In Peru ist Ballett für viele Kinder unerreichbar. Doch die ehemalige Tänzerin Maricarmen Silva unterrichtet alle – egal, ob arm, körperlich eingeschränkt oder talentiert. Ihre Ballettschule schenkt Gemeinschaft, Hoffnung und manchmal sogar Medaillen.
Text: Rike Uhlenkamp// Fotos: Rainer Kwiotek
Heute darf Charlyn Salar bei den Großen mitmachen. Die Zehnjährige, die ihre Haare zu einem strengen Dutt gebunden hat, blickt aufgeregt in den Raum. Etwa ein Dutzend Tänzerinnen, ein paar Jahre älter, wärmen sich auf. Sie sitzen auf dem Boden, dehnen ihre Beine, üben vorm Spiegel ihre Armhaltung. Charlyn streift die Jogginghose ab, zieht Gymnastikschuhe über die Leggings und stellt sich an einen der freien Plätze an den Holzbarren.
„Wir fangen an!“, ruft Ballettlehrerin Maricarmen Silva energisch. Draußen senkt sich die Dämmerung über Lima. „In die fünfte Position.“ Aus dem Lautsprecher erklingt ein Viervierteltakt. „Échappé. Jetzt Ferse, Spitze – schließen. Grad stehen. Nach hinten beugen – mit Kraft! Mehr Kraft!“ Leise streifen die Schläppchen der Schülerinnen über den Boden. „Nach vorne, nach außen und plié“, weist Silva an. „Gut so, Charlyn!“
„Ich möchte sie fordern“, erklärt die 61-jährige Silva nach dem Unterricht. „Damit sie bereit ist für ihren ersten großen Auftritt.“ In einigen Monaten sollen Charlyn, ihre Freundin Flavia und der neunjährige Dali nach Cartagena in Kolumbien reisen, um als neues junges Tanztrio die Ballettschule bei einem internationalen Wettbewerb zu vertreten. Eine große Chance – die für Charlyn ohne ihre Lehrerin unerreichbar wäre.
Denn in Peru, wo Kunst ein Luxus der Oberschicht ist, bleibt vielen Kindern der Weg ins klassische Ballett versperrt. Sie können sich weder Tanzstunden, noch Tutus oder Trainingskostüme leisten. Ihr Leben ist eher von Armut und Kriminalität statt von Klassik und Kultur geprägt. Die einstige Primaballerina Maricarmen Silva will das ändern. Mehr als 70 Schülerinnen und Schüler unterrichtet sie in ihrer Schule „Ballett de Maricarmen“. Hier zählt nicht der Geldbeutel, der perfekte Körper oder die Herkunft, sondern Hingabe und Disziplin. Die Mädchen und Jungen lernen Schritte, Sprünge, Pirouetten – sie gewinnen Selbstvertrauen, Perspektiven und trauen sich zu träumen.
„Früher war ich oft hibbelig“, erzählt Charlyn. In der Schule, bei den Hausaufgaben, in der Kirche stillzusitzen, das fällt dem Mädchen bis heute schwer. „Doch sobald ich tanze, beruhige ich mich“, sagt sie. Ballett schenkt Charlyn Selbstvertrauen, auf die Anweisungen von Silva kann sie sich konzentrieren und sie umsetzen. „Ich bin schon so viel besser geworden“, freut sie sich. „Wie gerne würde ich das auf der Bühne zeigen!“
Charlyn wächst in einem der ärmeren Viertel der peruanischen Millionenmetropole auf. Der Verdienst ihrer Eltern ist knapp. Es reicht für Essen, wenige Kleidung, wichtige Hygieneartikel. Für ein teures Hobby wie Ballett nicht. Silva schenkte dem Mädchen gebrauchte Röcke, Schuhe, einen Rucksack und trainiert sie seit drei Jahren kostenlos. Jeden Dienstag- und Donnerstagabend fährt Charlyn mit dem Bus eine halbe Stunde zum Proberaum in eine Pfarrei in Miraflores, einem wohlhabenderen Stadtteil Limas. Dort trifft sie Mädchen und Jungen aus anderen ärmeren Bezirken, Kinder venezolanischer Migranten und Töchter von Diplomaten, die in der Nachbarschaft der Kirchengemeinde leben. Familien, die es sich leisten können, zahlen für den Unterricht, finanzieren so die Stunden für Kinder wie Charlyn. Silva arbeitet umsonst. „Uns ist egal, wo die andere wohnt und wie viel Geld die Eltern haben“, sagt Charlyn. „Allen tun die Spitzenschuhe doch gleich doll weh.“
Ihre Lehrerin stand in solchen selbst zum ersten Mal mit zwölf. Sie begleitete Mutter und Schwester zum Ballett – beide hörten wieder auf, Maricarmen Silva blieb. Nach dem Abitur wollte sie Tänzerin werden. DerVater bestand auf ein Studium. „Ein Semester nur, damit ich’s nicht bereue“, sagt Silva. Trotz Bestnoten brach sie ab, wurde Teil des ersten Ensembles des städtischen Balletts in Lima, tanzte Hauptrollen in Schwanensee, Don Quijote, Dornröschen. Mit Mitte Zwanzig folgte sie dem Ruf an die Nationaloper in Chile. „Ich bewies, dass ich es auch im Ausland schaffen kann“, sagt Silva. „Und hatte alles erreicht, was ich wollte“
Sie kehrte nach Peru zurück, wurde schwanger und ließ sich kurz nach der Geburt offiziell als Tanzlehrerin zertifizieren. Zunächst unterrichtete sie im Haus ihres Schwiegervaters die Kinder von Freundinnen, später bot sie Stunden an Schulen und Gemeindezentren in ganz Lima an. Auch ihre Zwillingstöchter tanzten mit. Eine der beiden war mit einer Fehlstellung des linken Beines geboren worden, Silva half ihr mit speziellen Ballettübungen. Das sprach sich rum. Nach und nach nahm sie immer mehr Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen auf: Mädchen und Jungen mit Zerebralparese, Trisomie 21 und Autismus.
„Klar wollte ich früher perfekte Ballerinas ausbilden“, sagt Silva. „Aber ich verstand, dass meine Berufung woanders liegt.“ Viele Tanzzentren lehnten Kinder aufgrund ihres Körpers oder bisherigen Könnens ab. „Der typische Körperbau peruanischer Mädchen passt nicht zum Ideal einer Balletttänzerin: kurze Hälse und Arme, kleine Statur“, erklärt Silva. „Aber das ist doch keine Hürde fürs Tanzen.“ Bei ihr bekommen alle eine Chance: die Kleineren, die Fülligen, solche mit Konzentrationsproblemen. Manchen gilt das als Täuschung. „Ich mache ihnen nichts vor“, sagt Silva. „Ich zeige, was mit Disziplin, Übung und Leidenschaft möglich ist. Sicher wird nicht jede Primaballerina – aber vielleicht Choreografin oder Tanzlehrerin.“
Eine von Silvas älteren Schülerinnen, die 16-jährige Nicole Chavez, geht diesen Weg schon. „Ihr müsst alles bis in die Zehen strecken“, ruft sie und schiebt ihr rechtes Bein zur Seite. Die Mädchen vor ihr, Fünf- bis Siebenjährige in rosa oder weißen Röcken, machen es ihr nach. Seit fünf Jahren gibt Nicole hier im Jugendzentrum jeden Samstagmorgen Ballettstunden, im Stockwerk darunter unterrichtet Silva eine zweite Gruppe. Über die umliegenden Hügel erstreckt sich der Stadtteil San Genaro – ein karges Meer aus Holz, Wellblech und Staub, durchkreuzt von wenigen Straßen und steilen Treppen. Am Kopf einer solchen lebt Nicole, zusammen mit ihrer Schwester, dem Bruder und den Eltern. Hunderte Stufen müssen sie täglich nach der Schule, der Arbeit oder mit den Einkäufen zum kleinen selbstgezimmerten Häuschen hinaufklettern. Fließend Wasser gibt es keines, zweimal die Woche wird ein großer Tank in der Nachbarschaft gefüllt, vom dem sich alle Bewohner versorgen. Vor allem in der Nacht wird es in den Gassen San Genaros gefährlich: Drogen, Raubüberfälle, sogar Morde. Klassik und Tanz – sie scheinen sehr fern. „Doch wir bringen das Ballett hierher“, erklärt Nicole.
Das ehrenamtliche Unterrichten macht der drahtigen Jugendlichen Spaß. Sie möchte sich damit auch bei ihrer Lehrerin revanchieren. Ihr verdankt sie viel. Vor sechs Jahren hatte Nicole plötzlich blaue Flecken, Zahnfleischbluten, fühlte sich schwach. Ihre Mutter rief aus Verzweiflung bei Silva an. „Ich schickte sie sofort zum Arzt“, erinnert sich die Ballettlehrerin. Er stellte eine Autoimmunerkrankung fest, die die Blutplättchen angreift und zu starken inneren Blutung führen kann. „Eine meiner Töchter hatte als Baby das Gleiche“, sagt Silva. Einige Tage kämpfte Nicole im Krankenhaus um ihr Leben, Silva half der Familie, wichtige Blutkonserven zu kaufen. Die Genesung danach dauerte Monate. Zu schwach zum Tanzen, schaute Nicole Fotos und Videos von alten Auftritten an. Bei einer großen Aufführung, für die sie monatelang trainiert hatte, saß sie im Publikum. „Das war schwer“, sagt sie. Gleichzeitig motivierte es sie, schnell wieder gesund zu werden. Schließlich kehrte Nicole zurück ins Training. „Schon nach Minuten war ich total ausgepowert – aber glücklich. Endlich konnte ich wieder das machen, was ich so sehr liebe.“
Ballett bestimmt das Leben der gesamten Chavez Familie. Sowohl Nicole als auch ihre kleine Schwester Keith reisten bereits mehrmals mit Silva ins Ausland, gewannen Wettbewerbe. Keith absolviert aktuell ein mehrmonatiges Programm an einer Tanzakademie in Barcelona „Sie schickt mir jeden Tag ein Bild“, erzählt ihre Mutter Elcira stolz. Die 38-Jährige steht im Schlafzimmer ihrer Töchter. Es ist gleichzeitig ihre Nähstube. In den Regalen stapeln sich bunte Stoffe, alten T-Shirts und Sporttrikots. Daraus zaubert die Näherin Kostüme für Auftritte der Balletttruppe. Am Wochenende verkauft sie zudem gespendete Kleidung und Spielzeug auf dem Flohmarkt. Andere Eltern bieten Essen auf Festen an oder veranstalten Tombolas. Das verdiente Geld fließt in eine Stiftung, die Silva für die Ballettschule gegründet hat. Zusammen mit Spenden versuchen die Lehrerin, ihre Schützlinge und die Eltern so die Kosten für neue Spitzenschuhe, einheitliche Tutus oder teure Auslandreisen zu decken.
„Es ist immer knapp“, sagt Silva, die selbst von ihrer und der Rente ihres Mannes lebt. Während sie zwischen ihrer Wohnung, der Ballettschule, zwischen San Genaro und dem Flohmarkt pendelt, nächste Vorführungen oder Spendenevents organisiert, klingelt immerzu ihr Handy. Alle brauchen sie: Mal ist eine Tänzerin krank, mal soll sie mit ihrem Auto Kleidung abholen, mal streitet sie sich mit Eltern, die ihren versprochenen Arbeitseinsatz nicht einhalten. Dazu wöchentlich sechs Trainingstage. „Manchmal weiß ich nicht, wie lange ich das noch durchhalte“, sagt Silva. Doch dann denke sie an ihre Schülerinnen und Schüler. „Ballett lenkt sie ab, heilt ihre Wunden. Und ich zeige ihnen, wie weit man im Team kommen kann.“
Für den Trip des Tanztrios um Charlyn fehlt noch Geld. Eingepackt in dicken Pullovern stehen die drei in einem Hinterhof im Süden Limas. Um sie herum Berge aus Plastik und Karton, dazwischen weggeschmissene Möbelstücke. Jedes Wochenende sortieren sie mit ihren Eltern den Sperrmüll nach Dingen, die sich noch verkaufen lassen. Sie sammeln Plastikflaschen und Papiermüll in großen Säcken. Ein paar Soles pro Sack zahlen Recyclingunternehmen. „Es ist harte Arbeit“, sagt Charlyn. „Ich hoffe, dass sie sich am Ende lohnt.“
Tut sie. Einige Monate später wird der Traum der jungen Ballerina wahr: Sie steht in Kolumbien auf der Bühne, tanzt und trägt am Ende strahlend zwei Medaillen um den Hals.