Was es heißt, ein junger Mensch zu sein. Warum Stern-Chef Gregor Peter Schmitz an die Zukunft des Journalismus glaubt. Und weshalb Louis Armstrong den Geist des Abends traf: Eindrücke von der 28. Verleihung des Hansel-Mieth-Preises.
Die Sammelbände mit den besten Reportagen des Hansel-Mieth-Preises füllen mittlerweile fast einen halben Meter im Regal. Für jeden einzelnen gilt: Man zieht ihn heraus, liest sich fest. Die meisten Geschichten altern gut. Sie überdauern den Tag, das Jahr, das Jahrzehnt.
„Die Reportagen, die bei diesem Preis ausgezeichnet werden, sind immer, immer lesenswert“, sagte Oberbürgermeisterin Gabriele Zull am 24. Juni 2026 im Großen Saal des Fellbacher Rathauses anlässlich der mittlerweile 28. Preisverleihung. „Die Buchreihe ist in der eigentlichen Bedeutung des Wortes ein Zeitenspiegel.“
Zull erinnerte an die in Fellbach aufgewachsene Hansel Mieth und ihren Lebensgefährten Otto Hagel. „Sie waren nicht nur Pioniere des dokumentarischen und sozialen Fotojournalismus. Sie waren auch ein Team mit Höhen und Tiefen. Beide teilten eine unerschütterliche Haltung gegen soziale Ungerechtigkeit, und das ist heute mindestens genauso aktuell wie damals.“ Große Reportagen entstünden nur „durch Vertrauen, Nähe und einen langen Atem“. Genau das zeichne auch die diesjährige Siegerreportage aus.

Der Hansel-Mieth-Preis 2026 ging an die Autorin Julia Kopatzki und den Fotografen Roderick Aichinger, die Jugendliche in einem Zeltlager in Italien begleitet hatten. „Wir machen einen Deal: Ich verrate nichts den Betreuern. Dafür verstecken sie nichts vor mir. Keinen Alkohol, keine Tränen, kein Drama. Wenn die Woche vorbei ist und sie zurück in Deutschland sind, schreibe ich alles in den Spiegel. Alles, außer ihre echten Namen.“ Mit diesen Worten beschreibt Julia Kopatzki ihre Abmachung mit den Jugendlichen. „In einer Sprache von eleganter Leichtigkeit eröffnet sie den Blick in die Welt der Teenager. Sie lässt sie dabei einfach so sein, wie sie sind und erhebt sich nicht über sie. Roderick Aichinger fängt die jungen Menschen so ein, dass sie nicht für die Kamera und nicht für ein digitales Selbstbild posieren“, urteilte Jurymitglied Vivian Pasquet.

Viel zu oft würden Journalistinnen und Journalisten über Jugendliche erst dann schreiben, wenn sie ein Problem vermuteten, sagte Pasquet in ihrer Laudatio. Das Gewinnerteam hätte einen anderen Ansatz verfolgt: „Einfach ohne These und Vorannahmen Zeit mit den Jugendlichen zu verbringen.“ Die Reportage „ist auch deshalb ganz besonders, weil auf den ersten Blick nicht viel passiert und bei genauem Hinsehen sehr viel. Ein Text, der von Zusammenhalt erzählt. Von Unsicherheit. Von Einsicht. Humor. Von Offenheit. Vom Ankommen und Abschiednehmen. Davon, was es heißt, ein Mensch zu sein.“ Text und Fotos berichteten „voll Witz und Zartheit“ von jungen Menschen, die „eben noch nicht vollkommen geformt sind. Die mit all ihren Fragen, ihrer Lust aufs Leben und mancher Unsicherheit daran erinnern, wo auch Sie, ich und eigentlich jeder Erwachsene irgendwann einmal hergekommen ist.“
Die Festrede hielt Gregor Peter Schmitz, Vorsitzender der Chefredaktionen von Stern, Geo and Capital. Er ging auf die aktuelle Debatte zu KI im Journalismus ein, die er als „künstlich aufgeregt“ empfinde. „Ein Journalist, der gar keine künstliche Intelligenz nutzt, wäre im Jahr 2026 ein ziemlich schlechter Journalist.“ Aber immer müssten diese Werkzeuge „unter strenger menschlicher Aufsicht“ eingesetzt werden. Und weil die KI „so viele Aufgaben übernehmen kann und wird, müssen wir Journalisten uns mächtig anstrengen, das noch besser zu machen, was die KI eben nicht kann. Also etwa rausgehen und recherchieren, kritisch einordnen und hinterfragen und Geschichten erzählen, die jemand vielleicht zunächst nicht lesen will – und diese so aufzuschreiben, dass möglichst viele sie doch lesen wollen.“ Trotz aller wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen sei er voller Hoffnung. „Denn eines hat sich nicht geändert: Menschen lieben Geschichten.“

©C.Pueschner / Zeitenspiegel
Unter den Gästen waren auch die Autorin Eliana Berger und der Fotograf Eyad Abou Kasem, die im vergangenen Jahr das Gabriel-Grüner-Stipendium erhielten, das ebenfalls von Zeitenspiegel ausgelobt wird. Ihre Reportage „Spuren im Staub“, die durch das Stipendium ermöglicht wurde, ist Anfang Juni im Stern erschienen. Sie zeichnet eine lange Rück-Reise nach: 2015 war Eyad Abou Kasem von Syrien nach Deutschland geflohen – und dokumentierte seine Odyssee mit der Kamera. Zehn Jahre später reiste er zusammen mit Autorin Eliana Berger auf derselben Route wieder zurück, im Gepäck die Frage: Wo ist nun seine Heimat?
Durch den Abend führte kurzfristig Moderator Nabil Atassi, der seinen verhinderten SWR-Kollegen Jochen Stöckle vertrat. Schauspielerin Eva Hosemann las die Siegerreportage. Für den musikalischen Rahmen sorgten die zwanzig Sängerinnen des Barbershop-Chors „A-Cappella Ladies“. Sie wagten sich an Queens „Bohemian Rhapsody“ und wurden dafür mit begeistertem Applaus belohnt. Zuvor hatten sie mit Charlie Chaplins „Smile“ bereits vielen Menschen im Saal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Am besten aber fing ihre Interpretation von Louis Armstrong den Geist der Gewinner-Reportage und des Abends ein: „I hear babies cry. I watch them grow, They’ll learn much more than I’ll ever know. And I think to myself: What a wonderful world.“

In der mittlerweile 28. Runde des Hansel-Mieth-Preises bewarben sich 168 Reporterteams um die Auszeichnung, so viele wie noch nie. Die zehn besten Reportagen der Ausschreibung sind in einem Buch versammelt, das von dem Darmstädter Büro Bohm und Nonnen gestaltet wurde und bei Zeitenspiegel (mail@zeitenspiegel.de) erhältlich ist. Neben der Siegerreportage sind dies:
Which child gets to live? Which one doesn't? Text: Johannes Peschner, Fotos: Daniel Pilar, Geo
Tell me where the flowers are Text: Roland Schulz, Fotos: Ricardo Wiesinger, Süddeutsche Zeitung Magazine
Original Sin Text: Katja Bernardy, Johannes Dudziak, Britta Stuff Fotos: Thomas Pirot, Zeit Magazine
Even neo-Nazis like to swim Text: Dmitrij Kapitelman, Fotos: Felix Adler, Zeit Magazine
„We'll pick you up now.“ Text: Dialika Neufeld, Fotos: Anne Ackermann, Ana Maria Arevalo Gosen, The Mirror
The Shadows of Victory Text: Wolfgang Bauer, Fotos: Emile Ducke, The time
They thought they would grow old here Text: Paul Weinheimer, Fotos: Friedrich J. Richter, The time
An almost impossible mission Text: Gabriela Herpell, Fotos: Emily Garthwaite, Süddeutsche Zeitung Magazine
A man walks into a car dealership Text: Henning Sußebach, Fotos: Nikita Teryoshin, The time
