Zeitenspiegel Reportagen

Der kleine Blocher

bisher unveröffentlicht

Von Autorin Uschi Entenmann

Der Schweizer Mark Kuster ist Anhänger der reaktionären und ausländerfeindlichen Volkspartei, verehrt Fidel Castro und renoviert seit zwölf Jahren Kindergärten und Krankenhäuser auf Kuba.

Eigentlich war Ibiza geplant, aber einer aus der Clique wollte partout nach Kuba. „Mir war das völlig egal“, erinnert sich Mark Kuster, „ich bin halt mit.“

Das liegt zehn Jahre zurück, er war 25, und wollte nur irgendwo den Geburtstag seines Freundes feiern. In Camagüey, einem kubanischen Provinzkaff, stieg die Fete. Der Taxifahrer feierte mit, auch die Nachbarn, die ganze Straße tanzte schließlich Son und Salsa, wie es in Kuba halt so üblich ist.

Allerdings, Mark Kuster gehört nicht zu denen, die gern Salsa und Son hören oder gar tanzen. Auch karibische Zuckerstrände am blauen Meer sagen ihm nicht viel. Trotzdem war etwas mit ihm passiert an diesem Tag. Was es war? „Die Insel hat mich berührt, die Stadt Camagüey, die Menschen, die Politik“, sagt er, wiegt den kahl geschorenen Kopf und zeigt lachend beide Zahnreihen. „Ich fühle mich berufen.“

Was ihn auch immer berufen hat, kurz darauf kündigte er seinen Job, verließ sein Heim, reiste wieder nach Kuba und gründete eine Kinderhilfsorganisation, ohne Eigenkapital, Spanischkenntnisse und Ahnung. Seitdem lebt er mit einem Widerspruch. Einerseits ist er Anhänger der Schweizer Volkspartei, die als reaktionär und ausländerfeindlich gilt. Andererseits wohnt und wirkt er in einem Land, das sozialistisch regiert wird und aus einem kunterbunten Ethno-Gemisch von Schwarzen, Mulatten, Mestizen und Asiaten besteht. Wie passt das zusammen? „Ich verehre Christoph Blocher und Fidel Castro“, gesteht er und kreuzt die tätowierten Arme über der Brust. „Sie sind sich in vielem ähnlich.“

Weder Herkunft noch Lebenslauf können klären, wie’s zu dieser überraschenden Erkenntnis gekommen ist. Kuster entstammt einer brav bürgerlichen Familie aus Brütten, einem Dorf bei Winterthur, und ging nach der Volksschule bei einem Kleinkreditinstitut in die Lehre. Mit zwanzig träumte er davon, Profifußballer zu werden, „aber weil mich keiner entdeckte“, blieb er bei seinen Eltern und dem Job als Finanzbuchhalter einer Versicherung.

Zur Politik kam Kuster bei einer Kundgebung der Volkspartei auf dem Münsterplatz in Zürich, wo er inmitten von tausenden Männern stand, die Kuhglocken anschlugen, daneben Frauen und Mädchen in Dirndln mit Blumenkränzen im Haar. „Das gefiel mir. Ich bin Patriot.“

Schon damals war Kuster ein Mann schneller Entschlüsse. Unmittelbar nach dem patriotischen Spektakel wurde er Mitglied der Jungen Schweizer Volkspartei, bald darauf Sektions-Präsident für Winterthur und kandidierte wenige Monate später für das Amt des Landeschefs der Jungen SVP. „Ich wurde von der Parteispitze stundenlang auf Herz und Nieren geprüft“, erinnert er sich. „Aber ich habe die Probleme beim Namen genannt.“ Wie der Blocher, „der nicht nur schön redet, sondern entschlossen anpackt“. Dazu gehöre, dass die Schweiz unabhängig bleibt. „Ich misstraue der UNO, dem Schengener Abkommen und erst recht den Politikern in der EU.“ Das gilt für ihn bis heute. Er bekam den Posten. Als sein politisches Highlight bezeichnet er ein nationales Referendum, mit dem er verhinderte, dass die Mutterschaftsversicherung von sechs auf vierzehn Wochen verlängert wird. „Da gaben sie mir den Spitznamen kleiner Blocher“, sagt er und strahlt. Bei den Linken wurde er dagegen als Nazi beschimpft. Das nahm er in Kauf. „Ich hatte meine Position gefunden.“

Vier Jahre später schmiss er alles hin, kündigte den Job, gab das Parteiamt ab und nahm einen Kleinkredit von 8.000 Schweizer Franken auf, mit dem Ziel, in Kuba die Hilfsorganisation „Camaquito“ zu gründen. Da er kein Spanisch sprach, bat er seine Vermieterin Teresa, ihn zu begleiten. Die war zum Glück Anglizistikprofessorin und kannte sich mit den Instanzen des real existierenden Sozialismus aus. Ein gewisser Raul Fernandez vom Bildungsministerium wäre für sein Projekt zuständig, erklärte sie ihm. „Ich verstand, dass ich mit einer Organisation namens UJC Kontakt aufnehmen musste, hatte aber keine Ahnung, was das war.“ Wahrscheinlich war er der einzige Ahnungslose weit und breit. Denn der Jugendverband Union de Jóvenes Comunistas (UJC) ist die Nachwuchsorganisation der kommunistischen Partei. Die Kooperation zwischen dem kleinen Blocher und der linken Kaderschmiede Kubas klappte. Kusters Kinderhilfswerk „Camaquito“ gehört inzwischen zu den segensreichsten, weil funktionierenden sozialen Errungenschaften der Insel.

Nun ist Camagüey nicht Havanna, die Stadt liegt 600 Kilometer weiter im Osten, eine verschlafene Kommune, in der Pferdegespanne durch die brüchigen Gassen der Altstadt zuckeln. Kein Fremder findet sich darin zurecht, soll er auch nicht, nachdem im 17. Jahrhundert Piraten die Stadt überfielen und dem Erdboden gleichmachten. Danach wurde sie so verwinkelt wieder aufgebaut, dass sich kein Außenstehender in das Altstadtlabyrinth hineinwagte, weil er garantiert nicht wieder herausfinden würde.

Kuster gehört inzwischen zu den Insidern, kennt sich aus und wird enthusiastisch begrüßt, als er aus seinem Geländewagen springt, direkt in die Arme von Kindergärtnerin Tanya, die ihn vor dem blitzblank renovierten Hort „America Latina“ erwartet. „Das haben wir alles Mark zu verdanken!“, jubelt sie, worauf die Kinderschar ein Loblied auf ihn singt: „Gracias a Camaquito!“ Sogar die Baubrigade erwacht zum Leben, auf ein Zeichen des Poliers legen die Arbeiter beim Schaufeln einen Zahn zu.

Eile tut Not, denn Ende des Monats ist Einweihung. Der Bürgermeister und Autoritäten der Provinzregierung werden erscheinen und in einem Atemzug die sozialistischen Errungenschaften von Kusters und Castros Gnaden feiern, Schon jetzt hält der Kindergarten den Vergleich mit jedem Schweizer Hort aus. Ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, wie’s hier noch vor zwei Jahren aussah! Keine Farbe an den Wänden, kein fließend Wasser in Klos und Waschbecken, Türen und Fenster verrottet, an der Decke trübe Funzeln, die nur selten mit Strom versorgt wurden. 40.000 US-Dollar hat die Renovierung gekostet. Das Geld hat Kuster in der Schweiz aufgetrieben. Viermal pro Jahr reist er in die Heimat, gratis, weil eine Schweizer Reisegesellschaft die Flugkosten übernimmt. Auch der Lionsclub gab was dazu und Ueli Maurer, SVP-Präsident, mixte bei einer Benefizveranstaltung Cocktails für die gute Sache. Seit der Gründung des Hilfswerks hat Kuster 600.000 Schweizer Franken gesammelt, nicht genug für ihn, „Ich will jährlich eine Million“, beteuert er. „Das schaffe ich auch.“

Ein hochgestecktes Ziel, um so schwerer zu erreichen, weil im real existierenden Sozialismus bei allen Projekten mit Schwund zu rechnen ist. Kuster weiß, dass sich bei jeder Lieferung von Farbe, Zement oder Steinen ein Teil der Ladung unter den 300.000 Einwohnern der Stadt auflöst. Ob in der Zigarrendreherei, der Rumfabrik oder auch auf seiner Baustelle - jeder Arbeiter übt zwei Berufe aus. Einen legalen, und einen Schwarzmarktjob, bei dem man verkauft, was man im ersten Beruf stiehlt. Am Anfang riss ihm schon mal der Geduldsfaden. „Einmal entließ ich fristlos die ganze Bautruppe.“ Inzwischen nimmt er’s gelassen, versucht, Vorbild zu sein und legt gelegentlich selbst Hand an. „Das motiviert die Leute.“ Ebenso kleine Geschenke. „Wer ordentlich arbeitet, bekommt auch mal eine Flasche Speiseöl oder ein T-Shirt mit dem Camaquito-Logo.“

Eben noch brütete die Stadt unter der Tropensonne, jetzt bricht ein Schauer herab, die Bauarbeiter rennen unters Vordach. Hätten sie heute Morgen gewusst, dass es regnen würde, dios mio!, sie wären zuhause geblieben. Regen bringt Kubas Städte zum Erliegen, Kinder gehen nicht zur Schule, Erwachsene nicht zur Arbeit. Manchmal auch, weil sie Liebeskummer haben oder die Cousine aus den USA anrufen könnte oder der Lastwagen mit den Gasflaschen kommt. Heute gibt es keinen Zement. Morgen ist der Lkw kaputt. Übermorgen muss man den Fahrer zuhause abholen – „sonst liegt der noch zwei Tage auf seiner Mulattin.“ Es macht ohnehin keinen großen Unterschied, ob man zur Arbeit geht oder nicht. Der staatliche Monatslohn liegt umgerechnet bei 13 US Dollar.

Da fällt es leicht, Vorbild zu sein und Wohltäter zu spielen. Chauffeur Benito fährt den Geländewagen vor, Vierradantrieb mit Klimaanlage, Kuster hechtet auf den Beifahrersitz. Auf nach Zonjon, prüfen, ob die Trinkwasseranlage funktioniert. „Jeden Tag kontrolliere ich jedes Projekt, anders geht das hier nicht.“ Aber auch wenn es mit der Arbeitsmoral hapert, Kuster lässt auf seine Wahlheimat nichts kommen. „Der Kapitalismus fängt an, wenn es um die Verteilung geht“ , behauptet er und die sei in Kuba gerechter als andernorts. Nicht zu vergessen soziale Errungenschaften wie Gesundheits- und Bildungssystem. Hellauf begeistert zeigt er sich von den Massenkundgebungen auf der Plaza de la Revolución am 1. Mai, wenn Hunderttausende rote Fähnchen schwenken und dem Maximo Lider zujubeln. „Das ist Patriotismus!“

Aber wie steht’s mit der Freiheit in einer Gesellschaft, in der die Menschen nicht sagen, lesen und wählen dürfen, was sie wollen? Nicht reisen können, wohin es sie zieht? „Der Mensch kann doch mit der totalen Freiheit gar nicht umgehen“, winkt Kuster ab. Beispiel Pressefreiheit in Schweiz, da wisse man gar nicht mehr, was man lesen und glauben soll. No, no, „Das schlimmste für Kuba wäre Demokratie.“ Die würde das Land kaputt machen und wäre der Beginn einer zügellosen Korruption.

Zonjon, ein kleines Dorf im Osten von Camagüey. Hinter der Stadtgrenze reißt der Himmel auf, Sonne gleißt auf dem löchrigen Asphalt. Mandel- und Guajakbäume leuchten satt grün und braun, Kühe erwachen aus dem Regendämmerschlaf, weiße, elegante Galzovögel hüpfen aus der Deckung und picken die Saat von den Feldern. „Allí está! Da ist er“, sagt Benito und deutet auf einen blauen Wassertank, der in fünfzehn Meter Höhe auf Stahlstelzen thront. Zonjon besteht aus 45 Häusern, in denen 170 Menschen wohnen. Im Wasseramt hatte Kuster erfahren, dass viele von ihnen oft erkrankten, weil das Brunnenwasser verschmutzt war. Er flog in die Schweiz, sammelte Spenden, kaufte eine Pumpe, die das Grundwasser durch eine Filteranlage und anschließend in den Tank hinauf führt und ließ von dort Leitungen zu jeder Hütte legen. Kosten 16.000 Dollar. Als er entdeckte, dass die Dorfschule eine Bruchbude war, ließ er sie abreißen und für 21.000 Dollar erneuern. Seitdem liebt man in Zonjon den schlacksigen Calvo, den Mann mit der Glatze. „Nächstes Jahr legen wir wieder Leitungen, dann aber mit Chispe tren“ ruft er einem alten Bauern hinterher, der in ein zahnloses Lachen verfällt. Chispe tren ist Kubas Rumersatz für arme Leute, wer den Verschnitt aus Spiritus und Petroleum trinkt, sieht Chispas, zu deutsch: Funken, wie sie rollende Zugräder auf Schienen sprühen lassen.

Auf dem Rückweg biegt Chauffeur Benito in ein Slum-Viertel am Stadtrand ein, die Villa Mariana, wo Mark Kuster die ersten Jahre sein Nachbar war. Weil Kuster sein geliehenes Kapital zusammenhalten wollte, baute er sich mit einfachsten Mitteln eine Behausung, schaffte Guán-Blätter herbei und flocht daraus ein Giebeldach, das er auf die Hausdecke der Vermieterin setzte. Zwei Jahre lang hauste er unter diesem Provisorium zusammen mit Legionen von Kakerlaken und Moskitos. Noch heute gehört der Kammerjäger mit seiner Rauchkanone zum Stadtbild. Der Qualm des verbrannten Petroleums hängt in dichten Schwaden überall im Viertel. Von hier aus radelte Kuster durch die Stadt, baute sein Netzwerk auf, startete Projekte, und stand Stunden in der Warteschlange vor dem einzigen Internetcafé der Stadt, um Schweizer Sponsoren zu kontaktieren. „Mit den Problemen wächst man“, sagt er, „Fidel Castro und Che Guevara hatten es auch schwer. Aber starke Männer haben Biss!“ So einer war jetzt auch er. Zumindest in den Augen der beiden Frauen, denen er aufs Dach gestiegen war. Das Haus gehört Eremia, 45, schlank und schön, schwarzes, geflochtenes Haar bis zum Hintern. Ihre Tochter Yuliet, dünn, hübsch, blondiert, war erst süße achtzehn, als er sie kennen lernte. Ein halbes Jahr später heirateten sie. Er nennt sie Schatzl.

Der Bungalow, in dem er seit zwei Jahren mit Schatzl, Hund und acht Katzen lebt, gleicht in nichts mehr seinem ersten luftigen Wohnsitz und kostet 700 Dollar Miete. Er selbst verdient 2.000 Franken pro Monat, nicht gerade üppig im Vergleich zu Schweizer Einkommen, ein Vermögen für kubanische Verhältnisse. Endlich verfügt er über einen eigenen Zugang zum Internet, beginnt seinen Tag mit einem Cafesito, beantwortet Emails und liest die Nachrichten des Tages. Er freut sich über böse Karikaturen, die sein Idol Blocher zeigen. Bis auf die Titelseite der New York Times hat Blocher es einmal als schwarzes Schaf geschafft. „Gut für die SVP“, sagt er, denn damit gehe die Strategie der Partei voll auf. Die Linke reagiere auf Blochers Provokationen und die Presse springe drauf an. Auch sonst plappert er wie sein Herr und Meister: Weniger Flüchtlinge, egal ob vom Balkan oder aus Afrika, in die schöne Schweiz reinlassen und die schon drin sind, rausschmeißen, spätestens, wenn sie kriminell werden!

„Ich bin im Kopf ein Kapitalist und im Herzen ein Sozialist“, sagt er leichthin. „Früher habe ich mich um die Schweiz gekümmert, heute kümmere ich mich um Kuba“. Wenn es nach Kuster ginge, steht der Insel ein kleiner Haufen Schweizer Bürger ins Haus, gut situierte Touristen und Unternehmer wie der Chef des Tourismusverbandes, der die Stadt Camagüey in Sachen Fremdenverkehr beraten will, oder der Inhaber des feinen Restaurant National in Winterthur, der Restaurantbesitzern und Barkeepern zeigen würde, wie ein perfekter Service aussieht.

Kontakte zu honorigen Zeitgenossen knüpfen, darin ist er Meister. Seine Organisation beschäftigt inzwischen rund fünfzehn Ehrenamtliche in der Schweiz und fünfzig Funktionäre, Ingenieure, Architekten und Bauarbeiter in Kuba. „Wir eröffnen eine Baustelle nach der anderen.“ Zum Beispiel für eine Blindenschule, die er für 66.000 Dollar runderneuern lässt oder für eine Entbindungsklinik, in die er 33.000 Dollar steckt. Sogar der Ballettschule hat er 10.000 Dollar für Kostüme und ein paar Motorroller spendiert. 9.000 Dollar kostete die Lautsprecheranlage der Schauspielertruppe, die in abgelegenen Gegenden auftritt, wo es nicht mal Glühbirnen gibt. Jetzt hat sich Kuster sogar seinen Jugendtraum erfüllt, hat Brachland in Camagüey mit der Machete roden und fünf Fußballplätze anlegen lassen, auf denen Trainer dreimal pro Woche mit Jugendlichen spielen. Sogar ein Stadion mit Tribüne, Umkleidekabinen und allem Drum und Dran ist geplant, was ihn wieder unzählige Gespräche mit Funktionären, Architekten und Ingenieuren des staatlichen Projektbüros kosten wird, ganz zu schweigen von den endlosen Verhandlungen mit der Bildungsdirektion und dem Ministerium für Auslandsinvestitionen. Allein für sein Fußballprojekt muss er gleich dreimal antanzen: beim Sportministerium, Sportverband und der Fußballfederation.

Hat es sich gelohnt? Aber ja! Mark Kuster, ehemals kleiner Buchhalter, ist heute einer, dem man in seiner Stammkneipe auf die Schulter klopft, den Prominente wie der Tabakpapst Heinrich Villinger oder Anita Burri, die ehemalige Miss Schweiz, unterstützen. Dafür lässt es sich offenbar mit dem Widerspruch leben, gleichzeitig Anhänger des Nationalisten Blocher und des Sozialisten Castro zu sein. „Der eine ist gut für die Schweiz“, sagt der kleine Blocher, „der andere ist gut für Kuba.“