcr einen Charakter haben. Ihr Charakter wirkt sich nicht erkennbar auf die Qualit\u00e4t ihrer Arbeit aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht aber bei Journalisten. Wer schreibt, kann seinen Charakter nicht ausblenden. Wer zur Niedertracht neigt, schreibt anders, als der, der breitbeinig die Welt erkl\u00e4ren will. Wer analytisch arbeitet und zur Selbstkritik f\u00e4hig ist, schreibt erhellender, als der, der an Verschw\u00f6rungstheorien glaubt. Bei Journalisten kommt es auf die Geisteshaltung an, auch auf die Geisteshaltung, die sie gegen\u00fcber ihrem Beruf einnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesch\u00e4ftsmodell des Journalismus ist in der \u00f6konomischen Krise, in der die Verlage stecken, br\u00fcchig geworden. Der Kampf um Anzeigen und zahlende Leser ist h\u00e4rter geworden und man glaubt, verlorengegangenes Terrain wieder zur\u00fcckgewinnen zu k\u00f6nnen, wenn man die Inhalte unterhaltsam pr\u00e4sentiert, wenn man sich der Boulevardisierung und der Skandalisierung verschreibt. Die Schwelle der Relevanz, was man ver\u00f6ffentlichen sollte, ist ganz offensichtlich gesunken. Die Folge ist eine Entpolitisierung. Aus Journalismus wird dann schnell eine Kultur des Spektakels, aus Nachricht Unterhaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Donald Trump ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie man aus der Entpolitisierung des Journalismus Profit schlagen kann, wenn dieses Symptom gleichsam auf aggressiven Populismus trifft. Sein Aufstieg zeigt die Schw\u00e4che des klassischen Journalismus und beweist, wozu eine solche Entpolitisierung f\u00fchren kann. Ich hoffe nach wie vor, dass dies auf Dauer eine Fehleinsch\u00e4tzung sein wird: Man sollte auch im Zeitalter der Gef\u00fchlsschleudern Twitter, Facebook und Instagram, in denen die Erregung der Normalzustand ist, das Publikum und seine Anspr\u00fcche nicht untersch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Hoffnung ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Sie ist gut begr\u00fcndet und sie hat einen Namen: Hansel-Mieth-Preis! Heute wird er zum 20. Mal verliehen \u2013 heute, am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit. Was f\u00fcr eine Koinzidenz der Ereignisse! Der Tag erinnert an das Hambacher Fest heute vor 186 Jahren, zu dem Journalisten einluden und deshalb im Gef\u00e4ngnis landeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hochachtung gilt deshalb gerade im Jubil\u00e4umsjahr dem Zeitenspiegel-Gr\u00fcnder Uli Reinhardt, der den Preis ins Leben gerufen hat. Seiner Beharrlichkeit und seiner Wertsch\u00e4tzung gegen\u00fcber verantwortlichem Journalismus ist es zu verdanken, dass dieser Preis heute zu den renommiertesten Auszeichnungen unseres Berufsstandes z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hansel-Mieth-Preis zeichnet jedes Jahr die zehn besten deutschsprachigen Reportagen in Text und Bild aus. Es sind engagierte Reportagen, die gl\u00e4nzend geschrieben, zum Nachdenken anregen und Betroffenheit ausl\u00f6sen \u2013 ohne erhobenen Zeigefinger und ohne zu missionieren. Eingereicht werden Geschichten, die zum Besten z\u00e4hlen, was mutiger, guter Journalismus vermag. Es sind Reportagen, die aufw\u00fchlen. Die Juroren, die in der ersten Liga der Zunft spielen, fragen beispielsweise, ob die Reportage im Umgang mit den beschriebenen Menschen vom Geist des Humanismus getragen ist, ob die Metaphorik stimmt, die Wortwahl originell ist und ob sich die beiden erz\u00e4hlerischen Sprachen, n\u00e4mlich Bild und Wort, vertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie machen es sich nicht leicht, sie k\u00e4mpfen. Und sie lassen sich von Argumenten \u00fcberzeugen. Bei einer der letzten Sitzungen bekannte das Jury-Mitglied Alexander Smoltczyk vom \u201eSpiegel\u201c freim\u00fctig: \u201eBeim zweiten Lesen sch\u00e4mte ich mich f\u00fcr meinen ersten Eindruck.\u201c Das spricht mehr als jede andere Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Geist der Jury.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung des Hansel-Mieth-Preises liegt vor allem darin, dass er sich als \u201ekleiner\u201c Preis der Reportage-Agentur Zeitenspiegel nicht vor den \u201egro\u00dfen\u201c Preisen der Verlagskonzerne verstecken muss. So gesehen ist er ein gro\u00dfer Preis \u2013 ein ganz gro\u00dfer sogar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Stadt Fellbach diese Veranstaltung durchf\u00fchrt und den Festakt ausrichtet, daf\u00fcr danke ich Ihnen, verehrte Frau Oberb\u00fcrgermeisterin Zull, im Namen der Zeitenspiegel-Verantwortlichen von ganzem Herzen. Es war und ist uns immer wieder eine Ehre, erst recht im Jubil\u00e4umsjahr. Und ganz unbescheiden darf ich hinzuf\u00fcgen: Ich glaube, es ist auch f\u00fcr Sie und die Stadt eine gro\u00dfe Ehre.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Remstal verlie\u00df Hansel Mieth 1930, gerade 21 Jahre jung, mit ihrem sp\u00e4teren Mann Otto H\u00e4gele. Ihr unbestechlicher Seismograph signalisierte ihr fr\u00fch, was im zunehmend nazistisch werdenden Deutschland wohl auf sie zukommen k\u00f6nnte. Sie schipperten in das Sehnsuchtsland USA, wo sie sich als Tagel\u00f6hner auf Farmen durchschlagen mussten. Hansel Mieth besann sich dort aber schnell ihrer Profession und fotografierte das Leben ihrer Leidensgenossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von da an drehte sich das Schicksal. Die Intensit\u00e4t ihrer Fotos war wohl ausschlaggebend, dass sie als erste Frau eine Festanstellung bei dem ber\u00fchmten Magazin \u201eLife\u201c erhielt, dem damaligen Olymp der journalistischen Fotografie. \u201eIhre Fotos\u201c, so beschrieb es Uli Reinhardt einmal, \u201ewaren und sind eine Zierde der Reportage-Fotografie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe eingangs den Journalismus als \u201eKitt der Gesellschaft\u201c bezeichnet. Im Angesicht von \u201efake news\u201c und der inzwischen erreichten Hoff\u00e4higkeit von \u201ealternativen Fakten\u201c ist das sicherlich ein Euphemismus. Gerade deshalb brauchen wir guten Journalismus im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Korruption, im intellektuellen Streit um Wahrheit und L\u00fcge. Dazu braucht\u00b4s weder H\u00e4me noch zur Schau getragene Besserwisserei. Dazu braucht\u00b4s einfach ein Gef\u00fchl f\u00fcr Wahrhaftigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit ich wieder bei dem Preis w\u00e4re, mit dem heute Autoren und Bildjournalisten im Geist von Hansel Mieth ausgezeichnet werden. Sie sind mutig, sie verlassen die eingetretenen Trampelpfade und halten die Fahne der Wahrhaftigkeit hoch. Feiglinge k\u00f6nnen weder gut schreiben noch gut fotografieren. Wenn Texte und Bilder nur ein bisschen besser sein sollen als die gemeinhin handwerklich passable Arbeit, muss man ins Risiko gehen. Das ist der Grund, weshalb gute Journalisten der \u201eKitt der Gesellschaft\u201c sind. Sie erbringen die Leistung, oftmals unter Einsatz des eigenen Lebens, die letztlich dazu f\u00fchrt, dass wir bei vielen Menschen noch immer gut angesehen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Um zu erfassen, was der \u201eEinsatz des eigenen Lebens\u201c hei\u00dft, muss man nicht einmal den Blick in die Kriegsgebiete richten. Ich darf \u2013 gerade an dieser Stelle \u2013 an den aktuellen Fall des Todes der schwedischen Journalistin Kim Wall erinnern, die f\u00fcr eine Reportage \u00fcber den d\u00e4nischen Exzentriker Peter Madson auf seinem U-Boot in der Ostsee von ihm ermordet, zerst\u00fcckelt und ins Meer geworfen wurde. Vor zwei Jahren war Kim Wall hier in Fellbach und hat den Hansel-Mieth-Preis digital entgegengenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kim Wall wollte nicht mehr und nicht weniger als besser sein. Sie ging ins Risiko, um eine Leistung zu erbringen, die dem Journalismus ein gutes Ansehen verschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Haltung muss uns alle antreiben, daran m\u00fcssen wir arbeiten. Das Ansehen k\u00f6nnen wir uns n\u00e4mlich nicht nur erhalten, sondern k\u00f6nnen es noch steigern, wenn unsere Zunft dem Leser und dem Bild-Betrachter gegen\u00fcber mehr Respekt erweisen w\u00fcrde \u2013 wenn das Publikum und seine Anspr\u00fcche nicht untersch\u00e4tzt w\u00fcrde. So, wie es die Journalisten und Journalistinnen, die heute ausgezeichnet werden, tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei, ganz nebenbei, das Wort \u201eW\u00fcrde\u201c nicht nur zum Konjunktiv taugt.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/image\/2\/0\/120\/5\/media\/images\/hmp2018_cudo-dreesmann.jpg\" alt=\"Hansel-Mieth-Preis Festrede 2018\"\/><br \/><em>Anton Hungers Festrede beim Hansel-Mieth-Preis 2018<br \/>\n(c) Udo Dreesmann<\/em><\/p>\n<p>Vortrag von Anton Hunger anl\u00e4sslich der Verleihung der Hansel-Mieth-Preise am 3. 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