{"id":6509,"date":"2025-10-08T15:08:14","date_gmt":"2025-10-08T15:08:14","guid":{"rendered":"http:\/\/relaunch2025.zeitenspiegel.de\/?post_type=projekte&#038;p=6509"},"modified":"2025-10-16T10:17:54","modified_gmt":"2025-10-16T10:17:54","slug":"ballet-der-traeume-artikel","status":"publish","type":"projekte","link":"https:\/\/www.zeitenspiegel.de\/en\/projekte\/ballett-der-traeume\/ballet-der-traeume-artikel\/","title":{"rendered":"Ballett der Tr\u00e4ume &#8211; Artikel"},"content":{"rendered":"<p>In Peru ist Ballett f\u00fcr viele Kinder unerreichbar. Doch die ehemalige T\u00e4nzerin Maricarmen Silva unterrichtet alle \u2013 egal, ob arm, k\u00f6rperlich eingeschr\u00e4nkt oder talentiert. Ihre Ballettschule schenkt Gemeinschaft, Hoffnung und manchmal sogar Medaillen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Text: Rike Uhlenkamp\/\/ Fotos: Rainer Kwiotek<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br>Heute darf Charlyn Salar bei den Gro\u00dfen mitmachen. Die Zehnj\u00e4hrige, die ihre Haare zu einem strengen Dutt gebunden hat, blickt aufgeregt in den Raum. Etwa ein Dutzend T\u00e4nzerinnen, ein paar Jahre \u00e4lter, w\u00e4rmen sich auf. Sie sitzen auf dem Boden, dehnen ihre Beine, \u00fcben vorm Spiegel ihre Armhaltung. Charlyn streift die Jogginghose ab, zieht Gymnastikschuhe \u00fcber die Leggings und stellt sich an einen der freien Pl\u00e4tze an den Holzbarren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir fangen an!\u201c, ruft Ballettlehrerin Maricarmen Silva energisch. Drau\u00dfen senkt sich die D\u00e4mmerung \u00fcber Lima. \u201eIn die f\u00fcnfte Position.\u201c Aus dem Lautsprecher erklingt ein Viervierteltakt. \u201e\u00c9chapp\u00e9. Jetzt Ferse, Spitze \u2013 schlie\u00dfen. Grad stehen. Nach hinten beugen \u2013 mit Kraft! Mehr Kraft!\u201c Leise streifen die Schl\u00e4ppchen der Sch\u00fclerinnen \u00fcber den Boden. \u201eNach vorne, nach au\u00dfen und pli\u00e9\u201c, weist Silva an. \u201eGut so, Charlyn!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch m\u00f6chte sie fordern\u201c, erkl\u00e4rt die 61-j\u00e4hrige Silva nach dem Unterricht. \u201eDamit sie bereit ist f\u00fcr ihren ersten gro\u00dfen Auftritt.\u201c In einigen Monaten sollen Charlyn, ihre Freundin Flavia und der neunj\u00e4hrige Dali nach Cartagena in Kolumbien reisen, um als neues junges Tanztrio die Ballettschule bei einem internationalen Wettbewerb zu vertreten. Eine gro\u00dfe Chance \u2013 die f\u00fcr Charlyn ohne ihre Lehrerin unerreichbar w\u00e4re.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denn in&nbsp;<\/strong><strong>Peru, wo Kunst ein Luxus der Oberschicht ist, bleibt vielen Kindern der Weg ins klassische Ballett versperrt<\/strong><strong>. Sie k\u00f6nnen sich weder Tanzstunden, noch Tutus oder Trainingskost\u00fcme leisten.<\/strong>&nbsp;Ihr Leben ist eher von Armut und Kriminalit\u00e4t statt von Klassik und Kultur gepr\u00e4gt. Die&nbsp;einstige Primaballerina&nbsp;<strong>Maricarmen Silva will das \u00e4ndern. Mehr als 70 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler unterrichtet sie in ihrer Schule \u201e<em>Ballett de Maricarmen\u201c<\/em><\/strong>. Hier z\u00e4hlt nicht der Geldbeutel, der perfekte K\u00f6rper oder die Herkunft, sondern Hingabe und Disziplin. Die M\u00e4dchen und Jungen lernen&nbsp;Schritte, Spr\u00fcnge, Pirouetten \u2013 sie&nbsp;gewinnen Selbstvertrauen, Perspektiven und trauen sich zu tr\u00e4umen.<strong>&nbsp;<\/strong><strong>&nbsp;<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFr\u00fcher war ich oft hibbelig\u201c, erz\u00e4hlt Charlyn. In der Schule, bei den Hausaufgaben, in der Kirche stillzusitzen, das f\u00e4llt dem M\u00e4dchen bis heute schwer. \u201eDoch sobald ich tanze, beruhige ich mich\u201c, sagt sie. Ballett schenkt Charlyn Selbstvertrauen, auf die Anweisungen von Silva kann sie sich konzentrieren und sie umsetzen. \u201eIch bin schon so viel besser geworden\u201c, freut sie sich. \u201eWie gerne w\u00fcrde ich das auf der B\u00fchne zeigen!\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Charlyn w\u00e4chst in einem der \u00e4rmeren Viertel der peruanischen Millionenmetropole auf. Der Verdienst ihrer Eltern ist knapp. Es reicht f\u00fcr Essen, wenige Kleidung, wichtige Hygieneartikel. F\u00fcr ein teures Hobby wie Ballett nicht. Silva schenkte dem M\u00e4dchen gebrauchte R\u00f6cke, Schuhe, einen Rucksack und trainiert sie seit drei Jahren kostenlos. Jeden Dienstag- und Donnerstagabend f\u00e4hrt Charlyn mit dem Bus eine halbe Stunde zum Proberaum in eine Pfarrei in Miraflores, einem wohlhabenderen Stadtteil Limas. Dort trifft sie M\u00e4dchen und Jungen aus anderen \u00e4rmeren Bezirken,&nbsp;Kinder venezolanischer Migranten und T\u00f6chter von Diplomaten, die&nbsp;in der Nachbarschaft der Kirchengemeinde leben. Familien, die es sich leisten k\u00f6nnen, zahlen f\u00fcr den Unterricht, finanzieren so die Stunden f\u00fcr Kinder wie Charlyn. Silva arbeitet umsonst. \u201eUns ist egal, wo die andere wohnt und wie viel Geld die Eltern haben\u201c, sagt Charlyn. \u201eAllen tun die Spitzenschuhe doch gleich doll weh.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Lehrerin stand in solchen selbst zum ersten Mal mit zw\u00f6lf. Sie begleitete Mutter und Schwester zum Ballett \u2013 beide h\u00f6rten wieder auf, Maricarmen Silva blieb. Nach dem Abitur wollte sie T\u00e4nzerin werden. DerVater bestand auf ein Studium. \u201eEin Semester nur, damit ich\u2019s nicht bereue\u201c, sagt Silva.&nbsp;Trotz Bestnoten&nbsp;brach sie ab, wurde Teil des ersten Ensembles des st\u00e4dtischen Balletts in Lima, tanzte Hauptrollen in Schwanensee, Don Quijote, Dornr\u00f6schen. Mit Mitte Zwanzig&nbsp;folgte sie dem Ruf an die&nbsp;Nationaloper in Chile.&nbsp;\u201eIch bewies, dass ich es auch im Ausland schaffen kann\u201c, sagt Silva. \u201eUnd hatte alles erreicht, was ich wollte\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kehrte nach Peru zur\u00fcck, wurde schwanger und lie\u00df sich kurz nach der Geburt offiziell als Tanzlehrerin zertifizieren. Zun\u00e4chst unterrichtete sie im Haus ihres Schwiegervaters die Kinder von Freundinnen, sp\u00e4ter bot sie Stunden an Schulen und Gemeindezentren in ganz Lima an. Auch ihre Zwillingst\u00f6chter tanzten mit. Eine der beiden war mit einer Fehlstellung des linken Beines geboren worden, Silva half ihr mit speziellen Ballett\u00fcbungen. Das sprach sich rum. Nach und nach nahm sie immer mehr Kinder mit k\u00f6rperlichen und geistigen Beeintr\u00e4chtigungen auf:&nbsp;M\u00e4dchen und Jungen mit Zerebralparese, Trisomie 21 und Autismus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKlar wollte ich fr\u00fcher perfekte Ballerinas ausbilden\u201c, sagt Silva. \u201eAber ich verstand, dass meine Berufung woanders liegt.\u201c Viele Tanzzentren lehnten Kinder aufgrund ihres K\u00f6rpers oder bisherigen K\u00f6nnens ab. \u201eDer typische K\u00f6rperbau peruanischer M\u00e4dchen passt nicht zum Ideal einer Ballettt\u00e4nzerin: kurze H\u00e4lse und Arme, kleine Statur\u201c, erkl\u00e4rt Silva. \u201eAber das ist doch keine H\u00fcrde f\u00fcrs Tanzen.\u201c Bei ihr bekommen alle eine Chance: die&nbsp;Kleineren, die F\u00fclligen, solche mit Konzentrationsproblemen.&nbsp;Manchen gilt das als T\u00e4uschung. \u201eIch mache ihnen nichts vor\u201c, sagt Silva. \u201eIch zeige, was mit Disziplin, \u00dcbung und Leidenschaft m\u00f6glich ist. Sicher wird nicht jede Primaballerina \u2013 aber vielleicht Choreografin oder Tanzlehrerin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine von Silvas \u00e4lteren Sch\u00fclerinnen, die 16-j\u00e4hrige Nicole Chavez, geht diesen Weg schon. \u201eIhr m\u00fcsst alles bis in die Zehen strecken\u201c, ruft sie und schiebt ihr rechtes Bein zur Seite. Die M\u00e4dchen vor ihr, F\u00fcnf- bis Siebenj\u00e4hrige in rosa oder wei\u00dfen R\u00f6cken, machen es ihr nach. Seit f\u00fcnf Jahren gibt Nicole hier im Jugendzentrum jeden Samstagmorgen Ballettstunden, im Stockwerk darunter unterrichtet Silva eine zweite Gruppe. \u00dcber die umliegenden H\u00fcgel erstreckt sich der Stadtteil San Genaro \u2013 ein karges Meer aus Holz, Wellblech und Staub, durchkreuzt von wenigen Stra\u00dfen und steilen Treppen. Am Kopf einer solchen lebt Nicole, zusammen mit ihrer Schwester, dem Bruder und den Eltern. Hunderte Stufen m\u00fcssen sie t\u00e4glich nach der Schule, der Arbeit oder mit den Eink\u00e4ufen zum kleinen selbstgezimmerten H\u00e4uschen hinaufklettern.&nbsp;Flie\u00dfend Wasser gibt es keines, zweimal die Woche wird ein gro\u00dfer Tank in der Nachbarschaft gef\u00fcllt, vom dem sich alle Bewohner versorgen. Vor allem in der Nacht wird es in den Gassen San Genaros gef\u00e4hrlich: Drogen,&nbsp;Raub\u00fcberf\u00e4lle, sogar Morde.&nbsp;Klassik und Tanz \u2013 sie scheinen sehr fern.&nbsp;\u201eDoch wir bringen das Ballett hierher\u201c, erkl\u00e4rt Nicole.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ehrenamtliche Unterrichten macht der drahtigen Jugendlichen Spa\u00df. Sie m\u00f6chte sich damit auch bei ihrer Lehrerin revanchieren. Ihr verdankt sie viel. Vor sechs Jahren hatte Nicole pl\u00f6tzlich blaue Flecken, Zahnfleischbluten, f\u00fchlte sich schwach. Ihre Mutter rief aus Verzweiflung bei Silva an. \u201eIch schickte sie sofort zum Arzt\u201c, erinnert sich die Ballettlehrerin. Er stellte eine Autoimmunerkrankung fest, die die Blutpl\u00e4ttchen angreift und zu starken inneren Blutung f\u00fchren kann. \u201eEine meiner T\u00f6chter hatte als Baby das Gleiche\u201c, sagt Silva. Einige Tage k\u00e4mpfte Nicole im Krankenhaus um ihr Leben, Silva half der Familie, wichtige Blutkonserven zu kaufen. Die Genesung danach dauerte Monate. Zu schwach zum Tanzen, schaute Nicole Fotos und Videos von alten Auftritten an. Bei einer gro\u00dfen Auff\u00fchrung, f\u00fcr die sie monatelang trainiert hatte, sa\u00df sie im Publikum. \u201eDas war schwer\u201c, sagt sie. Gleichzeitig motivierte es sie, schnell wieder gesund zu werden. Schlie\u00dflich kehrte Nicole zur\u00fcck ins Training. \u201eSchon nach Minuten war ich total ausgepowert \u2013 aber gl\u00fccklich. Endlich konnte ich wieder das machen, was ich so sehr liebe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ballett bestimmt das Leben der gesamten Chavez Familie. Sowohl Nicole als auch ihre kleine Schwester Keith reisten bereits mehrmals mit Silva ins Ausland, gewannen Wettbewerbe. Keith absolviert aktuell ein mehrmonatiges Programm an einer Tanzakademie in Barcelona&nbsp;\u201eSie schickt mir jeden Tag ein Bild\u201c, erz\u00e4hlt ihre Mutter Elcira stolz. Die 38-J\u00e4hrige steht im Schlafzimmer ihrer T\u00f6chter. Es ist gleichzeitig ihre N\u00e4hstube. In den Regalen stapeln sich&nbsp;bunte Stoffe, alten T-Shirts und Sporttrikots. Daraus zaubert die N\u00e4herin Kost\u00fcme f\u00fcr Auftritte der Balletttruppe. Am Wochenende verkauft sie zudem gespendete Kleidung und Spielzeug auf dem Flohmarkt. Andere Eltern bieten Essen auf Festen an oder veranstalten Tombolas. Das verdiente Geld flie\u00dft in eine Stiftung, die Silva f\u00fcr die Ballettschule gegr\u00fcndet hat. Zusammen mit Spenden versuchen die Lehrerin, ihre Sch\u00fctzlinge und die Eltern so die Kosten f\u00fcr neue Spitzenschuhe, einheitliche Tutus oder teure Auslandreisen zu decken.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist immer knapp\u201c, sagt Silva, die selbst von ihrer und der Rente ihres Mannes lebt. W\u00e4hrend sie zwischen ihrer Wohnung, der Ballettschule, zwischen San Genaro und dem Flohmarkt pendelt, n\u00e4chste Vorf\u00fchrungen oder Spendenevents organisiert, klingelt immerzu ihr Handy. Alle brauchen sie: Mal ist eine T\u00e4nzerin krank, mal soll sie mit ihrem Auto Kleidung abholen, mal streitet sie sich mit Eltern, die ihren versprochenen Arbeitseinsatz nicht einhalten. Dazu w\u00f6chentlich sechs Trainingstage. \u201eManchmal wei\u00df ich nicht, wie lange ich das noch durchhalte\u201c, sagt Silva. Doch dann denke sie an ihre Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. \u201eBallett lenkt sie ab, heilt ihre Wunden. Und ich zeige ihnen, wie weit man im Team kommen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Trip des Tanztrios um Charlyn fehlt noch Geld. Eingepackt in dicken Pullovern stehen die drei in einem Hinterhof im S\u00fcden Limas. Um sie herum Berge aus Plastik und Karton, dazwischen weggeschmissene M\u00f6belst\u00fccke. Jedes Wochenende sortieren sie mit ihren Eltern den Sperrm\u00fcll nach Dingen, die sich noch verkaufen lassen. Sie sammeln Plastikflaschen und Papierm\u00fcll in gro\u00dfen S\u00e4cken. Ein paar Soles pro Sack zahlen Recyclingunternehmen. \u201eEs ist harte Arbeit\u201c, sagt Charlyn. \u201eIch hoffe, dass sie sich am Ende lohnt.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Tut sie. Einige Monate sp\u00e4ter wird der Traum der jungen Ballerina wahr: Sie steht in Kolumbien auf der B\u00fchne, tanzt und tr\u00e4gt am Ende strahlend zwei Medaillen um den Hals.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Peru ist Ballett f\u00fcr viele Kinder unerreichbar. Doch die ehemalige T\u00e4nzerin Maricarmen Silva unterrichtet alle \u2013 egal, ob arm, k\u00f6rperlich eingeschr\u00e4nkt oder talentiert. Ihre Ballettschule schenkt Gemeinschaft, Hoffnung und manchmal sogar Medaillen. Text: Rike Uhlenkamp\/\/ Fotos: Rainer Kwiotek Heute darf Charlyn Salar bei den Gro\u00dfen mitmachen. 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