Zeitenspiegel Reportagen

Ein Meister seines Fachs

Erschienen in "Landluft", Nr. 1/12

Von Autor Tilman Wörtz

Bernd Moosmann baut die besten Fagotte der Welt, sagen viele Virtuosen. Ein Werkstatt-Besuch soll klären, warum.

Herr Moosmann hat heute leider nicht viel Zeit. Da steht wirklich zu viel an, tut ihm leid. Er muss jetzt zum Beispiel ein Angebot diktieren: „….bei Ratenzahlung kalkulieren wir mit der üblichen Verzinsung des Kapitals….“ Das Angebot muss gleich raus. Auf der Musikmesse „Die Fagotte sind los“ vor zwei Tagen hat sich eine Besucherin für ein Moosmann-Fagott interessiert. Da muss Moosmann, 57, gleich reagieren. Seine Frau hilft ihm dabei, sonst wäre es wahrscheinlich schwierig, den Überblick über die ganzen Briefe, Preislisten und Lieferscheine auf seinem Schreibtisch zu behalten.

Moosmann stellt sich breitbeinig in die Mitte des Raumes, stützt die Hände in die Hüfte und scannt mit seinen stechend blauen Augen über den Rand seiner Lesebrille hinweg die stetig anwachsende Buchstabenlinie auf dem Bildschirm während er mit sehr lauter Stimme diktiert. In dem Raum sind außerdem Jacko, der Labrador, und ein Flight-Case mit einem Fagott, eingeschickt von einem berühmten Fagott-Virtuosen aus Paris zur Reparatur. Moosmann hat viel mit berühmten Fagottisten zu tun. Manche sagen, Moosmann sei der beste Fagottbaumeister der Welt.

Hinter dem Büro geht´s in die Werkstatt, links davon ist ein kleiner Proberaum mit Ausstellungsvitrinen. Im ersten Stock wohnen Moosmann und seine Frau. Mitten im Industriegebiet von Waiblingen. Das bot sich an. Moosmann hat auch noch Hausschuhe an. Das Gebäude ist die Schaltzentrale von Moosmanns mittelständischem Instrumentenbau-Imperiums. Auf der Internetseite wirbt Moosmann mit sechzig Läden weltweit, die seine Fagotte verkaufen: Sehr viel Japan und USA, auch Kanada und natürlich Europa. Virtuosen in aller Welt spielen seine Instrumente. Ein echtes „Moosmann“ ist so was wie der Rolls Royce unter den Fagotten.

Herr Moosmann muss sich jetzt aber wirklich um die Werkstatt kümmern. Eine Koryphäe kommt heute angereist: „Dr Katenin.“ Das „Dr“ steht nicht für „Doktor“, sondern schwäbisch für: „der“ Katenin, so nennt Moosmann Stanislav Katenin, ganz vertraut und voll Hochachtung, Fagottist des Philharmonischen Orchesters Moskau. Ein Meister seines Fachs. Er gastiert mit seinem Orchester in dieser Woche im elsässischen Kolmar und kommt die zwei Stunden für die Inspektion seines Instruments extra hergereist.

Es ist eine spannende Frage, weshalb Moosmann in nur 25 Jahren mit einem Instrument, dessen Bauart seit über hundert Jahren gleich geblieben ist, den Weltmarkt erobern konnte. Es ist nicht einfach, die Antwort von Stanislav Katenin zu bekommen.

Katenin sieht ein wenig aus wie Vladimir Klitschko – groß, breiter Rücken, virile Gesichtszüge – nur kuckt er nicht so grimmig und hat eine sehr charmante Lücke in der vorderen Zahnreihe (obwohl, hat Klitschko die nicht auch?). Es ist fast befremdlich, mit welcher Grazie die Finger dieses Hühnen über die Mechanik seines Instruments gleiten, chromatische Läufe über zwei Oktaven rauskitzeln, sie in eine glockenklare Flagelette-Melodie auffächern und diese kurz darauf bis zum tiefen B hinunter treiben, auf dass Moosmanns Ausstellungsvitrinen zittern. Katenin setzt ab, schleckt über das Doppelrohrblatt, sucht nach Worten: „Musmann-Fagotte haben eine Seele.“ (Katenin sagt: „Musmann“). Das sei der Grund, weshalb er sich vor zehn Jahren beim Probespielen in einem Londoner Musikalienladen entschlossen hat, das Modell zu wechseln. Er streichelt über den bernsteinfarbenen Corpus des doppelröhrigen Blasinstruments. „Sein Geheimnis kennt nur Musmann.“ Vielleicht liegt´s am Holz: feinster bosnischer Bergahorn. Die Maserung ist sehr eng, weil er so langsam wächst, das macht den warmen Klang. „Es gibt Hersteller, die malen die Maserung einfach drauf“, sagt Katenin und lacht. Moosmann-Fagotte spielen ein paar Ligen drüber. Achttausend Euro aufwärts kostet ein Profimodell.

Das Holz arbeitet aber auch. „Egal wie alt dass isch“, sagt Moosmann. Bei Katenins Cis-Loch stimmt deshalb die Intonation nicht mehr. Moosmann, Hände in den Hüften, blickt wieder mit seinen stechend blauen Augen über seine Brillenränder hinweg. Wären Töne fühlende Lebewesen – sie würden Angst vor Moosmann haben. „Ein wenig zu hoch“, sagt Katenin. Moosmann brummt zustimmend, nimmt das Fagott und eilt in seine Werkstatt nebenan. Er klemmt den zylindrischen Körper in eine Winde, setzt den Bohrer ins Tonloch. Hauchdünne Späne fallen zu Boden. Moosmann eilt zurück in den Ausstellungsraum. Hände in die Hüften, Blick über die Brille.

Moosmann wechselt so schnell zwischen Werkstatt, Büro und Ausstellungsraum, dass die Mitarbeiter in seiner Werkstatt in Relation zu ihrem Chef wie unbewegliche Wachsfiguren wirken. Eine heilige Ruhe liegt in der Halle, es riecht nach Holz und frischem Lack. Die Corpi der Fagotte sind auf Halterungen an Wänden und Werkbänken gepfropft. Die Instrumentenbauer müssen mit kaum sichtbaren Schwüngen enge Winkel in die Klappen feilen, mit dem Spiralbohrer winzige Löchlein in Steglein drehen, Metallspäne weghauchen.

Auch ein Russe sitzt an einer Werkbank und schaut Meister Karl, Moosmanns erfahrenstem Mitarbeiter, über die Schulter. Das ist kein Zufall: Katenin hat Moosmanns Fagotte nach Moskau gebracht, seine Jünger verbreiten den Glauben: Philipp Ishkanov ist selbst professioneller Fagottist, verdient sich außerdem als Reparateur ein Zubrot. „In Moskau haben wir keine Spezialisten, kein Spezialwerkzeug“, sagt er. Keine „Feilkloben“ und keine „Reibahle“. Das ist Philipp Ishkanovs Marktlücke. Moosmann lässt ihn die Geheimnisse seiner Instrumentenbaukunst verstehen, weil der Technologie-Transfer besseren Absatz verspricht. So hat er auch andere Märkte erobert: Die Großen begeistern sich für seine Instrumente und empfehlen sie an ihre Schüler weiter. Irgendwann sind´s so viele, dass sich auch ein Musikhändler vor Ort findet, der Instrumente und Reparatur anbietet.

Moosmann überreicht das bearbeitete Fagott. Katenins Finger flirren wieder über die Klappen, halten bei abgedecktem Cis inne. Er setzt ab, schleckt, nickt, sagt: „Gut.“ Moosmanns kuckt aber immer noch streng: „Hat sich die Klangfarbe verändert?“ Katenin schüttelt den Kopf. Erst jetzt nimmt Moosmann die Hände aus den Hüften. Die Töne können entspannen.

Aber zurück zum Thema, Herr Katenin, was unterscheidet denn nun Profifagotte von normalen – außer der Seele? Katenin spielt die Einleitung von Tschaikowskys fünfter Symphonie. Die Fagott-Stimme zieht sich pianissimo aus tiefer Lage in einem Legato über zwei Oktaven bis zum zwei gestrichenen Fis. „Die Intonation ist ausgeglichen“, sagt er. Bei anderen Fabrikaten wechseln Fagottisten vorsichtshalber den S-Bogen, wenn Passagen in sehr tiefen und hohen Lagen über ein Stück verteilt vorkommen. „Bei Musmann braucht man das nicht.“ Auch die Klappen lassen Katenin schwärmen: „Ich muss bei diesem Lauf mit zwei Fingern zwei Klappen gleichzeitig drücken“, sagt Katenin. Auf Moosmann-Fagotten geht das einfacher. Die haben ein besonders enges Design der Klappen und so praktische Rollen dran. Moosmann war auch der erste Instrumentenbauer, der Kugellager in die Stege eingebaut hat. Ein Unikat, drei Millimeter Durchmesser. Der Abrieb an den Halterungen wird so vermieden. „Die leiern auch nach Jahren nicht aus“, sagt Katenin.

„Klappen sind wie Kühlerhauben“, sagt Moosmann, „die sehen alle gleich aus, aber ich erkenne meine eigenen unter Tausend.“ Der Vergleich mit Autos klingt etwas grob angesichts der silber funkelnden Nickel-Zink-Kupfer-Messing-Legierungen, die in naher Zukunft Beethovens Symphonien und Mozarts Bläserquintette zum Leben erwecken werden. Instrumentenbau aber ist für Moosmann eine sehr pragmatische Angelegenheit. Er ist Handwerker durch und durch. Sein Vater war bereits Instrumentenbauer, der kleine Bernd eins von fünf Geschwistern. Er trieb sich gerne in der Werkstatt rum, wurde nach seiner Lehre „Bundessieger deutsche Handwerksjugend“ und übernahm dann 1987 den Betrieb des Vaters. Konkurrenten wie Heckel haben bereits 150 Jahren Firmengeschichte hinter sich, Püchner 100 Jahre. Trotzdem konnten Moosmann-Fagotte Liebhaber in aller Welt gewinnen. Das hat auch mit Moosmanns Gewohnheit zu tun, auf internationalen Messen Werkzeuge mitzubringen und schadhafte Instrumente an Ort und Stelle zu reparieren. „Wir produzieren im Jahr rund 300 Stück, 80 Prozent davon gehen ins Ausland“, sagt Moosmann, der jetzt klingt wie ein Kaufmann, durch und durch. Diese Kombination aus Handwerker und Kaufmann ist seine Stärke.

Und die Liebe zur Musik, Herr Moosmann, ist die denn gar nicht wichtig? „Die hör I mir scho ah“, sagt Moosmann. Vor allem, wenn ihm seine Kunden Aufnahmen mit den großen Orchestern der Welt schicken. „Dann schreib ich denen scho, was mir gfällt und was net.“ Er selbst spielt gar kein Fagott. „Muss I au net“, sagt Moosmann. Das Testen jedes neuen Instruments übernimmt der Fagottist des SWR-Rundfunkorchesters Georg ter Voert. Der sagt ihm dann, welches Tonloch, welche Klappe justiert werden muss. Moosmann selbst spielt ein wenig Flügelhorn, hat auch jahrelang das städtische Orchester geleitet.

In Waiblingen kennt man seinen Namen sehr gut – allerdings nicht durch ihn, sondern durch seinen Bruder Klaus-Dieter. Der hat einen ordinären Musikalienhandel. Halb Waiblingen spielt auf seinen Instrumenten. Das hat ihn im Ort berühmt gemacht. Von den Verdiensten des Bruders Bernd für den Fagottbau weiß dagegen selbst kaum jemand in Waiblingen was. Bernd Moosmann redet nicht gerne über sein Geschäft.

Stanislav Katenin ist langsam durch mit seiner Testerei. „Vill Gefüll braucht man auf Musmann Fagott“, sagt er. Er muss zurück zu seiner Festspielwoche nach Kolmar. Heute Abend spielt das Orchester „Lights of a City“ von Charly Chaplin. Eine durchaus ernsthafte Komposition des Komikers, der gerne Violin-Virtuose geworden wäre. Übermorgen dann spielen sie endlich Tschaikowsky. Russische Komponisten, sagt Katenin, sind nun mal das Beste für die russische Seele. Und auf die kommt´s an.