Nachruf auf einen talentierten Freund

Als ich Paul Lampe zum ersten Mal traf, saß er in der Fotoredaktion des Stern in einem eigenen, durch eine Glaswand abgeschirmten Büro, eine Art splendid isolation, die durch seine Erscheinung noch betont wurde: ein feingliedriger Typ mit markant gefurchtem Gesicht unter einer schwarzen Mähne, die ihm in elegantem Schwung auf die Schulter wallte.

Das liegt fast ein halbes Jahrhundert zurück, dennoch erinnere mich noch an Details wie den Montblancfüller und den edel gebundenen Folianten, in den er mit gestochener Schrift unzählige Adressen aufgelistet hatte, ebenso an das dunkle, seidige Papier, mit dem er sich, ohne hinzusehen, eine Zigarette drehte, während ich ihm mein Leid klagte. 

Mein Problem war, dass sich keiner der fest angestellten Fotografen des Stern fand, um mich auf eine Reise in die Magellanstraße zu begleiten, wo Fischer kleine Delphine, sogenannte Toninas, fingen, zerhackten und in Reusen als Köder auslegten, um Seespinnen anzulocken. Das Fleisch dieser riesigen Viecher galt als begehrte und hochpreisige Delikatesse, mit der Folge, dass Tonina und Spinne vom Aussterben bedroht waren.

Das sollte man doch im Stern anprangern, fand ich, worauf Paul Lampe in seinem edlen Folianten blätterte und sagte, er hätte da einen Kontakt zu einer neuen schwäbischen Agentur, die sich vor keinem Risiko scheute – und so begegnete ich zum ersten Mal Uli Reinhardt, den ich auf einer langen, aufwendigen und schließlich völlig erfolglosen Recherche in der Magellanstraße kennen und schätzen lernte. 

Der Kontakt zu Paul blieb bestehen, auch nachdem er und ich den Stern verlassen hatten: Ich wurde Teil des Zeitenspiegels und auch Paul landete nach vielen Weltreisen und beruflichen Umwegen vor zwanzig Jahren bei uns, mit dem Auftrag, unsere Fotografen zu betreuen. In den vier Jahren, die er bei uns war, entdeckte ich, dass sich hinter seiner extravaganten Erscheinung eine erstaunliche Vielfalt von Talenten verbarg. Ohne je Informatik oder ähnliches studiert zu haben, verstand er es, die verwirrenden Innereien von Computerprogrammen zu durchschauen. Noch heute schwärmt unsere Edeltraud davon, wie er die Fehlerquellen ihres Buchhaltungsprogramm in tage- und nächtelanger Suche aufgespürt und beseitigt hatte. 

Was mich jedoch vor allem beeindruckte, waren seine profunden Einsichten in Literatur und Kunst. Er kannte sich aus im Gesamtwerk von Tolstoi und Dostojewski, hatte die 1500 Seiten von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ gelesen und sich auch noch als Hörbuch reingezogen. Lesen sei Reisen in fremde Welten, schrieb er in seinem Abschiedsbrief an Familie und Freunde, danach verstehe man die Welt ein wenig besser. Ähnlich unterwegs war er, wenn es um Musik ging. Er hörte sie immer wieder, ob Beatles oder Bob Dylan, Mozart oder Verdis Opern, reiste als Augenzeuge der bildenden Kunst durch die Camargue auf den Spuren von van Gogh, hatte Michelangelos Pieta in der Sixtinischen Kapelle besucht und im Atelier von Cezanne „hundert verschiedene Grün“ entdeckt.

So schien mir Paul Lampe ein Paradox zu leben: unablässig unterwegs und dennoch im Hier und Jetzt ruhend. Leitstern seines Lebens, schrieb er, sei der griechischen Gott Kairos, zuständig für den flüchtigen, aber richtigen Augenblick einer Entscheidung. Wenn wir Ende September Abschied von Paul nehmen, werde ich an das Zitat der Historikerin Alice Earle denken, das er zum Agens seines Lebens ernannt hatte:

Yesterday is history. Tomorrow is a mystery. Today is a gift.

Erdmann Wingert

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