{"id":6195,"date":"2025-09-17T14:00:31","date_gmt":"2025-09-17T14:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/?post_type=projekte&#038;p=6195"},"modified":"2025-09-17T14:00:52","modified_gmt":"2025-09-17T14:00:52","slug":"wildes-kuestenland-artikel","status":"publish","type":"projekte","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/projekte\/wildes-kuestenland\/wildes-kuestenland-artikel\/","title":{"rendered":"Wildes K\u00fcstenland Artikel"},"content":{"rendered":"<p>Erschienen in &#8222;natur&#8220; 07\/19<\/p>\n\n\n\n<p>Von Fotograf&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/fotografen\/rainer-kwiotek\/\">Rainer Kwiotek<\/a>&nbsp;and author&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/authors-2\/rike-uhlenkamp\/\">Rike Uhlenkamp<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wo einst Soldaten patrouillierten, melden sich heute Neunt\u00f6ter, Wasserb\u00fcffel und Seeadler zum Dienst. Sie bev\u00f6lkern die wildsch\u00f6nen Naturparadiese entlang der K\u00fcste Mecklenburg- Vorpommerns \u2013 am besten besucht man sie per Kutsche oder Kajak.<\/p>\n\n\n\n<p>Wildes K\u00fcstenland Wo einst Soldaten patrouillierten, melden sich heute Neunt\u00f6ter, Wasserb\u00fcffel und Seeadler zum Dienst. Sie bev\u00f6lkern die wildsch\u00f6nen Naturparadiese entlang der K\u00fcste Mecklenburg-Vorpommerns \u2013 am besten besucht man sie per Kutsche oder Kajak<\/p>\n\n\n\n<p>Seine sch\u00f6nsten Kindheitserinnerungen hat Herbert Bannow an die Tage, an denen er mit seinen Schulkameraden und den Lehrern ein St\u00fcck Land betreten durften, das f\u00fcr sie sonst Sperrgebiet war: die Halbinsel Wustrow. Umsp\u00fclt von der Ostsee auf der einen, vom flachen Wasser des Salzhaffs auf der anderen Seite und nur \u00fcber eine schmale Landzunge mit dem kleinen Ostseebad Rerik verbunden, war Wustrow ab 1949 St\u00fctzpunkt der Roten Armee. Etwa 3000 Soldaten und ihre Familien lebten hier. Nur selten, zu russischen Feiertagen, luden sie die Nachbarn vom Festland zu sich ein. \u201eWir sangen russische Lieder und bekamen Kakao und Bonbons geschenkt. Die gab es ja sonst nicht\u201c, erinnert sich Bannow, mittlerweile 54 Jahre alt. Mit seinem Planwagen kutschiert er inzwischen mehrmals die Woche Besucher wie uns \u00fcber die rund 1000 Hektar gro\u00dfe Insel \u2013 vorbei an den Ruinen einer Wohnsiedlung, durch das Landschafts- und Naturschutzgebiet, zum bauf\u00e4lligen Flughafen-Tower, zum verlassenen Strand an der Ostsee. Wegen ihr, der Ostsee, wegen der wei\u00dfen Sandstr\u00e4nde und der zahlreichen Seeb\u00e4der entlang ihrer K\u00fcste str\u00f6mten schon zu DDR-Zeiten Jahr f\u00fcr Jahr Millionen Touristen ans Meer und auf die Ostseeinseln. Doch wie Wustrow, gelegen zwischen Wismar und Rostock, waren damals gro\u00dfe Teile der K\u00fcstenlinie Mecklenburg-Vorpommerns Sperrgebiet. Die Ostsee markierte die n\u00f6rdliche Staatsgrenze der DDR. Nur an ausgewiesenen Strandabschnitten durften Einheimische und Besucher baden. Sich mit der Luftmatratze auf das Meer hinaustreiben zu lassen oder gar eine Bootstour zu unternehmen, war undenkbar. Zu kurz ist der Weg nach Schleswig-Holstein im Westen oder D\u00e4nemark im Norden. Ist man an der ostdeutschen K\u00fcste unterwegs, zeigt sich, auch 30 Jahre nach dem Mauerfall, immer wieder ihre bewegte Vergangenheit. In gr\u00fcnen Naturoasen, die auf ehemals abgesperrten Gebieten entstanden sind, in den Gespr\u00e4chen mit den Menschen und auf dem Schild, das an einem Tor am Ende der Zufahrtsstra\u00dfe von Rerik nach Wustrow h\u00e4ngt. Doch die blecherne Tafel, auf der \u201eLebensgefahr \u2013 Betreten strengstens verboten\u201c prangt, ist kein Relikt aus vergangener Zeit, die Worte gelten den heutigen Besuchern. Auch Jahrzehnte nach dem Abzug des russischen Milit\u00e4rs bleibt die \u201everbotene Insel\u201c gesperrt. Nur weil wir auf Bannows Wagen sitzen, l\u00e4sst uns der Wachmann passieren. Der Kutscher hat die Erlaubnis vom Eigent\u00fcmer der Halbinsel. 1998 kaufte der Immobilienunternehmer Anno August Jagdfeld die Insel von der Treuhand. Ein Drittel der Fl\u00e4che wurde von Munition befreit. Ein Hotel, Ferien- und Eigentumswohnungen, ein Golfplatz, ein Reiterhof und eine Marina sollten in bester Seelage entstehen. Das 750 Hektar gro\u00dfe Naturschutzgebiet im hinteren Teil der Insel w\u00e4re davon unber\u00fchrt geblieben. Doch in Rerik regte sich Widerstand gegen diese Pl\u00e4ne. Jeglicher Verkehr nach Wustrow muss durch das kleine \u00d6rtchen. Die Bewohner bef\u00fcrchteten, dass Touristen- und Autostr\u00f6me ihren Ort lahmlegen w\u00fcrden. 2003 sperrte die Stadt die Zufahrtsstra\u00dfe zur Halbinsel. Als Reaktion darauf verbot Jagdfeld wenig sp\u00e4ter allen den Zutritt. Bannow schnalzt laut, zieht an der Leine. Vincent und Siggi, zwei S\u00fcddeutsche Kaltbl\u00fcter, reagieren und ziehen den Planwagen weiter nach rechts. Seine Touren sind beliebt. \u201eWustrow durfte so lange nicht betreten werden, jetzt wollen viele wissen, wie es hier aussieht\u201c, sagt Bannow. Neben ihm, vom Kutschbock, habe ich den besten Blick auf die H\u00e4user einer ehemaligen Wohnsiedlung. Errichtet von den Nazis, die vor der russischen Besetzung auf Wustrow Deutschlands gr\u00f6\u00dfte Flakartillerieschule betrieben, verteilen sich die etwa 90 Geb\u00e4ude auf dem vorderen Teil der Insel. Die Natur erobert Ruinen Gab es hier einst Gesch\u00e4fte, eine Grundschule und ein Kino, ist in die verlassenen Gem\u00e4uer \u00fcber die Jahre die Natur eingezogen. B\u00e4ume sind auf die H\u00e4user gest\u00fcrzt, aus zerborstenen Fenstern rankt Gestr\u00fcpp, Ziegel wurden von den D\u00e4chern gefegt. Nahezu ungest\u00f6rt vom Menschen ist die gesamte Halbinsel ein Eldorado f\u00fcr Pflanzen und Tiere. An einigen Stellen gedeiht die in Deutschland stark gef\u00e4hrdete Stranddistel, Rotwild stapft durch die dichten B\u00fcsche, Neunt\u00f6ter, Sperbergrasm\u00fccken und etwa 90 weitere Brutvogelarten leben im Naturschutzgebiet. Nach zweieinhalb Stunden ist unsere Reise in die Vergangenheit beendet; Bannow ruckelt mit dem Planwagen zur\u00fcck gen Rerik. Auf dem Weg durch den Ort zeugen Schilder in Vorg\u00e4rten vom anhaltenden Protest der Bewohner gegen den Ausbau der Insel. \u201eWir&nbsp;haben unsere Pl\u00e4ne ge\u00e4ndert. Auf Marina und Golfplatz verzichten wir,&nbsp;das Hotel wird mit 60 Zimmern deutlich kleiner und auch die Zahl der&nbsp;Wohneinheiten haben wir&nbsp;reduziert. Es wird eine kleinteilige, nachhaltige und behutsame Entwicklung sein\u201c, beteuert Christian Pl\u00f6ger, Sprecher der Jagdfeld-Gruppe. Das sei auch eine Reaktion auf die Kritik. Wie es mit Wustrow weitergeht? Ungewiss. Eines ist sicher, die Touristen werden auch ohne die Ferienanlage kommen. Mit etwa 1700 Kilometer Ostseek\u00fcste, Seenlandschaften und den historischen Hansest\u00e4dten war Mecklenburg-Vorpommern 2018 das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Den gr\u00f6\u00dften Zuwachs an \u00dcbernachtungsg\u00e4sten in dem Bundesland gab es dabei auf der zweiten Halbinsel unserer Reise: Fischland-Dar\u00df-Zingst. Etwa 100 Kilometer \u00f6stlich von Rerik ist die Halbinsel eine der sonnenreichsten Regionen Deutschlands. Doch nicht nur das Wetter lockt die Besucher, sondern vor allem die wilde Natur, die sich hier dank des letzten Beschlusses der DDR-Regierung ausbreiten kann. Am 12. September 1990 wurde die Errichtung von f\u00fcnf Nationalparks, drei Naturparks und sechs Biosph\u00e4renreservaten auf dem Gebiet der entstehenden neuen Bundesl\u00e4nder besiegelt. Darunter auch der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Auf \u00fcber 800 Quadratkilometern breitet er sich auf der Halbinsel, \u00fcber die Ostsee, die Boddengew\u00e4sser, die Insel Hiddensee bis zur Westk\u00fcste R\u00fcgens aus. Wind und Welle bauen neues Land Auch der Dar\u00dfwald im Westen der Insel ist Teil des Nationalparks. Als wir durch die gr\u00fcne Welt aus Buchen, Kiefern und Adlerfarn spazieren, k\u00f6nnen wir uns kaum vorstellen, dass nur wenige hundert Meter weiter die Wellen der Ostsee auf einen der sch\u00f6nsten Str\u00e4nde Deutschlands treffen: den 14 Kilometer langen wilden Weststrand. An ihm erkennt man die Kraft der Natur. Tag f\u00fcr Tag entrei\u00dft ihm das Meer Sand, tr\u00e4gt ihn mit der Str\u00f6mung entlang der K\u00fcstenlinie gen Norden, um ihn an ihrer Spitze, dem Dar\u00dfer Ort und \u00f6stlich davon, wieder abzulegen. Aus Sandb\u00e4nken und D\u00fcnen entsteht neues Land. Selbst gro\u00dfe Teile des Dar\u00dfwaldes sind durch diese Naturgewalt geboren. Nachdem der Wald in der DDR als Staatsjagdgebiet diente und lange Zeit schnellwachsende B\u00e4ume aufgeforstet wurden, wird er heute komplett sich selbst \u00fcberlassen. An anderen Stellen der Halbinsel und des Nationalparks wird hingegen bewusst in die Natur eingegriffen. Schafe weiden auf Deichen, treten sie fest und sch\u00fctzen so vor Deichbruch und Hochwasser. Rinder grasen auf Gr\u00fcnfl\u00e4chen. F\u00fcr viele dieser tierischen Landschaftspfleger ist Thomas M\u00f6hring zust\u00e4ndig. Der 49-J\u00e4hrige ist Tierproduktionschef&nbsp;von Gut Dar\u00df, einem \u00d6kolandwirtschaftsbetrieb, der insgesamt 4500 Hektar auf der Halbinsel bewirtschaftet. Knapp die H\u00e4lfte davon liegt im Bereich des Nationalparks. Bei der Pflege der Fl\u00e4chen ist der Betrieb eingeschr\u00e4nkt: von den strengen Auflagen des Nationalparks und \u2013 auch au\u00dferhalb der Naturschutzgrenze \u2013 vom feuchten Gel\u00e4nde. Neben den 4500 Rindern und 2000 Schafen setzt das Gut deshalb auf Wasserb\u00fcffel. \u201eKomm auf keine bl\u00f6den Ideen!\u201c, zischt M\u00f6hring einen der dunklen Kolosse an, der wenige Zentimeter vor dem Kotfl\u00fcgel seines nagelneuen Gel\u00e4ndewagens steht. \u201eWasserb\u00fcffel haben ihren eigenen Kopf und sind stur.\u201c Mit der Gewissheit, dass er im Zweifel keine Chance gegen das neugierige Tier h\u00e4tte, erhebt er mahnend den Zeigefinger. Der B\u00fcffel r\u00fcckt vom Auto ab. Von 17 Tieren im Jahr 2007 ist der Bestand inzwischen auf \u00fcber 300 Tiere angewachsen. \u201eDie Beweidungsfl\u00e4che f\u00fcr Wasserb\u00fcffel nimmt zu, da auf dem Dar\u00df viele Renaturierungs- und R\u00fcckdeichungsprojekte geplant sind\u201c, erkl\u00e4rt M\u00f6hring. Die Tiere gehen dorthin, wo normale Rinder freiwillig keine Klaue hinsetzen w\u00fcrden: \u201eDie B\u00fcffel suchen f\u00f6rmlich nach den besonders feuchten Stellen und gehen richtig ins Wasser rein.\u201c Auf immer wieder \u00fcberfluteten Fl\u00e4chen fressen sie am liebsten das frische Jungschilf. Nach und nach befreien sie so ganze Areale von dem R\u00f6hricht und schaffen die Grundlage f\u00fcr die an der K\u00fcste typischen Salzgraswiesen: ein Paradies f\u00fcr viele Bodenbr\u00fcter wie Seeschwalben und Alpenstrandl\u00e4ufer. Einzigartige Kaltwasserlagunen Das Gut Dar\u00df hat sich auch auf die zunehmende Anzahl der Touristen eingestellt. Es gibt einen Kletterwald, ein Hofcaf\u00e9, im Hofladen wird Rind-, Lamm- und B\u00fcffelfleisch verkauft und Besucher k\u00f6nnen in der Saison t\u00e4glich an einer Hoff\u00fchrung teilnehmen. \u201eViele Menschen, vor allem die aus der Stadt, wissen gar nicht mehr, wie Landwirtschaft \u00fcberhaupt funktioniert. Das wollen wir \u00e4ndern\u201c, sagt M\u00f6hring. Fr\u00fcher h\u00fctete der gelernte Sch\u00e4fer seine Tiere oft nahe der deutsch-deutschen Grenze. Doch \u201eR\u00fcbermachen\u201c wollte er nie. \u201eIch war zwar nicht in der Partei, aber schon \u00fcberzeugter Sozialist\u201c, sagt M\u00f6hring. Obwohl er, als die Mauer fiel, im brandenburgischen Landkreis Prignitz direkt an der Grenze lebte, wartete er mehr als ein halbes Jahr, bis er in den Westen fuhr. Sein \u201eBegr\u00fc\u00dfungsgeld\u201c holte er nie ab. Schlie\u00dflich schloss er Frieden mit dem Ende der DDR, arbeitete \u2013 dank der neuen Reisefreiheit \u2013 als Sch\u00e4fer in Neuseeland und als Gaucho in Uruguay. Seit 2009 ist er beim Gut Dar\u00df. M\u00f6hrings wasserliebende B\u00fcffel passen perfekt in die Region. Der Nationalpark hat auch abseits der Ostseek\u00fcste viele wasserreiche Gebiete. Alleine 300 Kilometer entfallen auf die Ufer der Boddenkette. Das sind flachere K\u00fcstengew\u00e4sser, die sich zwischen das Festland und die langgezogene Halbinsel quetschen. Am Bodstedter Bodden, unweit von Gut Dar\u00df, herrscht eine mystische Stille, als wir in unsere Kajaks steigen. Zusammen mit Henrik Schmidtbauer, der seit \u00fcber zehn Jahren Touren auf dem Wasser anbietet, wollen wir die Landschaft erkunden. \u201eDie Bezeichnung Bodden kommt von Boden\u201c, erkl\u00e4rt er. \u201eAls die Bodden noch st\u00e4rker von dem frischen Wasser aus der Ostsee durchstr\u00f6mt wurden, konnte man den Grund noch besser sehen.\u201c Einst war Fischland-Dar\u00df-Zingst keine Halbinsel, sondern bestand aus drei voneinander getrennten Inseln. Durch Seegatts, schmale Zug\u00e4nge, mischte sich das Wasser aus Ostsee und Bodden. Stetig angesp\u00fclter Sand und Sturmfluten schlossen die Durchl\u00e4sse. Nur noch ganz im Osten der Halbinsel gibt es heute eine kleine Verbindung zur Ostsee. Aus den Bodden wurden so die weltweit einzigen Kaltwasserlagunen. Der geringe Austausch mit dem ohnehin salz\u00e4rmeren Brackwasser der Ostsee lie\u00df sie vers\u00fc\u00dfen: Heimat f\u00fcr eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Au\u00dfer unseren Paddelschl\u00e4gen auf dem Wasser gibt es im Lagunenparadies nur eine andere Art der \u201eRuhest\u00f6rung\u201c: das Schreien und Singen der V\u00f6gel. Schrille, laute Rufe eines Kiebitzes hallen \u00fcber den Bodden, einige Wei\u00dfwangeng\u00e4nse, arktische G\u00e4ste, eine Rohrweihe und Kraniche \u00fcberfliegen uns. Die Kraniche sind die heimlichen Stars der Region. Natur- und Vogelinteressierte str\u00f6men im Herbst vor allem ihretwegen in den Nationalpark. Zus\u00e4tzlich zu den wenigen dauerhaft hier lebenden Exemplaren kommen dann Zehntausende der gefiederten Tiere und rasten auf dem Weg in ihre Winterquartiere auf den flachen Boddengew\u00e4ssern. \u201eMein Liebling ist aber der Seeadler\u201c, sagt Schmidtbauer. Mehrmals ersp\u00e4hen wir den riesigen Greifvogel bei unserer Tour. \u201eMit ihm und mit den Kegelrobben leben Deutschlands gr\u00f6\u00dfte Raubtiere in der Luft und im Wasser bei uns\u201c, sagt der 56-J\u00e4hrige ein wenig stolz. Die gesch\u00fctzten Gew\u00e4sser der Bodden gelten auch als Kinderstube vieler Fische. In ihnen leben Brasse und Barsch, Aal und Zander. Mitte der 80er Jahre verliebte Schmidtbauer sich bei einem Fahrradurlaub in die Gegend und in seine Frau, zog aus der N\u00e4he von Rostock zu ihr auf die Halbinsel. Viele G\u00e4ste, die bei ihm einen Ausflug buchen, sind nicht zum ersten Mal hier und einige kennen ihn noch von fr\u00fcher. Er arbeitet schon lange im Tourismus. Direkt nach der Wende fing er bei der Kurverwaltung des Ostseebades Prerow an, war sp\u00e4ter ihr Co-Direktor. Nach einem schweren Fallschirm-Unfall gr\u00fcndete er 2008 sein Einmann-Outdoorunternehmen \u201eIch wei\u00df, was es bedeutet, am Leben zu sein, und genie\u00dfe umso mehr Momente wie diesen\u201c, sagt Schmidtbauer. \u201eIm Kajak bist du mit deinem Hintern im Element und bekommst alles mit, was das Wasser mit dir machen will.\u201c Da der starke S\u00fcdwest-Wind das Wasser in den vergangenen Tagen aus der Lagune gedr\u00fcckt hat und sie dadurch an einigen Stellen f\u00fcr uns und die Kajaks zu flach ist, m\u00fcssen wir auf dem Weg zum benachbarten Bodden einen kleinen Umweg paddeln. Doch Henrik Schmidtbauer und wir haben keine Eile. \u201eIch freue mich, wenn wir eine Strecke schaffen, aber genauso gerne sitze ich mit meinen G\u00e4sten mitten auf dem Wasser. Sie sollen sich der Weite auf dem Bodden \u00f6ffnen, hinh\u00f6ren, die Augen schlie\u00dfen.\u201c Noch gut erinnert sich Schmidtbauer, wie gro\u00dfe Teile der Halbinsel zum Nationalpark wurden. Waren die Z\u00e4une der Grenzgebiete und Sperrzonen gerade gefallen, gab es bald neue Regeln f\u00fcr das Betreten der Kernzone des Nationalparks und das Befahren der Gew\u00e4sser. \u201eDas war und ist f\u00fcr die Natur nat\u00fcrlich toll, aber nach den 40 Jahren, in denen die Menschen eingesperrt waren, kamen die Verbote nicht gut an.\u201c Statt mit dem erhobenen Zeigefinger zu mahnen, will er seine G\u00e4ste die Natur f\u00fchlen lassen, ihnen ihre Sch\u00f6nheit zeigen. \u201eWir sch\u00fctzen nur, was wir lieben.\u201c Ich nehme das Paddel aus dem Wasser, lege es quer vor mich auf das Kajak. Das Boot schaukelt auf und ab. Als ich meine Augen wenige Momente sp\u00e4ter wieder \u00f6ffne, hat die Sonne den Himmel in ein violettes Farbenmeer verwandelt. Schmidtbauer hat seine Mission erf\u00fcllt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in &#8222;natur&#8220; 07\/19 Von Fotograf&nbsp;Rainer Kwiotek&nbsp;und Autorin&nbsp;Rike Uhlenkamp Wo einst Soldaten patrouillierten, melden sich heute Neunt\u00f6ter, Wasserb\u00fcffel und Seeadler zum Dienst. Sie bev\u00f6lkern die wildsch\u00f6nen Naturparadiese entlang der K\u00fcste Mecklenburg- Vorpommerns \u2013 am besten besucht man sie per Kutsche oder Kajak. 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